August 08, 2010

Inception

Zur Abwechslung versuche ich mich mal in Filmverriss, ab sofort gilt also SPOILER-Alarm, zumindest für diejenigen, die Inception noch nicht gesehen haben, und noch sehen wollen.

Inception gehört zu jenen Filmen, die man offenbar gesehen haben muss, um mitreden zu können (ähnlich wie zuvor Avatar oder Matrix). Während das akademisch gebildete Kommentariat bereits den Laptop angeschmissen hat, um dem Film mit Zitaten aus Lacan, Derrida, Deleuze und Guattari, Barthes oder Baudrillard diskurstechnisch beizukommen, wundert sich der gemeine Science Fiction-Leser, der sich bereits als Pubertierender alle Philip K. Dick-Bände aus der Stadtbibliothek ausgeliehen hat, was die ganze Aufregung eigentlich soll. Der Basisplot des Films besteht darin, dass der Alleinerbe eines Großkonzerns mittels im Traum zugeflüsterter Ideen (darin besteht die "Inzeption"), dazu gebracht werden soll, zu glauben, es sei seines Vaters letzter Wille gewesen, dass er einen "eigenen" Weg einschlagen solle, und infolgedessen das Unternehmen auflöst. So weit, so unsinnig: man stelle sich die Reaktionen von Führungsgremien, Aktionären, Gewerkschaften, Konkurrenten und der Regierung vor, wenn Aditya Mittal nach dem Tod Lakshmis die Auflösung von ArcelorMittal bekannt geben würde, mit der Begründung dieser hätte ihm im Traum zugeflüstert, er solle irgendwas anderes aus seinem Leben machen!

Dass der Plot des Films also wesentlich auf Nonsens beruht, ist allerdings noch zu verkraften, da dies nur der Rahmen für das eigentliche Thema des Films ist, nämlich die Beziehung zwischen Dom Cobb (Leonardo di Caprio) und seiner verstorbenen Ehefrau Mal (Marion Cotillard), die nur noch als "Traumschatten" ihrer selbst existiert. Wer sich jetzt an Solaris von Stanislaw Lem erinnert fühlt, liegt gar nicht falsch. Tatsächlich ist der Film, der von der Filmkritik wegen seiner "Originalität" gefeiert wurde, wenig mehr als eine Variation des bereits von Tarkowski und Soderbergh verfilmten Solaris-Stoffes, allerdings mit deutlich mehr Action-Szenen. Die "Action" im Film besteht dabei aus den üblichen Verfolgungsjagden und Ballereien, diese sind allerdings eher schlecht choreographiert und bieten wenig neues gegenüber vergleichbaren Hollywood-Produktionen. Ein wenig Dynamik gewinnen sie höchstens dadurch, dass ständig zwischen vier verschiedenen Traumlevels (in denen die Zeit verschieden schnell abläuft) hin und her geswitcht wird. 

Wer sich nun allerdings ausgefeilte dreamscapes erhofft hat, oder psychedelisches wie bei Tarkowski, liegt allerdings falsch: "Träume" finden für die Macher des Films, aller empirischen Erfahrungen zum Trotz, in sehr irdischer Umgebung statt, in der nur selten etwas wirklich Unvorsehbares, etwa als Gag eingebaute Escherismen oder ein auf der Straße fahrender Lastzug, passiert. Träume reduzieren sich auf virtual realities, die eingebauten "Träume in Träumen" erinnern eher an verschiedene Levels in einem Videospiel. Dementsprechend bedarf es offenbar studierter Architekten um dreamscapes zu konstruieren; wobei man sagen muss, dass die Traumarchitektin, die allen Ernstes  - welch tiefschürfende Symbolik... - "Ariadne" heißt (Ellen Page), mit Abstand die interessanteste Figur im Film ist, auch wenn ihre Entscheidungen oft recht plot-driven sind. Es fällt hingegen schwer, irgendwelche Empathie mit dem "Helden" des Films, also Di Caprio alias Dom Cabb, zu empfinden, verbringt dieser doch einen Großteil des Films damit, sich in Selbstmitleid zu zerfleischen. Die übrigen Charaktere bleiben blass und schablonenhaft. Das Ende des Films schließlich entspricht im wesentlichen der üblichen Pointe einer in einer Traum- oder Virtual Reality-Welt angesiedelten Kurzgeschichte eines x-beliebigen SF-Nachwuchsautors: es bleibt unklar, ob die vermeintliche Rückkehr in die "Realität" nicht bloß ein weiterer Traum, eine weitere Illusion ist. 

