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Juli 13, 2012

Salafistische Jakobiner?

Interessante Betrachtungen von Laurent Mignon zur Mausoleenstürmerei in Timbuktu  im Lëtzebuerger Land von heute:
"(...) le salafisme refuse tout intermédiaire entre Dieu et le croyant. Il se veut rationnel. Le culte des saints, le soufisme, et l'utilisation de chapelets et grigris en tout genre sont des abominations qu'il ne peut que condamner. Il s'agit de pratiques et de croyances considérées comme superstitieuses et irrationnelles par les fondamentalistes. 'La pire des bêtes aux yeux de Dieu est celle qui est sourde et muette et ne raisonne pas', dit le Coran. Selon des témoins qui assistèrent à la destruction de la porte interdite de la mosquée Sidi Yahya, les militants expliquèrent qu'ils voulaient montrer que son ouverture ne causerait pas la fin du monde. Il s'agissait d'un acte, certes iconoclaste, mais aussi éducatif et éclairé. Les Lumières à la sauce salafiste. Cette attitude, avouons-le, n'aurait pas déplu à Voltaire."
Der Schlussfolgerung Mignons kann ich mich im Übrigen anschliessen:
"Certes le combat de Voltaire n'était pas celui d'Iyad Ag Ghali. Néanmoins les évènements de Tombouctou montrent que ce n'est point la rationalité de nos convictions, mais bien notre capacité à tolérer l'irrationnel qui est une mesure de notre humanité."

Juni 16, 2011

Abseits der Narrative

Fans des arabischen Fußballvereins Bnei Sakhnin im Doha-Stadion in Nordisrael:

September 08, 2010

"Und zum Schluss noch Karl Marx"

... so betitelt heute das Tageblatt einen Beitrag zum 80. Geburtstag des Schauspielers Mario Adorf, der offenbar seit Jahren davon träumt Karl Marx zu spielen. Doch niemand will sich des Stoffes annehmen, "das ärgert ihn [Adorf]. Er will Marx als Mensch zeigen, weg vom dialektischen Marxisten [sic], den die Kommunisten für sich reklamierten" (was ihn übrigens nicht davon abhält, selbst das baldige Ende des Kapitalismus zu prophezeien; der Kapitalismus soll allerdings nicht an seinen "inneren Widersprüchen" ersticken, sondern - neumodisch-ökologisch-korrekt - an den Grenzen des Wachstums). Genauer soll es in dem von Adorf avisierten Streifen um Marxens Kururlaub in Algier (20. Februar bis 2. Mai 1882) kurz vor dessen Tod gehen. Man erfährt dass "Friedrich Engels (...) ihn gedrängt [habe], dorthin zu gehen, um 'Das Kapital' zu Ende zu bringen". Nun geht nichts dergleichen aus dem Briefwechsel von Marx und Engels hervor, vielmehr scheint Marx sich auf ärztliche Empfehlung nach Algerien begeben haben. Wieso ausgerechnet eine Reise nach Algerien  Marx dazu hätte verleiten sollen, den lange überfälligen zweiten Band des Kapitals endlich fertigzustellen, ist auch etwas rätselhaft. Nach Adorf liegt es jedoch am Aufenthalt in Algier, dass Marx das Kapital eben nicht zu Ende brachte: "Doch Marx begegnete dem Islam, war fasziniert, brachte es nur zu Notizen."
Sollen wir daraus schließen, der alte Marx habe mit dem bon-mot "Alles was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin" in Wahrheit eine späte Konversion zum Islam gemeint? Immerhin hatte Marx in früheren Jahren durchaus "Islamophobes" geschrieben, etwa in der Korrespondenz in der New York Daily Tribune, aus der ich hier erst kürzlich eine längere Passage vorgestellt habe: "Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige. Der Ungläubige ist 'harby', d.h. der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen. In diesem Sinne waren die Seeräuberschiffe der Berberstaaten die heilige Flotte des Islam." (MEW, 10, S.170). Zudem hat sich Marx ausgerechnet in Algerien seinen "Prophetenbart (...) auf [dem] Altar eines algierschen Barbiers" (Marx an Engels, 28.4.1882; vgl. MEW, 35, S.60) geopfert - das oben eingefügte Foto wurde unmittelbar vor der Rasur geschossen. 

