März 22, 2010

198 Jahre Stephen Pearl Andrews

Stephen Pearl Andrews gehört zu den weithin vergessenen anarchistischen bzw. individualistischen Autoren des 19. Jahrhunderts. Andrews, der nach eigenen Angaben 32 Sprachen beherrschte (darunter das von ihm selbst erfundene Alwato), trat unter anderem als Vorkämpfer für die Abschaffung der Sklaverei, für die Gleichberechtigung der Frau, als Gründer der fourieristisch inspirierten Kommune Modern Times, aber auch als Spiritist und Entwerfer einer obskuren "Universallehre", der Universology, in Erscheinung. Die mystizistische Schlagseite mag dazu beigetragen haben, dass Andrews heute auch in libertären Kreisen kaum noch ein Begriff ist.

Als Textbeispiel habe ich eine Passage aus Love, Marriage and Divorce, and the Sovereignity of the Individual ausgewählt, einer Sammlung von Briefwechseln zwischen Andrews, Horace Greeley und Henry James Sr. (online u.a. hier), in der Andrews seine Vorstellungen von der Selbstherrschaft des Individuums zusammenfasst:
"There are in this world two conflicting principles of government. Stripped of all verbiage and all illusion, they are simply – 1st. That Man is not capable of governing himself, and hence needs some other man (or men) to govern him. 2. That Man is capable of self-government, potentially, and that if he be not so actually, he needs more experience in the practice of it, including more evil consequences from failure; that he must learn it for himself, as he learns other things; that he is entitled of right to his own self-government, whether good or bad in the judgment of others, whenever he exercises it at his own cost – that is, without encroachment upon the equal right of others to govern themselves. This last is the doctrine of the Sovereignty of the Individual, which you denounce and oppose, and which I defend. It is simply the clear understanding, with its necessary extension and limitations, of the affirmation in the American Declaration of Independence, that 'all men are entitled to Life, Liberty, and the Pursuit of Happiness.' The principle of Protestantism is the same in the religious sphere, 'the right of private judgment in matters of faith and conscience.' Either assertion includes virtually and by direct consequence the whole doctrine of the Sovereignty of the Individual, or 'the right of men to do pretty much as they please.' The right or wrong of this principle, dimly understood heretofore, has been the world’s quarrel for some centuries. Clearly and distinctly understood, with the full length of its reach before men’s eyes, it is to be the world’s quarrel ever hereafter, until it is fairly and finally settled. All men are now again summoned to take sides in the fight, with the new light shed upon the length and breadth of the quarrel, by the development of modern ideas, and especially by Socialism, which you, Sir [Horace Greeley], have done something to foster. Let those who wish to draw back do so now. Hereafter there will be less and less pretext of misunderstanding or incautious committal to the side of Freedom.

Still, you are not upon the opposite side in this contest. So far as any guiding principle is concerned, it seems to me that you, in common with the great mass of Progressives, or half-way Reformers in the world, are simply without any – which you are willing to trust. The Conservatives are a great deal better off. So far as you adopt a principle at all, it is generally that of this very Individual Sovereignty, which, nevertheless, you fear in its final carrying out; and hence you join the Reaction whenever the principle assets a new one of its applications. The petty despot and the comfortable bourgeois, in Europe, fear, from the same stand-point, in the same manner, just as honestly, and with just as good reason, the Freedom of the Press.

A liberty which any body else in the universe has a right to define, is no liberty for me. A pursuit of happiness which some despot, or some oligarchy, or some tyrannical majority, has the power to shape and proscribe for me, is not the pursuit of my happiness. Statesmen, Politicians, Religious Dissenters, and Reformers, who have hitherto sanctioned the principle of Freedom, have not seen its full reach and expansion; hence they become Reactionists, Conservatives, and 'Old Fogies,' when the whole truth is revealed to them. They find themselves getting more than they bargained for. Nevertheless, the principle, which already imbues the popular mind instinctively, though not as yet intellectually, will not wait their leave for its development, nor stop at their bidding. Hence all middle men, far more than the conservatives, are destined in this age to be exceedingly unhappy."
[Henry James, Horace Greeley und Stephen Pearl Andrews, Love, Marriage and Divorce, and the Sovereignity of the Individual. A discussion, New York, 1853, S.43-44].

März 21, 2010

März 20, 2010

Disco Cosmopolis (8): Sowjetmenschendisko

Оркестр и вокальная Группа "Диско"  (1978)

März 18, 2010

Marx über Staatsschuld und Steuerwesen

"Ghost Gallery", aus Jumbo Comics #143, Januar 1951, Zeichnungen: Jack Kamen

In seinem "Pour l'impôt!" titulierten Artikel in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Forum schreibt der "Déi Lénk"-Abgeordnete André Hoffmann, mit Rückgriff auf das Manifest der kommunistischen Partei, dass Marx und Engels 1847 als eine der Hauptmaßnahmen zur "Umwälzung der ganzen Produktionsweise" eine "starke Progressivsteuer" vorsehen (MEW 4, S.481). Marx kann also für Hoffmann als Unterstützer eines "umverteilenden" Steuersystems herangezogen werden.
I beg to differ. Diese Forderung des Bundes der Kommunisten steht in Marx' Werken tatsächlich reichlich isoliert da. Man beachte folgende Zitate  zum Steuerwesen und zur Staatsschuld aus verschiedenen Schaffensperioden (mit Dank an das Karl-Marx-Lexikon):

"Da die Staatsschuld ihren Rückhalt in den Staatseinkünften hat, die die jährlichen Zins- usw. Zahlungen decken müssen, so wurde das moderne Steuersystem notwendige Ergänzung des Systems der Nationalanleihen. Die Anleihen befähigen die Regierung, außerordentliche Ausgaben zu bestreiten, ohne dass der Steuerzahler es sofort fühlt, aber sie erfordern doch für die Folge erhöhte Steuern. Andererseits zwingt die durch Anhäufung nacheinander eingegangener Schulden verursachte Steuererhöhung die Regierung, bei neuen außerordentlichen Ausgaben stets neue Anleihen aufzunehmen. Die modernen Staatsfinanzen, deren Drehungsachse die Steuern auf die notwendigsten Lebensmittel (also deren Verteuerung) bilden, trägt daher in sich selbst den Keim automatischer Progression. Die Überbesteuerung ist nicht ein Zwischenfall, sondern vielmehr Prinzip." (Kapital I [1867], MEW 23, S.784)

"Um den dialektischen Übergang zu den Steuern zu machen, die nach dem Monopol kommen, erzählt uns Herr Proudhon von dem Genius der Gesellschaft, der, nachdem er unerschrocken seinen Zickzackweg gegangen, nachdem er,
'ohne Reue und ohne Zaudern, mit sicherem Schritt, bei der Ecke des Monopols angelangt ist, einen melancholischen Blick nach rückwärts wirft und nach einer tiefen Überlegung alle Gegenstände der Produktion mit Steuern belegt und eine ganze administrative Organisation schafft, damit alle Stellungen dem Proletariat ausgeliefert und von den Männern des Monopols bezahlt werden'. [(Système des contradictions économiques) I, S. 284-285.]
Was soll man zu diesem Genius sagen, der ungefrühstückt im Zickzack spaziert? Und was zu diesem Spaziergang, der keinen anderen Zweck haben soll, als die Bourgeois durch die Steuern zu vernichten, während gerade die Steuern den Zweck haben, den Bourgeois die Mittel zu verschaffen, sich als herrschende Klasse zu behaupten?" (Elend der Philosophie [1847], MEW 4, S.164)

"Die Steuerverweigerung ist nur ein Symptom des Zwiespalts zwischen Regierung und Volk, nur ein Beweis, dass der Konflikt zwischen Regierung und Volk schon einen hohen, gefahrdrohenden Grad erreicht hat. Sie bringt den Zwiespalt, den Konflikt nicht hervor. Sie drückt nur das Vorhandensein dieser Tatsache aus. Im schlimmsten Falle folgt auf sie der Sturz der bestehenden Regierung, der vorhandenen Staatsform. Die Grundfesten der Gesellschaft werden nicht davon berührt. Im vorliegenden Falle (1848 in Preußen) nun gar war die Steuerverweigerung eine Notwehr eben der Gesellschaft gegen die Regierung, von der sie in ihren Grundfesten bedroht war." (Verteidigungsrede in Köln [1849], MEW 6, S.256)