Fazit: mich hat der Film nach Nolans jüngsten Werken und der überragend positiven Kritik doch sehr enttäuscht. Weder vom Plot noch von der Machart her den Hype wert, der gegenwärtig dazu abläuft.

August 07, 2010

Both kinds of music (12): Hillbillies im Radio

Am 28. November 1925 läutete ein Stück des 77-jährigen Fidlers Uncle Jimmy Thompson die Radiosendung WSM Barn Dance auf dem AM-Sender WSM aus Nashville, Tennessee ein - und begründete damit die älteste noch laufende Radioshow der Welt, die sogenannte Grand Ole Opry. Der Spitzname, der seit langem der offizielle Name der Sendung ist, geht der Überlieferung nach darauf zurück, dass die Sendung 1927 üblicherweise auf die NBC Music Appreciation Hour folgte, deren Ziel es war, Jugendliche zur Beschäftigung mit klassischer Musik zu animieren. Nach einer offenbar sehr opernlastigen Sendung begann die Barn Dance-Show am 10. mit dem Harmonika-Solo Pan-American Blues von DeFord Bailey (unten eine Aufnahme von 1926). Am Ende des Stücks kündigte der Moderator George D. "Judge" Hay an: "For the past hour, we have been listening to music taken largely from Grand Opera. From now on we will present the 'Grand Ole Opry'!"
 

Nach und nach wurde die Opry ein nationales Phänomen und machte Interpreten wie z.B. die Delmore Brothers (hier mit I've got the big river blues aus dem Jahr 1933) landesweit bekannt.


Im Jahr 1940 wurde die Grand Ole Opry Thema eines gleichnamigen Hollywood-Streifens des Studios Republic Pictures; hier ein kurzer Ausschnitt mit den beiden größten Stars der frühen Opry, Uncle Dave Macon und Roy Acuff.

August 03, 2010

Jerusalem, anno 1854

Interessanter Bericht zur Lage in den "Heiligen Stätten" 1854, gefunden bei Karl Marx:
"Die Frage der Heiligen Stätten ist nichts anderes als die Frage eines Protektorats über die in Jerusalem angesiedelten Religionsgemeinden der griechisch-orthodoxen Christen und über die Gebäude, die sie auf dem heiligen Boden besitzen, insbesondere über die Kirche des Heiligen Grabes. Es versteht sich, daß Besitz in diesem Falle nicht Eigentum bedeutet, das den Christen durch den Koran untersagt ist, sondern nur das Recht der Nutznießung. Dieses Recht der Nutznießung schließt die anderen Gemeinden keineswegs davon aus, ihre Andacht an demselben Ort zu verrichten; die Besitzer haben keine weiteren Privilegien als das Recht, die Schlüssel zu behalten, die Gebäude instand zu halten und zu betreten, die Heilige Lampe zu entzünden, die Räume mit dem Besen zu fegen und die Teppiche auszubreiten, was im Orient ein Symbol des Besitzes ist. Ebenso wie die Christenheit an den Heiligen Stätten ihren Höhepunkt erreicht, hat auch die Frage des Protektorats daselbst ihren höchsten Ausdruck gefunden.

