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Dezember 19, 2013

Für Wahlfreiheit

Crosspost von L for Liberty,eine Antwort auf diesen Post von JayJay:

In der Tat liegen Religions- und Moralunterricht in der Praxis überhaupt nicht weit auseinander, Fernand Kartheiser (den ich allerdings verdächtige, den Lefébvre-Schismatikern näher zu stehen, als dem hiesigen Bischof) hat das ja auch bereits auf seiner "konservativen Seite" beklagt… Das war eigentlich schon zu meiner Schulzeit so, auch wenn es natürlich von der Einstellung des jeweiligen Lehrers abhing (da habe ich im Religionsunterricht von erzkonservativ über new age-spiritualistisch bis hin zu linksbewegt alles mögliche erlebt). Insofern hat Generalvikar Erny Gillen ja recht, wenn er sagt, es würde ein "Religionsunterricht bekämpft, den es gar nicht mehr gibt". Much ado about nothing also?
In gewisser Weise ist der jetzige Schrei der Katholiken nach "Wahlfreiheit" ohnehin, historisch gesehen, eine Kapitulation, jedenfalls ein eindeutiges Zugeständnis an die von Ratzinger ständig kritisierte "Diktatur des Relativismus". In den 1960ern richtete sich die Kirche noch gegen die Wahlfreiheit und bestand darauf, dass katholisch getaufte Kinder auch in der öffentlichen Schule gut katholisch erzogen werden mussten. Diese Zeiten sind ohne Zweifel vorbei und der staatlich organisierten Konkurrenzveranstaltung wird ebenfalls eine Existenzberechtigung zugestanden. Selbst vermeintliche Verteidiger des Religionsunterrichts wie Norbert Campagna (Luxemburger Wort, 12. Dezember) treten nunmehr für einen plurikonfessionellen Unterricht ein, eigentlich für einen Kurs über Religionsgeschichte.
Meine eigene Position in dieser Sache scheint übrigens wieder mal ultraminoritär zu sein: ich bin nämlich gegen beides, sowohl gegen der konfessionellen Unterricht in der öffentlichen Schule als gegen einen staatlichen Werteunterricht. Natürlich spricht ansonsten nichts dagegen, dass der konfessionelle Unterricht in konfessionellen Schulen stattfindet oder in anderer Form von den Religionsgemeinschaften, allerdings auf eigene Kosten, organisiert wird. Ich bin allerdings ebensosehr gegen den Werteunterricht, und gebe in dieser Hinsicht der "Wahlfreiheit"-Initiative recht, wenn sie betont, es sei nicht die Aufgabe des Staates Werte festzulegen. Das liegt in der Tat die Aussage des neuen Bildungsminister Claude Meisch nahe, wenn er sagt, der Wertunterricht solle "répondre aux questions (pratiques, philosophiques, spirituelles) de la vie que se posent les élèves". Gerade den Anspruch haben die Religionen eben auch. Hier wird also quasi ein Religionsersatz angeboten; der Feierkrop schreibt dementsprechend treffend die neue Regierung wolle den "katholischen Aberglauben" durch einen "staatlichen Religionsunterricht" ersetzen. Wobei der Glaube an Gott durch den an andere Kollektivsingulare ersetzt wird (der Staat, die Gesellschaft, "Europa"…).
Für den – mittlerweile regierungsnahen - Atheistenverband AHA muss dieser staatliche Religionsunterricht denn auch verbindlich werden, alles andere wäre sozusagen Anarchie, wie sie am Beispiel des VWL-Unterrichts illustrieren: "Genauso irrsinnig wäre, beim Fach 'Economie politique' die Schüler aufgrund der Parteikarte ihrer Eltern in einen kommunistischen, liberalen, sozialistischen oder ökologischen Unterricht aufzuteilen". (Tageblatt, 18.12,13)
Ja, wieso denn eigentlich nicht? Ich jedenfalls hätte mich über ein alternatives Angebot zu dem vulgärkeynesianischen Einheitsbrei gewünscht, der mir auf Sekunda und Prima als "politische Ökonomie" vorgesetzt wurde. In der Hinsicht kann ich nur mit den Aha’lern insofern übereinstimmen, dass dabei die Parteikarte der Eltern keine Rolle spielen soll. Richtige Wahlfreiheit setzt in der Tat ein pluralistisches Bildungsangebot voraus, worüber sich ja z.B. ck schonmal hier im Blog geäussert hat (d.h. auf L for Liberty).

