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Februar 06, 2012

148 Jahre John Henry Mackay


Eine Opposition zwischen staatssozialistischer und individualanarchistischer Utopie aus dem Jahre 1920 (aus dem letzten Kapitel des Romans Der Freiheitssucher):
"Mußte es wirklich bis zu diesem Äußersten und Letzten kommen? – der Leidensweg der Menschheit bis zu seiner letzten Station durchgangen werden? ...
Es lag einzig und allein an diesen Menschen selbst: ob sie sich in letzter Stunde noch für den einzigen Weg entscheiden würden, der sie vor dem eigenen Untergang bewahren konnte; oder ob sie weiter versuchen würden, einen Orkan mit Gewalt zu beschwören, dessen Ausbruch nur eine Macht auf Erden verhindern konnte – die Macht der Freiheit.
Taten sie es nicht, erkannten sie nicht den Weg, der sie allein noch herausführen konnte aus dem zusammenstürzenden Hause, dann geschah das Unabwendbare: rollte die blutige Welle vom Osten heran über einen in seinen Grundfesten erschütterten Westen, begrub seine Kultur und ersäufte den letzten Schrei nach Freiheit auf unübersehbare Zeit! ...
Dann, wenn aus diesem Kampfe die Gewalt unbezähmbarer und nicht mehr aufzuhaltender Massen als Siegerin hervorgehen sollte und die Allmacht des Staates in den von fanatisierten Gehirnen ausgeklügelten Systemen eines unmöglichen Kommunismus auf der ganzen Linie obsiegte; wenn keiner sich mehr um seine Angelegenheiten kümmern durfte, oder vielmehr: sich nicht zu kümmern brauchte, da es keine »privaten« Angelegenheiten mehr gab, sondern nur noch »öffentliche«;
wenn alle zu besoldeten Angestellten des Staates geworden waren, es also nur noch Beamte gab und das ganze Land eine große Kaserne geworden war;
wenn es nur noch ein Hospital, eine Schule, eine Kirche, eine Familie mehr gab und der ganze Staat ein großes Narrenhaus geworden war, in dem die fixeste Idee die Anwartschaft auf die größte Anerkennung hatte;
wenn die »Aufteilung« aller Vermögen und des Grundbesitzes »zu allgemeiner Zufriedenheit« stattgefunden hatte und keiner irgendetwas tatsächlich sein eigen nennen konnte – es nur noch ein Eigentum gab, an dem alle teilhatten; wenn jeder die ihm festgesetzte Zeit arbeitete, nicht mehr und nicht weniger, und nur, was ihm vorgeschrieben war; wenn Handel und Wandel, die Fabriken und die Bergwerke, die Banken und die Kaufhäuser, alle Transportmittel zu Wasser, zu Lande und in der Luft und der gesamte Verkehr, kurz, die ganze Industrie und alle ihre Betriebe unter Zwangswirtschaft gestellt waren;
wenn das Kinderzeugen, das doch immerhin bisher unter Umständen noch ein Vergnügen gewesen war, der staatlichen Erlaubnis bedurfte und an Stelle der freien Auslese nur noch Zwangsehen vorgeschrieben waren, in denen die Zahl der in die Welt zu setzenden Kinder gemäß der Statistik des für die Allgemeinheit notwendigen Bevölkerungszuwachses normiert war;
wenn Bücher erst geschrieben und veröffentlicht werden durften, nachdem ihr Entwurf eingereicht und dieser »gebilligt« war, und selbst die Dichter nicht mehr ohne vorherige Erlaubnis singen durften (es seien denn Hymnen auf den Staat);
wenn alle Wissenschaft der Kontrolle von »anerkannten Autoritäten« unterstellt und genau vorgeschrieben war, was gelehrt, gelernt, gedacht und erfunden werden durfte;
wenn die Kunst nur noch in Akademien unter der Aufsicht staatlich angestellter Professoren ausgeübt wurde –
wenn so der Staat, der Idealstaat, der Volksstaat, für eine, und sei es noch so kurze Zeit, unmögliche Wirklichkeit geworden, wenn alles, aber auch alles verstaatlicht oder kommunalisiert war;
wenn die gegenseitige Bevormundung ihren Höhepunkt erreicht haben würde – jedes Wort, jeder Blick, jeder Schritt und Tritt beobachtet, bewacht, belauert und kontrolliert wurde;
wenn alle Menschen gleich geworden waren, gleich im Denken und Fühlen, Trachten und Streben, Reden und Handeln, so gleich, daß nur eine Numerierung noch sie voneinander zu unterscheiden vermochte;
wenn die Eintönigkeit und Langeweile dieses endlich erreichten Paradieses auf Erden auch den Stumpfsten zur Verzweiflung getrieben haben würde (während alle anderen längst diese Hölle des Glücks freiwillig verlassen oder sich aufgehängt hatten);
wenn – – –

