Oktober 25, 2009

203 Jahre Max Stirner

"Zu dem Kapitel der Gesellschaft gehört auch »die Partei«, deren Lob man jüngst gesungen hat.
Im Staate gilt die Partei. »Partei, Partei, wer sollte sie nicht nehmen!« Der Einzelne aber ist einzig, kein Glied der Partei. Er vereinigt sich frei und trennt sich wieder frei. Die Partei ist nichts als ein Staat im Staate, und in diesem kleineren Bienenstaate soll dann ebenso wieder »Friede« herrschen, wie im größeren. Gerade diejenigen, welche am lautesten rufen, dass im Staate eine Opposition sein müsse, eifern gegen jede Uneinigkeit der Partei. Ein Beweis, wie auch sie nur einen - Staat wollen. Nicht am Staate, sondern am Einzigen zerscheitern alle Parteien.
Nichts hört man jetzt häufiger als die Ermahnung, seiner Partei treu zu bleiben, nichts verachten Parteimenschen so sehr als einen Parteigänger. Man muss mit seiner Partei durch dick und dünn laufen und ihre Hauptgrundsätze unbedingt gutheißen und vertreten. Ganz so schlimm wie mit geschlossenen Gesellschaften steht es zwar hier nicht, weil jene ihre Mitglieder an feste Gesetze oder Statuten binden (z.B. die Orden, die Gesellschaft Jesu usw.). Aber die Partei hört doch in demselben Augenblicke auf, Verein zu sein, wo sie gewisse Prinzipien bindend macht und sie vor Angriffen gesichert wissen will; dieser Augenblick ist aber gerade der Geburtsakt der Partei. Sie ist als Partei schon eine geborne Gesellschaft, ein toter Verein, eine fix gewordene Idee. Als Partei des Absolutismus kann sie nicht wollen, dass ihre Mitglieder an der unumstößlichen Wahrheit dieses Prinzips zweifeln; sie könnten diesen Zweifel nur hegen, wenn sie egoistisch genug wären, noch etwas außer ihrer Partei sein zu wollen, d.h. unparteiische. Unparteiisch vermögen sie nicht als Parteimenschen zu sein, sondern nur als Egoisten. Bist Du Protestant und gehörst zu dieser Partei, so darfst Du den Protestantismus nur rechtfertigen, allenfalls »reinigen«, nicht verwerfen; bist Du Christ und gehörst unter den Menschen zur christlichen Partei, so kannst Du nicht als Mitglied dieser Partei, sondern nur dann, wenn Dich dein Egoismus, d.h. Unparteilichkeit, dazu treibt, darüber hinausgehen. Welche Anstrengungen haben die Christen bis auf Hegel und die Kommunisten herab gemacht, um ihre Partei stark zu machen; sie blieben dabei, dass das Christentum die ewige Wahrheit enthalten müsse, und man sie nur herauszufinden, festzustellen und zu rechtfertigen brauche.
Kurz die Partei verträgt nicht die Unparteilichkeit, und in dieser eben erscheint der Egoismus. Was schiert Mich die Partei. Ich werde doch genug finden, die sich mit Mir vereinigen, ohne zu meiner Fahne zu schwören."
aus: Max Stirner (d.i. Johann Caspar Schmidt), Der Einzige und sein Eigentum, Reclam-Ausgabe, S.259-261.

Bonus: Estlands bekannteste Punk-Band (nun gut, die einzige estnische Punk-Band, die ich kenne) Vennaskond verbreiten die reine egoistische Lehre in der estnischen Provinz:


Oktober 24, 2009

In defense of Progressive Rock (4): Peter Hammill / Van der Graaf Generator

Van der Graaf Generator - Theme One (1972)
 

"That proclivity for cacophony and chaos, as opposed to longevity and commercial reward [...], and an inability to understand the word "compromise" meant that Van der Graaf Generator had a surprising amount in common with the more interesting members of the subsequent punk and post-punk generations. Punk's rejection of musicianship, artistry, and complexity might have appeared diametrically opposed to VdGG's core characteristics, which were the very things the class of '76 supposedly sought to purge. However, something in their aesthetic definitely resonated with figures like Mark E. Smith, Howard Devoto, John Lydon, and Nick Cave, all of whom have expressed admiration for the band. Most famously, during a July 1977 Capitol Radio show, Lydon treated listeners to some of his favorite tunes: alongside surprising inclusions like Captain Beefheart and Tim Buckley, Lydon included a track from Peter Hammill's 1975 solo album Nadir's Big Chance, recorded with Banton, Jackson and Evans." (Originalkontext).

John Lydon aka Johnny Rotten schon wieder (nach Tulls Aqualung) als Prog-Fan? Mochte gar besonders Van der Graaf Generator, die 23minütige Songs namens "A plague of lighthouse keepers" oder Albentitel wie H to He who am the only one aufzuweisen haben, auf dem gleichen Label wie Genesis (Charisma) erschienen und auch den gleichen Cover-Maler benutzten (Paul Whitehead). War das T-Shirt "I hate Pink Floyd" etwa ein Missverständnis? In der Tat hasst jeder "Proggie" der reinen Schule die Post-Syd Barrett-Pink Floyd, die als die Prog-Band schlechthin gelten, dabei allerdings zumeist "traditionellen Blues-Strukturen" verhaftet bleiben. Wie dem auch sei, dass Lydon/Rotten ein Stück vom Album Nadir's Big Chance spielte, mag weniger zu überraschen, wenn man sich den Titeltrack dieses Albums anhört:



Oktober 22, 2009

Brassens

...und hier wieder ein Beitrag in unserer höchst unregelmäßigen Reihe des Begehens von Geburts- oder Todestagen anarchistischer Größen der Vergangenheit: Georges Brassens wäre heute 88 Jahre alt geworden.
Zur Feier des Tages: die Ballade des gens qui sont nés quelque part.


Oktober 21, 2009

They guard our mails!

Real Life Comics #44 (1948)

Oktober 14, 2009

In defense of Progressive Rock (3): King Crimson

Larks' Tongues in Aspic: wohl die Geburtsstunde des Prog-Metal; ursprünglich aufgenommen 1973, hier eine Live-Version aus dem Jahr 1984 (mit Gruß zurück an Entdinglichung).



Bonus: Robert Fripp im Interview 1979 - Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4. Lang, aber unterhaltsam.

Neues Update erst nächste Woche: ich bin die kommenden Tage unterwegs.

Oktober 13, 2009

Ostrom zum Zweiten

Auch Reason gibt der frischgebackenen Nobelpreisträgerin libertäre Credentials:
"When economists show that market arrangements fail, they usually make the simple recommendation that 'the' state should take care of these problems. Elinor Ostrom has demonstrated empirically that 'the' state may not be 'the' solution. Her work argues for the wisdom of institutional diversity, looking to individuals to solve problems rather than relying on top down, one-size-fits-all solutions. The conventional wisdom assumes that natural resources and environmental problems should be solved in a centralized - and if possible, global - manner. Through innovative analysis in the field, in the experimental laboratory, and in theory, Ostrom’s work has show that creative solutions to problems such as the depletion of common pool resources exist outside of the sphere of national governments. Weiterlesen...  

Die taz hingegen sieht Ostrom in einer Reihe mit dem Keynesianer Krugman und dem eher sozialliberalen Amartya Sen (der für die Presse als "links" gilt, weil er aus Indien kommt) als weiteres "Feigenblatt" in einer "Bastion der Marktradikalen". Tja, seltsam dann, dass die gleichen "Marktradikalen" den Daumen hoch heben. Aber das übersteigt wohl den Horizont der taz.