Januar 10, 2012

Der späte Sieg des Silvio Gesell

Deutschland und Dänemark sind offenbar vorübergehend aus den Klauen der Zinsknechtschaft befreit, wie man heute im Luxemburger Wort lesen kann:
"Neues Jahr, neues Glück – an den Finanzmärkten gilt dieser fromme Wunsch diesmal nicht. Die Euroschuldenkrise hat die Finanzwelt weiter fest im Griff. Auf der verzweifelten Suche nach sicheren Anlage-Häfen akzeptieren Investoren mittlerweile sogar Negativ-Zinsen. Was Ende des vergangenen Jahres bei der Versteigerung von dänischen Schuldverschreibungen noch als Kurskapriole für ungläubiges Kopfschütteln bei den Investoren sorgte, scheint im neuen Jahr Schule zu machen. Am Montag versteigerte die Bundesrepublik Deutschland erstmals Wertpapiere mit einem negativen Zinssatz. (...)
Für die Experten der Finanzagentur war das derart ungewöhnlich, dass sie in der offiziellen  Mitteilung prompt einen Fehler einbauten und das Minuszeichen vergaßen. 'Das negative Vorzeichen bei der Durchschnittsrendite ist eben auch in der Schreibweise noch nicht üblich', hieß es als Entschuldigung in einer korrigierten Fassung."


Oktober 14, 2011

Alles klar, Herr Kommissar?

"Wie schon Kommissionspräsident José Manuel Barroso forderte der EU-Binnenmarktkommissar [Michel Barnier], gerade in der Krise müsse Europa auf [sic] seine Unabhängigkeit und Souveränität verteidigen: 'Wir müssen vermeiden, ein Subunternehmen der Chinesen und der Amerikaner zu werden'."
"Drei große Lehren ziehen", Luxemburger Wort vom 14. Oktober 2011.

"Eindringlich warnte Barnier vor einem 'Rückfall in nationales, wenn nicht gar nationalistisches Denken, Protektionismus sowie Populismus'."
"Drei große Lehren ziehen", Luxemburger Wort vom 14. Oktober 2011.


Juni 27, 2011

Keine Haftung für Spekulationen

Etwas verduzt las ich dieser Tage im Luxemburger Wort (25.6.), in einem Artikel zur Pressekonferenz von Déi Lénk zur beschissenen Lage der Eurozone, folgenden Satz:
"Die Schuldnerstaaten sollten nämlich nur die 'legitimen' Schulden zurückzahlen müssen, nicht aber jene, die durch Spekulation entstanden sein, so Déi Lénk".

Zuerst hatte ich angenommen, der klerikale Journalist hätte hinterhältig den Sinn der Aussage verkehrt, und die Vertreter der luxemburger Linkspartei hätten eigentlich von einem Schuldenaudit gesprochen, wie ihn einige griechische Abgeordnete in der Tat fordern (wobei es hier darum geht, den griechischen Staat von jenen Schulden zu entledigen, die auf illegale Weise zustande kamen, d.h. vor allem auf Grund von Zahlung von Schmiergeldern. Eigentlich gar keine so dumme Idee, nur folgerichtig müsste man dann eigentlich auch fordern, dass die zuständigen Politiker oder Beamten in diesem Falle persönlich zu haften hätten). Ein Besuch auf der Webseite der Linken hat mich belehrt: tatsächlich wird gefordert dass "Schuldenstaaten" ("pays endettés", also eigentlich alle) nicht für diejenigen Schulden aufzukommen brauchen, welche durch "Spekulationen" entstanden. Nun sind Investitionen welche die Zukunft betreffen (und das tun sie immer), logischerweise immer mit einem Element der "Spekulation" behaftet, wie schon Proudhon wusste. So z.B. sind staatliche Investitionen in die Ausbildung eines Studenten höchst spekulativ: keineswegs ist ausgemacht, dass die Investitionen den Studenten in ein "produktives Mitglied der Gesellschaft" verwandeln, sprich einen wertschaffenden und steuerzahlenden Lohnarbeiter oder Selbstständigen produzieren: vielleicht wandert der Student aus, vielleicht wird er zum Sozialfall, vielleicht stirbt er vor Ende des Studiums...