Von den von Adorf erwähnten "Notizen" weiß ich nichts; vielleicht wird uns darüber einmal ein noch nicht erschienener Band der Marx-Engels-Gesamtausgabe aufklären. Bis dahin sei auf Marx' Briefwechsel mit Engels und Verwandtschaft verwiesen, in dem sich anlässlich des Algier-Aufenthalts in der Tat zwei Passagen zum Islam finden. Zunächst schreibt "Mohr" über die algerischen Mauren an seine Tochter Laura, verheiratete Lafargue, am 14. April 1882:
"On a rough table, in inclined positions, their legs crossed, half a dozen Maure visitors [nach MEW unleserliche Stelle] were delighted in their small 'cafétières' (everyone gets one of his own) and together playing at cards (a conquest of civilisation). Most striking this spectacle: Some these Maures were dressed pretentiously, even richly, others in, for once I dare call it blouses, sometime of white woollen appearance, now in rags and tatters - but in the eyes of a true Musulman such accidents, good or bad luck, do not distinguish Mahomets children. Absolute equality in their social intercourse, not affected; on the contrary, only when demoralized, they become aware of it; as to the hatred against Christians and the hope of an ultimate victory over these infidels, their politicians justly consider this same feeling and practice of absolute equality (not of wealth or position but of personality) a guarantee of keeping up the one, of not giving up the latter. (Dennoch gehen sie zum Teufel without a revolutionary movement.)" (MEW, 35, S.308-309.)

Vier Tage später weiß Marx seinem Freund Engels eine Anekdote zu berichten:
"Du begreifst, daß ich mich aufs Ohr legen und Schlafkompensation ergattern müsse. Unterdes: Schlafe, was willst Du mehr! Nur muß ich vorher schlechten Streichs erwähnen, den die französische Autorität einem armen Räuber, armen vielfachen professionellen Mörder von Araber spielte. Erst zu allerletzt, wo, wie die infamen Cockneys sagten, on the moment 'to launch' den armen Sünder 'into eternity' - entdeckt er, daß er nicht erschossen, sondern guillotiniert werde! Dies gegen die Absprache! Gegen Versprechen! Er ward trotz Abrede guillotiniert. Aber nicht das alles [bisweilen Marx in Yoda-Manier reden...]. Seine Verwandten, wie die Franzosen es bisher erlaubt, erwarten, den Körper und den Kopf ihnen liefern, so daß sie letzten an erstern zusammennähen und 'das Ganze' dann bestatten. Quod non! Heulen und Fluchen und Toben; die französische Autorität schlug's ab, rund ab, und zum erstenmal! Kommt der Rumpf nun ins Paradies, so fragt Mohammed, wo hast du den Kopf verloren? Oder, wie brachte der Kopf um den Rumpf? Du bist nicht würdig ins Paradies! Mach dich scheren zum Christenhunden! Und so jammern die Verwandten. Dein Old Mohr" (MEW, 35, S.57-58.)
Woraus Adorf dann eine Faszination für den Islam ableitet. Ja, ganz offensichtlich, so wird's gewesen sein... (*sigh*)

Mai 07, 2010

Der ewige Gilad Atzmon

Gelesen in Hans Jansens Mohammed (eine Dekonstruktion der Biographie des Propheten in der Tradition der niederländischen Radikalkritik, bisweilen allerdings etwas flapsig geschrieben - vielleicht liegt's ja an der deutschen Übersetzung?):
"Ibn Ishâqs Liste der jüdischen Teilnehmer an den Debatten mit Mohammed in Medina enthält Bemerkungen, für die der heutige westliche Leser wenig Verständnis aufbringen kann und will. Es geht häufig, wenn nicht immer, um antijüdische Sprüche. (...) 'Die Juden sind eine Nation von Lügnern' und 'falsch, verlogen und bösartig'. Um dies noch glaubwürdiger zu machen, werden solche Charakterisierungen übrigens einem Juden in den Mund gelegt." (S.245; ich unterstreiche).