"a) Keine Änderung der Form der Besteuerung kann zu einer wesentlichen Veränderung in den Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital führen.
b) Wenn man nichtsdestoweniger zwischen zwei Steuersystem zu wählen hat, empfehlen wir die völlige Abschaffung der indirekten Steuern und ihre allgemeine Ersetzung durch direkte Steuern;
weil indirekte Steuern die Warenpreise erhöhen, schlagen die Händler auf diese Preise nicht nur den Betrag der indirekten Steuer auf, sondern auch die Zinsen und den Profit auf das von ihnen vorgeschossene Kapital;
weil indirekte Steuern dem einzelnen verbergen, was er an den Staat zahlt, während eine direkte Steuer unverhüllt und einfach ist und auch vom Ungebildetsten verstanden werden kann. Die direkte Steuer regt deshalb jeden dazu an, die Regierung zu kontrollieren, während die indirekte Steuer jede Tendenz zur Selbstverwaltung zerstört." (Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats [der Internationalen Arbeiter-Association] zu den einzelnen Fragen [1866], MEW 16, S.198)

"Ist nicht jede Staatsschuld eine Hypothek, die dem Fleiß eines ganzen Volkes auferlegt wird, und ein Beschneiden seiner Freiheit? Lässt sie nicht eine neue Gesellschaft unsichtbarer Tyrannen entstehen, die unter der Bezeichnung öffentlicher Gläubiger bekannt ist?" ("Die neue sardinische Anleihe. - Die bevorstehende französische und die indische Anleihe" [1860], MEW 15, S.124)

"Die Akkumulation des Kapitals der Staatsschuld heißt, wie sich gezeigt hat, weiter nichts als Vermehrung einer Klasse von Staatsgläubigern, die gewisse Summen auf den Betrag der Steuern für sich vorwegzunehmen berechtigt sind." (Kapital III [geschrieben 1861-63], MEW 25, S.493)
"Der einzige Teil des so genannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Völker eingeht, ist ihre Staatsschuld.", (Kapital I [1867], MEW 23, S.782)

"Wenn die Demokraten die Regulierung der Staatsschulden verlangen, verlangen die Arbeiter den Staatsbankrott." (Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten vom März 1850, MEW 7, S.253)

Und da wir heute den 18. März schreiben, nicht zu vergessen:
"Die Kommune machte das Stichwort aller Bourgeoisrevolutionen – billige Regierung – zur Wahrheit, indem sie die beiden größten Ausgabequellen, die Armee und das Beamtentum, aufhob." (Der Bürgerkrieg in Frankreich [1871], MEW 17, S.341)

In diesem Sinne: VIVE LA COMMUNE!

März 16, 2010

Griechische Austeritätspolitik, anno 1939

Den wegen der kreativen Buchführung ihrer Regierung in Kollektivhaft genommenen Griechen (sowas nennt man dann wohl "Solidargemeinschaft") wird's wohl kaum ein Trost sein, aber wie man den Zeitungszeugen Nr. 55 entnehmen kann, durchlebten sie 1939 unter dem faschistischen Regime von Ioannis Metaxas, der gleichwohl als Vater des griechischen Sozialstaats in Erinnerung geblieben ist, noch sehr viel strengere Austeritätsmaßnahmen:

"Griechenland führt vier fleischlose Tage ein.
(Meldung der Associated Press). - 
Athen, 9. Sept. [1939] Die griechische Regierung erließ heute eine Reihe von weiteren Kriegsmaßnahmen [Griechenland befand sich zu diesem Zeitpunkt nicht im Krieg; es wurde erst über ein Jahr später, am 28. Oktober 1940, von Italien angegriffen]. Sie verbot alle Schlachtungen am Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag und den Verkauf sowie den Genuß von Fleisch, Geflügel oder Wild am Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag. Die Regierung verbot ferner alles Hamstern von Lebensmitteln und gestattete die Haltung von Vorräten nur im Umfange des Bedarfs für eine Woche."
(nach dem Sonntagsblatt Staats-Zeitung und Herold, New York, 10. September 1939).

März 15, 2010

Guter Treibhauseffekt, böser Treibhauseffekt

"By the influence of the increasing percentage of carbonic acid in the athmosphere, we may hope to enjoy ages with more equable and better climates, especially as regards the colder regions of the earth, ages when the earth will bring forth much more abundant crops than at present, for the benefit of rapidly propagating mankind."
So Svante Arrhenius, einer der Väter bzw. Ahnen (neben Joseph Fourier) der Treibhaustheorie im Jahr 1906; zitiert nach dem überaus empfehlenswerten Buch Historical Perspectives on Climate Change von James Rodger Fleming, S.74.

Viel klarer als Joseph Fourier hat Arrhenius den Einfluss des menschlichen CO2-Ausstoßes auf die globale Erwärmung betont, jedoch ist dies für Arrhenius, ähnlich wie für Charles Fourier, ein durchaus positiver menschlicher Eingriff in die Natur: die milderen Temperaturen in Folge der globalen Erwärmung werden als Wohltat für die Menschheit verstanden. Dies ist übrigens, wie man Fleming nachlesen kann, auch die Einstellung der Philosophen der Aufklärung: im 18. Jahrhundert gibt es zwar noch keine Treibhaustheorie; jedoch argumentieren auch hier bereits Autoren wie Volney, Thomas Jefferson oder David Hume, dass die fortgeschrittene menschliche Kultivierung der Böden sich positiv auf das Klima im Sinne von milderen, angenehmeren Temperaturen, weniger frostigen Wintern und besseren Ernten auswirken würde.

Erst die Ende der 1940er/Anfang der 1950er medial aufbereitete Erwärmungspanik, in Zuge deren die Treibhaustheorie Arrhenius' rehabilitiert wird, sieht globale Erwärmung als etwas Negatives - jedoch kann diese, im Unterschied zum Siegeszug der Theorie vom anthropogenen Treibhauseffekt in den Jahren 1988 bis 2009, nicht gegen die Angst vor einer neuen Eiszeit, die erstmals 1958 im Harper's Magazine angekündigt wird, mithalten.

Diese unterschiedliche Perzeption der "menschgemachten" globalen Erwärmung als Wohltat/apokalyptischer Schrecken scheint mir auch ein Widerschein der Gesellschaft zu sein, indem die jeweiligen Zukunftsperspektiven entworfen wurden. Scheint die Konjunktur der gesellschaftlichen Bewertung der klimatischen Entwicklung wesentlich von kurzfristigen Temperaturänderungen geprägt werden (der kalte Winter in Europa und Nordamerika 2009/10 hat vermutlich mehr sog. "Klimaskeptiker" produziert, als  noch so viele Artikel von Dr. Francis Massen, und das, obwohl der Monat Januar im weltweiten Durchschnitt sogar außerordentlich heiß war), so frage ich mich ob die völlig unterschiedliche Bewertung des menschlichen Einflusses auf das Klima auch dadurch bedingt ist, dass Arrhenius die Fortschrittsideologie der sich noch in entwickelnden Industriegesellschaft reproduziert, während James Hansen, Al Gore und co. Ideologen der fortschreitenden Desindustrialisierung Europas und Nordamerikas sind?

Abtreibung bis zum 12. Jahr der Schwangerschaft? Sehr liberal, Frau Polfer!

Aus der Rubrik "La Chambre s'amuse...":
Mme Lydie Polfer (DP).-: "(...) Mir waren am Grondprinzip mat där Propositioun d'accord, déi d'Madame Lydie Err hei am Joer 2007 virgeluecht hat, eng Propositioun, déi eng Fristeléisung proposéiert huet; dat heescht, wou an deenen éischten zwielef Joer vun der Schwangerschaft...

(Brouhaha)

Zwielef Méint...

Plusieurs voix. - Wochen!

Mme Lydie Polfer (DP).-: ... Woche vun der Schwangerschaft eng Fra eben op Demande an natierlech ënnert dem gegebenen gesondheetlechen Ëmfeld kéint eng Schwangerschaft[sënnerbriechung - sic!] virhuelen."
(Compte rendu des séances publiques, Chambre des Députés du Grand-duché de Luxembourg, Session ordinaire 2009-2010, Séance 16, 19 janvier 2010, S. 213.)

180 Jahre Elisée Reclus

Zum Geburtstag von Elisée Reclus mal nichts Anarchistisches, sondern Geographisches: den Eintrag zum Großherzogtum Luxemburg aus Reclus' Nouvelle Géographie Universelle, nach der amerikanischen Ausgabe The Earth and its inhabitants, Band 14 (beziehungsweise Europe, Band 3). Scans aus dem Internet Archive, linker Mausklick zum Vergrössern.



März 13, 2010

Disco Cosmopolis (7): Farsi Funk

Toofan - Khodaye Asemoona (197?)

