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Februar 14, 2012

Noch ist Luxemburg nicht verloren

Gelesen auf wort.lu:
"2011 gelang es dem Konzern, den Bierausstoß um 2,5 Prozent zu steigern – vor allem durch die Expansion jenseits der Luxemburger Grenzen. (...)
Obwohl in Europa und Luxemburg von Jahr zu Jahr weniger Bier getrunken wird – allein im vergangenen Jahr tranken die Luxemburger 22 Prozent weniger Gerstensaft als 2010 – steigerte die Brasserie Nationale mit ihren Marken Bofferding und Battin den Umsatz. Der Vorsteuergewinn stieg sogar um 25 Prozent auf 4,9 Millionen Euro. (...)"

Juni 23, 2011

Februar 08, 2010

Die Abenteuer der Linken auf der Suche nach neuen Wählerschichten

"Was die SWP in England kann, können wir schon lange" mag sich die "Neue antikapitalistische Partei" Olivier Besancenots gedacht haben, und stellt anlässlich der demnächst stattfindenden Regionalwahlen eine Kandidatin auf, deren einzige Qualität darin zu bestehen scheint, ein Kopftuch zu tragen (offenbar ist sie, analog zu Sarrazins "Kopftuchmädchen", damit geboren worden). Diese Entscheidung hat jedoch nicht gerade zu Begeisterungsstürmen geführt. U.a. rief sie scharfe Kritik seitens der iranischen arbeiterkommunistischen Partei hervor.

Die Damen Wagenknecht, Buchholz und Dagdelen von der deutschen "Linkspartei" haben hingegen für ihre an sich ehrliche und konsequente Entscheidung nach der Ansprache von Shimon Peres sitzen zu bleiben, Beifall erhalten, wenngleich dieser ihnen doch etwas peinlich sein sollte. Nun gut, war auch nicht das erste Mal; sowas kommt wohl auch davon, wenn man ständig mit dem "Primat der Politik" ins Feld zieht, eine Formel, auf die doch wohl die NPD das Urheberrecht hat.

Die Luxemburger Linke ihrerseits versucht mit der Belegung des Themas "Diekircher Brauerei" ein paar Stimmen auf den Stammtischen gutzumachen. "Wir befinden uns nicht länger in der Logik des Industriekapitalismus, sondern in der des Finanzkapitalismus" erschrickt Marc Baum, Vertreter von "Déi Lénk" im Escher Gemeinderat (Luxemburger Wort, 3.2.10). Diesbezüglich schlägt "Déi Lénk" vor, sollte der "Deal mit Bofferding nicht klappe[n]" (d.h. die von der Regierung vorgezogene Lösung, den internationalen Konzentrationstendenzen im Brauereigewerbe, durch die Schaffung eines nationalen Monopolisten entgegen zu wirken, indem man die schon das seit Jahrzehnten von Bofferding verfolgte Ziel einer feindlichen Übernahme von Diekirch staatlich subventioniert), der Staat solle "im allgemeinen Interesse" AB Inbev "enteignen", und nach dem Vorbild der Baden-Württemberger Rothaus-Staatsbrauerei selbst zum Braumeister werden (tageblatt vom 3.2.10). Was für ein Interesse der Luxemburger Staat hieran hätte (Wirtschaftsminister Krecké winkte ja schon gleich ab), wie er den Vertrieb und das ganze Konzessionswesen organisieren würde, wird von den Linken nicht weiter erläutert - offenbar geht man hier davon aus, dass dies schon von selber funktionieren würde, falls der allwissende, alleskönnende und stets wohlintentionierte Papa Staat dies in die Hand nimmt. Hauptsache, der Staat greift ein, um das "nationale " Industriekapital vor dem "internationalen" Finanzkapital zu schützen - so lautet die Quintessenz linken Denkens im Jahre 2010. Wieso allerdings das "allgemeine Interesse" an einer Bierbrauerei grösser sein soll, als bei den zahlreichen anderen Betrieben, die derzeit schliessen oder in grösserem Ausmass Leute entlassen (General Electrics IP, Commerzbank, Fastnet, Brinks et j'en passe...), will mir hingegen nicht einleuchten...

Januar 12, 2010

Biermonopole zerschlagen!

