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Februar 03, 2013

104 Jahre Simone Weil

Dieses Jahr zwei Fundstücke aus dem unlängst erschienenen Band VII.1 der Œuvres complètes zu Leo Trotzki, mit dessen Sohn Lew Sedow Simone Weil seit ihrem Aufenthalt im pränazistischen Berlin 1932 Kontakt hatte, zunächst aus einem Brief an ihre Mutter vom Oktober 1933, in dem sie über eine Kritik Trotzkis berichtet:
"Pas étonnant que Raymond [Molinier] ait été monosyllabique : 'papa' [i.e. Trotzki] m'a fait le grand honneur de me prendre à partie à cause de mon article, à grand renfort d'injures, dans une brochure dont La Vérité a publié un fragment : 'libéralisme vulgaire', 'exaltation anarchiste à bon marché', 'préjugés petits-bourgeois les plus réactionnaires', etc., etc. C'est dans l'ordre. Mais hélas! je n'ai plus aucune chance de le voir. Curieuse de savoir quelle sera envers moi l'attitude du fiston, jusque là si gentil?
(Œuvres complètes, VII.1, S.134).
 
Entgegen ihrer Erwartung kam es noch im gleichen Jahr zu einem persönlichen Treffen mit Trotzki, der kurz vor Jahreswechsel 1933/34 während seinem Paris-Aufenthalt im Gästezimmer von Simone Weils Eltern unterkam (so wie viele andere politische Flüchtlinge, insbesondere aus Deutschland). Wie zu erwarten, näherten sich die jeweiligen Positionen nicht an, und Trotzki konnte nur verwundert feststellen:
"Si vous pensez ainsi, pourquoi nous recevez-vous? Êtes-vous de l'Armée du Salut?" (ebd., S.177, Fn.3)

August 29, 2010

Geschichtsstunde im "Socialist Worker"

Pünktlich zur 70. Wiederkehr der Ermordung des Genossen Trotzki scheinen eine Fraktion seiner britischen Parteigänger die stalinistische Propaganda über den "Hitlerotrotzkismus" nachträglich bestätigen zu wollen. So war dieser Tage im Socialist Worker, Zentralorgan der Socialist Workers Party (im Volksmund auch Socialist Wankers Party genannt), zu lesen:
"Another Falsehood is that Hitler was planning to invade Britain."

Dabei wollten die Deutschen doch nur eine Butterfahrt unternehmen, blieben aber auf den Kanalinseln hängen.

Februar 21, 2010

L'oisif ira loger ailleurs

"Der Arbeiterstaat betrachtet sich als dazu berechtigt, jeden Arbeiter an den Platz zu stellen, an dem seine Arbeit gebraucht wird. Kein ernsthafter Sozialist wird dem Arbeiterstaat das Recht streitig machen zu wollen, gegen den Arbeiter Gewalt anzuwenden, der sich weigert, seiner Arbeitspflicht nachzukommen. (...) In der gegenwärtigen schwierigen Periode ist das Lohnsystem für uns in erster Linie nicht ein Mittel, um die persönliche Existenz jedes einzelnen Arbeiters zu sichern, sondern eine Methode zur Einschätzung dessen, was dieser einzelne Arbeiter mit seiner Arbeit der Arbeiterrepublik einbringt. Folglich muß der Lohn, in Form von Geld oder von Waren, mit der Produktivität der jeweiligen Arbeit in den engstmöglichen Zusammenhang gebracht werden. Diejenigen Arbeiter, die für das allgemeine Interesse mehr tun als andere, erhalten das Anrecht auf einen größeren Anteil am Sozialprodukt als die Faulen, die Sorglosen und die Störenfriede (...)."
Leo Trotzki im Jahr 1920, zitiert nach Paul Mattick, Marx und Keynes. Die Grenzen des "gemischten Wirtschaftssystems", Frankfurt am Main, 1971, S.331.

Tja, so ändern sich die Zeiten. Galt einst das Bibelwort "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen"  (2. Brief des Paulus an die Thessaloniker, 3,10) als sozialistisches Prinzip, so sind nach Westerwelle heute die Verfechter des "mühelosen Einkommens" (in Form von Hartz IV) die Sozialisten. Ob dem Publikum, das er mit dieser Polemik in erster Linie erreichen will - nämlich die mittelmäßig verdienenden Lohnarbeiter und Steuerzahler aus dem Privatsektor die traditionell eher SPD wählen - damit geholfen ist, dass Westerwelle nun, nach Vorbild des Reichsarbeitsdiensts vor 1935 oder des Civilian Conservation Corps, die Arbeitslosen auf Staatskosten zu "gemeinnützigen Arbeiten" wie Schneeschippen einziehen will?