März 11, 2010

1 Jahr bei Google Analytics

Zur Abwechslung mal ein wenig Blog-Interna: seit einem Jahr und zwei Tagen erstellt Google Analytics Statistiken zu diesem Blog. Nach einem Jahr ist festzustellen, dass die meisten Besucher aus dem Grossherzogtum Luxemburg kommen, gefolgt von Deutschland, dem Vereinigten Königreich, den USA und der Schweiz. Die meisten Besucher gab's am 8. Oktober 2009 mit 53, die wenigsten am 31.8. im Sommerloch: nämlich ein einziger. Üblich sind etwa 20-30 Besuche am Tag.
Der am meisten direkt angeklickte Beitrag war übrigens Erich Mühsams Gesang der Vegetarier.
Der am häufigsten eingegebene Suchbegriff, der zu diesem Blog geführt hat, war "Blogroll Honduras", gefolgt von "Luxemburger Anarchist" und "Planopoly". Recht häufig war auch noch "lebt ringo starr noch", in verschiedenen Variationen allerdings.
Unter den einmaligen Suchbegriffen hervor zu heben:
wer half isis die leichenteile zusammenzufügen
warum hat zeus das kind im oberschenkel
wende disco
freedom of the press pro und contra
luxemburger offizier
"the owners of capital will stimulate"
booze women
bowie ist erster platz
comics und flöten
flöten mit frauen
frauen zum flöten
wie frauen flöten
freie pornovideos von weiblichen kindern [Autsch!]
luxemburger im porno
luxemburger birne

Proudhons Verwandtschaft aus Luxemburg

Der "theoretische Begründer des Anarchismus und Ideologe des Kleinbürgertums" (so stands zumindest immer in den vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED herausgegebenen blauen Bänden der Marx-Engels-Werke) Pierre Joseph Proudhon hat hier in Luxemburg Verwandtschaft: der Weinkenner und Sommelier Alexandre Proudhon, der sich insbesondere auf Weine aus der Toskana spezialisiert hat, wie man der heutigen Ausgabe des Jeudi (11.03.10) entnehmen kann:
Alexandre Proudhon stammt zwar nicht in direkter Linie von P.J. Proudhon ab, sondern ist ein Urururenkel (oder so herum) des Juristen Jean-Baptiste-Victor Proudhon, einem Cousin von Pierre Joseph. Nichtsdestotrotz ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden.  

März 09, 2010

Kurz zur DP-Sparkampagne

Unter dem Titel “Daat kanns du dir spueren, Lëtzebuerg” (“Das kannst du dir sparen, Luxemburg”) sammeln die Luxemburger Liberalen der DP aktuell via Internet und Postkarten Vorschläge von “normalen” Bürgern, wie man die ständig steigenden Staatsausgaben doch endlich senken könne.

Dass es sich hierbei um eine reine Werbeaktion handelt, und nicht etwa um eine Form partizipativer Demokratie im Bereich der öffentlichen Finanzen, versteht sich von selbst. Natürlich wird die DP von den eingegangenen Vorschlägen nur diejenigen zurückbehalten, die ihr programmatisch in den Kram passen. Beim nächsten Haushalt wird alles so bleiben wie gehabt: die Abgeordneten der Mehrheit werden für den Haushalt stimmen, die Abgeordneten der Opposition aus Gewohnheit dagegen, die tatsächlichen Ausgaben und Einnahmen des Zentralstaates ohnehin überhaupt nicht mit den von der Abgeordnetenkammer angenommenen Haushaltsvorgaben übereinstimmen, der betreffende Bericht hierzu seitens der Cour des comptes wie üblich durchgewunken, ganz abgesehen davon, dass die Regierung die Leitlinien ihrer Haushaltspolitik für die nächsten fünf Jahre ohnehin längst nach Brüssel geschickt hat. Folglich könnte man beim Sparen ja eigentlich bei den Haushaltsdebatten anfangen…

Nützlich ist die Kampagne der DP aber insofern, als dass sie aufzeigt, mit welcher Verachtung die Politiker der Mehrheitsparteien und die meisten Medienvertreter auf den angeblichen demokratischen “Souverän” schauen. Wie das liberale Parteiblatt Journal heute richtig schreibt, hat das Motto zu gelten: “Zwischen den Wahlen hat der Wähler zu schweigen”. Was geht’s auch den Pöbel an, was der Staat mit den von ihm (direkt oder indirekt) geleisteten Steuergeldern so alles anstellt?
(crossposting auf L for Liberty - wenn ich schon mal was über die Luxemburger Liberalen schreibe...)

März 08, 2010

Schwarz-rote Koalition

Erstaunliche Schützenhilfe erhält Olivier Besancenots Nouveau Parti Anticapitaliste für ihre Entscheidung eine verschleierte Kandidatin für die Regionalwahlen am kommenden Sonntag aufzustellen: ausgerechnet das erzkonservative Luxemburger Bistumsblatt Luxemburger Wort sprang vergangenen Samstag (6.8.) für die NPA-Kandidatin Ilhem Moussaïd in die Bresche, lobt das gesellschaftliche Engagement der Kandidatin (gegen Rassismus, für Palästina), die von den linken Medien bloss auf ihr Kopftuch reduziert würde, und qualifiziert die mediale Aufregung insgesamt als "absurde Debatte". Der Artikel  enthält dabei kein einziges kritisches Wort über die politische Programmatik der Post-Trotskisten. Zum Schluss des Artikels wird aber klar, worauf das Wort hinauswill: der Autor erinnert daran, dass der Abbé Pierre 1946 Parlamentssitzungen im Talar beiwohnte. Im Kampf der Kirche gegen den Laizismus sind eben alle Alliierten willkommen, wenn es sein muss auch die "extreme Linke". 

März 06, 2010

Disco Cosmopolis (6): Chinoiserien

Ervinna - Mustapha (1980)


Amanda Lear - Queen of Chinatown (1978)


und aus der Reihe "Prog-Bands versuchen sich in Disco-Musik": Goblin - Disco China (1979)

März 03, 2010

191 Jahre Gustave de Molinari

Brachten wir gestern den Begründer des "Anarchokapitalismus", so will es der Zufall des Kalenders dass heute einer der wesentlichen Vorläufer Rothbard dran ist, der belgische Ökonom Gustave de Molinari, derjenige unter den Verfechtern der Freihandelsschule, der den Thesen des (Individual-)Anarchismus am nächsten stand - zugleich, was heute vielleicht verwundern mag, war Molinari ein früher Verfechter des Rechts der Arbeiter auf gewerkschaftliche Organisierung. In späteren Jahren entwickelte sich Molinari zu einem typisch liberalen Minarchisten (Verfechter des Nachtwächterstaats), in seiner Frühzeit war er noch wesentlich radikaler, wie folgender Auszug aus Les soirées de la rue Saint-Lazare (1849) zeigt:



"L’ÉCONOMISTE.
(...) croyez-moi, les peuples ont de bonnes raisons pour se débarrasser de leurs vieux dominateurs. Le monopole du gouvernement ne vaut pas mieux qu’un autre. On ne gouverne pas bien, et surtout on ne gouverne pas à bon marché, lorsqu’on n’a aucune concurrence à redouter, lorsque les gouvernements sont privés du droit de choisir librement leurs gouvernants. Accordez à un épicier la fourniture exclusive d’un quartier, défendez aux habitants de ce quartier d’acheter aucune denrée chez les épiciers voisins, ou bien encore de s’approvisionner eux-mêmes d’épiceries, et vous verrez quelles détestables drogues l’épicier privilégié finira par débiter et à quel prix ! Vous verrez de quelle façon il s’engraissera aux dépens des infortunés consommateurs, quel faste royal il étalera pour la plus grande gloire du quartier... Eh bien ! ce qui est vrai pour les services les plus infimes ne l’est pas moins pour les services les plus élevés. Le monopole d’un gouvernement ne saurait valoir mieux que celui d’une boutique d’épiceries. La production de la sécurité devient inévitablement coûteuse et mauvaise lorsqu’elle est organisée en monopole.
C’est dans le monopole de la sécurité que réside la principale cause des guerres qui ont, jusqu’à nos jours, désolé l’humanité.


 
LE CONSERVATEUR.
Comment cela ?