Ein paar Seiten weiter berichtet Jansen dann über den Beginn der Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Juden in Medina, also, wenn man so will, dem Ursprung des sogenannten "Nahostkonflikts":
"Ibn Hischâm zufolge wollte eine arabische Frau ein paar Kleinigkeiten auf dem Markt der Qainuqâ' [einer der drei jüdischen Clans in Medina, die Mohammed der muslimischen Überlieferung nach einer nach dem anderen entweder ausrottet oder vertreibt] verkaufen. Nachdem ihr das gelungen war, hatte sie einen Goldschmied aufgesucht und sich dort niedergelassen. Ihr Gesicht war von einem Schleier bedeckt, und als man sie aufforderte, diesen abzunehmen, weigerte sie sich. Dem Goldschmied gelang es unbemerkt, einen Zipfel ihres Rocks zu ergreifen und ihn an den Rücken zu befestigen. Beim Aufstehen wurde mehr von ihr sichtbar, als sie von sich hatte zeigen wollen, und es gab ein großes Gelächter. Sie schrie auf, worauf ein Muslim den Goldschmied angriff und tötete. Da dieser ein Jude war, griffen nun ihrerseits seine Glaubensbrüder den Muslim an (dessen Name nicht überliefert wird) und bringen ihn um. Daraufhin riefen die Verwandten des Ermordeten andere Muslime zu Hilfe. Sie waren außer sich vor Wut, und die Beziehungen zwischen den Vertretern der beiden Glaubensrichtungen konnten nicht mehr schlechter werden." (S.276-277).

Februar 08, 2010

Die Abenteuer der Linken auf der Suche nach neuen Wählerschichten

"Was die SWP in England kann, können wir schon lange" mag sich die "Neue antikapitalistische Partei" Olivier Besancenots gedacht haben, und stellt anlässlich der demnächst stattfindenden Regionalwahlen eine Kandidatin auf, deren einzige Qualität darin zu bestehen scheint, ein Kopftuch zu tragen (offenbar ist sie, analog zu Sarrazins "Kopftuchmädchen", damit geboren worden). Diese Entscheidung hat jedoch nicht gerade zu Begeisterungsstürmen geführt. U.a. rief sie scharfe Kritik seitens der iranischen arbeiterkommunistischen Partei hervor.

Die Damen Wagenknecht, Buchholz und Dagdelen von der deutschen "Linkspartei" haben hingegen für ihre an sich ehrliche und konsequente Entscheidung nach der Ansprache von Shimon Peres sitzen zu bleiben, Beifall erhalten, wenngleich dieser ihnen doch etwas peinlich sein sollte. Nun gut, war auch nicht das erste Mal; sowas kommt wohl auch davon, wenn man ständig mit dem "Primat der Politik" ins Feld zieht, eine Formel, auf die doch wohl die NPD das Urheberrecht hat.

Die Luxemburger Linke ihrerseits versucht mit der Belegung des Themas "Diekircher Brauerei" ein paar Stimmen auf den Stammtischen gutzumachen. "Wir befinden uns nicht länger in der Logik des Industriekapitalismus, sondern in der des Finanzkapitalismus" erschrickt Marc Baum, Vertreter von "Déi Lénk" im Escher Gemeinderat (Luxemburger Wort, 3.2.10). Diesbezüglich schlägt "Déi Lénk" vor, sollte der "Deal mit Bofferding nicht klappe[n]" (d.h. die von der Regierung vorgezogene Lösung, den internationalen Konzentrationstendenzen im Brauereigewerbe, durch die Schaffung eines nationalen Monopolisten entgegen zu wirken, indem man die schon das seit Jahrzehnten von Bofferding verfolgte Ziel einer feindlichen Übernahme von Diekirch staatlich subventioniert), der Staat solle "im allgemeinen Interesse" AB Inbev "enteignen", und nach dem Vorbild der Baden-Württemberger Rothaus-Staatsbrauerei selbst zum Braumeister werden (tageblatt vom 3.2.10). Was für ein Interesse der Luxemburger Staat hieran hätte (Wirtschaftsminister Krecké winkte ja schon gleich ab), wie er den Vertrieb und das ganze Konzessionswesen organisieren würde, wird von den Linken nicht weiter erläutert - offenbar geht man hier davon aus, dass dies schon von selber funktionieren würde, falls der allwissende, alleskönnende und stets wohlintentionierte Papa Staat dies in die Hand nimmt. Hauptsache, der Staat greift ein, um das "nationale " Industriekapital vor dem "internationalen" Finanzkapital zu schützen - so lautet die Quintessenz linken Denkens im Jahre 2010. Wieso allerdings das "allgemeine Interesse" an einer Bierbrauerei grösser sein soll, als bei den zahlreichen anderen Betrieben, die derzeit schliessen oder in grösserem Ausmass Leute entlassen (General Electrics IP, Commerzbank, Fastnet, Brinks et j'en passe...), will mir hingegen nicht einleuchten...