Aber hier wurde er unterbrochen.
Nein, so weit würde es nicht kommen. So weit gehen wir denn doch nicht mit! –
Als ob es dann noch darauf ankäme, wie weit die dann noch mitwollten, die nun mitgerissen wurden!
Ja, ganz so weit würde es wohl nicht kommen. Aber an dem guten Willen der Gleichheitsfanatiker, die den Stein herabgewälzt und ins Rollen gebracht, lag es sicherlich nicht, wenn ein solcher oder ähnlicher Idealzustand eines sozialistischen Staatswesens, einer Menschheitskommune, eines dritten Reiches nicht erreicht und furchtbare Wirklichkeit wurde, denn jede Gewalt ging immer so weit, wie sie eben gehen konnte, und schreckte vor keiner noch so absurden Zwangsmaßregel zurück, wenn es ihr nur gelang, ihre »Idee« durchzusetzen.
– Was uns von diesem Äußersten bewahrte und allein bewahren würde, war das Maß an Freiheit, das wir uns in dem langen und schweren Kampf der Kultur in diesen letzten Jahrhunderten, nach und nach, aber unentwindbar erworben hatten. Und daß dieser Weg der Kultur aufwärts ging, »in Spiralen« zwar, aber aufwärts, das war unsere beste und letzte Hoffnung.