Die Trennung zwischen "legitimen" und "spekulativen" Schulden scheint mir also recht waghalsig und eine Einladung zu einer Behandlung "à la tête du client". Auf jeden Fall verwundert es, dass gerade Déi Lénk, die ansonsten die "Tyrannei der Finanzmärkte und Rating-Agenturen" anprangern und die "Souveränität der Völker" "wieder herstellen" wollen, wie sie offenbar vor "Einzug des Neoliberalismus" bestand  (unter solch "authentisch linken" Politikern wie Pierre Werner und Gaston Thorn?), geradezu einen Freibrief für Spekulationen fordern (wenn auch nur für den ideellen Gesamtkapitalisten und nicht für den Privatspekulanten, der ohnehin abgeschafft gehört), und die Staaten geradezu dazu einladen, möglichst viel des "so genannten Nationalreichtums" (siehe MEW, 23, S.782) an der Börse zu verspekulieren...

März 18, 2011

Atom-Panik

„Solidarität mit den Opfern von Fukushima“: http://www.tageblatt.lu/nachrichten/luxemburg/story/Solidaritaet-mit-den-Opfern-von-Fukushima-28552092
Habe ich was verpasst? Ist bislang jemand durch die Ereignisse in Fukushima umgekommen? Die zahlreichen Opfer von Erdbeben und Tsunami werden hingegen nicht mal mehr erwähnt…

Währenddessen vergiften sich meine Landsleute schon mal vorsichtshalber mit hochdosiertem Jod: http://www.wort.lu/wort/web/letzebuerg/artikel/2011/03/145417/lust-auf-jod.php

Juni 29, 2010

Ein "Popstar der Ökonomie" in Luxemburg

Gestern abend weilte der Princeton-Professor, Wirtschaftsnobelpreisträger und ehemalige Berater der Reagan- und Clinton-Administrationen und des weltweit bekannten Unternehmens Enron Paul Krugman auf Einladung der Fondation Alphonse Weicker (eine Stiftung der derzeit größten in Luxemburg ansässigen Bank, BGL BNP Paribas) zu einem Vortrag mit dem Titel "Inequality and Crises: Coincidence or Causality?" in Luxemburg. Das ausschliesslich 350 geladenen Gästen aus Wirtschaft, Politik, Gewerkschaften und NGOs vorbehaltene Event fand in der Zentrale des weltweit grössten Stahlkonzerns ArcelorMittal statt; der luxemburgische Blätterwald reagierte naturgemäss begeistert über die "provokanten Thesen" (Tageblatt)  des "invité de renom" (Voix de Luxembourg), "Nobel avant-gardiste" (Quotidien) und "Popstars der Ökonomie" (Luxemburger Wort), der seinerzeit ja bereits erfolgreich zur künstlichen Schaffung einer Immobilienblase in den USA aufgerufen hatte. Krugman argumentierte zu diesem Anlass unterkonsumtionstheoretisch, dass eine steigende Ungleichheit ebenso die Grundlage für die Krise von 1929 wie für diejenige von 2007 gewesen sei. Die Ursache dieser Ungleichheit sieht Krugman ganz unökonomisch in einem ideologischen Paradigmenwechsel, und zwar "in einem Rechtsruck bei der Republikanischen Partei in den USA in den 80er Jahren", der zur allgemeinen Deregulierung der Märkte geführt habe, und damit die Krise erst ermöglicht hätte  (bekanntlich gab es in den USA zwischen der Weltwirtschaftskrise von 1929 und den 1980ern keine Rezessionen...). Dementsprechend meint Krugman: "Wenn wir 2005 noch die gleiche Regulierung wie 1975 gehabt hätten, wäre es nie zu der Krise gekommen." (Zitat Tageblatt). Während die staatlichen Regulierer ihr Möglichstes versuchen, den neuesten Entwicklungen auf den Finanzmärkten hinterzuhechten, schlägt Krugman im Gegenzug die Rückkehr in die 1970er vor (was allerdings zugegebenermaßen billiger käme)   Das nennt man dann wohl nostalgia for an age that never existed.