Oktober 12, 2009

Ja, wat denn nu?

Zuerst lese ich auf Tagesschau.de dass mit Elinor Ostrom eine gestandene Antiliberale den Wirtschaftsnobelpreis gewinnt: "Die 1933 geborene Ostrom werde für ihre Arbeit zu Gemeinschaftseigentum ausgezeichnet, teilte das Komitee weiter mit. Die Wissenschaftlerin geht dabei der Frage nach, wie öffentliche Güter - etwa Weideland oder Fischgründe - durch Nutzergemeinschaften verwaltet werden können. Dabei widerlegte sie die gängige Theorie, wonach Gemeinschaftseigentum von den Nutzern ausgebeutet wird und deswegen entweder reguliert oder privatisiert werden sollte."

In freudiger Erwartung der dort zu erwartenden Wutausbrüche über die Preisverleihung an eine Bolschewikin eile ich zum Mises Economics Blog, und siehe da: dort freut man sich, dass zum ersten Mal seit Friedrich Hayek 1974 zwei zumindest ansatzweise der "Austrian School of Economics" nahe stehenden Ökonomen den Nobelpreis erhalten haben. Huh?

Vielleicht sollte man sich mit den beiden Gewinnern dieses Jahres mal genauer auseinandersetzen. Insbesondere Ostrom hört sich eigentlich nach libertärem Sozialismus an: "Ostrom's work is about how commons problems can be solved locally, from the bottom up without centralized state authority. Its all about how you can get social cooperation even when something can't (technologically) be chopped into parcels of private property." (Kommentar Adam Martin auf dem oben verlinkten Mises Blog). Ja, ich glaube, da werde ich bei Gelegenheit einen Blick reinwerfen.

Oktober 11, 2009

In defense of Progressive Rock (2): Jethro Tull



Anonym hat unten im Kommentar geschrieben:
"Wenn auch der Anti-Intellektualismus der "zu viele Noten"-Schreier zurückzuweisen ist, so war doch Punk zumindest eine verständliche Reaktion auf die ungebrochene Positivität von Prog-Rock-Bands wie Jethro Tull, die einem als erleuchtete, weise Männer sonstwas vom Pferd erzählt haben, wie magisch und toll doch die Welt ist.
Interessant in diesem Zusammenhang finde ich Frank Zappa und Captain Beefheart, die zuweilen auch in die Prog-Ecke gesteckt werden, sich aber massiv von Bands wie Yes oder Genesis abgegrenzt haben und immer eine passende Polemik gegen die Hippies auf den Lippen hatten..."

Dass Zappa und Beefheart (die ich eigentlich nicht, oder nur am Rande dem Prog zurechnen würde), sich irgendwann "massiv" von Yes und Genesis abgegrenzt haben, ist mir eigentlich neu; ich dachte eher, die hätten solche Bands schlicht und einfach ignoriert. Eigentlich zeigt der Kommentar aber auf, wie viele Vorurteile es schlicht und einfach zum Progressivrock gibt. Ausgerechnet Jethro Tull als Auswuchs "ungebrochener Positivität" - dabei besteht Tulls erfolgreichstes Album, das oben im Video erwähnte Aqualung, zur Hälfte aus einer Songsuite über einen Kinderschänder mit Atemproblemen; die andere Hälfte besteht aus einem Generalangriff gegen jegliche Religion.

Überhaupt sind Tull, mit ihren ironischen bis sarkastischen, häufig ziemlich düsteren Texten, und ihrem skurillen (manchmal auch recht platten) Humor gar nicht so weit von Beefheart oder Zappa entfernt (man siehe etwa "The hare who lost his spectacles" von A passion play). Tulls progressives Meisterwerk Thick as a brick wird vom Bandleader Ian Anderson auch regelmässig als Parodie der Konzeptalben von Bands wie Yes oder ELP abgetan. Das Album besteht aus einem einzigen Titel, der 45 Minuten dauert, und ist angeblich die Vertonung eines Gedichts des 8jährigen Wunderkinds Gerald Bostock, genannt "Little Milton".

Hier jedoch ein späteres (und rockigeres) Werk von Tull: Heavy Horses (1978)



P.S. A propos Hippies dissen: "The reason I didn’t want to play Woodstock is because I asked our manager, Terry Ellis, 'Well, who else is going to be there?' And he listed a large number of groups who were reputedly going to play, and that it was going to be a hippie festival, and I said, 'Will there be lots of naked ladies? And will there be taking drugs and drinking lots of beer, and fooling around in the mud?' Because rain was forecast. And he said, 'Oh, yeah.' So I said, 'Right. I don’t want to go.' Because I don’t like hippies, and I’m usually rather put off by naked ladies unless the time is right. Well, indeed, unless the money’s right." (Kontext)

Oktober 10, 2009

We're all Keynesians now

Neue Töne bei der letzten Bastion des Marxismus-Leninismus reinsten Wassers in Luxemburg, der KPL: nicht nur dass die Kommunisten sich neuerdings dann doch wieder eine Allianz mit der Linken vorstellen können (und von einer "Bündelung aller Linkskräfte" spricht, die man erreichen müsste), sie empfehlen im Übrigen der CSV-LSAP-Regierung sich der Rezepte des rooseveltschen New Deals bedienen, um der Krise beizukommen (Luxemburger Wort vom 10.10.09). Und das von der Partei, die im Wahlkampf beständig wiederholt hat, sie wolle "als einzige politische Kraft" den Kapitalismus "nicht retten, sondern abschaffen"...

Willkommen im Verein











Oktober 04, 2009

Free Tibet? Free Humanity!

Wütender Beitrag heute auf Strike the root gegen jeglichen Nationalstaat, a forteriori gegen jegliche nationale "Befreiung"sbewegung. Sehr schön, wenn auch natürlich etwas arg undifferenziert...

In defense of Progressive Rock (1)

Alle Popkritiker und -historiker sind sich einig: Gottseidank wurde die progressive Rockmusik 1977 von Punk und New Wave hinweggefegt, gewann der Rock'n'Roll dadurch seinen verloren gegangenen rebellischen Geist zurück. Erst vor kurzem, während meines Urlaubs, konnte ich auf Arte zwei Teile der Serie über die 1980er Jahre, pardon "die Eighties", sehen, in der genau dieser Diskurs wieder abgespult wurde, und zum "Beleg" für das Prätentiöse des "Prog"ein zwanzigsekundiger Videoausschnitt, ich glaube von Yes, herhalten musste. Vor einigen Jahren folgte ich selber noch der herrschenden Geschichtsauffassung ("was man in drei Minuten nicht sagen kann, wird man auch in zwanzig Minuten nicht ausdrücken können!"), mittlerweile frage ich mich jedoch, ob man nicht diejenigen, die schon bei Mozart "Zu viele Noten!" geschrieen haben, zu "Revolutionären" gemacht hat, und ob "Keine Experimente!" wirklich als Umwertung aller Werte herhalten kann.

Wohl die meistgehassteste Prog-Band aller Zeiten sind Emerson, Lake and Palmer, die als Inbegriff eines saft- und kraftlosen, mit einem übertriebenen intellektuellen Anspruch behafteten, bis ins Lächerliche bombastischen Stadion-Rock gelten, und noch dazu einen Namen haben, der eher an eine Anwaltskanzlei als an eine Rockband erinnert. In einer Umfrage im Jahr 2003 wurde ELP zur zweitschlechtesten Band aller Zeiten gewählt (hinter der Insane Clown Posse), vermutlich von Leuten, die noch nie im Leben ein Album von Emerson, Lake and Palmer gehört haben.