L’ÉCONOMISTE
Quelle est la tendance naturelle de tout producteur, privilégié ou non ? C’est d’élever le chiffre de sa clientèle afin d’accroître ses bénéfices. Or, sous un régime de monopole, quels moyens les producteurs de sécurité peuvent-ils employer pour augmenter leur clientèle ?
Les peuples ne comptant pas sous ce régime, les peuples formant le domaine légitime des oints du Seigneur, nul ne peut invoquer leur volonté pour acquérir le droit de les administrer. Les souverains sont donc obligés de recourir aux procédés suivants pour augmenter le nombre de leurs sujets : 1° acheter à prix d’argent des royaumes ou des provinces ; 2° épouser des héritières apportant en dot des souverainetés ou devant en hériter plus tard ; 3° conquérir de vive force les domaines de leurs voisins. Première cause de guerre !
D’un autre côté, les peuples se révoltant quelquefois contre leurs souverains légitimes, comme il est arrivé récemment en Italie et en Hongrie, les oints du Seigneur sont naturellement obligés de faire rentrer dans l’obéissance ce bétail insoumis. Ils forment dans ce but une sainte alliance et ils font grand carnage des sujets révoltés, jusqu’à ce qu’ils aient apaisé leur rébellion. Mais si les rebelles ont des intelligences avec les autres peuples, ceux-ci se mêlent à la lutte, et la conflagration devient générale. Seconde cause de guerre !
Je n’ai pas besoin d’ajouter que les consommateurs de sécurité, enjeux de la guerre, en payent aussi les frais.
Tels sont les avantages des gouvernements de monopole.



LE SOCIALISTE.
Vous préférez donc les gouvernements issus de la souveraineté du peuple. Vous mettez les républiques démocratiques au-dessus des monarchies et des aristocraties. A la bonne heure !



L’ÉCONOMISTE.
Distinguons, je vous en prie. Je préfère les gouvernements issus de la souveraineté du peuple. Mais les républiques que vous nommez démocratiques ne sont pas le moins du monde l’expression vraie de la souveraineté du peuple. Ces gouvernements sont des monopoles étendus, des communismes. Or, la souveraineté du peuple est incompatible avec le monopole et le communisme.



LE SOCIALISTE.
Qu’est-ce donc à vos yeux que la souveraineté du peuple ?



L’ÉCONOMISTE
C'est le droit que possède tout homme de disposer librement de sa personne et de ses biens, de se gouverner lui-même.
Si l’homme-souverain a le droit de disposer, en maître, de sa personne et de ses biens, il a naturellement aussi le droit de les défendre. Il possède le droit de libre défense.
Mais chacun peut-il exercer isolément ce droit ? Chacun peut-il être son gendarme et son soldat ?
Non ! pas plus que le même homme ne peut être son laboureur, son boulanger, son tailleur, son épicier, son médecin, son prêtre.
C’est une loi économique, que l’homme ne puisse exercer fructueusement plusieurs métiers à la fois. Aussi voit-on, dès l’origine des sociétés, toutes les industries se spécialiser, et les différents membres de la société se tourner vers les occupations que leurs aptitudes naturelles leur désignent. Ils subsistent en échangeant les produits de leur métier spécial contre les divers objets nécessaires à la satisfaction de leurs besoins.
L’homme isolé jouit, sans conteste, de toute sa souveraineté. Seulement ce souverain, obligé d’exercer lui-même toutes les industries qui pourvoient aux nécessités de la vie, se trouve dans un état fort misérable.
Lorsque l’homme vit en société, il peut conserver sa souveraineté ou la perdre.
Comment perd-il sa souveraineté ?
Il la perd lorsqu’il cesse, d’une manière totale ou partielle, directe ou indirecte, de pouvoir disposer de sa personne et de ses biens.
L’homme ne demeure complètement souverain que sous un régime de pleine liberté. Tout monopole, tout privilège est une atteinte portée à sa souveraineté.
Sous l’ancien régime, nul n’ayant le droit de disposer librement de sa personne et de ses biens, nul n’ayant le droit d’exercer librement toute industrie, la souveraineté se trouvait étroitement limitée.
Sous le régime actuel, la souveraineté n’a point cessé d’être atteinte par une multitude de monopoles et de privilèges, restrictifs de la libre activité des individus. L’homme n’a pas encore pleinement recouvré sa souveraineté."
(nach der Online-Ausgabe)

März 02, 2010

Liberté, égalité, fraternité

Charles Johnsons Plädoyer für einen dialektischen Anarchismus, jetzt online. Sehr konzise Zusammenfassung der linkslibertären Position, unbedingte Leseempfehlung!

84 Jahre Murray N. Rothbard

Heute jährt sich der Geburtstag des Erfinders des Begriffs "Anarchokapitalismus" (ausführlicher Wikipedia-Artikel hierzu) zum 84ten Mal. Rothbard, der in den USA über den Umweg des Agorismus bzw. "left Rothbardianism" auch einen deutlichen Einfluss auf die linkslibertäre Richtung hatte (jedoch von libertären Sozialisten, Anarchosyndikalisten und Anarchokommunisten immer als pseudoanarchistischer Apostat und Befürworter eines "Raubtierkapitalismus" gesehen wurde), wobei es wohl kaum jemand gibt, der sämtliche Wendungen des radikalen Individualisten und Naturrechtlers - bis hin zur Unterstützung der Präsidentschaftskandidatur Pat Buchanans 1992 - mitgemacht hätte. Wie immer habe ich wieder einen Text des Geburtstagskindes mitgebracht; anknüpfend an die Mattick-Auszüge hier ein Artikel aus dem Jahr 1989 über die heute vergessenene Renaissance des Keynesianismus unter Reagan II und Bush Vater:

Keynesianism redux

"One of the ironic but unfortunately enduring legacies of eight years of Reaganism has been the resurrection of Keynesianism. From the late 1930s until the early 1970s, Keynesianism rode high in the economics profession and in the corridors of power in Washington, promising that, so long as Keynesian economists continued at the helm, the blessings of modern macroeconomics would surely bring us permanent prosperity without inflation. Then something happened on the way to Eden: the mighty inflationary recession of 1973-74.

Keynesian doctrine is, despite its algebraic and geometric jargon, breathtakingly simple at its core: recessions are caused by underspending in the economy, inflation is caused by overspending. Of the two major categories of spending, consumption is  passive and determined, almost robotically, by income; hopes for the proper amount of spending, therefore, rest on investment, but private investors, while active and decidedly non-robotic, are erratic and volatile, unreliably dependent on fluctuations in what Keynes called their 'animal spirits.'

Fortunately for all of us, there is another group in the economy that is just as active and decisive as investors, but who are also--if guided by Keynesian economists--scientific and rational, able to act in the interests of all: Big Daddy government. When investors and consumers underspend, government can and should step in and increase social spending via deficits, thereby lifting the econ omy out of recession. When private animal spirits get too wild, government is supposed to step in and reduce private spending by what the Keynesians revealingly call 'sopping up excess purchasing power' (that's ours).

In strict theory, by the way, the Keynesians could just as well have called for lowering government spending during inflationary booms rather than sopping up our spending. But the very idea of cutting government budgets (and I mean actual cut-cuts, not cuts in the rate of increase) is nowadays just as unthinkable, as, for example, adhering to a Jeffersonian strict construction of the Constitution of the United States, and for similar reasons.

Originally, Keynesians vowed that they, too, were in favor of a 'balanced budget,' just as much as the fuddy-duddy reactionaries who opposed them. It's just that they were not, like the fuddy-duddies, tied to the year as an accounting period; they would balance the budget, too, but over the business cycle. Thus, if there are four years of recession followed by four years of boom, the federal deficits during the recession would be compensated for by the surpluses piled up during the boom; over the eight years of cycle, it would all balance out.

Evidently, the 'cyclically balanced budget' was the first Keynesian concept to be poured down the Orwellian memory hole, as it became clear that there weren't going to be any surpluses, just smaller or larger deficits. A subtle but important corrective came into Keynesianism: larger deficits during recessions, smaller ones during booms. 

But the real slayer of Keynesianism came with the double-digit inflationary recession of 1973-74, followed soon by the even more intense inflationary recessions of 1979-80 and 1981-82. For if the government was supposed to step on the spending accelerator during recessions, and step on the brakes during booms, what in blazes is it going to do if there is a steep recession (with unemployment and bankruptcies) and a sharp inflation at the same time? What can Keynesianism say? Step on both accelerator and brake at the same time? The stark fact of inflationary recession violates the fundamental assumptions of Keynesian theory and the crucial program of Keynesian policy. Since 1973-74, Keynesianism has been intellectually finished, dead from the neck up.

But very often the corpse refuses to lie down, particularly one made up of an elite which would have to give up their power positions in the academy and in government. One crucial law of politics or sociology is: no one ever resigns. And so, the Keynesians have clung to their power positions as tightly as possible, never resigning, although a bit less addicted to grandiose promises.

A bit chastened, they now only promise to do the best they can, and to keep the system going. Essentially, then, shorn of its intellectual groundwork, Keynesianism has become the pure economics of power, committed only to keeping the Establishment-system going, making marginal adjustments, babying things along through yet one more election, and hoping that by tinkering with the controls, shifting rapidly back and forth between accelerator and brake, something will work, at least to preserve their cushy positions for a few more years.