Teile der Heiligen Stätten und der Kirche des Heiligen Grabes sind im Besitze der Katholiken, Griechisch-Orthodoxen, Armenier, Abessinier, Syrer und Kopten. Zwischen all diesen verschiedenen Prätendenten kam es nun zu einem Konflikt. Die Souveräne Europas, die in diesem religiösen Streit eine Frage ihres Einflusses im Orient sahen, wandten sich zuerst an die Herren des Grund und Bodens, fanatische und gierige Paschas, die ihre Stellung mißbrauchten. Die Ottomanische Pforte und ihre Agenten befolgten ein höchst ermüdendes système de bascule (1), gaben abwechselnd den Katholiken, Griechisch-Orthodoxen und Armeniern recht, forderten und erhielten Gold von allen Seiten und machten sich über sie alle lustig. Kaum hatten die Türken einen Ferman zugestanden, der das Recht der Katholiken auf den Besitz eines strittigen Ortes anerkannte, als sich die Armenier mit einer noch volleren Börse einstellten und sogleich einen entgegengesetzten Ferman durchsetzten. Dieselbe Taktik wurde den Griechisch-Orthodoxen gegenüber befolgt, die es überdies verstanden, wie offiziell in verschiedenen Fermanen der Pforte und in 'hudjets' (Gutachten) ihrer Agenten bezeugt wird, sich rechtswidrige und unechte Anrechte zu verschaffen. Bei anderen Gelegenheiten wurden die Entscheidungen der Regierung des Sultans durch die Habgier und das Übelwollen der Paschas und Subalternagenten in Syrien vereitelt. Dann mußten neue Verhandlungen gepflogen, neue Kommissare ernannt und neue Geldopfer gebracht werden. Was die Pforte in früheren Zeiten aus pekuniären Beweggründen tat, tut sie heutzutage aus Furcht, um Schutz und Begünstigung zu erhalten. Nachdem sie den Forderungen Frankreichs und den Ansprüchen der Katholiken gerecht geworden ist, beeilte sie sich, Rußland und den Griechisch-Orthodoxen dieselben Bedingungen einzuräumen, um auf diese Weise einem Sturm zu entgehen, dem zu begegnen sie sich ohnmächtig fühlt. Es gibt kein Heiligtum, keine Kapelle, keinen Stein von der Kirche des Heiligen Grabes, bei denen man nicht den Versuch gemacht hätte, sie zur Entfachung eines Streits zwischen den verschiedenen christlichen Gemeinden auszunutzen.

Alle die verschiedenen christlichen Sekten, die sich um das Heilige Grab gruppieren, verbergen hinter ihren religiösen Forderungen ebenso viele politische und nationale Nebenbuhlerschaften.

Jerusalem und die Heiligen Stätten bewohnen Nationen, die sich nach ihrem religiösen Bekenntnis unterteilen in Katholiken, Griechisch-Orthodoxe, Armenier, Kopten, Abessinier und Syrier. Es gibt 2.000 Griechisch-Orthodoxe, 1.000 Katholiken, 350 Armenier, 100 Kopten, 20 Syrier und 20 Abessinier - im ganzen 3.490. Im Ottomanischen Reich zählt man 13.730.000 Griechisch-Orthodoxe, 2.400.000 Armenier und 900.000 Katholiken. Diese sind alle wiederum unterteilt. Die griechisch-orthodoxe Kirche, von der ich oben sprach, die den Patriarchen von Konstantinopel anerkennt, unterscheidet sich wesentlich von der russisch-orthodoxen, deren geistliches Oberhaupt der Zar ist, und von den Hellenen, deren Oberhäupter der König und die Synode von Athen sind. Ähnlich unterteilen sich die Katholiken in Römisch-Katholische, Griechisch-Unierte und Maroniten, die Armenier in Gregorianische und Armenisch-Katholische; denselben Teilungen unterliegen Kopten und Abessinier. Die drei an den Heiligen Stätten vorherrschenden Religionen sind die griechisch-orthodoxe, die katholische und die armenische. Die katholische Kirche, kann man sagen, repräsentiert vorwiegend lateinische Völker, die griechisch-orthodoxe Kirche Slawen, Turkoslawen und Hellenen, und die anderen Kirchen Asiaten und Afrikaner.

Man stelle sich vor, daß alle diese streitenden Völkerschaften das Heilige Grab belagern, daß die Mönche sich bekriegen und der scheinbare Gegenstand ihrer Kämpfe ein Stern aus der Grotte Bethlehems, ein Teppich, der Schlüssel zu einem Heiligtum, ein Altar, ein Schrein, ein Stuhl, ein Kissen - irgendein lächerlicher Vorteil ist!