Gestern fand in Diekirch für luxemburgische Verhältnisse erstaunliches statt: auf einer spontanen Demonstration kamen fast 1800 Menschen zusammen, um gegen die Ankündigung des weltweiten grössten Bierherstellers AB InBev, dass die Brasserie de Luxembourg in Diekirch weitestgehend geschlossen, 63 der noch verbliebenen 93 Beschäftigten entlassen und die Luxemburger "Traditionsbiere" Mousel und Diekirch fortan in Belgien gebraut werden sollen, zu demonstrieren. Da ich der Diekircher Brauerei irgendwo sentimental verbunden bin (ich ging in Diekirch zur Schule, wo wir in direkter Dunstlinie zur Brauerei lernten) und auch den Unmut der Beschäftigten, denen offenbar noch im Dezember das genaue Gegenteil - d.h. der Erhalt der Brauerei in Diekirch - versprochen wurde, nur verständlich finde, kann ich natürlich einem Einsatz für den Weiterbestand der Brauerei viel Sympathie entgegen bringen kann. Weit weniger sympathisch ist mir der offen nationalistische Ton, mit dem für den Beibehalt der Diekircher Brauerei eingetreten wird.

Das tageblatt (12.11.10) zeigt Fotos, auf denen das Logo der Brasserie de Luxembourg mit "Brasserie de Belgique" überschrieben wurde, und berichtet über Parolen à la "Gitt zréck an d'Belsch, dir Bonzen" (ich dachte, die "Bonzen" seien schon längst da?). Für das konservative Luxemburger Wort steht glatt die "nationale Identität" auf dem Spiel, die Proteste künden von "eine[r] diffuse[n], aber verbreitete[n] Sorge, dass sich das 'traditionelle Luxemburg' in einer globalisierten, von Aktienwert und Profitmaximierung gesteuerten Wirtschaftswelt Schritt für Schritt der Sperrstunde nähert". Tja, wie schrieben schon Marx und Engels im Kommunistischen Manifest: "Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen. (...) Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet."

Liebe Landsleute, in diesem Zusammenhang sind nicht die "Belgier", die sich angeblich gegen das kleine Luxemburg verschworen haben (das tageblatt berichtet: "Ein weiterer Beweis der langen Planung sei die Tatsache, dass im belgisch-luxemburgischen Grenzgebiet... viele Kneipeninhaber, die bis dahin Biere der Diekircher Brauerei im Ausschank hatten, dazu angehalten worden, in Zukunft auf die belgische Biermarke Jupiler umzusteigen."), das Problem. Im Gegenteil: in Belgien sind ebenfalls schwere Einschnitte geplant, mit weit mehr Entlassungen als in Luxemburg. Es nutzt also nichts, Standorte gegeneinander auszuspielen. OGBL-Zentralsekretär Romain Daubenfeld hat dies übrigens richtig erkannt: "Les postes qui ne seraient démantelés sur un site, le seraient sur un autre"; Quotidien vom 9.1.10.

Der Standort Diekirch, obwohl gegenwärtig gewinnbringend, ist vielmehr das Opfer der zugespitzten Konzentration auf dem Biermarkt, wo mittlerweile die Situation erreicht ist, dass nur noch einige wenige Konzerne den gesamten Weltmarkt unter sich aufteilen, wobei AB InBev wiederum die alles überragende Stellung einnimmt (regelmässig berichtet übrigens der Blogger Chris O'Brien über die Entwicklung auf dem Biermarkt). Dass diese Konzentrationstendenzen zwangsläufig auch zu einer Rationalisierung der Produktion führen, ist nur naheliegend. In diesem Sinn ist es übrigens auch falsch, bei AB InBev das Streben nach "kurzfristigem Gewinn" zu kritisieren. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: AB InBev schliesst Werke, obwohl sie heute Gewinn bringen; dies durchaus in Anbetracht längerfristiger Planungen. Das Unternehmen reagiert dabei auf den sinkenden Bierkonsum, insbesondere in Folge des Rückgangs von Kneipenbesuchen in den westlichen Industrienationen (der auch eine Folge von staatlichen Massnahmen zur Hebung der Volksgesundheit wie Verstärkung von Alkoholkontrollen und Rauchverboten ist), indem es jetzt bereits strukturelle Reformen im Sinne der Kostensenkung durchführt, obwohl es eigentlich kurzfristig sehr gute Zahlen aufzuweisen hat. Am Schicksal der entlassenen Brauereiarbeiter ändert dies natürlich nichts. Auch der Konsument hat von diesen Konzentrations- und Rationalisierungstendenzen nichts: im Gegenteil, zunehmend wird ihm das gleiche Produkt unter verschiedenen Namen vorgesetzt. Die Auswahlmöglichkeiten auf dem Biermarkt verringern sich, ein "Standardbiergeschmack" setzt sich durch.