Also, Ladies and Gentlemen, so klingt die zweitschlechteste Band aller Zeiten:

Knife Edge (1970)


Und so sahen ELP bei ihrem Comeback-Versuch 1993 aus:


P.S. Sehr schön fand ich allerdings anno dazumal eine Kritik des Sven Väth-Albums The Harlequin, The Robot and The Ballet Dancer in einer Techno-Gazette (evt. die Frontpage): er hätte das Album auch gleich The Emerson, The Lake and The Palmer nennen können.

Oktober 01, 2009

September 28, 2009

Völker, hört die Signale! Auf zum jüngsten Gericht!

"During a visit to the sacred city of Mashhad in northern Iran, Venezuelan President Hugo Chavez said to his host, Iranian President Mahmoud Ahmadinejad, that Jesus and the Mahdi (the Shi'ite messiah) will arrive soon and establish justice in the world.
Chavez also said that, starting October 2009, Venezuela will export to Iran 20,000 barrels/day of refined oil, at a cost of $200 million.

Source: Mehr (Iran), September 6, 2009"

(via Memri)

September 27, 2009

September 26, 2009

Die Pointe

September 25, 2009

Kreditknauserigkeit der Banken, Anno 1946

Text und Zeichungen: Art Helfant. Aus: Blue Bolt v7 # 1, Juni 1946.

Fortsetzung folgt...

September 23, 2009

Pitiyanquis de mierda! Compre nuestro petróleo!

Wer finanziert die "bolivarische Revolution"? Na, die "Pitiyanquis", wer denn sonst! Wie man oben sehen kann, hat der Anteil der USA an den Erdölexporten Venezuelas, trotz aller Geschäftemacherei mit China, Russland und den meisten anderen autoritären Regimen dieser Welt, trotz aller nationalistischer Rhetorik, seit dem Beginn der Ära Chavez im Jahr 1998 nie gekannte Höhen erreicht (gleichzeitig ist der Anteil der Erdölproduktion an der gesamten Exportwirtschaft ebenfalls weiter angestiegen).

September 21, 2009

"Wahl ohne Qual", Anno 1932

Aus einem Gedicht des Gesellianers Eugen Graske, veröffentlicht im Bändchen Der politische Freiheitskampf gegen Kapitalismus und Marxismus, Erfurt, 1932 (zugleich Band 17 der "Wissenschaftlichen Schriftenreihe" der Freiwirtschaftlichen Zeitung):

Bist du ein Ritter, hast du ein Gut,
fließt in den Adern blaues Blut,
Und schwärmst für Zölle, alte Zeit,
Dann wähle stramm - wenn es so weit:
Deutschnational.

Willst du als echter Deutscher schlemmen,
Ein Monopol dein eigen nennen,
Von hohen Löhnen macht dich frei
Durch Dingeldey
Die Volkspartei.

Bist mit dem Zustand du zufrieden,
Suchst du allein im Jenseits Frieden,
Vertraust auf Gott und deine Leiter;
gehab dich wohl, vertraue weiter:
Zentrum.

[Demokraten und Wirtschaftspartei überspring' ich mal.]

Doch auf des Staates höchste Stufen
Wird man dich Arbeitsmann berufen,
Sei wie ein Fuchs, gehörst zur Clique,
Und - lenkst des Arbeiters Geschicke:
SPD.

Du rechnest zu den "Radikalen",
Weil eingeseift du bist zumalen?
Die Bourgeois willst du vernichten,
Die Staatsfabrik sodann errichten?
KPD

Es fehle nicht der letzte Streich:
Der Eingang in das "Dritte Reich".
Für Kasernierung, Schipp-Hurra,
Zur Vornotierung stehen da:
NSDAP

[es folgt dann noch der obligatorische Wahlaufruf für die längst vergessene "Freiwirtschaftliche Partei Deutschlands" (FPD), auf dass "die Volksgemeinschaft uns beschieden" (sic!)]

September 19, 2009

Einiges Lesenswertes aus letzter Zeit

- Caracas Gringo gab einige Hintergrundorganisationen zur bonapartistischen... pardon bolivarischen Revolution in Venezuela, insbesondere zu Diosdado Cabello, dem Minister für öffentliche Bauten und Wohnungsbau, und seinem Umfeld.

- Principia Dialectica brachte Marc Geoffroys Generalabrechnung mit der nationalen Befreiungsarmee der Zapatisten im Chiapas (die ja auch in libertärsozialistischen Kreisen häufig beklatscht wird), aus dem Jahre 1995.

- Sean Gabb von der rechtslibertären "Libertarian Alliance" aus Grossbritannien hat einen lesenwerten Artikel über die Frage der Krankenversicherung geschrieben: wieso das derzeitige amerikanische System nicht funktioniert und ungerecht ist, wieso das "sozialisierte" britische System auch nicht besser ist, und was libertäre Vorschläge sein könnten (insbesondere eine drastische Kostensenkung durch Abschaffung der Patentierung von Medikamenten). Sehr ähnlich argumentiert auch, aus etwas linkerer Perspektive, Gary Chartier auf der Seite des Center for a Stateless Society.

- Eine kurz vor Kopenhagen politisch wohl eher inopportune Nachricht: zum zweiten Jahr hintereinander ist das Schmelzen der Polarkappe in der Arktis im Vergleich zum Vorjahr rückläufig (hier und hier). Ist die Talsohle also 2007 erreicht worden? Warten wir die kommenden Jahre ab...

- ...und eine wahre Schatztruhe an französischer Sozialistika hat La Bataille Socialiste letztens verlinkt: die 40 Bände der Révolutions du XIXe siècle, darunter aus linkslibertärer Sicht besonders interessant: die komplette Ausgabe der Zeitung La Mutualité. Journal du Travail von 1865-1866.

Italienisches zum Sommerausklang

Le Orme - Ad Gloriam (1968), bebildert mit Auszügen aus Filmen von Risi, Pasolini, Antonioni und Germi.

September 18, 2009

Wider die Widerspruchslosigkeit

Und noch ein Zitat:
"Bastiat spottet [...], Proudhon habe ihm einmal gesagt, er fände das Paradies langweilig, weil der Widerspruch dort fortfiele."
(aus Carl Ludwig Michelets Naturrecht oder Rechts-Philosophie als die praktische Philosophie, enthaltend Rechts-, Sitten- und Gesellschaftslehre, Band 1, Berlin, 1866, S.37.)

September 16, 2009

Warten auf den Aufschwung, Anno 1939

Hat was von Führerbunker: US-Finanzminister Henry Morgenthau, Jr. (ja, das ist der, der Deutschland zerschlagen und in ein Agrarland verwandeln wollte) verzweifelt an der Krisenbekämpfung.

"[U.S. Treasury Secretary Henry Morgenthau, Jr.]: No, gentlemen, we have tried spending money. We are spending more than we have ever spent before and it does not work. And I have just one interest, and if I am wrong, as far as I am concerned, somebody else can have my job. I wantto see this country prosperous. I want to see people get a job. I want to see people get enough to eat. We have never made good on our promises…

But why not let’s come to grips? And as I say, all I am interested in is to really see this country prosperous and this form of Government continue, because after eight years if we can’t make a success somebody else is going to claim the right to make it and he’s got the right to make the trial. I say after eight years of this Administration we have just as much unemployment as when we started.

Mr. Doughton: And an enormous debt to boot!