Weitere Krugmansche Weisheiten kann man einem Kurzinterview im Tageblatt entnehmen, in dem der Ökonom unter anderem vorschlägt, "Länder wie Deutschland" sollten branchenübergreifend und unabhängig von der wirtschaftlichen Lage und Produktionsentwicklung des jeweiligen Betriebs die "Gehälter senken, um weltweit wettbewerbsfähig zu bleiben" (Krugman will also offenbar die Ungleichheit dadurch bekämpfen, dass alle weniger kriegen), jedoch soll diese Lohnsenkung nicht "dramatisch" ausfallen. Ganz up-to-date scheint Krugman noch nicht zu sein; so bezeichnet er Deutschland immer noch als Exportweltmeister und Europa als Gewinner der Globalisierung. Auf die Frage "Was sollen Europas Länder Ihrer Meinung nach tun?" antwortet Krugman: "Die Länder, die mehr Schulden machen können, sollen das tun." Wozu diese Schulden gemacht werden sollen, scheint dabei völlig egal zu sein. Und wer soll's bezahlen? "(...) die EZB soll anfangen, mehr Geld zu drucken". Ah ja. Sehr clever, Herr Krugman; ich wollte auch schon immer mal einen Ein-Million-Euro-Schein in Händen halten.

Tja, wie schreibt das Luxemburger Wort über den "Popstar" und "Medienliebling": "Auch wenn er provoziert, so bleiben seine Aussagen für Laien klar verständlich. Das Publikum liebt ihn dafür." In anderen Worten: populism sells. Und Krugman kann damit als Rebell und Provokateur gegen das establishment auftreten, obwohl venue, Publikum und vermutlich auch Besoldung das establishment in Reinkultur repräsentieren.

Mai 27, 2010

Das Luxemburger "Feuilleton" und die Krise

Im Debattenteil des heutigen Jeudi macht David Broman eine gar schröckliche Entdeckung. wenn Banken Kredite vergeben, schaffen sie Geld aus dem Nichts. Unglaublich, aber wahr! Dass auch Staaten auch noch selber solche auf fiktivem Geld in Anspruch nehmen, vergleicht Broman mit der Polizei, die bei Falschmünzern Falschgeld leihen würde, um damit die Geldfälscherei zu bekämpfen.

Dies sei um so schlimmer meint der Demokrat Broman, als dass das Geld die Grundlage der Demokratie darstelle, und die armen Regierungen ohne Geld völlig machtlos seien:
"L'argent est le moyen par excellence dont disposent les gouvernements pour mettre en oeuvre les politiques (...) choisies [par la majorité]. Dans ce sens l'argent est un élément nécessaire, fondamental même, pour le bon fonctionnement de nos démocraties. Sans argent, nos gouvernements sont sans moyens, et sans moyens, nos démocraties sont nulles et non avenues."

Broman schlägt also vor, das Geld einer "demokratischen" Transsubstantion zu unterziehen, indem die gegenwärtigen Aufgaben der Banken an die Volksverrätervertreter, die bekanntlich im Unterschied zum "homo oeconomicus" der Vulgärökonomie tatsächlich immer rational handeln, allwissend und unbestechlich sind (wie es in einer Demokratie so üblich ist), übertragen werden. Die "Fiktion" des bankengeschaffenen Geldes würde dementsprechend durch die souveräne Ausübung staatlicher Gewalt aufgehoben (überhaupt scheint Broman gedruckte Banknoten als "realeres" Geld anzusehen als bloss als Zahl existierende Geldwerte). Der Staat würde selbst keine Anleihen mehr aufnehmen, sondern als primärer Geldleiher, als monopolistischer Universalgläubiger fungieren. Dementsprechend würde der Staat keine Zinsen mehr zahlen, sondern "sogar" selbst Zinsen einnehmen. Die Zinsknechtschaft des Finanzkapitals wäre beseitigt (Broman glaubt wahrscheinlich damit das Rad neu erfunden zu haben, dabei kann man ähnliches in den Zwanzigern und Dreißigern bei Gottfried Feder und Konsorten nachlesen).