Aber auch wenn sich die Menschen besinnen würden – und was blieb ihnen schließlich übrig, als sich auf sich selbst zu besinnen? – auch wenn sie sich langsam, und so unbegreiflich widerwillig der Freiheit zugewandt haben und deren stille und doch so zwingende Segnungen offensichtlich eingesetzt haben würden:
wenn der letzte große Kampf, der Kampf zwischen Staat und Individuum, ausgefochten war und mit dem Siege des letzteren über seinen mächtigen Feind geendet hatte;
wenn die gesunde Vernunft den Worten wieder zu dem ihnen innewohnenden Sinn verholfen haben und gegenseitiges Verständnis aus der wahren Erkenntnis der Begriffe wieder ermöglicht sein würde;
wenn die Menschen sich endlich daran gewöhnt haben würden, ihre eigensten Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, statt mit ihnen andere, die sie nichts angingen, zu belästigen, und sich so gezwungen sahen, die Verantwortung für diese ihre Handlungen selbst zu tragen, statt sie jenen anderen aufzubürden;
wenn nach und nach der furchtbare Druck des Staates von ihnen wich und sie sahen, wie schön, reich, sorgenlos und glücklich das Leben sein konnte und wie arm, elend und entwürdigend es gewesen war;
wenn der mißhandelte Begriff der Gleichheit wieder einen Sinn erhalten hatte, den einzigen, den er haben konnte – den der gleichen Freiheit aller;
wenn es keine andere Einkommensquelle mehr gab, als die der Arbeit, und es jede Freiheit gab, außer einer nicht: der auf Kosten anderer;
wenn mehr und mehr erkannt wurde, daß nicht der Wert, sondern allein die Kosten das gerechte Maß des Preises bilden sollten und daß die, welche dieses Prinzip nicht anerkannten, mehr und mehr als Unehrliche und Betrüger gebrandmarkt wurden;
wenn die Nachfrage nach Arbeit das Angebot nach ihr übersteigen und somit der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer nachlaufen würde, statt wie heute der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber, so daß der Arbeiter den Lohn seiner Arbeit selbst zu bestimmen in der Lage war und ihn natürlich nicht unter ihrem vollen Ertrage festsetzen würde;
wenn mit dem Fortfall aller künstlichen Grenzen und Schranken und der Erschließung der natürlichen Reichtümer der Länder deren unerschöpfliche Schätze in ungehindertem und unbelastetem Austausch einander zuströmten;
wenn eine schrankenlose Konkurrenz auf allen Gebieten fortgesetzt die besten Waren zum billigsten Preise auf den Markt warf;
wenn Handel und Wandel blühen, der Austausch einen ungeahnten Aufschwung nehmen, der Unternehmungsgeist beflügelt sein würde;
wenn die Höhlen der Armut und die Schlupfwinkel der Verbrechen allmählich gesunden Eigenheimen auf eigener Scholle weichen mußten;
wenn so der Wohlstand sich langsam, aber stetig heben, die Volksgesundheit sich bessern und die Sterblichkeit sich verringern würde;
wenn ein von Lasten und Abgaben, Steuern und Tributen hundertfacher Art bis zum Ersticken belastetes Volk endlich aufatmen durfte;
wenn jeder nur die Schulden hatte, die er selbst machte, und nicht mehr die zu bezahlen gezwungen war, die andere für ihn machten, und jeder daher über sein Einkommen uneingeschränkt disponieren konnte;
wenn die Menschen, ohne diese ständige Furcht vor Kriegen, Seuchen und wirtschaftlichen Krisen leben durften, selbst ihre eigene Freiheit bewachend und eifersüchtig gegen jeden Eingriff in die endlich als ihr höchstes Gut erkannte;
wenn nicht mehr privilegiertes, sondern freies Geld, statt sich zurückzuhalten, sich überall, gleich jeder anderen Ware anbot und keinem, der wirklich arbeiten wollte, Kredit verweigert wurde;
wenn die Möglichkeit, selbst Maß und Grenze seiner Arbeit zu bestimmen, dem einzelnen Zeit und Muße ließ für Liebhabereien und Neigungen, und so eine gesunde und vernünftige Lebensführung garantierte;
wenn alle Kronen und Szepter, Talare und Rüstungen, Uniformen und Orden nur in den Museen der Vergangenheit noch moderten, um dort als kindische Albernheiten überwundener Zeiten bestaunt und verlacht zu werden;
wenn als größte Beleidigung die Frage: »Was geht dich das an ?« – und als stärkste aller Vermahnungen die: »Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten« gelten würde;
wenn man sich langsam daran gewöhnt haben würde, endlich als Mensch unter gleichberechtigten und selbstbewußten Menschen zu leben, statt unter anmaßenden, gewalttätigen und eingebildeten Beamten einerseits, und autoritätsseligen, verkümmerten und eingeschüchterten »Bürgern« andererseits, unter lauter fleißigen Menschen, statt unter Nichtstuern und Laffen hier, und versklavten Arbeitstieren dort – unter freien Menschen, die sich nichts mehr sagen zu lassen brauchten, aber sich auch nichts mehr herausnehmen durften;