Um einen solchen Mönchskreuzzug zu verstehen, ist es unerläßlich, erstens ihre Lebensweise und zweitens die Art ihrer Behausungen ins Auge zu fassen.
'Alle diese religiösen Abfälle verschiedener Nationen', erzählte vor kurzem ein Reisender (2), 'leben in Jerusalem voneinander abgesondert, feindlich und mißtrauisch, eine nomadische Bevölkerung, die sich ständig aus Pilgern rekrutiert und durch Pest und Elend dezimiert wird. Der Europäer stirbt oder kehrt nach einigen Jahren nach Europa zurück, die Paschas und ihre Garde gehen nach Damaskus oder Konstantinopel, und die Araber fliehen in die Wüste. Jerusalem ist ein Ort, wohin jeder einmal reist, doch wo niemand bleibt. Jeder in der heiligen Stadt erwirbt seinen Unterhalt durch seine Religion - die Griechisch-Orthodoxen oder die Armenier von den 12.000 oder 13.000 Pilgern, die jährlich Jerusalem besuchen, die Katholiken von den Subsidien und Almosen, die sie von ihren Glaubensgenossen in Frankreich, Italien etc. bekommen.'

Außer ihren Klöstern und Heiligtümern besitzen die christlichen Nationen in Jerusalem kleine Wohnräume oder Zellen, die an die Kirche des Heiligen Grabes angebaut sind und von den Mönchen bewohnt werden, die Tag und Nacht diesen heiligen Ort bewachen müssen. Zu bestimmten Zeiten werden diese Mönche in ihren Pflichten durch ihre Brüder abgelöst. Diese Zellen haben nur eine Tür, die sich nach dem Inneren des Tempels öffnet; ihre Nahrung erhalten diese geistlichen Wächter durch ein Pförtchen von außen. Die Türen der Kirche sind verschlossen und werden von Türken bewacht, die sie nur gegen Bezahlung öffnen und je nach ihrer Laune oder Habgier schließen.

Die Streitigkeiten zwischen Geistlichen sind die giftigsten, sagt Mazarin. Nun denke man sich diese Geistlichen, die nicht nur von, sondern auch in diesen Heiligtümern miteinander leben müssen!

Um das Bild zu vollenden, sei daran erinnert, daß die Väter der katholischen Kirche, die sich fast ausschließlich aus Römern, Sardiniern, Neapolitanern, Spaniern und Österreichern zusammensetzen, alle gleich eifersüchtig sind auf das französische Protektorat und es gern durch ein österreichisches, sardinisches oder neapolitanisches ersetzen möchten; die Könige von Sardinien und Neapel führen beide schon den Titel König von Jerusalem. Dazu kommt noch, daß die ansässige Bevölkerung Jerusalems etwa 15.500 Seelen zählt, worunter 4.000 Muselmanen und 8.000 Juden sind. Die Muselmanen, die etwa ein Viertel der ganzen Bevölkerung bilden und aus Türken, Arabern und Mauren bestehen, sind selbstverständlich in jeder Hinsicht die Herren, denn bei der Schwäche ihrer Regierung in Konstantinopel sind sie in keiner Weise beengt. Nichts gleicht aber dem Elend und den Leiden der Juden in Jerusalem, die den schmutzigsten Flecken der Stadt bewohnen, genannt Harêth-el-Yahud, im Viertel des Schmutzes zwischen Zion und Moria, wo ihre Synagogen liegen; sie sind unausgesetzt Gegenstand muselmanischer Unterdrückung und Unduldsamkeit, von den Griechisch-Orthodoxen beschimpft, von den Katholiken verfolgt und nur von den spärlichen Almosen lebend, die ihnen von ihren europäischen Brüdern zufließen. Die Juden sind jedoch keine Ureinwohner, sondern kommen aus verschiedenen entfernten Ländern und werden nach Jerusalem nur durch den Wunsch gezogen, das Tal Josaphat zu bewohnen und an denselben Stellen zu sterben, wo der Erlöser erscheinen soll.
'In Erwartung des Todes', sagt ein französischer Schriftsteller (3), 'leiden sie und beten. Ihre Blicke auf den Berg Moria gerichtet, wo sich einst der Tempel Salomos erhob und dem sie sich nicht nähern dürfen, vergießen sie Tränen über das Unglück Zions und ihre Zerstreuung in der ganzen Welt.'