Als wichtigstes Hindernis sieht der ahistorisch-utopistisch argumentierende Feuilletonist ideologisch bzw. religiös motivierte Vorbehalte gegenüber der Allmacht des Staates, wie z.B.der Glauben, dass das Anwerfen der Notenpresse zwangsläufig zu einer Geldentwertung führen würde usw. usf.

Lassen wir die bromanschen Phantasien hinter uns, und kehren wir auf den Boden der Tatsachen zurück. Hier muss ich Alfred Steinherr, "Ehren-Chefvolkswirt der Europäischen Investitionsbank", loben, der in der gestrigen Ausgabe des Luxemburger Wort versucht die Leserschaft des Bistumsblatts, die durch die Tatsache verwirrt sein mag, dass ihr Premierminister den "Spekulanten", die noch gestern als "Investoren" umworben wurden, nun mit "Folterinstrumenten" zu Leibe rücken will, dazu zu bringen, die Welt mit nüchternen Augen anzusehen. Drei Auszüge:
1) "Was ist eigentlich ein Spekulant? Genau genommen ist jeder Akteur, der das Risiko auf sich nimmt einen aleatorischen Ertrag zu erzielen ein Spekulant. Jeder Unternehmer ist in diesem Sinne ein Spekulant. Und jede Investition in ein Unternehmen ist spekulativ, motiviert durch die Erwartung, dass der Wert der Aktien in Zukunft steigen wird. Ein Finanzmarkt ohne Spekulanten ist daher unmöglich."
2) "Haben wir über unsere Verhältnisse gelebt? Länder wie Deutschland und Luxemburg haben seit 50 Jahren Leistungsbilanzüberschüsse. Mit anderen Worten, sie investieren und konsumieren weniger als sie produzieren und dieser Überschuss, genannt Leistungsbilanzüberschuss wird jährlich im Ausland investiert. Unsere Bürger haben also mehr gespart als im Inland investiert werden konnte. Was für einen Sinn hat dann die Aussage: 'wir haben über unsere Verhältnisse gelebt'? Keinen."
3) "Schulden sind nicht an und für sich schlecht. Unsere Generation hat im Vergleich zu unseren Eltern und Großeltern nicht nur mehr Staatsschulden pro Kopf sondern auch eine deutlich bessere Verkehrs- und Kulturinfrastruktur, bessere Schulen, eine Universität, ein besseres Gesundheitssystem und soziale Sicherheit. Die entscheidende Frage ist daher was mit den Schulden gemacht wird. Die Aussage Staatsschulden sind schlecht impliziert, dass wir unserem politischen System nicht zutrauen, dass es klug mit dem geborgten Geld umgehen kann. Wollen wir dann immer noch das Primat der Politik über den Markt?"
(ich unterstreiche)

März 08, 2010

Schwarz-rote Koalition

Erstaunliche Schützenhilfe erhält Olivier Besancenots Nouveau Parti Anticapitaliste für ihre Entscheidung eine verschleierte Kandidatin für die Regionalwahlen am kommenden Sonntag aufzustellen: ausgerechnet das erzkonservative Luxemburger Bistumsblatt Luxemburger Wort sprang vergangenen Samstag (6.8.) für die NPA-Kandidatin Ilhem Moussaïd in die Bresche, lobt das gesellschaftliche Engagement der Kandidatin (gegen Rassismus, für Palästina), die von den linken Medien bloss auf ihr Kopftuch reduziert würde, und qualifiziert die mediale Aufregung insgesamt als "absurde Debatte". Der Artikel  enthält dabei kein einziges kritisches Wort über die politische Programmatik der Post-Trotskisten. Zum Schluss des Artikels wird aber klar, worauf das Wort hinauswill: der Autor erinnert daran, dass der Abbé Pierre 1946 Parlamentssitzungen im Talar beiwohnte. Im Kampf der Kirche gegen den Laizismus sind eben alle Alliierten willkommen, wenn es sein muss auch die "extreme Linke". 