wenn der Kapitalismus, der die Arbeit in der Form des Zinses, und der Kommunismus, der sie »zum Besten aller« bestahl, als das erkannt waren, was sie in Wirklichkeit waren – als Räuber, und so die Frage von Mein und Dein ihrer Klärung um ein gutes Stück näher gerückt war;
wenn die Menschen es endlich satt bekommen hatten, sich in Form von Steuern berauben zu lassen, weder durch die Hand der brutalen Gewalt, noch durch die, welche sich bei brüderlicher Umarmung in ihre Taschen stahl;
wenn die Möglichkeit eines jederzeit freien Berufswechsels, die Aussicht auf eine abwechselungsreiche Tätigkeit, die Arbeitslust hob;
wenn es wieder eine Lust war zu leben: für den Arbeiter, weil er sah, wie sein Kredit sich hob und seine Arbeit sich voll bezahlt machte; für den Kaufmann, weil die Geschäfte florierten; für den Unternehmer, weil sich seiner Initiative alte wie neue Wege erschlossen; und weil allen ihre Arbeit ermöglichte, den Grund zu eigenem Vermögen und damit zu wirtschaftlicher und politischer Unabhängigkeit zu legen;
wenn der Wettbewerb im ganzen Verkehrswesen das Reisen wieder zu einem Vergnügen machte, und das Publikum, statt sich von Eisenbahn und Post, alles, auch das Unmöglichste bieten lassen zu müssen, wieder seine Wünsche äußern durfte, wie deren Erfüllung durchzusetzen imstande war, und der Vergleich sodann ergeben würde, welch gradezu vorsintflutliche Institute beide, Post wie Eisenbahn, unter dem staatlichen Regime und seinen Privilegien gewesen waren;
wenn Gerichte, falls sie sich noch als notwendig erweisen sollten, keine Strafgerichte mehr, sondern nur noch Schiedsgerichte sein würden, und Schadloshaltung das alleinige Prinzip der Strafverfolgung, und an die Stelle ganzer Bibliotheken voll verschimmelter Gesetze das eine, für jeden faßliche getreten war, das oberste, überall und allein gültige: »Achte die Freiheit deines Nächsten, wenn du willst, daß die deine geachtet werde«;
wenn mit zunehmendem Wohlstand das allgemeine Niveau der Bildung sich hob, das Interesse an Kunst und Wissenschaft sich verallgemeinerte und die Liebe zum Schönen nicht nur bei einzelnen, wenigen, sondern – wenn auch nicht bei der Masse – so doch bei den vielen eine Stätte fand;
wenn die Aufhebung jeder geistigen Bevormundung die Kritik entfesselte und es keinen Übelstand mehr gab, der – durch schuldige und schuldbewußte Autoritäten in dieser Kritik unterdrückt und gedeckt – sich der öffentlichen Beurteilung entziehen konnte, sondern vielmehr sofort an den Pranger gestellt wurde; wenn diese selbe Kritik dafür aber gelernt haben würde, an der Schwelle des Hauses haltzumachen und sich aufs strengste jeder Einmischung in private Angelegenheiten zu enthalten, wollte sie nicht eine Entrüstung sondergleichen überall entfachen;
wenn die Geheimsprache, mit der sich die Regierenden, die Diplomaten und die Banken, die Ärzte und die Apotheker wie mit einem Schutzwall umgaben, dem gesunden Verständnis erschlossen war;
wenn nach dem Fortfall der sogenannten Autorenrechte der dann freie Nachdruck der geistigen Produktion eine ungeheure Verbreitung sichern, und nach dem Fall der Patentmonopole der Erfindergeist nicht gelähmt, sondern im Gegenteil beflügelt werden würde;
wenn sich die Menschen überzeugten, um wieviel reiner und schöner die freien Bündnisse der Liebe waren als die dumpfen und engen Betten der Ehe, und wieviel schöner und gesünder die ihnen entsprossenen Kinder, und wie die Freiheit der Liebe der beste Schutz war gegen Verführung, Unsittlichkeit und sexuelle Erkrankungen;
wenn die privaten Schulen in ihren Resultaten die staatlichen weit hinter sich gelassen haben und aus ihnen freie, selbständige und aufrechte Menschen hervorgehen würden, statt verbildete, unfrohe, in ihrem geistigen Wachstum gehinderte und verbogene Staatskrüppel; wenn sich die Universitäten in Wahrheit zu freien Hochschulen gewandelt hatten, statt fälschlich nur den Namen solcher zu tragen; wenn diese und zahllose andere Vorteile der Freiheit greifbar beglückende und nicht mehr leugbare Wirklichkeit geworden waren, weil es keine Macht mehr gab, die natürliche Entwicklung zu ihnen zu hindern, zu unterbinden und zu stören;
wenn alles dies gekommen war, »wie von selbst«, gegen den Willen der Feinde der Freiheit und über sie hinweg, als die natürliche Folge des Sturzes dieser Macht: des Staates –
gewiß: selbst dann würde es immer noch Unbelehrbare geben, deren Vorurteile sich hartnäckig jeder Erkenntnis verschlossen, sogar der der Wirklichkeit, auch dann noch immer solche und neue Feinde der Freiheit nicht bekehrt und weiter am Werke sein, ihr zu schaden, aber in Ohnmacht am zwecklosen Werk, bis auch sie endlich verstummen mußten, weil niemand mehr auf sie hörte und alle sie verlachten! ..."