HMJr.: And an enormous debt to boot! We are just sitting here and fiddling and I am just wearing myself out and getting sick. Because why? I can’t see any daylight. I want it for my people, for my children, and your children. I want to see some daylight and I don’t see it…"

—Transcript of private meeting at the Treasury Department, May 9, 1939, F.D. Roosevelt Presidential Library

(zitiert nach: Econ Journal Watch, vol. VI, 3, September 2009).

September 15, 2009

We're all Attacies now

Zitat des Tages: "Bei G-20-Treffen demonstrieren die Attac-Leute gegen Politiker, die ihre Zielsetzung im Grunde teilen." (Peer Steinbrück, Lehman-taz von heute).

September 12, 2009

Si tacuisses, Jhang

"Mit Blick auf die Zukunft betonte Asselborn, die internationale Gemeinschaft habe erst gewonnen, wenn die Taliban eines Tages mit in der Regierung seien." (Quelle).

Für unseren Außenminister ist also das Ziel des NATO-Einsatzes in Afghanistan nunmehr, dass die Taliban wieder an die Macht kommen sollen (wenn auch in einer "Regierung der nationalen Einheit" mit Karzai und Abdullah. "Regierungen der nationalen Einheit" sind für unsere Politiker sowieso immer das Allheilmittel für alle möglichen Krisenregionen, in Entwicklungsländern so dass man sich fragen kann, wieso sie gleichzeitig auf dem Abhalten von pluralistischen Wahlen bestehen. Man wählt, damit sich am Ende sowieso alle in einer Einheitsregierung zusammen raufen?). Gibt's dann endlich wieder mediengerechte Hinrichtungen im Stadion von Kabul?

Ein paar Infos über die Wohltaten der letzten Amtsperiode der Koranschüler auf dieser älteren Webseite: http://www.hazara.net/taliban/taliban.html

Ringo Starr Week: Ja, er lebt noch...

...singt aber schon Lieder über das Leben nach dem Tod:

R U Ready? (2008)



Th-th-that's all Folks!

September 11, 2009

Ringo Starr Week: Free Drinks!

Ringos Reminiszenz an seinen Lebenswandel in den späten 1970ern, vom Album Choose Love (2005):

September 10, 2009

Ringo Starr Week: Movie Starr

Neben seiner musikalischen Karriere ist sie etwas in Vergessenheit geraten: Ringos Filmkarriere. Hier ein Überblick über einige von Ringos schönsten Rollen:

Als 50er-Jahre Rocker "Mike" in That'll be the day...

Als Papst in Lisztomania, einem Film, wie er heute wohl kaum noch gedreht werden könnte...

Als Spaghetti-Western-Held in Blindman...

Als Frank Zappa-Double "Larry the Dwarf" in Frank Zappas 200 Motels...

Als mexikanischer Gärtner in der Erotik-Komödie Candy...

...und als Mock die Schildkröte in Alice im Wunderland:


September 09, 2009

Ringo Starr Week: Act Naturally

Aus gegebenem Anlass: Ringo und seine Backing-Band covern 1965 einen alten Buck Owens-Titel.



Mehr zu Ringos "natural acting" morgen.

September 08, 2009

Ringo Starr Week: Werbepause





Intellektuelle Cretins

Teodoro Petkoff über Oliver Stones und Noam Chomskys rezente Lobhudeleien für Chavez:

"One might even be sympathetic to people like Noam Chomsky or Oliver Stone. They are part of a left so very, very powerless in their own country, that every time they see a Third World military such as Chávez or a guerrilla, even one of papier-mache as the ineffable Marcos, who sticks his finger in the eye to gringos - verbally, of course - they cling to their epaulets and live, then, vicariously, the "revolution" for which they feel that there's no room in [North] America.

So there we must offer a bit of indulgence with the political idiocy that characterizes them. Only political cretinism, because, on the other hand, these are people whose talent can not be ignored. And this is why their behavior is so damaging.

They are not mercenaries or bought. Unlike rabble like Ignacio Ramonet, for example, who everyone knows is a cynic who charges Chavez for writing in his favor, Stone and Chomsky are honest people who believe in what they say and who are also outstanding in their specific fields of knowledge. Would we not have discovered faster the treachery that was the Soviet Union had it not not been for hundreds and hundreds of some of the brightest intellectuals of the world singing the praises of daddy Stalin and his successors ? Now we have Oliver Stone to sell the world the image of Chacumbele [Chavez], based on lot the tall tales he sold him and that Stone bought without even making an inventory, not even bothering to compare them against some piece of the Venezuelan reality.

You read that immense and river like book that Neruda's Canto General is and when you stumble on the "Song of Stalin", yet one wonders how could Neruda, with all his genius, could write such a great stupidity. One wonders if this Oliver Stone of "South of the Border" is the same as the one of "Platoon"."

(via Venezuela News and Views)

September 07, 2009

Ringo Starr Week: Klaatu barada nikto!

Only you (1974)



mit Harry Nilsson im Bademantel.

September 06, 2009

Ringo Starr Week: Women! Booze! Disco!

Drowning in the sea of love (1977)


September 05, 2009

Ringo Starr Week: The Greatest!

I'm the greatest (1973)



mit John Lennon, George Harrison, Klaus Voormann und Billy Preston.

August 23, 2009

Wer ist Wilhelm Rosenthal?


Anlässlich meines heutigen Aufbruchs Richtung Reichshauptstadt (Dienstag geht's dann noch weiter ostwärts), hier Auszüge aus einem Artikel aus dem Angriff vom 17. Januar 1937 (Reprint in der letzten Ausgabe der Zeitungszeugen) über "ungeheuerliche" Vorgänge bei der Aktionärsversammlung der Berliner Lokalbrauerei Schultheiss:

Wer ist Wilhelm Rosenthal? Was wird gegen ihn unternommen?
"Wie erinnerlich stand in der Generalversammlung Herr Rosenthal auf und verlangte auf Kosten der Wohlfahrtsfonds der Gesellschaft eine höhere Dividende. (...) Die Vorgänge in der Schultheiß-Versammlung sind aber so unglaublich, daß sich die maßgebenden Stellen dieses Falles annehmen müssen. Es ist einfach unmöglich, daß ein Mann mosaischen Namens (seine wahre Abstammung steht noch nicht fest) die gesamte deutsche Sozialpolitik öffentlich torpediert. In Kreisen der Schultheiß-Belegschaft hat man den Eindruck, daß es sich hier um einen Racheakt entlassener jüdischer Hopfen- und Gerstenlieferanten handelt. Dafür spricht folgendes: Herr Rosenthal hat sich getarnt. Mit dem Vornamen heißt er Wilhelm, aber einen Wilhelm Rosenthal in Berlin-Charlottenburg gibt es gar nicht. (...)
Es geht nicht, daß in einer Versammlung ein zweifelhafter Mann auftaucht, durch unglaubliche Zumutungen. die von jeher sozial eingestellte Betriebsführung beleidigt und nach getaner Arbeit ins Dunkel taucht und verschwindet. Herr Rosenthal verdient seine Strafe. Es muß die Möglichkeit geben, einen Mann hinter Schloß und Riegel zu setzen, der es wagt, die betriebliche Sozialpolitik zu verhöhnen. Nicht af die 30 RM. [mehr Dividende] kam es ihm an, es kam ihm sicherlich darauf an, an Schultheiß sein Mütchen zu kühlen. Warum ist er untergetaucht, warum versteckt er sich? Etwa um seine Hintermänner zu decken? Wer sind die? Auch die Firma Schultheiß hat ein Recht darauf, daß ihr Recht widerfährt."