Um das Maß der Leiden dieser Juden voll zu machen, ernannten England und Preußen 1840 einen anglikanischen Bischof in Jerusalem, dessen offen zugegebene Aufgabe ihre Bekehrung ist. 1845 wurde er fürchterlich durchgeprügelt und von Juden, Christen und Türken gleicherweise verhöhnt. Von ihm kann man tatsächlich sagen, er habe den ersten und einzigen Anlaß zu einer Einigung zwischen sämtlichen Religionen in Jerusalem gegeben.

Man wird nun begreifen, weshalb der gemeinsame Gottesdienst der Christen an den Heiligen Stätten sich auflöst in eine Folge wüster Prügeleien zwischen den verschiedenen Sekten der Gläubigen; daß sich andrerseits hinter diesen religiösen Prügeleien nur ein weltlicher Kampf nicht nur von Nationen, sondern von Völkerschaften verbirgt, und daß das Protektorat über die Heiligen Stätten, das dem Westeuropäer so lächerlich, dem Orientalen aber so überaus wichtig erscheint, nur eine der Phasen der orientalischen Frage ist, die sich unaufhörlich erneuert, die stets vertuscht, aber nie gelöst wird."
New York Daily Tribune vom 15. April 1854, hier nach MEW, 10, S.173-176.
 
(1) Schaukelsystem 
(2) Famin
(3) Famin

Hier findet man die von Marx benutzte Quelle: Histoire de la rivalité et du protectorat des Eglises chrétiennes en Orient von César Famin.

Juli 31, 2010

Both kinds of music (11): Es kommt Swing in die Sache

Die Genrebezeichnung western bezog in den 1930ern nicht nur auf die singenden Cowboys mit ihren melancholisch bis schmalzigen Balladen. Ebenfalls als western bzw. als western dance klassiert wurden Bands wie die Light Crust Doughboys und die daraus hervorgehenden Bob Wills and his Texas Playboys und Milton Brown and his musical brownies, sozusagen die Urgesteine dessen, was ab den 1940ern unter die Genre-Bezeichnung western swing subsumiert wurde. Western Swing unterschied sich sowohl von der Old-time music der Appalachen als von zeitgenössischer Country-Musik im Gefolge von Jimmy Rodgers insbesondere dadurch, dass durchgängig ein Instrument eingesetzt wurde, das Traditionalisten ein Dorn im Auge war: das Schlagzeug (tatsächlich sollte Bob Wills 1944 zum Schrecken vieler als erster Interpret in der 1925 gegründeten Grand Ole Opry in Nashville, Tennessee mit einem Schlagzeuger auftreten, wenn er auch hinter einem Vorhang versteckt blieb - vergleichbar wohl mit dem "Judas!"-Moment als Dylan die elektrische Gitarre zur Hand nahm).

Hier je ein Video der drei maßgeblichen frühen Western Swing-Bands:
Light Crust Doughboys- Beer Drinkin' Mama (1939)


Bob Wills and his Texas Playboys - Steel Guitar Rag (1936)


Milton Brown and his Musical Brownies - Yes Sir! (1936)

Juli 30, 2010

Links

- Zwei Studien über den frühen amerikanischen Anarchismus/Individualismus: Rudolf Rockers Pioneers of American Freedom und E.M. Schusters Native American Anarchism auf Reason Hit & Run, via Jesse Walker.

- Ebenfalls von Jesse Walker: eine historische Kontextualisierung von Burqa-Verboten und Ground-Zero-"Moschee"-Diskussion.

- Ein animierter Slavoj Žižek.


- Saint Che: ein schon fast klassischer Text von Larry Gambone aus dem Jahre 1997, via Entdinglichungs neuester Durchforstung der Archive der "radikalen und nicht so radikalen Linken".