Februar 06, 2011

147 Jahre John Henry Mackay

Zum zweiten Mal gedenke ich John Henry Mackay, dem deutsch-schottischen Popularisierer des Individualanarchismus, der zu Lebzeiten (1964-1933) auch ein durchaus erfolgreicher Romanautor und Dichter war. Einer der bekannteren Romane Mackays ist der zum Teil autobiographische Text Die Anarchisten: Kulturgemälde aus dem späten 19. Jahrhundert, zuerst 1891 in Zürich erschienen, in welchem Mackay seine Erfahrungen mit den anarchistischen Milieus im London der späten 1880er verarbeitet. Hier die Einleitung des Romans (nach der "Volksausgabe" 1893, S.XIII-XVI):

Einleitung
 
Das Werk der Kunst hat für den Künstler zu sprechen, der es schuf; die Arbeit des betrachtenden Forschers, welcher hinter ihr zurücktrat, erlaubt ihm zu sagen, was ihn trieb, sich zu äußern.
Der Vorwurf der Arbeit, die ich vollende, erlaubt mir nicht nur, sondern verlangt von mir, sie mit einigen Worten zu begleiten.
*
Zuvor das Eine: wer mich nicht kennt und in den folgenden Blättern etwa sensationelle Enthüllungen in der Art jener verlogenen Spekulationen auf die Urtheilslosigkeit des Publikums erwartet, aus welchen dieses seine ganze Kenntniß der anarchistischen Bewegung schöpft, der gebe sich nicht die Mühe, über diese erste Seite hinaus zu lesen.
Auf keinem Gebiet des sozialen Lebens herrscht heute eine heillosere Verworrenheit, eine naivere Oberflächlichkeit, eine gefahdrohendere Unkenntniß, als auf dem des Anarchismus. Die Aussprache des Wortes schon ist wie das Schwenken eines rothen Tuches – in blinder Wuth stürzen die Meisten auf dasselbe los, ohne sich Zeit zu ruhiger Prüfung und Ueberlegung zu lassen. Sie werden auch dieses Werk zerfetzen, ohne es verstanden zu haben. Mich werden ihre Stöße nicht treffen.
*
London und die Ereignisse des Spätjahres 1887 haben mir als Hintergrund meines Gemäldes gedient.
Als ich im Anfang des darauf folgenden Jahres noch einmal für einige Wochen auf den Schauplatz zurückkehrte, hauptsächlich um meine East-End Studien zu vervollständigen, ahnte ich nicht, daß gerade die von mir zu eingehenderer Schilderung gewählte Gegend durch die Frauenmorde Jack »des Aufschlitzers« bald nachher in aller Munde sein würde.
Das Kapitel über Chicago wurde nicht abgeschlossen, ohne daß ich auch das dicke Bilderbuch für große Kinder, mit dem seitdem der Polizeikapitän Michael Schaack den infamen Mord seiner Regierung zu rechtfertigen suchte: "Anarchy and Anarchists" (Chicago, 1889), einer Durchsicht unterzogen hätte. Es ist Nichts weiter, als ein – nicht unwichtiges – Dokument stupider Brutalität sowohl, wie raffinirter Eitelkeit.
Die Namen von Lebenden sind von mir in bewußter Absicht nirgends genannt; der Näherstehende wird trotzdem fast überall unschwer die Züge erkennen, die mir Vorbilder gewesen sind.
*
Zwischen der Niederschrift des ersten und des letzten Kapitels liegen drei Jahre. Immer neu auftauchende Zweifel zwangen mich immer wieder, oft auf lange hinaus, zur Unterbrechung der Arbeit. Ich begann sie vielleicht zu früh; zu spät beende ich sie nicht.
Nicht jede Seite der Frage konnte ich erschöpfen; meist war es mir nicht vergönnt mehr zu geben, als die Schlußsätze oft langer Gedankenreihen. Die völlige Unvereinbarkeit anarchistischer und kommunistischer Weltanschauung, die Zwecklosigkeit und Schädlichkeit gewaltsamer Taktik, sowie die Unmöglichkeit irgend einer "Lösung der sozialen Frage" durch den Staat hoffe ich bewiesen zu haben.
*
Das neunzehnte Jahrhundert hat die Idee der Anarchie geboren. In seinen vierziger Jahren wurde der Grenzstein zwischen der alten Welt der Knechtschaft und der neuen der Freiheit gesetzt. Denn es war in diesem Jahrzehnt, daß P. J. Proudhon die titanische Arbeit seines Lebens mit: "Qu'est-ce que la propriété?" (1840) begann und Max Stirner sein unsterbliches Werk: "Der Einzige und sein Eigenthum" (1845) schrieb.
Sie konnte vergraben werden unter dem Staube zeitweiligen Rückschrittes der Kultur. Aber sie ist unvergänglich.
Sie ist bereits wieder erwacht.
Seit zehn Jahren kämpft in Boston, Mass., mein Freund Benj. R. Tucker mit der unbesieglichen Waffe seiner "Liberty" für Anarchie in der neuen Welt. Oft habe ich in den einsamen Stunden meiner Kämpfe meinen Blick auf das funkelnde Licht gerichtet, das von dort aus die Nächte zu erhellen beginnt ...
*
Als ich vor nun drei Jahren die Gedichte meines "Sturm" der Öffentlichkeit übergab, begrüßten mich freundliche Stimmen als den "ersten Sänger der Anarchie".
Ich bin stolz auf diesen Namen.
Aber ich bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß es heute nicht so sehr darauf ankommt, Begeisterung für die Freiheit zu erwecken, als vielmehr von der unbedingten Nothwendigkeit ökonomischer Unabhängigkeit, ohne welche sie ewig der wesenlose Traum der Schwärmer bleiben wird, zu überzeugen.
In diesen Tagen der wachsenden Reaktion, die in dem Siege des Staats-Sozialismus ihren Höhepunkt erreichen wird, ist die Forderung unabweisbar für mich geworden, hier auch der erste Verfechter der anarchistischen Idee zu sein.
Ich hoffe, ich habe meine letzte Lanze für die Freiheit noch nicht gebrochen.