Amidst the intellectual confusion, however, a few dominant tendencies, legacies from their glory days, remain among Keynesians: (1) a penchant for continuing deficits, (2) a devotion to fiat paper money and at least moderate inflation, (3) adherence to increased government spending, and (4) an eternal fondness for higher taxes, to lower deficits a wee bit, but more importantly, to inflict some bracing pain on the greedy, selfish, and short-sighted American public.

The Reagan Administration managed to institutionalize these goodies, seemingly permanently on the American scene. Deficits are far greater and apparently forever; the difference now is that formerly free-market Reaganomists are out-Keynesianing their liberal forebears in coming up with ever more ingenious apologetics for huge deficits. The only dispute now is within the Keynesian camp, with the allegedly 'conservative' supply-siders enthusiastically joining Keynesians in devotion to inflation and cheap money, and differing only on their call for moderate tax cuts as against tax increases.

The triumph of Keynesianism within the Reagan Administration stems from the rapid demise of the monetarists, the main competitors to the Keynesians within respectable academia. Having made a series of disastrously bad predictions, they who kept trumpeting that 'science is prediction,' the monetarists have retreated in confusion, trying desperately to figure out what went wrong and which of the many 'M's they should fasten on as being the money supply. The collapse of monetarism was symbolized by Keynesian James Baker's takeover as Secretary of the Treasury from monetarist-sympathizer Donald Regan. With Keynesians dominant during the second Reagan term, the transition to a Keynesian Bush team--Bush having always had strong Keynesian leanings--was so smooth as to be almost invisible. 

Perhaps it is understandable that an Administration and a campaign that reduced important issues to sound bites and TV images should also be responsible for the restoration to dominance of an intellectually bankrupt economic creed, the very same creed that brought us the political economics of every Administration since the second term of Franklin D. Roosevelt.

It is no accident that the same Administration that managed to combine the rhetoric of 'getting government off our back' with the reality of enormously escalating Big Government, should also have brought back a failed and statist Keynesianism in the name of prosperity and free enterprise."
aus: The Free Market, vol. VII, 1, Januar 1989 (Download).

Februar 27, 2010

Links, zusammenhangslos

- A propos Slowenien: Laibach veröffentlichen anlässlich ihres dreißigsten Geburtstags ihr Debütalbum neu, später dieses Jahr auch den Volkswagner als Doppelalbum. Eine Hörprobe findet man hier, mehr Infos zum Projekt (inklusive Reminiszenzen an den KdF-Wagner) hier.

- Ein lesenswerter Aufsatz von Wendy McElroy über die libertären Credentials von Oscar Wilde.

- Darian Worden über libertäre Anfälligkeit für Dogmatismus und Personenkult (aber wieso hält er darauf, sich an der "Ideologie" festzuklammern?).

Disco Cosmopolis (5): Balkan Beats

Zdravo - Disko Je Prava Stvar (1977)



Beti Djordjević -Nasloni Glavu (1978)


Cice-Mace & Miha Kralj - Decaci (1981)


 Bonus: ein Aerobic-Kurs in der Muttersprache von Slavoj Žižek:

Februar 25, 2010

Ein letzter Auszug aus "Marx und Keynes"

"Es gab immer Widerstand gegen staatliche Kontrollen - wofür die Ideologie des laissez-faire als Beispiel steht -, doch der gegenwärtige objektive Konflikt zwischen Staat und Unternehmertum weist wegen des im Verhältnis zur allgemeinen Kapitalexpansion schnelleren Wachstums staatlich induzierter Produktion einen anderen Charakter auf. Der quantitative Wandel deutet auf eine unerwünschten, doch unvermeidlichen qualitativen Wandel hin, da ausgedehnte staatliche Kontrolle der Wirtschaft das Ende des Privatunternehmens ankündigt.[hier war Mattick 1969 dann doch leicht voreilig...]. Dieser objektive Gegensatz von staatlicher Kontrolle und Privatkapital ist noch undurchsichtig; er erscheint als subjektive Kooperation von Regierung und Geschäftswelt in der marktbestimmten Wirtschaft. Die 'Zusammenarbeit' ist nur möglich, weil in ihr immer noch die Maßnahmen der Regierung den besonderen Bedürfnissen des big business untergeordnet werden. Aber diese besonderen Bedürfnisse widersprechen den allgemeinen gesellschaftlichen Notwendigkeiten, und die dadurch freigesetzten gesellschaftlichen Konflikte werden zu Konflikten um die ökonomische Rolle des Staates werden, d.h. politische Kämpfe um die Kontrolle des Staates sein, um seine Intervention in die Wirtschaft entweder zu beschränken oder auszudehnen.

Wenn die ökonomische Rolle des Staates auch die Gesamtwirtschaft in einen 'öffentlichen' und einen 'privaten Sektor' zu teilen scheint, gibt es in Wirklichkeit natürlich nur eine Wirtschaft, in die der Staat interveniert; nicht Staatseigentum, sondern staatliche Kontrolle kennzeichnet das gemischte Wirtschaftssystem. Zusätzlich dazu hat sicherlich das unmittelbare Staatseigentum einen bedeutsamen und wachsenden Umfang; wie es auch schon im laissez-faire-Kapitalismus Staatseigentum gab. Aber ganz gleich wie selbsterhaltend, selbstliquidierend oder sogar profitabel einige staatliche Unternehmen sind: der Staat fordert einen immer größeren Anteil am privat produzierten Reichtum.

Der 'gemischte' Charakter des gegenwärtigen Kapitalismus ist also nur ein Schein, der sich daraus ergibt, daß staatlich induzierte Produktion die Gesamtwirtschaft stimuliert. Es ist offensichtlich, daß durch öffentliche Arbeiten und Produktion für Verschwendung Maschinerie, Materialien und Arbeitskräfte genutzt werden können. Die Produktion wird generell gesteigert, da die Initiative der Regierung zusätzliche Märkte für alle Kapitale schafft, die an der Produktion von Gütern beteiligt sind, die in die staatlich induzierte Produktion eingehen, einschließlich der Konsumgüter für die in ihr beschäftigten Arbeiter. Das Endprodukt der staatlich induzierten Produktion, das aus einer langen Kette dazwischenliegender Produktionsprozesse resultiert, hat jedoch nicht die Form einer Ware, die auf dem Markt gewinnbringend verkauft werden könnte. Was immer in seine Produktion einging, zählt zu seinen Produktionskosten, und kann nicht über einen Verkaufspreis wieder eingebracht werden, weil es keine Käufer für öffentliche Arbeiten und Verschwendung gibt.

Dennoch erscheint diese 'Doppel'wirtschaft mit ihrem öffentlichen und privaten Sektor als 'gemischtes' Wirtschaftssystem, das sowohl dem Privatkapital als auch der Gesamtgesellschaft nützt. Obwohl jeder Sektor seine eigene Tendenz hat, da der eigene gewinnbringend ist und der andere nicht, sind sie dennoch im wirklichen Produktions- und Tauschprozeß untrennbar miteinander verknüpft. Aus praktischen Gründen ist das Wirtschaftssystem also ein 'gemischtes', selbst wenn staatlich induzierte Produktion zum Gesamtprofit der gesellschaftlichen Gesamtproduktion nichts hinzufügen, sondern nur etwas davon abziehen kann."
Paul Mattick, Marx und Keynes. Die Grenzen des "gemischten Wirtschaftssystems", Frankfurt am Main, 1971, S.165-166.

Abschließend sei noch auf die französische Übersetzung verwiesen, die vor kurzem bei Gallimard erschienen ist.

Februar 21, 2010

L'oisif ira loger ailleurs

"Der Arbeiterstaat betrachtet sich als dazu berechtigt, jeden Arbeiter an den Platz zu stellen, an dem seine Arbeit gebraucht wird. Kein ernsthafter Sozialist wird dem Arbeiterstaat das Recht streitig machen zu wollen, gegen den Arbeiter Gewalt anzuwenden, der sich weigert, seiner Arbeitspflicht nachzukommen. (...) In der gegenwärtigen schwierigen Periode ist das Lohnsystem für uns in erster Linie nicht ein Mittel, um die persönliche Existenz jedes einzelnen Arbeiters zu sichern, sondern eine Methode zur Einschätzung dessen, was dieser einzelne Arbeiter mit seiner Arbeit der Arbeiterrepublik einbringt. Folglich muß der Lohn, in Form von Geld oder von Waren, mit der Produktivität der jeweiligen Arbeit in den engstmöglichen Zusammenhang gebracht werden. Diejenigen Arbeiter, die für das allgemeine Interesse mehr tun als andere, erhalten das Anrecht auf einen größeren Anteil am Sozialprodukt als die Faulen, die Sorglosen und die Störenfriede (...)."
Leo Trotzki im Jahr 1920, zitiert nach Paul Mattick, Marx und Keynes. Die Grenzen des "gemischten Wirtschaftssystems", Frankfurt am Main, 1971, S.331.