- Hier hingegen ein vom Glauben abgefallener Linker. Man beachte folgende Passage: "I began a journey across the left, attempting to rediscover the original vision of the need for a better world which had originally inspired me, but I came to the conclusion that the rot went far further than just the SWP. It was not there was a moral vacuum in the left, but instead a willingness to close its collective eyes to injustice and oppression in the name of a Greater Good. Only among the Anarchists that could I find those who refused to compromise principle and remain true to a vision of a better world free from the shackles of State and God, however, even within the Anarchist movement they were a small minority whilst the mass of anarchists parroted the lefty lines; but dressed in black and with more swears."

Juli 27, 2010

Je proteste!

Zeit für etwas Abwechslung vom ganzen Country-Kram:
Stella (spätere Vander) - Cauchemar auto-protestateur (1967)

Juli 26, 2010

Kleine Kulturgeschichte der Seeschäumer

Gelesen bei Peter Sloterdijk:
"Vom piratischen Atheismus her denken die Modernen die Gefahren der libertären und der anarchistischen Enthemmung, hier hat die konservative Partisanenphobie ihre Quelle. Die seit der Antike notorische Angst der Ordnungshüter vor den Neuerern wandelt sich neuzeitlich zur Angst des Landmenschen vor dem seegängigen Unternehmer, bei dem, auch wenn er den Zylinder trägt und bei Tisch ein Fischmesser zu gebrauchen weiß, der Pirat hervorlugt. Darum kann sich kein Terraner ohne Grauen eine Weltlage vorstellen, in welcher der Primat des Politischen, und das heißt hier: des Festländischen, nicht mehr in Kraft wäre. Denn wenn sich der Pirat an Land begibt, welche Verbrechenspläne trägt er in der Brusttasche? Wo hält er seine Waffen verborgen? Mit welchen verlockenden Argumenten läßt er seine Spekulationen anpreisen? Unter welchen humanitären Masken kaschiert er seine verruchten Intentionen? Wo Räuber in guter Gesellschaft auftreten, sind ihre Sophisten, die Berater, nicht weit. Seit zweihundert Jahren sortieren die Bürger ihre Ängste: Der Anarcho-Maritime wird an Land im günstigsten Fall zu einem Raskolnikow (der tut, was er will, es aber bereut), im weniger günstigen zu einem de Sade (der tut, was er will, und die Reue negiert), im schlimmsten Fall zu einem Neoliberalen (der tut, was er will, und sich dafür, Ayn Rand zitierend, selber zum Mann der Zukunft ausruft).

Die Piraterie strahlt freilich auch auf andere Weise ins bürgerliche Denken ein: Schon früh wird sie von den Phantasien der Festlandsbewohner zu einer libertären Gegenwelt verklärt, in der alles möglich wäre, nur keine Langeweile. Jahrhunderte vor der Künstlerbohème liefert die maritime Bohème den Evasionsträumen von Bürgern, die etwas anderes als Bürger sein wollen, unerschöpfliche Stimulationen. Auf Stichen des 18. Jahrhunderts treten weibliche Korsarinnen auf die Bühne - mit gezogenem Degen und offener Bluse, die Brüste hervorspringend - wie um den Beweis zu führen, daß die neue Frau auf dem Meer als Räuberin aus eigenem Recht agiert. Bis zu Brechts Dreigroschenoper (1928) und Pasolinis Scritti corsari (1973-75) läßt sich das kriminalromantische Begehren verfolgen, das die Große Freiheit vom Meer her kommen sieht. Auch Friedrich Schiller hat in den Entwürfen zu seinen 'Seestücken' mit dem Gedanken gespielt, 'die schwimmende Republik der Flibustiers' zu portraitieren. Der Verfasser der Räuber mußte zugeben, daß die Seeräuber die eindrucksvollere Gegenkultur bildeten."
Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung, Frankfurt am Main, 2006, S.181-182.

Zur Verklärung der Piraterie als libertärer Gegenwelt, siehe z.B. das Daniel Defoe zugeschriebene Libertalia (das ich selbst mit 20 begeistert gelesen habe). Mehr über pirate utopias hier. In diesem Zusammenhang bietet sich natürlich auch ein Hinweis auf zeitgenössische Utopien an, z.B. das von Patri Friedman (Enkel von Milton) und anderen propagierte seasteading.

Bonus: der Held meiner Kindheit.