Rom, im Frühjahr 1891

Bonus: Eine weitere Vertonung eines Mackay-Gedichtes durch Richard Strauss: Verführung, gesungen vom Tenor Peter Anders, begleitet von den Berlinern Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler (1942).

Februar 06, 2010

146 Jahre John Henry Mackay

Als nächstem in der Reihe der libertären "Geburtstagskinder" widmen wir uns heute dem Stirner-Popularisierer, Individualanarchisten und Skandalautor John Henry Mackay. Hier ein Auszug aus seinem Roman Der Freiheitssucher von 1921 (integral einzusehen auf Projekt Gutenberg-DE), eine Art Glaubensbekenntnis aus dem zehnten und letzten Kapitel:

"Was läßt sich inzwischen tun gegenüber dieser so festgegründeten, nach allen Richtungen hin ausgebauten und scheinbar so unbezwinglichen Gewalt des Staates?
Viel. – Unendlich viel.
Vor allem dies: sich selbst dieser Gewalt entziehen; nicht mitmachen; beiseitestehen.
Denn nicht nur auf das, was ein Mensch tut, kommt es an, sondern oft noch weit mehr auf das, was er unterläßt.
Sich nicht an die Krippe des Staates drängen, als sei sie die einzige Futterstelle; keine »Ehre« darin suchen, einer so verächtlichen Institution, wie er, der Staat, es ist, zu dienen, sondern es als eine Schande betrachten, seine Kraft und Hilfe in den Dienst einer so schlechten Sache zu stellen; auf jede solche, nur mit der eigenen Entwürdigung erkaufte, sogenannte »gesicherte Lebensstellung« verzichten, wie auf alle diese lächerlichen Titel, Orden und Auszeichnungen; vor der Obrigkeit und ihren Organen nicht bei jeder Gelegenheit kriechen und betteln, um sie so in ihrem Hochmutsdünkel auch noch zu bestärken, sondern ihnen entgegentreten, wie anderen Menschen auch, und von ihnen verlangen, anständig behandelt zu werden; nicht in der Ehe, sondern in freien Bündnissen, in gesonderten Haushaltungen und daher unangreifbar gegen jede freche Einmischung von außen, sein Glück suchen und finden; seine Kinder selbst unterrichten oder von selbstgewählten und selbstbezahlten Kräften unterrichten lassen, statt sie fremden Händen auszuliefern, und ihnen von früh auf zeigen, in welcher Welt sie lebten und in welcher sie leben sollten; dem Staat und ebenso der Gemeinde ihre Steuern nicht hintragen, sondern sie sich holen lassen und erst im äußersten Notfall (und dann auch noch unter immer wiederholtem Protest) bezahlen; die Existenz dieses Staates und dieser Gemeinden negieren und sie nur in Anspruch nehmen, wenn das eigene Interesse es gebieterisch erforderte – mit einem Wort: dem Angreifer und seinen Helfershelfern bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Leben so sauer wie nur möglich machen, ihn ärgern, ermüden, enervieren durch Sabotage und passive Resistenz, wo es nur ging – so durch das eigene Leben ein stilles, und eindringliches Beispiel geben, daß es ging, wenn man nur wollte; das und noch manches andere konnte jeder tun, und konnte es schon heute!