Mehr zum Schultheiss-Komplex und zur Künstlergruppe der "Schultheiss-Nazis" auf den Seiten des Erratik-Instituts Berlin über Psychogeographie. Das Schultheiss-Bier selber ist übrigens eine ziemliche Plörre.

August 22, 2009

Live on Playboy After Dark (7 und Schluss)

Ike & Tina Turner - I wanna take you higher / Come together / Proud Mary

August 20, 2009

Drolliges aus dem Zwischennetz (2)

Dr. Anarchy aka Mike Gogulski legt die "offizielle" anarchistische Stellung zur Zombie-Apokalypse dar.

Die nahezu ultimative Liste aller "Hick Flicks" (auch bekannt als "Redneck Cinema", sozusagen die kaukaso-amerikanische Antwort auf die Blaxploitation-Welle) findet man im grossartigen Blog Retrospace.

Schon etwas älter: die Titanic stellt schon mal sinngemäss den Inhalt der historisch-kritischen Ausgabe von Mein Kampf vor (via Hitler-Blog).

August 19, 2009

Libertäre Presse

LeftLiberty 2 ist bei Corvus Distribution erschienen.
Shawn Wilbur, der mittlerweile nicht mehr in der Alliance of the Libertarian Left aktiv ist, präsentiert dort wieder klassische Texte aus der mutualistischen und individualanarchistischen Tradition, darunter das Abschlusskapitel von Proudhons posthumer Théorie de la propriété (die selber nur ein Fragment aus dem immer noch unveröffentlichten Polen-Buch von 1861 ist) oder das "Mini Manual of the Individualist-Anarchist" von Emile Armand, diesmal jedoch erweitert durch Kommentare und Überlegungen von Wilbur selber. Des Weiteren findet der geneigte Leser ein weiteres Kapitel des (völlig unzugänglichen) fourieristischen Science-Fiction-Romans The Distributive Passions und einen unfreiwillig komischen Text aus der ersten Version der marxistischen International Socialist Review über "Sozialismus in der Pflanzenwelt".

August 15, 2009

Live on Playboy After Dark (6)

Iron Butterfly - Iron Butterfly Theme


August 14, 2009

Drolliges aus dem Zwischennetz

Kurt Tucholsky gibt eine Einführung in die hohe Kunst der Wirtschaftswissenschaft: "Kurzer Abriss der Nationalökonomie" (via Walgesang).

JayJay über das Stopfen von Sommerlöchern vermittels Speck (und darüberhinaus dem Wahlkampf in Deutschland).

Roger Pielke Jr über die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Glenn Allport über Ringos Gesetz.

Immer wieder schön: Lp Cover Lover.

August 12, 2009

August 10, 2009

Rettet die Birne!

Einen lesenswerten Text von Albert Carlsson zum Glühbirnenverbot aus dem Journal von vergangenem Samstag findet man hier.

Helmut Höge, der ewige Aushilfshausmeister der taz, berichtet indessen bereits über den War on Bulbs, der dem War on Drugs neuerdings Konkurrenz macht:
"Glühbirnen horten, die Verdunklungsgefahr bekämpfen:
Gleich zwei Hubschrauber kreisten über der Hasenheide. Bild berichtete anderntags triumphierend, dass ihr Einsatz erfolgreich war: “12 Drogenhändler gingen der Polizei ins Netz.” Mitnichten! Sie nahmen keine Rauschgift- sondern Glühbirnen-Dealer fest. Schon gleich nachdem Herstellung, Handel und Genuß dieser Lichtquellen verboten worden war, hatten Osram und Philips die Glühbirnenpreise nahezu verdoppelt. Und obwohl sie dann sogar doppelt so viele Birnen wie früher verkauften, weil die Kunden massenhaft Vorräte anlegten - vor allem mit 100-Wattbirnen, die als erstes verboten werden, drängte Siemens/Osram auf Beendigung des Handels mit Glühbirnen. Das bezog sich auf die schmutzige Konkurrenz. Narva (in Brand-Erbisdorf), Philips, General Electric und Auer Lightnings bieten gerade neue Glühbirnen an: Sie brennen länger, verbrauchen weniger und sind heller. “Technology Review” schreibt: “Die neue Technologie wendet sich an Kunden, denen das von Kompaktleuchtstofflampen abgegebene Licht nicht zusagt, die gleichzeitig aber dennoch etwas für die Umwelt tun wollen. Zumal die Entsorgung unkomplizierter ist: Reguläre Energiesparlampen enthalten giftiges Quecksilber, was sie zum Sondermüll macht,” außerdem fehlt ihrem “kalten Licht” der auf Dauer lebenswichtige Infrarotanteil.
Darüberhinaus werden auch weiterhin normale unter das Verbot fallende Glühbirnen angeboten: von Merkur in Hamm, von mehreren chinesischen Firmen und vor allem von italienischen Händlern. Das italienische Wirtschaftsministerium verweigert sich einstweilen noch dem europäischen Glühbirnenverbot. Das deutsche hat dagegen verfügt: Wer nach dem Stichtag noch matte Glühbirnen bestellt, dem droht ein Bußgeld bis zu 50.000 Euro. In Kreuzberg haben pfiffige Ökos bereits eine Beschäftigungsgesellschaft gegründet, die langzeitarbeitslosen 1-Euro-Jobbern eine Chance gibt (22 bisher): Diese patroullieren durch den Bezirk und zeigen alle an, die ihre Räume mit matten Glühbirnen erhellen. Sie erkennen die schon von weitem am warmen Licht. Das Ordnungsamt verhängt daraufhin ein Bußgeld von 123 Euro pro Birne (schon der Besitz ist strafbar!). “Es ist wie früher im Krieg, als Verdunklung angeordnet wurde, nur andersherum,” meint einer der “Light-Controller”, der ungenannt bleiben will."

August 09, 2009

Unconscientious Objector

Ein kurioser Gag-Strip von Jack Cole aus Crack Comics #29 (Quality Comics, Mai 1943), der in seltsamen Kontrast zu der integral in die Kriegspropaganda eingebundenen US-Comic-Szene der damaligen Zeit steht. Will Cole damit evt. Isolationisten als Hillbillies, Südstaaten-Revanchisten und zurückgebliebene Ignoranten kennzeichnen?

August 08, 2009

Live on Playboy After Dark (5)

Buddy Miles - Them Changes / Dreams

August 03, 2009

Maulkorbgesetz in Venezuela

Vergangenen Donnerstag hat die Generalstaatsanwältin Luisa Ortega einen Gesetzentwurf gegen "Medienverbrechen" beim venezuelanischen Parlament eingebracht, der ihr zufolge eine "Regulierung der Meinungsfreiheit" (sic!) einleiten soll. Der Text des Entwurfs ist einsehbar: hier im Original, auf englisch oder auf französisch.
Die aktuellen Ereignisse, wie das Schliessen von 34 Radiostationen wegen ungültigen Lizenzen oder die ersten Nachstellungen gegen einen oppositionellen Blogger scheinen also nur der Anfang eines allgemeinen Angriffs auf Meinungs- und Pressefreiheit in Venezuela zu sein. Der Minister für öffentliche Bauten Diosdado Cabello wird hierzu wie folgt zitiert: "Die Meinungsfreiheit ist nicht die allerheiligste Freiheit, die existiert". Na dann...