Tja, so ändern sich die Zeiten. Galt einst das Bibelwort "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen"  (2. Brief des Paulus an die Thessaloniker, 3,10) als sozialistisches Prinzip, so sind nach Westerwelle heute die Verfechter des "mühelosen Einkommens" (in Form von Hartz IV) die Sozialisten. Ob dem Publikum, das er mit dieser Polemik in erster Linie erreichen will - nämlich die mittelmäßig verdienenden Lohnarbeiter und Steuerzahler aus dem Privatsektor die traditionell eher SPD wählen - damit geholfen ist, dass Westerwelle nun, nach Vorbild des Reichsarbeitsdiensts vor 1935 oder des Civilian Conservation Corps, die Arbeitslosen auf Staatskosten zu "gemeinnützigen Arbeiten" wie Schneeschippen einziehen will?

Februar 20, 2010

Disco Cosmopolis (4): Greeksploitation

Mike Rozakis - La Discothèque aus dem Film She knew no other way (1973)

Oder mit anderen Worten: Le greek, c'est chic!

Februar 19, 2010

Now I've seen everything...

Im Ward-Nekrolog der Fabian Society, den ich gestern hier verlinkt habe, wurde es bereits angeschnitten: die Tories haben im Wahlkampf den Mutualismus für sich entdeckt, und plädieren für eine Art (eingeschränkte) Arbeiter- bzw. Beamtenselbstverwaltung im öffentlichen Dienst. Mehr dazu in der heutigen Ausgabe des Economist: "The conservatives and co-operatives: All Together Now". Vergleiche dazu auch dieses Q&A in der Times.

Februar 18, 2010

Neues zur Lage in Venezuela

Die Studentenproteste von Anfang Januar, die zwei Todesopfer gefordert haben, mögen wieder etwas abgeeppt sein, berichtenswertes gibt es aber immer wieder aus dem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts".

So berichtet die New York Times vom Aufstieg und Fall der Bolibourgeoisie im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise, die Venezuela von allen lateinamerikanischen Staaten am härtesten getroffen hat (via The Devil's Excrement).

Im Economist letzter Woche war über das wachsende institutionelle Zusammenwachsen von Kuba und Venezuela ("Venecuba") zu lesen; mehr hierzu auch beim Caracas Gringo: "The Cubans are spooked".

Bonus: NK Profeta - Sr. Presidente (venezuelanischer Hiphop)

RIP Colin Ward

Am 11. Februar ist mit Colin Ward einer der bekanntesten anarchistischen bzw. mutualistischen Schriftsteller der jüngeren Vergangenheit gestorben. Ein paar ausgewählte Nachrufe:

- Die sozialliberale Fabian Society;
- Jesse Walker auf Reason Hit&Run.

Bonus: Colin Ward - Anarchism as a theory of organization (1966) auf panarchy.org

Februar 16, 2010

Mattick über die Logik des keynesianischen "Staatsinterventionismus"

"Zweifellos steigern die Eingriffe der Regierung die Produktion und erweitern so den Produktionsapparat. Aber wenn ihr Ziel die Stabilisierung der Marktwirtschaft ist, darf die staatlich induzierte Produktion nicht konkurrieren. Würde die Regierung Lebensmittel und langlebige Konsumgüter aufkaufen, um sie zu verschenken, so würde die private Marktnachfrage für diese Produkte gesenkt. Wenn die Unternehmen in öffentlichem Eigentum solche Waren produzieren und anbieten würden, kämen ihre privaten Konkurrenten in Schwierigkeiten, weil sich ihre Anteile an der begrenzten Marktnachfrage verringerten. Die Käufe der Regierung müssen also aus dem Marktsystem herausfallen; die Produktion, die sie erfordern, muß zur Marktproduktion hinzukommen. Die Regierung ist daher vorwiegend an Gütern und Dienstleistungen interessiert, die keinen Platz auf dem Markt haben, d.h. an öffentlichen Arbeiten und öffentlichen Aufwendungen aller Art.
(...)
Die Regierung steigert die 'effektive Nachfrage' durch Käufe von der Privatindustrie, die entweder durch Steuergelder oder durch Anleihen auf dem Kapitalmarkt finanziert werden. Insoweit sie ihre Ausgaben mit Steuergeldern bestreitet, transferiert sie nur Geld, das im privaten Sektor 'gemacht' wurde, in den öffentlichen Sektor, was den Charakter der Produktion verändern mag, aber sie nicht notwendigerweise erweitert. Mit Hilfe von Anleihen und Defizitfinanzierung kann die Produktion jedoch erweitert werden. Kapital existiert entweder in 'liquider' Form, d.h. als Geld, oder in fixer Form, d.h. als Mittel und Material der Produktion. Das von der Regierung geliehene Geld setzt produktive Ressourcen in Tätigkeit. Diese befinden sich in privater Hand, müssen also, um als Kapital fungieren zu können, reproduziert und erweitert werden. Abschreibungen und Profite, die sich aus der vertraglichen Produktion für die Regierung ergeben, werden - da nicht auf dem Markt realisierbar - mit dem von der Regierung geliehenen Geld 'realisiert'. Aber auch dieses Geld ist Privateigentum - geliehen zu einem bestimmten Zinssatz. Während die Produktion auf diese Weise gesteigert wird, häufen sich ihre Kosten als staatliche Verschuldung an.

Um diese Schulden und die entsprechenden Zinsen abzuzahlen, muß die Regierung Steuergelder aufwenden oder neue Anleihen aufnehmen. Mit anderen Worten: Die von der Regierung 'gekauften' Produkte sind nicht wirklich gekauft, sondern ihr einfach gegeben; denn sie hat im Austausch dafür nichts als ihre Kreditwürdigkeit zu bieten, die wiederum keine andere Grundlage hat als ihre Steuerhoheit und ihre Fähigkeit, das Angebot von Kreditgeld zu erhöhen. Wie immer die Krediterweiterung zustande kommt und wie immer sie im Verlauf einer expandierenden staatlich induzierten Produktion behandelt wird: die öffentliche Verschuldung und ihre Verzinsung können nur aus dem gegenwärtigen und künftigen Einkommen beglichen werden, das im privaten Sektor geschaffen wird. Obgleich brachliegende Produktionskapazitäten durch staatliche Aufträge genutzt werden, sind die auf diese Weise gemachten 'Profite' und das derart 'akkumulierte Kapital' rein rechnerische Größen, die sich auf die öffentliche Verschuldung beziehen. Es handelt sich nicht um wirklich profitbringende neue Produktionsmittel, selbst wenn der materielle Produktionsapparat mit dem Produktionszuwachs wächst. Ein im Verhältnis zur Gesamtproduktion schnelleres Wachstum der staatlich induzierten Produktion bedeutet einen relativen Niedergang der privaten Kapitalbildung. Dieser wird durch das Anwachsen der Produktion auf Staatskosten ausgeglichen, deren 'Profite' die Form von Forderungen an den Staat annehmen. (...)

Die Forderungen an den Staat, welche die öffentliche Verschuldung ausmachen, können natürlich zurückgewiesen werden; in diesem Fall enthüllen sich 'Profite', die mittels staatlich induzierter Produktion erzielt wurden, als das was sie sind, nämlich imaginär. Obwohl das vielleicht eines Tages unvermeidlich sein wird, werden die das private Kapital vertretenden Regierungen diesen Tag so lange wie möglich hinausschieben; besonders weil die Nichtanerkennung der Schulden an sich die Wiederaufnahme einer profitablen Kapitalakkumulation keineswegs garantiert. In der Zwischenzeit werden Einkommen und Schulden langsam aber stetig durch Inflation entwertet, ein Prozeß, der mit der Ausdehnung staatlich induzierter Produktion notwendigerweise verbunden ist."

Mattick, Paul, Marx und Keynes. Die Grenzen des "gemischten Wirtschaftssystems", Frankfurt am Main, 1971, S.162-164.