Aber der Arbeiter, wurde er gefragt, was konnte der Arbeiter tun, der keine Steuern zahlte, weil er kein Einkommen hatte, das der Besteuerung wert gewesen wäre, und der daher auch keine Steuern verweigern konnte?
Ebenfalls viel.
Alles, was Politik hieß, perhorreszieren; keine politische Partei durch seinen Beitritt stärken; keiner wie immer gearteten Führerschaft Gefolge leisten; sich jeder Wahl enthalten und unter Protest gegen den ganzen Wahlschwindel; die eigene Lage und das, worauf es allein ankam, endlich begreifen lernen – begreifen, daß es besser war, statt darüber zu reden, ob statt zehn nur acht Stunden gearbeitet werden solle, einen Zustand zu erkennen, in dem nur zwei oder drei Stunden gearbeitet zu werden brauchte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen – mit einem Wort: begreifen, daß die soziale Frage keine politische, sondern eine soziale Frage war und daß sie deshalb so hieß; und daß er, der Arbeiter, eine Waffe besaß, die an der rechten Stelle und zur rechten Zeit, überlegen und klug angewandt, ihn unbesiegbar machte – den Streik.
Dies alles und vieles andere konnte getan werden, wenn es nur getan werden wollte: die Bücher und Flugschriften der Literatur dieser Weltanschauung des individualistischen Anarchismus – (und welche Weltanschauung hatte in den drei Kultursprachen, der französischen, der englischen, der deutschen eine solche Literatur!) – diese in die Ecke gedrückte, überall totgeschwiegene, verfemte Literatur, konnte verbreitet werden, unablässig und überallhin, wo es nur ging; wer reden konnte, mochte reden; wer schreiben, schreiben; und wer nicht selbst bauen konnte, sollte wenigstens helfen, Steine zum Bau herbeizutragen, um so die Mittel zu schaffen, ihn zu vollenden. Und der Einzelne bei allem immer neue Kraft aus dem Gedanken schöpfen, daß die Sache der Freiheit seine Freiheit war und die eigene Befreiung der Lohn für alle Mühen. Würde so, dort wie hier, gehandelt werden, – wahrlich! – der Tag konnte nicht mehr fern sein, wo das soziale Problem seiner tatsächlichen Lösung entgegenging, statt, wie heute, nur erst als Forderung auf dem Papier zu stehen.

Denn wenn es eine Utopie gab, so war es die Utopie der Gewalt. »Utopisten« schalten die Feinde der Freiheit deren Freunde.
Aber nicht die Freiheit, sondern die Gewalt war eine Utopie – ein auf die Dauer unhaltbarer und unmöglicher Zustand der menschlichen Gesellschaft.
Die paar Jahrtausende der Menschheitsgeschichte, die sich übersehen ließen, von ihren barbarischen Urzuständen an bis herauf zu den, leider in vielem noch ebenso barbarischen Zuständen unserer Tage – was waren sie anders, als ein unausgesetzter Kampf um die Gewalt? – als ein ewiger Wechsel dieser Gewalt zu immer neuen Formen ohne die Möglichkeit, sich in einer von ihnen ständig zu behaupten – was waren sie anders als ein vergeblicher Kampf? –
Was waren sie anders, als ein Kampf der Freiheit eben gegen diese Gewalt, der Kampf der einen um ihre Freiheit gegen die Unterdrückungsversuche der anderen? –
Und was waren sie anders, als ein steter, wenn auch langsamer Sieg der Freiheit und ein immer neues Unterliegen der Gewalt? –
Denn die Freiheit war die Siegerin und mußte es sein, weil sie der natürliche Zustand der Gesellschaft war, der einzige, der endlich nach den endlosen Kämpfen von Dauer sein würde.
Die Gewalt war die Utopie, und alle Versuche, ihren Zustand zu einem dauernden zu machen, ein immer neuer Fehlschlag der Feinde der Freiheit, und diese ihre Feinde, nicht ihre Freunde, in Wahrheit – Utopisten!"

Bonus: Aafje Heynis singt Richard Strauss' Vertonung von Mackays Gedicht Morgen!