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April 12, 2011

Auf in den Wohlfühlstaat

"Warnke: Um auf die Kulturpolitik zurückzukommen, würden denn solche enormen Investitionen wie Ausstellungsprojekte, all das, was jetzt gemacht wird, würde das denn notwendig sein, wenn es gar nichts zu befürchten gäbe, wenn gar kein Widerstandspotential in der Bevölkerung mehr vorauszusetzen wäre? Selbst wenn man die kritische Kunst in die Staatsscheune aufnimmt, müßte man doch davon ausgehen, daß es da noch etwas gibt, das man absichern muß, das man in ein sicheres Gehege führen muß.
Weyergraf: Das würde ich auch sagen. Dem Staat ist ein kritischer Bürger lieber - das ist ja auch etwas Produktives - als einer, der sich verweigert. Denn die Verweigerung ist eine Gefahr für die Verwertungsinteressen dieser Gesellschaft.
Kittsteiner: Ich würde das etwas anders sehen. Das Problem scheint mir nicht so sehr die 'Verweigerung', sondern gerade die 'kritischen' Reste von anti-kapitalistischen Einstellungen in der Masse der Bevölkerung. Politisch kann das fatale Folgen haben, daß nämlich dieser vage Antikapitalismus in Faschismus umschlägt, daß also berechtigte Forderungen an das Leben sich in politisch falscher Richtung artikulieren. In der deutschen Geschichte hat man das schon einmal gesehen. Und in diesem Zusammenhang könnte die kulturpolitische Offensive des Staates als ein Versuch zur 'antifaschistischen Prophylaxe' betrachtet werden. (...)
Warnke: (...) Ist denn Faschismus überhaupt noch eine reale Perspektive? Ist nicht vielmehr eine universelle Bürokratisierung die reale Gefahr - die dann allerdings diesen alten 'Primitiv-Faschismus' doch im Griff hätte.
Weyergraf: Sicher wäre ein neuer Faschismus eleganter als der alte. Ein Staat, in dem sich alle wohlfühlen.
Kittsteiner: Ich meine auch nicht die alte Form des Faschismus. Aber denken Sie nur an die Verkündigung der neuen Askese: dahinter steht das politische Problem eines wieder einsetzenden Kampfes um Rohstoffe und Energieträger auf dem Weltmarkt...
Warnke: ... also diesmal: 'Volk ohne Öl'...
Kittsteiner: ...ja, eine neue Art 'Imperialismus mit gutem Gewissen'. Denn Verzicht zu fordern - von Intellektuellen ist das nicht besonders schwer, die haben Rückzugspositionen für ein volkswirtschaftlich weniger kostspieliges Leben ohnehin schon im Kopf. Aber die Masse der Bevölkerung? Da sehe ich ein ernsthaftes Problem. Wie soll man auf den mühsam erkämpften Wohlstand verzichten lernen? Der ist ja schließlich nicht von selbst gekommen, sondern der Arbeitgeberseite abgerungen worden. In diesem Zusammenhang würde ich die gegenwärtige Kulturoffensive als den Versuch betrachten, ein finanziell tragbares Angebot für eine neue demokratische Identitätsfindung jenseits der Wohlstandsgesellschaft zu entwickeln.
Warnke: Muß es denn die Kultur sein? Es gibt auch andere Sozialtechnologien, Askese durchzusetzen. (...)"
aus einem Gespräch zwischen Martin Warnke, Bernd Weyergraf und Heinz Dieter Kittsteiner über "Kultur für alle? Über das Verhältnis von Kunst und Staat", Berliner Hefte, 14, 1980, S.92-93, 94-95.

März 16, 2010

Griechische Austeritätspolitik, anno 1939

Den wegen der kreativen Buchführung ihrer Regierung in Kollektivhaft genommenen Griechen (sowas nennt man dann wohl "Solidargemeinschaft") wird's wohl kaum ein Trost sein, aber wie man den Zeitungszeugen Nr. 55 entnehmen kann, durchlebten sie 1939 unter dem faschistischen Regime von Ioannis Metaxas, der gleichwohl als Vater des griechischen Sozialstaats in Erinnerung geblieben ist, noch sehr viel strengere Austeritätsmaßnahmen:

"Griechenland führt vier fleischlose Tage ein.
(Meldung der Associated Press). - 
Athen, 9. Sept. [1939] Die griechische Regierung erließ heute eine Reihe von weiteren Kriegsmaßnahmen [Griechenland befand sich zu diesem Zeitpunkt nicht im Krieg; es wurde erst über ein Jahr später, am 28. Oktober 1940, von Italien angegriffen]. Sie verbot alle Schlachtungen am Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag und den Verkauf sowie den Genuß von Fleisch, Geflügel oder Wild am Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag. Die Regierung verbot ferner alles Hamstern von Lebensmitteln und gestattete die Haltung von Vorräten nur im Umfange des Bedarfs für eine Woche."
(nach dem Sonntagsblatt Staats-Zeitung und Herold, New York, 10. September 1939).