August 01, 2009

Live on Playboy After Dark (4)

Deep Purple - And the address / Hush


Juli 31, 2009

Die Woche des Väterchen Machno: Persönliche Anmerkungen

Wieso eigentlich Machno?
Machno hat ja nun eigentlich keine individualistischen oder "linkslibertären" Positionen vertreten, sondern sich, im Gegensatz zu mir, explizit als "Kommunist" verstanden. Allerdings beschränkte sich der "Kommunismus" Machnos auf die - freiwillige - Sozialisierung des Bodens; das System der Landkommunen und durch Arbeiterkooperativen selbstverwaltete Fabriken, die untereinander Tauschwirtschaft betreiben, lässt sich durchaus mit mutualistischen oder voluntaristischen Ansichten vereinbaren. Auch von Machno hochgehaltene Prinzipien wie Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Initiative und Kreativität erinnern nicht unbedingt an das, was der Individualist oder "Marktanarchist" gemeinhin unter "Kommunismus" versteht.

Mit der Organisationsplattform von Machno und Arschinow, letztlich der Versuch das Programm einer anarchistischen bzw. libertärkommunistischen Partei (im politischen Sinn des Wortes) aufzustellen, konnte ich allerdings auch schon in jüngeren Jahren nichts anfangen, als ich regelrecht alles über die Machnowstischina in mich hineinfrass: die Geschichte der Machno-Bewegung von Arschinow, die (Machno eigentlich nicht ganz so wohlgesonnene) Unbekannte Revolution Volins, die Machno-Hagiographie von Alexander Skirda, ein dünner französischer Band mit (nicht sonderlich spannenden) Schriften Machnos selber, bis hin zu obskuren anarchistischen Broschüren über "Machno und die Judenfrage". Ein Fall von jugendlicher Revolutionsromantik meinerseits?

Vielleicht eher von Wildwest-Romantik. Tatsächlich scheint mir Machno als Figur der volkstümlichen Mythologie Osteuropas - abgesehen von der Adoption Machnos durch ukrainisch-nationalistische Kreise, dies obwohl Machno kein Wort Ukrainisch sprach und der Machnowist Shalom Schwartzbard den historischen Führer der ukrainischen Nationalisten Simon Petliura ermordet hat - eher an den Mythos von Jesse James (wohlverstanden nicht der reale Jesse James, der wohl, nach allem was man weiss, ein ganz gewöhnlicher Krimineller war), an einen "Rächer der Enterbten" im Stile eines Zorro oder Robin Hood, als einen Ernesto "Che" Guevara zu erinnern. Nicht revolutionäre Volksmassen stehen im Mittelpunkt der Verbildlichung der Machnowstschina, sondern wilde, freie Reiter, die durch die Weite der Steppe rasen. So symbolisiert Machno einerseits eben die mit dieser Weite in Verbindung gebrachte Freiheit, das freie Leben der Kosaken, andererseits den Freiheitskämpfer, der, im Unterschied zu allen anderen maßgeblichen Protagonisten des russischen Bürgerkriegs, nicht nach Übernahme der Macht strebt, sondern nach siegreicher Beendung des Krieges und Eroberung der Freiheit zu einem einfachen Leben als Bauer zurückkehren will.

Zugleich ist die historische Erfahrung der Machnowstschina auch eine Mahnung: wie Machno selber einmal eingesteht, ist eine Armee wohl die schlechteste Grundlage für den Aufbau einer libertären Gesellschaft, die man sich denken kann. Dass die Schwarze Armee Machnos im Gemetzel des Bürgerkriegs nicht von dunklen Flecken verschont bleiben konnte, und Machno oft seine eigenen Truppen nicht unter Kontrolle behielt (siehe etwa Fedir Shsus' Massaker an Russlanddeutschen), scheint mir fast die logische Folge der Lage, in der sich die Machno-Bewegung befand. Auch wenn es hier oft schwer fällt, historische Wahrheit und Mythos auseinanderzuhalten (siehe etwa die Anklagen seitens der mennonitischen Kirche, die von einer systematischem Verfolgung und Ermordung von Mennoniten seitens Machno sprechen; das Problem ist nur, dass man hierüber in der oben genannten Literatur nichts findet, und auch Machno nirgends die Mennoniten auch nur erwähnt. Hier würde man sich wirklich nichtmennonitische Recherchen wünschen...) hat die anarchistische Geschichtsschreibung die Vorwürfe gegen die Machnowisten oft etwas allzu schnell als bolschewistische Propaganda abgetan.

In diesem Sinn sei das Bildnis des Väterchen Machno neben einer Reminiszenz an alte Zeiten auch als Symbol des Freiheitskampfes gegen sämtliche Tyrannen, gleichwelcher Couleur, verstanden, zugleich aber auch als Mahnung, dass das Errichten einer herrschaftsfreien Gesellschaft und Ausüben von Gewalt, d.h. von Herrschaft, notwendigerweise in Widerspruch zueinander stehen (zum Thema Anarchismus und Gewalt sei auch auf diesen lesenswerten Text bei Wendy McElroy verwiesen).

Juli 29, 2009

Die Woche des Väterchen Machno: Das Tageblatt berichtet...

...am 3. November 1920 über die "Bauern-Revolte in der Ukraine":
"Die Zeitungen von Helsingfors zeigen an, daß die unklare Situation in der Ukraine [in] eine heftige Revolte der Bauern, welche zu gleicher Zeit gegen die Roten und die Weißen gerichtet ist, ausartet. Alle Nachte werden Züge von mit Flinten und Maschinengewehren bewaffneten Bauernscharen angehalten und alle sich darin befindlichen Kommunisten niedergemacht. Man sagt. daß sich die Bauernrevolte auf 11 russische Provinzen erstrecke. Die Gefängnisse sollen voll Gefangener sein, unter denen sich die Generäle Brussilow und Numetz befinden solllen."

Im Allgemeinen entspricht diese kurze Meldung der damaligen Berichterstattung über den Krieg in Russland und der Ukraine: Gerüchte besagen... Nichts genaues weiss man nicht...
Zum Zeitpunkt der Notiz kämpften übrigens sowohl die Schwarze Armee Machnos als auch die Überreste der "Grünen Armee" gemeinsam mit der Roten Armee auf der Krim gegen die Truppen Wrangels. Nur wenige Wochen später, nach dem Sieg über Wrangel, floh Machno nach Westen, nachdem Lenin die Verhaftung sämtlicher machnowistischer Offiziere angeordnet hatte.
Die Bauernrevolte, über die das Tageblatt berichtet, ist vermutlich mit dem Aufstand von Tambow identisch, der, analog zur "Machnowstschina", nach dem Sozialrevolutionär Antonow auch "Antonowstschina" genannt wurde.

Juli 28, 2009

Die Woche des Väterchen Machno: свобода або смерть

In diesem Auszug aus einer der aufwendigsten Produktionen des russischen Staatsfernsehen, der 12-teiligen Biopic-Serie "Die neun Leben des Nestor Machno", sehen wir das Zustandekommen der schwarzen Totenkopf-Flagge der Machnowisten, die bewusst oder unbewusst den alten Schlachtruf der amerikanischen Revolution aufgreift: Freiheit oder Tod!



(Die Flagge ist authentisch, ob Machnos Sonnenbrille und die stereotypen jüdischen Schneider es sind, wage ich mal zu bezweifeln...)


Juli 27, 2009

Die Woche des Väterchen Machno: Das Spiel

Ein Spielentwurf von Justin Pickard:
"How about a hex/card-based (alternate) history strategy game? Let’s call it Free Territory
The players are the immediate subordinates of Ukrainian anarchist Nestor Makhno, competing to amass resources and meet certain conditions (mostly involving their own self-preservation) while preserving the autonomy of the ‘Free Territory’ (represented by a certain configuration of hex tiles) in the face of attacks by various enemies - Bolsheviks, Germans, Austrians, counter-revolutionary White Russians, and various Ukrainian nationalist movements.