Oktober 29, 2009

Licht aus in Ungarn

Wie man der heutigen Ausgabe des Luxemburger Wort entnehmen kann, beginnt das Glühbirnenverbot langsam zu wirken:
"Das Aus für die herkömmliche Glühbirne in der Europäischen Union kostet 2750 Mitarbeitern des US-Herstellers General Electric (GE) in Ungarn den Arbeitsplatz. Der Personalabbau soll binnen zwei Jahren erfolgen, sagte der Europa-Direktor des Konzerns, Phil Marshall, am Mittwoch in Budapest, wie die ungarische Nachrichtenagentur MTI berichtete.
1300 von 1750 Beschäftigten der GE-Glühbirnenfabrik in Nagykanizsa im Südosten des Landes sollen entlassen werden. Dort solle nur die Produktion von Autoscheinwerfer und Leuchtröhren weitergehen. Eine andere GE-Glühbirnenfabrik in Vac bei Budapest soll geschlossen werden. (...) Marshall sagte, GE wolle die Leuchtkörperherstellung aus Ungarn nicht ganz abziehen. Das Unternehmen plane Investitionen in neue Produktionstechniken. Über deren Umfang sei allerdings noch nicht entschieden. (...)"

Juli 16, 2009

Gelungene Titelwahl

"Eine unbequeme Wahrheit" überschreibt das Luxemburger Wort heute ihren Bericht über die Vorschläge des Unternehmerverbands UEL zur "langfristigen Sicherung des Rentensystems". Eine überaus passende Anlehnung an Al Gores Film, da genau wie bei Gore Rechenmodelle, die versuchen mögliche Projektionen über eine mögliche Entwicklung zu liefern, als unanfechtbare Tatsachen, eben als DIE "Wahrheit" dargestellt werden. Dabei ist in beiden Fällen die Anzahl der Variablen, auf denen das Rechenmodell beruht, sehr hoch. Im Fall des Rentensystems wird u.a. ein durchschnittliches Anwachsen der Arbeitskraft um 0,5%, eine durchschnittliche Steigerung der Produktivität um 1,7%, ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 2,2% und eine Fruchtbarkeitsquote von 1,7 Kindern pro Frau vorausgesetzt; zugleich wird von allen möglichen Erschütterungen (im positiven wie im negativen) des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, ökologischen, technologischen, wissenschaftlichen Status quo abgesehen.

Letztlich dienen diese Modelle, an das schwammige Schlagwort der "Generationengerechtigkeit" geheftet, zum Durchsetzen einer Verzichtsrhetorik: um die Dauerhaftigkeit des Systems zu garantieren, muss die heutige Generation zurückstecken - die UEL fordert die Anpassung der Renten an den Preisindex gleich fünfmal auszusetzen, egal wie die Entwicklung der Inflation aussehen mag; bei hoher Inflation also eine recht drastische Rentenkürzung -, damit der nächsten Generation mehr bleibt. Da es auch in Zukunft kommende Generationen geben wird, kann man das Argument bis ad aeternam wieder aus der Schubladen ziehen. Generationengerecht und gottgefällig ist also, wenn jede Generation auf ein Neues Verzichtsarbeit leistet.


P.S. Noch so eine unbequeme Wahrheit:

James Hansens Prognosen aus dem Jahr 1988 - und die reale Temperaturentwicklung (via Watt's up with that)

Juni 30, 2009

Arme Unternehmer!