Februar 14, 2010

Die Zweispaltung des Keynesianismus

"Es gibt zwei Flügel keynesianischer Wirtschaftstheorie, einen konservativen und einen radikalen. Keynesianische Wirtschaftswissenschaftler, die kein öffentliches Amt haben, empfehlen im allgemeinen eine Steigerung der öffentlichen Arbeiten durch wachsende Staatsausgaben und ein allgemeines Wachstum des Lebensstandards, bis Vollbeschäftigung erreicht ist - selbst wenn dies Staatseingriffe bedeuten würde, wie sie sonst nur unter Kriegsbedingungen vorkommen. Keynesianische Ökonomen mit öffentlichem Amt bekennen sich im allgemeinen ebenfalls zu diesem Ziel, hoffen es aber mit weniger drastischen Maßnahmen zu erreichen, d.h. eher durch eine Stärkung als durch eine Schwächung der Privatwirtschaft. Die 'radikalen' Keynesianer betrachten die Regierung anscheinend als unabhängige und neutrale Macht, die nur mit dem Wohlergehen der Gesellschaft beschäftigt ist und die Fähigkeit besitzt, zu diesem Zweck Maßnahmen zu ergreifen. In Wirklichkeit hat keine Regierung die Absicht, die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern, und deshalb wird keine jenen Grad der 'Sozialisierung' verwirklichen, der notwendig ist, um den Traum der 'radikalen' Keynesianer zu erfüllen."
Paul Mattick, Marx und Keynes. Die Grenzen des "gemischten Wirtschaftssystems", Frankfurt am Main, 1971, S.176-177.

Offensichtlich findet sich diese Zweiteilung auch in der luxemburgischen Parteienlandschaft wieder: die Mehrheitsparteien und diejenigen Parteien, die realistische Chancen haben, an einer Regierung beteiligt zu werden, sind in diesem Sinne "konservative" bzw. "gemäßigte" Keynesianer, Déi Lénk insbesondere haben die Rolle der "radikalen" Keynesianer übernommen, nicht zuletzt deswegen, weil sie es sich mangels Perspektive einer realen Herrschaftsausübung noch erlauben können.

(Im Buch von Mattick findet sich derart viel food for thought, dass ich hier in den kommenden Tagen noch mehrmals Auszüge daraus bringen werde.)

Februar 13, 2010

Februar 08, 2010

Die Abenteuer der Linken auf der Suche nach neuen Wählerschichten

"Was die SWP in England kann, können wir schon lange" mag sich die "Neue antikapitalistische Partei" Olivier Besancenots gedacht haben, und stellt anlässlich der demnächst stattfindenden Regionalwahlen eine Kandidatin auf, deren einzige Qualität darin zu bestehen scheint, ein Kopftuch zu tragen (offenbar ist sie, analog zu Sarrazins "Kopftuchmädchen", damit geboren worden). Diese Entscheidung hat jedoch nicht gerade zu Begeisterungsstürmen geführt. U.a. rief sie scharfe Kritik seitens der iranischen arbeiterkommunistischen Partei hervor.

Die Damen Wagenknecht, Buchholz und Dagdelen von der deutschen "Linkspartei" haben hingegen für ihre an sich ehrliche und konsequente Entscheidung nach der Ansprache von Shimon Peres sitzen zu bleiben, Beifall erhalten, wenngleich dieser ihnen doch etwas peinlich sein sollte. Nun gut, war auch nicht das erste Mal; sowas kommt wohl auch davon, wenn man ständig mit dem "Primat der Politik" ins Feld zieht, eine Formel, auf die doch wohl die NPD das Urheberrecht hat.

Die Luxemburger Linke ihrerseits versucht mit der Belegung des Themas "Diekircher Brauerei" ein paar Stimmen auf den Stammtischen gutzumachen. "Wir befinden uns nicht länger in der Logik des Industriekapitalismus, sondern in der des Finanzkapitalismus" erschrickt Marc Baum, Vertreter von "Déi Lénk" im Escher Gemeinderat (Luxemburger Wort, 3.2.10). Diesbezüglich schlägt "Déi Lénk" vor, sollte der "Deal mit Bofferding nicht klappe[n]" (d.h. die von der Regierung vorgezogene Lösung, den internationalen Konzentrationstendenzen im Brauereigewerbe, durch die Schaffung eines nationalen Monopolisten entgegen zu wirken, indem man die schon das seit Jahrzehnten von Bofferding verfolgte Ziel einer feindlichen Übernahme von Diekirch staatlich subventioniert), der Staat solle "im allgemeinen Interesse" AB Inbev "enteignen", und nach dem Vorbild der Baden-Württemberger Rothaus-Staatsbrauerei selbst zum Braumeister werden (tageblatt vom 3.2.10). Was für ein Interesse der Luxemburger Staat hieran hätte (Wirtschaftsminister Krecké winkte ja schon gleich ab), wie er den Vertrieb und das ganze Konzessionswesen organisieren würde, wird von den Linken nicht weiter erläutert - offenbar geht man hier davon aus, dass dies schon von selber funktionieren würde, falls der allwissende, alleskönnende und stets wohlintentionierte Papa Staat dies in die Hand nimmt. Hauptsache, der Staat greift ein, um das "nationale " Industriekapital vor dem "internationalen" Finanzkapital zu schützen - so lautet die Quintessenz linken Denkens im Jahre 2010. Wieso allerdings das "allgemeine Interesse" an einer Bierbrauerei grösser sein soll, als bei den zahlreichen anderen Betrieben, die derzeit schliessen oder in grösserem Ausmass Leute entlassen (General Electrics IP, Commerzbank, Fastnet, Brinks et j'en passe...), will mir hingegen nicht einleuchten...

Februar 07, 2010

Disco Cosmopolis (2): Komm mit ins Boogie-Wunderland

Earth, Wind and Fire - Boogie Wonderland (1979)

Februar 06, 2010

146 Jahre John Henry Mackay

Als nächstem in der Reihe der libertären "Geburtstagskinder" widmen wir uns heute dem Stirner-Popularisierer, Individualanarchisten und Skandalautor John Henry Mackay. Hier ein Auszug aus seinem Roman Der Freiheitssucher von 1921 (integral einzusehen auf Projekt Gutenberg-DE), eine Art Glaubensbekenntnis aus dem zehnten und letzten Kapitel:

"Was läßt sich inzwischen tun gegenüber dieser so festgegründeten, nach allen Richtungen hin ausgebauten und scheinbar so unbezwinglichen Gewalt des Staates?
Viel. – Unendlich viel.
Vor allem dies: sich selbst dieser Gewalt entziehen; nicht mitmachen; beiseitestehen.
Denn nicht nur auf das, was ein Mensch tut, kommt es an, sondern oft noch weit mehr auf das, was er unterläßt.
Sich nicht an die Krippe des Staates drängen, als sei sie die einzige Futterstelle; keine »Ehre« darin suchen, einer so verächtlichen Institution, wie er, der Staat, es ist, zu dienen, sondern es als eine Schande betrachten, seine Kraft und Hilfe in den Dienst einer so schlechten Sache zu stellen; auf jede solche, nur mit der eigenen Entwürdigung erkaufte, sogenannte »gesicherte Lebensstellung« verzichten, wie auf alle diese lächerlichen Titel, Orden und Auszeichnungen; vor der Obrigkeit und ihren Organen nicht bei jeder Gelegenheit kriechen und betteln, um sie so in ihrem Hochmutsdünkel auch noch zu bestärken, sondern ihnen entgegentreten, wie anderen Menschen auch, und von ihnen verlangen, anständig behandelt zu werden; nicht in der Ehe, sondern in freien Bündnissen, in gesonderten Haushaltungen und daher unangreifbar gegen jede freche Einmischung von außen, sein Glück suchen und finden; seine Kinder selbst unterrichten oder von selbstgewählten und selbstbezahlten Kräften unterrichten lassen, statt sie fremden Händen auszuliefern, und ihnen von früh auf zeigen, in welcher Welt sie lebten und in welcher sie leben sollten; dem Staat und ebenso der Gemeinde ihre Steuern nicht hintragen, sondern sie sich holen lassen und erst im äußersten Notfall (und dann auch noch unter immer wiederholtem Protest) bezahlen; die Existenz dieses Staates und dieser Gemeinden negieren und sie nur in Anspruch nehmen, wenn das eigene Interesse es gebieterisch erforderte – mit einem Wort: dem Angreifer und seinen Helfershelfern bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Leben so sauer wie nur möglich machen, ihn ärgern, ermüden, enervieren durch Sabotage und passive Resistenz, wo es nur ging – so durch das eigene Leben ein stilles, und eindringliches Beispiel geben, daß es ging, wenn man nur wollte; das und noch manches andere konnte jeder tun, und konnte es schon heute!