Was kann man dagegen tun? Bier brauen! Ein, zwei, viele Kleinbrauereien eröffnen, um der Monopolstellung von AB InBev eine Alternative entgegen zu stellen. Diese Tendenz ist übrigens in den USA voll entwickelt, wie der Beer Activist zu berichten weiss. Bereits im 19. Jahrhundert waren lokale Bierbrauereien, die zum Teil auch einen überregionalen Markt abdeckten, in fast allen Dörfern und Kleinstädten vorhanden, und zeugten davon, dass "Unternehmergeist" kein Monopol des Bürgertums sein muss. Vielleicht wäre das ja auch eine Lösung für Diekirch? Ein, z.B. von einer Braukooperative, mit Rückgriff auf die technische Sachkenntnis der entlassenen Brauereiarbeiter, gebrautes und vermarktetes "Stackdikkricher Ieselsbéier"?

August 23, 2009

Wer ist Wilhelm Rosenthal?


Anlässlich meines heutigen Aufbruchs Richtung Reichshauptstadt (Dienstag geht's dann noch weiter ostwärts), hier Auszüge aus einem Artikel aus dem Angriff vom 17. Januar 1937 (Reprint in der letzten Ausgabe der Zeitungszeugen) über "ungeheuerliche" Vorgänge bei der Aktionärsversammlung der Berliner Lokalbrauerei Schultheiss:

Wer ist Wilhelm Rosenthal? Was wird gegen ihn unternommen?
"Wie erinnerlich stand in der Generalversammlung Herr Rosenthal auf und verlangte auf Kosten der Wohlfahrtsfonds der Gesellschaft eine höhere Dividende. (...) Die Vorgänge in der Schultheiß-Versammlung sind aber so unglaublich, daß sich die maßgebenden Stellen dieses Falles annehmen müssen. Es ist einfach unmöglich, daß ein Mann mosaischen Namens (seine wahre Abstammung steht noch nicht fest) die gesamte deutsche Sozialpolitik öffentlich torpediert. In Kreisen der Schultheiß-Belegschaft hat man den Eindruck, daß es sich hier um einen Racheakt entlassener jüdischer Hopfen- und Gerstenlieferanten handelt. Dafür spricht folgendes: Herr Rosenthal hat sich getarnt. Mit dem Vornamen heißt er Wilhelm, aber einen Wilhelm Rosenthal in Berlin-Charlottenburg gibt es gar nicht. (...)
Es geht nicht, daß in einer Versammlung ein zweifelhafter Mann auftaucht, durch unglaubliche Zumutungen. die von jeher sozial eingestellte Betriebsführung beleidigt und nach getaner Arbeit ins Dunkel taucht und verschwindet. Herr Rosenthal verdient seine Strafe. Es muß die Möglichkeit geben, einen Mann hinter Schloß und Riegel zu setzen, der es wagt, die betriebliche Sozialpolitik zu verhöhnen. Nicht af die 30 RM. [mehr Dividende] kam es ihm an, es kam ihm sicherlich darauf an, an Schultheiß sein Mütchen zu kühlen. Warum ist er untergetaucht, warum versteckt er sich? Etwa um seine Hintermänner zu decken? Wer sind die? Auch die Firma Schultheiß hat ein Recht darauf, daß ihr Recht widerfährt."

Mehr zum Schultheiss-Komplex und zur Künstlergruppe der "Schultheiss-Nazis" auf den Seiten des Erratik-Instituts Berlin über Psychogeographie. Das Schultheiss-Bier selber ist übrigens eine ziemliche Plörre.