Wieder mal lustiges aus dem Wirtschaftsteil des Luxemburger Wort: Deloitte und die Fiducaire Générale de Luxembourg leisten ihren "Beitrag, anderen in der Krise zu helfen", indem sie den notleidenden und überforderten Unternehmern helfen, staatliche Subventionen an Land zu ziehen, von deren Existenz die Unternehmer wohl noch nichts wussten:
"Tatsächlich gibt es derzeit 67 [!] Programme, von denen kleine und mittlere Unternehmen profitieren können. Die Facette reicht von Investitionshilfen über Mittel für die Umwelt, Forschung, Weiterbildung, Übernahme und Erhalt der Arbeitsplätze. Hinzu kommt noch das seit Mai gültige Konjunktur-Paket. Und wenn gar nichts mehr geht, gibt es immer noch die "Aide de minimis", die bis zu 200000 Euro betragen kann. 'Für ein kleines Unternehmen ist der Zeitaufwand für die Prüfung all dieser Mittel viel zu groß' weiß Meyers [Wirtschaftsprüfer der Fiduciaire Générale] aus Erfahrung.".
Seltsam also, dass die Unternehmerverbände, die sonst so auf Bürokratieabbau und Sanierung der Staatsfinanzen pochen, nicht den Dickicht des "Förder-Dschungels" ein wenig lichten wollen, sondern sich demnächst am liebsten dafür bezahlen lassen wollen, dass sie überhaupt neue Leute einstellen (die sogenannten Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, bei denen der staatliche Beschäftigungsfonds die Hälfte beilegt, sprechen ja schon eine deutliche Sprache).

Juni 25, 2009

Faule Kredite sollen den Mittelstand retten

In den letzten Tagen wurde die Gründung der "Northstar Europe S.A." als Joint-Venture des kanadischen "Finanzdienstleister" Northstar Trade Finance, der staatlichen Investitionsbank SNCI und dem ebenfalls staatlichen Kreditversicherer Office du Ducroire quer durch den luxemburger Blätterwald als wirksame Hilfe für die schwer gebeutelten, exportorientierten mittelständischen Unternehmen Europas im Allgemeinen und Luxemburgs im Besonderen gefeiert. Das Luxemburger Wort vom 20. Juni 2009 berichtet ausführlicher über die Vorgehensweise der neuen Gesellschaft:
"Ein Luxemburger Unternehmen will einer ägyptischen Firma eine Maschine verkaufen, [hier fehlt offensichtlich ein: diese] hat aber nicht genügend Geld. Das benötigte Kapital leihen sich die Ägypter bei Northstar Europe, das den luxemburgischen Exporteur bezahlt. Northstar leiht sich das Geld bei Banken, die den Kredit über den SNCI refinanzieren können. Versichert wird der Kredit beim Ducroire, das sich wiederum selbst rückversichert."
D.h. ganz nach dem Modell des berüchtigten Derivate-Handels setzt Northstar keinerlei eigenes Kapital ein, sondern verkauft bloss Kredite weiter, die er woanders aufgenommen hat, und die noch dazu vom Staat refinanziert werden sollen. Dabei bietet die öffentliche Hand gleich eine doppelte Absicherung, da sie neben der Refinanzierung gegenüber den Banken zugleich auch noch die Versicherung beim Zahlungsausfall zu leisten hat. Dem Luxemburger Unternehmen kann es also in letzter Instanz egal sein, ob sein ägyptischer Kunde zahlungsfähig ist, da der Luxemburger Staat ja sowieso einspringen wird. Dies lädt natürlich geradezu dazu ein, von vornherein völlig überhöhte Preise zu verlangen. Der Ägypter wiederum wird dadurch gezwungen, sich zu verschulden. Falls die Rückzahlung inklusive Zins und Zinseszins dann ausbleibt (das Office du Ducroire hat gerade erst über die "mangelnde Zahlungsmoral" seit Ausbruch der Krise geklagt), häufen sich bei den Banken, bei denen Northstar Kunde ist, die faulen Kredite (für die in letzter Instanz der Steuerzahler einzuspringen hat). Über die Gewinnmarge von Northstar bei der ganzen Chose schweigt sich das Luxemburger Wort wohlweislich aus.

Mai 28, 2009

Das "LW" zum Tode Proudhons

In seiner Ausgabe vom 4. Februar 1865 interessiert sich das gute alte Luxemburger Wort mehr für die ausgebliebene letzte Ölung Proudhons als für den Verstorbenen (die Nachricht kam unter "Vermischtes"):



Quelle: "Numérisé par la Bibliothèque nationale de Luxembourg, http://www.eluxemburgensia.lu/"(unbedingt empfohlen!)