Historial Player Characters: Lev Zadov, Viktor Belash, Simon Karetnik, Fedir Shchus, Peter Arshinov, Volin (or, alternatively, a bunch of fictional characters – circumventing controversy and opening up the endgame as something where anything could happen)

Three stages of play: (1) set-up (semi-random determination of the size and borders of the ‘Free Territory’, plus the location of player power-bases); (2) the middle (bulk of the game, comprising of alternate phases of politiking, historical events, and random events); and (3) the end (determining which of the players escape the fall of the ‘Free Territory’, and with what).

If the game was to stick to history-as-it-happened, the game would run from January 1919 to November 1920. I’d rather have the game finish at a random end date, as the ‘Free Territory’ falls to one of its enemies. The end would be between – say – December 1919 and December 1923. If rounds were monthly, that’d give us a game of between 12 and 24 rounds. Does that sound manageable? Would monthly intervals give enough room for manouvre? Depends on how long a round is. "
Im Originalkontext auf Nostalgia for the future.

Juli 26, 2009

Die Woche des Väterchen Machno: Mongol Shuudan

Die russische Anarchopunk-Legende Mongol Shuudan mit dem Titel "Makhno" aus dem Film I wanted to see angels:

Juli 25, 2009

Die Woche des Väterchen Machno

Wenn Nestor Machno schon als Galionsfigur für diesen Blog herhalten muss (dies als Reminiszenz an den gedruckten Lëtzebuerger Anarchist, der bereits das gleiche Foto von Machno im Titel trug), obwohl er sich nicht mehr dagegen wehren kann, scheint es nur angemessen, dass Machno, der vor genau 75 Jahren, am 25. Juli 1934 im Pariser Exil starb, hier gebührend geehrt wird.
Zunächst sei auf das Portrait Ida Metts verwiesen, die Machno im Pariser Exil kennengelernt hat, und die auch die auf die unterschiedlichen Probleme eingeht, die sich bei der Bewertung der Persönlichkeit stellen.
Dann soll auch die postsowjetische Popikone Batko Machno nicht zu kurz kommen, so etwa in diesem Titel einer der erfolgreichsten russischen Bands der Gegenwart, Lyube:


Die Bilder aus einem alten sowjetischen Film haben, glaube ich, nichts mit Machno zu tun, spiegeln aber gut das in sowjetischen Filmen wiedergegebene Bild des Ukrainers wieder.

Juli 24, 2009

Zelayas illustrer Begleiter

Ausgerechnet Edén Pastora, der 1979 als Commandante Cero maßgeblich zum Sturz der Somoza-Diktatur in Nicaragua beitrug, jedoch ab 1981 die Waffen gegen seine ehemaligen sandinistischen Waffenbrüder erhob und Führer einer eigenen Contra-Truppe wurde, begleitet den geschassten honduranischen Präsidenten und kündigt schon mal an, dass das "Problem" in Honduras nur mit Waffengewalt gelöst werden kann.

Siehe auch:
http://www.nicaraguahoy.info/dir_cgi/topics.cgi?op=view_topic;cat=Opinion;id=57336

Juli 23, 2009

"We support freedom of the press...

...But, of course, the freedom of the press we support will be a freedom of the press that supports the revolution."

Schön, dass mal jemand von der über alle Parteigrenzen hinweg, allgemein akzeptierten Grossen Erzählung über die sandinistische Revolution in Nicaragua abweicht. Berichtete die westliche Presse zu Zeiten der "Systemauseinandersetzung" noch pflichtgemäß von Massakern an Miskito-Indianern und sonstigen Kriegsverbrechen der Sandinisten, so dominiert heute die Mär vom idealistischen Revolutionär und Demokraten Ortega, der sich vom Paulus zum Saulus entwickelt hat, und eine Autokratie über sein Land errichten will. Die traurige Wahrheit ist: der Ortega der achtziger Jahre war noch viel schlimmer. Aber besagte Massaker, Angriffe gegen Pressefreiheit und Streikrecht, und - gegen Ende des Regimes - der legalisierten Kleptokratie (La Piñata) seitens der sandinistischen Führung, passen heute nicht mehr ins Bild der "offiziellen" Geschichtsschreibung, und sind genauso in Vergessenheit geraten, wie im Einzelnen die Morde, Vergewaltigungen und Vertreibungen seitens der verschiedenen Contra-Gruppen (die gelten zwar immer noch als böse, aber in erster Linie deswegen, weil sie Geld und Waffen von den USA annahmen).
Da aber seltsamerweise viele Leute beim Anblick von uniformierten Männern mit Maschinengewehren und Fotos von "Märtyrern", zumal diese von einem kitschigen Lied über Volk und Vaterland begleitet werden, schwere Anfälle von Revolutionsromantik erleiden, macht sich die Erzählung vom gefallenen Engel Ortega wohl besser.

Juli 22, 2009

Hurra! Wir werden entlassen!

Kürzlich erregte sich die neu gegründete "Coordination des luttes anti-capitalistes" (CLAC) darüber, dass die Gewerkschaften einen Sozialplan nach dem anderen unterschreiben (die CLAC lebt nämlich offenbar im Irrglauben, wenn die Gewerkschaften nichts unterschreiben würden, würde auch niemand entlassen...). Zumindest bei den Banken scheinen die Lohnabhängigen dies aber anders zu sehen, wenn man dem Tageblatt von heute Glauben schenken darf:
"Zum Sozialplan [bei der von der italienischen Unicredit geschluckten HVB Luxemburg] selbst saft Giovanni Giallombardo: 'Es ist ein grosszügiger Sozialplan, der der Kultur der Unicredit-Gruppe entspricht.' Offensichtlich gab es auch mehr Mitarbeiter in der HVB, die ihn ihn nutzen wollten, als Plätze dafür zur Verfügung standen. Angelo Brizi: 'Es hat Fälle gegeben, in denen wir Kandidaten für den Sozialplan abgelehnt haben, weil sie für die Bank wichtig waren und wir sie behalten wollen."
Na, die werden fluchen, dabei hatten sie sich schon so sehr auf die Arbeitslosigkeit gefreut...


Sehr schön im gleichen Artikel auch noch folgende Aussage zur Präsenz Unicredits in Osteuropa: "Sorgen, dass dann Gelder der osteuropäischen Mafia-Gesellschaften über die Unicredit Luxemburg den Weg nach Luxemburg finden könnten. hat Brizi nicht. 'Kunden und Vermögen kommen über unser Netz in diesen Ländern.'" Und dass eine italienische Bank sich auf Geschäfte mit "Mafia-Gesellschaften" einlässt, wäre ja auch völlig abwegig.

Juli 21, 2009

Kann Marx zum Verständnis der aktuellen Wirtschaftskrise beitragen? (Number 8 in a series)

Offensichtlich wird bei der Lektüre des Briefes an Danielson (siehe vorangegangene Abschnitte) nicht zuletzt auch, dass der alte Marx kein Freund des Papiergeldes ist - gemeint sind damit nicht Banknoten im Allgemeinen, sondern nicht durch ein Edelmetall (Gold, Silber) gedecktes Geld. So unterstreicht er dass sein "ehemaliger intelligenter Kritiker" Illarion Ignatjewitsch Kaufman (der liberale Petersburger Ökonom Kaufman hatte 1872 in einer russischsprachigen Kritik des ersten Bandes des Kapitals Marx' Buch, im Unterschied zu den anderen russischen Rezensenten, nicht als bloßen Angriff auf die unmenschlichen Verhältnisse im britischen Fabrikwesen aufgefasst, sondern als grundsätzliche Untersuchung des Transformationsproblems, das sich beim Übergang von einer Gesellschaftsform in eine anderen stellt), "alles andere als originell" sei, lobt jedoch dessen "Polemik gegen das Papiergeld" (die Theorie und Praxis des Bankgeschäftes Kaufmans ist meines Erachtens leider nur auf Russisch erschienen, so dass ich mangels Sprachkenntnisse nicht nachschauen kann, wie Kaufmans Polemik konkret ausschaut); MEW, 34, S.375.