Aber der Arbeiter, wurde er gefragt, was konnte der Arbeiter tun, der keine Steuern zahlte, weil er kein Einkommen hatte, das der Besteuerung wert gewesen wäre, und der daher auch keine Steuern verweigern konnte?
Ebenfalls viel.
Alles, was Politik hieß, perhorreszieren; keine politische Partei durch seinen Beitritt stärken; keiner wie immer gearteten Führerschaft Gefolge leisten; sich jeder Wahl enthalten und unter Protest gegen den ganzen Wahlschwindel; die eigene Lage und das, worauf es allein ankam, endlich begreifen lernen – begreifen, daß es besser war, statt darüber zu reden, ob statt zehn nur acht Stunden gearbeitet werden solle, einen Zustand zu erkennen, in dem nur zwei oder drei Stunden gearbeitet zu werden brauchte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen – mit einem Wort: begreifen, daß die soziale Frage keine politische, sondern eine soziale Frage war und daß sie deshalb so hieß; und daß er, der Arbeiter, eine Waffe besaß, die an der rechten Stelle und zur rechten Zeit, überlegen und klug angewandt, ihn unbesiegbar machte – den Streik.
Dies alles und vieles andere konnte getan werden, wenn es nur getan werden wollte: die Bücher und Flugschriften der Literatur dieser Weltanschauung des individualistischen Anarchismus – (und welche Weltanschauung hatte in den drei Kultursprachen, der französischen, der englischen, der deutschen eine solche Literatur!) – diese in die Ecke gedrückte, überall totgeschwiegene, verfemte Literatur, konnte verbreitet werden, unablässig und überallhin, wo es nur ging; wer reden konnte, mochte reden; wer schreiben, schreiben; und wer nicht selbst bauen konnte, sollte wenigstens helfen, Steine zum Bau herbeizutragen, um so die Mittel zu schaffen, ihn zu vollenden. Und der Einzelne bei allem immer neue Kraft aus dem Gedanken schöpfen, daß die Sache der Freiheit seine Freiheit war und die eigene Befreiung der Lohn für alle Mühen. Würde so, dort wie hier, gehandelt werden, – wahrlich! – der Tag konnte nicht mehr fern sein, wo das soziale Problem seiner tatsächlichen Lösung entgegenging, statt, wie heute, nur erst als Forderung auf dem Papier zu stehen.

Denn wenn es eine Utopie gab, so war es die Utopie der Gewalt. »Utopisten« schalten die Feinde der Freiheit deren Freunde.
Aber nicht die Freiheit, sondern die Gewalt war eine Utopie – ein auf die Dauer unhaltbarer und unmöglicher Zustand der menschlichen Gesellschaft.
Die paar Jahrtausende der Menschheitsgeschichte, die sich übersehen ließen, von ihren barbarischen Urzuständen an bis herauf zu den, leider in vielem noch ebenso barbarischen Zuständen unserer Tage – was waren sie anders, als ein unausgesetzter Kampf um die Gewalt? – als ein ewiger Wechsel dieser Gewalt zu immer neuen Formen ohne die Möglichkeit, sich in einer von ihnen ständig zu behaupten – was waren sie anders als ein vergeblicher Kampf? –
Was waren sie anders, als ein Kampf der Freiheit eben gegen diese Gewalt, der Kampf der einen um ihre Freiheit gegen die Unterdrückungsversuche der anderen? –
Und was waren sie anders, als ein steter, wenn auch langsamer Sieg der Freiheit und ein immer neues Unterliegen der Gewalt? –
Denn die Freiheit war die Siegerin und mußte es sein, weil sie der natürliche Zustand der Gesellschaft war, der einzige, der endlich nach den endlosen Kämpfen von Dauer sein würde.
Die Gewalt war die Utopie, und alle Versuche, ihren Zustand zu einem dauernden zu machen, ein immer neuer Fehlschlag der Feinde der Freiheit, und diese ihre Feinde, nicht ihre Freunde, in Wahrheit – Utopisten!"

Bonus: Aafje Heynis singt Richard Strauss' Vertonung von Mackays Gedicht Morgen!
 

Februar 03, 2010

101 Jahr Simone Weil

Anlässlich des heutigen Geburtstags von Simone Weil und zum Ende des Jubiläumsjahres, das uns hier in Luxemburg auch eine nicht uninteressante Konferenz von Laure Adler beschert hat, ein paar Zeilen der französischen Philosophin über die Wissenschaft als Dorf und Orakel aus dem vergleichsweise obskuren Text "Réflexions à propos de la théorie de quanta" (1942; enthalten in Sur la science, 1966):

"On sort rarement du village; beaucoup de savants, leur spécialité mise à part, sont bornés et peu cultivés, ou, s'ils s'intéressent à quelque chose en dehors de leur travail scientifique, il est très rare qu'ils mettent cet intérêt en relation, dans leur esprit, avec celui qu'ils portent à la science. Les habitants du village sont enclins à l'étude, brillants, exceptionnellement doués; mais enfin, jusqu'à un âge où l'esprit et le caractère sont en grande partie formés, ils sont au lycée comme les autres et se nourrissent de manuels médiocres. Jamais nul ne s'est particulièrement attaché à développer leur esprit critique. À aucun moment de leur vie on ne les prépare particulièrement à mettre le pur amour de la vérité au-dessus des autres mobiles; nul mécanisme d'élimination ne fait d'une disposition naturelle en ce sens une condition de l'entrée dans le village. Il y a des mécanismes d'élimination, au nombre desquels les examens et concours, mais ils ne portent pas sur l'intensité ou la pureté de l'amour pour la vérité. Cet amour, le goût de l'exactitude et du travail bien fait, le désir de faire parler de soi, la convoitise de l'argent, de la considération, de la réputation, des honneurs, des titres, les antipathies, les jalousies, les amitiés, tous ces mobiles et d'autres encore se mélangent chez les habitants de ce village, comme chez tous les hommes, en proportion variable. Ce village, comme tous les autres villages, est fait d'humanité moyenne, avec quelques écarts vers le haut et vers le bas. Il a des traits singuliers; ainsi le fait d'être périodiquement bouleversé par les changements de mode; tous les dix ans à peu près une génération nouvelle s'y enthousiasme pour de nouvelles opinions. Comme ailleurs, la lutte des générations et des personnes y produit à chaque moment une opinion moyenne. L'état de la science à un moment donné n'est pas autre chose; c'est l'opinion moyenne dans le village des savants. (...)
 
Il n'est donc pas vrai que la science soit une espèce d'oracle surnaturel, source de sentences différentes, certes, d'année en année, mais nécessairement: de plus en plus sages. Car c'est ainsi qu'on se la représente communément aujourd'hui, et l'ivresse que nous éprouvons à crier  'La Science dit que...' n'est même pas refroidie par la certitude qu'elle ne le dira plus dans cinq ans. On croirait - cet égard comme à plusieurs autres - que l'actualité a pour nous valeur d'éternité. Valéry lui-même a parlé plus d'une fois de la science conformément à la superstition commune. Quant aux savants, ils sont, bien entendu, les premiers à faire passer leurs propres opinions pour des sentences dont ils ne seraient pas responsables, dont ils n'auraient à rendre aucun compte, émanées d'un oracle. Cette prétention n'est pas tolérable, car elle n'est pas légitime. Il n'y a aucun oracle, mais seulement les opinions des savants, lesquels sont des hommes. Ils affirment ce qu'ils croient devoir affirmer, en quoi ils ont raison, mais ils sont eux-mêmes les auteurs responsables de tout ce qu'ils affirment, et ils en doivent compte. Ils ne rendent pas ce compte; mais ils ont tort; ils se font tort d'abord à eux-mêmes, car ils ne le rendent pas non plus à eux-mêmes."

Februar 02, 2010

La Chambre s'amuse...

[M. Michel Wolter (CSV):] Mir vun der CSV ënnerstëtzen déi Politik, déi d'Regiirung gemaach huet, 2009-2010 wëlles huet, ze maachen, well mer bewosst an eng gewësse Richtung wëlle goen. Mir maachen eis awer näischt vir. Mir wëssen, dass se net strukturell ass, déi dote Politik. Mir wëssen, dass et eng konjonkturell Politik ass.

Et ass pure Keynes, dee mer maachen. Et ass pure Keynes. Mir maachen...

Plusieurs voix.- Kéis?

Plusieurs voix.- Keynes!

M. Michel Wolter (CSV).- Jo, dat ass nees Äre Problem.

(Interruptions et hilarité)

Neen. Här Bettel, dat ass nees Äre Problem, dass der Är Klassiker net emol kennt.

M. Xavier Bettel (DP).- Ech kennen den Här Keynes, mä Dir schwätzt vu Kéis. Ech hat geduecht, Dir géift direkt schonn d'Regierung hei beuerteelen.

(Compte rendu des séances publiques de la Chambre des Députés. 13e séance; mercredi, 9 décembre 2009, pg. 160).