Auch scheint ihm die Überlegenheit der USA gegenüber dem Zarenreich u.a. darin zu liegen, dass dort der Staat "vom Papiergeld losgekommen" ist, "wenn auch in höchst infamer Weise zum Vorteil der Gläubiger und auf Kosten des menu peuple", (vergleiche hierzu Murray Rothbard, A History of Money and Banking in the United States: The Colonial Era to World War II, Ausgabe 2002, S.156-159), während in Rußland "keine Fabrik so gut [geht] wie die Papiergeldfabrik"; MEW, 34, S.374.

In Marx' theoretischem Gerüst kommt ungedecktes Papiergeld hingegen eigentlich nicht vor. In seiner Darlegung der Funktion des Geldes als Zirkulationsmittel in Kapital, Band 1, definiert Marx Papiergeld lediglich als Geld- oder Goldzeichen: "Sein Verhältnis zu den Warenwerten besteht nur darin, daß sie ideell in denselben Goldquantis ausgedrückt sind, welche vom Papier symbolisch sinnlich dargestellt werden. Nur sofern das Papiergeld Goldquanta repräsentiert, die, wie alle andren Warenquanta, auch Wertquanta, ist es Wertzeichen" (S.142 der Ausgabe Hamburg, 1890). Marx setzt dabei "der Vereinfachung halber, Gold als die Geldware voraus" (S.109). Die Geldware Gold hat dabei als Geld eine doppelte Funktion: einerseits ist es "Maßstab der Preise", andererseits dient es als "Maß der Werte". Maß der Werte kann es laut Marx nur deshalb sein, "weil es selbst Arbeitsprodukt, also der Möglichkeit nach ein veränderlicher Wert ist" (S.113). Hier würde also der "Geldwert" ebenfalls die in ihm enthaltene "gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit" beinhalten; die Variationen dieser würden den "Wert" des Goldes bzw. Geldes bestimmen, der zugleich als Wertmesser gegenüber allen anderen Waren dient: steigt der Wert der Geldware an, bei gleichbleibenden Warenwerten, würden die Preise folglich fallen und umgekehrt. Inflation und Deflation erscheinen so bei Marx letztendlich als Folge der Schwankungen des Wertes des Goldes als "Arbeitsprodukt". Die zur Verfügung stehende Quantität, d.h. die Geldmenge, spielt dabei für Marx, im krassen Gegensatz zur klassischen politischen Ökonomie oder auch zu Milton Friedman, keine Rolle, im Gegenteil: "Preise sind also nicht hoch oder niedrig, weil mehr oder weniger Geld umläuft, sondern es läuft mehr oder weniger Geld um, weil die Preise hoch oder niedrig sind" (Zur Kritik der politischen Ökonomie. Einleitung, MEW, 13, S.86).

Nun kann man sich fragen, wie der Wert des Geldes, der als Maß aller anderen Werte fungieren soll, bei Marx "konstituiert" werden soll. An einer anderen Stelle von Kapital Band I schreibt Marx über das Messen des Wertes folgendes: "Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert ist. Wie nun die Größe seines Werts messen? Durch das Quantum der in ihm enthaltenen 'wertbildenden Substanz', der Arbeit. Die Quantität der Arbeit selbst mißt sich an ihrer Zeitdauer, und die Arbeitszeit besitzt wieder ihren Maßstab an bestimmten Zeitteilen, wie Stunde, Tag usw." (S.53). Es folgt die Unterscheidung zwischen konkreter individueller Verausgabung und abstrakter Arbeit: nicht die reale Zeit, die der einzelne Arbeiter bei der Produktion einer Ware vertrödelt,wird betrachtet, sondern das "Quantum" der "gesamtgesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit" zur Herstellung der Ware. Man kann hieraus zwei Schlussfolgerungen ziehen:
1) der Wert des Goldes als Geldware wird bestimmt durch die zu seiner Gewinnung aufgebrachten gesamtgesellschaftlichen Arbeitszeit (idem für nicht durch Edelmetall gedecktes Papiergeld?)
2) da Geld als Maß der Werte fungiert, und Marx zugleich schreibt, dass die Grösse des Werts durch das Quantum der in ihm enthaltenen Substanz, der Arbeit, gemessen wird, kann man schliessen - nein, nicht dass Geld = Arbeit ist - dass sich dieses Quantum Arbeit notwendigerweise in Geldform ausdrückt.

So sind wir, in verkürzter Form, bei der Lektüre von Marx als einem Vertreter einer "monetären Werttheorie" angekommen, wie sie ausgehend von Hans-Georg Backhaus' "Dialektik der Wertform" aus von einem Kreis deutscher marxistischer Akademiker vertreten wird, die "ihren" Marx retten wollen, und zwar nicht nur wegen der vernichtenden Kritik der "bürgerlichen Ökonomisten" an der Marxschen "Arbeitswertlehre" (die er für die "Monetaristen" unter den Marxisten eben nicht vertreten hat), sondern auf Grund der Tatsache, dass der real existierende Kapitalismus mittlerweile ohne jegliche Geldware auskommt, wie Ingo Stützle treffend schreibt: "Aber die Marxsche Werttheorie ist nicht nur 'klassischer' Kritik ausgesetzt (u.a. Böhm-Bawerk 1896), sondern ist auch mit der konkret-empirischen Verfasstheit kapitalistischer Ökonomie konfrontiert. So dominiert in westlichen Industrienationen ein auf keinem Goldstandard mehr beruhendes Geldsystem. Eine für viele MarxistInnen beunruhigende Tatsache, ging doch Marx in seiner Theorie von einer Geldware aus."

Heute flutscht die Papiergeldfabrik nicht mehr nur im Zarenreich. Dass Marx sowas ähnliches 1848 selber vorschlug - zumindest trug das Flugblatt Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland auch seine Unterschrift - nämlich die stufenweise Ablösung der Edelmetalle durch die Herausgabe eines gesetzlichen definierten Papiergeldes durch eine zentrale Staatsbank, finde ich allerdings bei keinem der "Monetaristen" behandelt. Dabei wäre es eine Untersuchung wert, wie Marx von einer Forderung wie der folgenden zu seiner späteren Ablehnung des Papiergeldes gekommen ist:
"An die Stelle aller Privatbanken tritt eine Staatsbank, deren Papier gesetzlichen Kurs hat.Diese Maßregel macht es möglich, das Kreditwesen im Interesse des ganzen Volkes zu regeln und untergräbt damit die Herrschaft der großen Geldmänner. Indem sie nach und nach Papiergeld an die Stelle von Gold und Silber setzt, verwohlfeilert sie das unentbehrliche Instrument des bürgerlichen Verkehrs, das allgemeine Tauschmittel, und erlaubt, das Gold und Silber nach außen hinwirken zu lassen. Diese Maßregel ist schließlich notwendig, um die Interessen der konservativen Bourgeois an die Revolution zu knüpfen [!]."

Juli 18, 2009

Live on Playboy After Dark (3)

Steppenwolf - Monster / Sookie Sookie