Juli 24, 2010

Both kinds of music (10): Längere Laufzeit als der Energizer Bunny... und die Stones

Einer der bekanntesten "singing cowboys" war sonder Zweifel Leonard Slye, besser bekannt unter dem Künstlernamen Roy Rogers. Rogers, der noch in den 1950ern in den Anfangstagen des Fernsehers erfolgreich war, unternahm seine ersten musikalischen Gehversuche, noch vor seiner Karriere in Film, Funk und Fernsehen als Sänger und Gitarrist der Rocky Mountaineers, bevor er Anfang 1933 mit Tim Spencer und Slumber Nichols das "Pioneer Trio" gründete, das seit 1934 den Namen Sons of the pioneers trägt. Die Sons of the pioneers, die bald auch unabhängig von Rogers Schallplatten aufnahmen und in Filmen auftraten, sind wohl die älteste noch aktive Band der Welt, auch wenn schon länger keines mehr der ursprünglichen Mitglieder am Leben ist (die Homepage des aktuellen Line-Ups).

Hier ein Youtube-Clip mit verschiedenen Mitgliedern aus acht Jahrzehnten; im Hintergrund laufen die Songs Tumbling Tumble Weeds, Cool Water, Way Out There, Timber, The Searchers.

Dust (1947)

Blue eyes crying in the rain (1968)

Juli 23, 2010

Wahre Worte

"Was also ist Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münze in Betracht kommen."

Juli 18, 2010

Wissenschaftliche Planung in der Schweiz, anno 1942

Wieder mal ein Fundstück aus den Zeitungszeugen (in der Nummer 73 von vorletzter Woche): ein Auszug aus einer Mitteilung der "Eidgenössischen Zentralstelle für Kriegswirtschaft" aus der Neuen Zürcher Zeitung vom 11. Juni 1942, die zeigt welche Auswirkungen der Weltkrieg auf eine nicht aktiv beteiligte Nation wie die Schweiz hatte:

"Die Lebensmittelrationen für die geistig Arbeitenden.
(...)
Der keine beträchtliche Körperarbeit Leistende braucht pro Tag 2200 bis 2400 Kalorien. Körperliche Schwer- und Schwerstarbeit erhöht diesen Nahrungsbedarf um 50, 100 und noch mehr Prozent. Es ist aber eine durch exakte Messungen bewiesene Tatsache, daß durch Geistesarbeit der Stoffwechsel nur um etwa zehn Prozent ansteigt; und selbst dieser Mehrverbrauch ist nicht einmal durch die Geistesarbeit selber bedingt, sondern durch die diese Geistesarbeit begleitende erhöhte Muskelspannung. Die geistige Arbeit, und zwar auch die genialste, wird von unserm Organismus praktisch geliefert. So ist es wissenschaftlich durchaus begründet, daß Zusätze von Nahrungsmitteln für die Geistesarbeiter nicht notwendig sind, solange die Normalration, wie dies gegenwärtig der Fall ist, noch genügt. Spezialmaßnahmen würden erst dann notwendig, wenn die Normalration ungenügend würde, weil die geistige Arbeit bei Unterernährung schneller und intensiver leidet als die körperliche.

Zweifellos empfinden viele Geistesarbeiter ein Bedürfnis nach gewissen stimulierenden Genußmitteln, wie Kaffee oder Tee, aber hier muß unterschieden werden zwischen dem physiologischen Bedürfnis des Organismus und dem psychologischem Bedürfnis. Es muß ausdrücklich gesagt werden, daß ein physiologisches Bedürfnis nach Alkaloiden wie Koffein nicht besteht. Die Denker des klassischen Altertums haben höchste geistige Leistungen vollbracht, ohne Kaffee oder Tee zu kennen, und viele Intellektuelle von heute meiden den Kaffee gerade dann, wenn sie intensivste und beste Arbeit leisten müssen, weil die durch Kaffee erzeugte Erregtheit der Stetigkeit der Ideenentwicklung eher abträglich ist; denn die nervöse Geschäftigkeit und Sprunghaftigkeit nach dem Kaffeegenuß ist der Leistungsintensität durchaus nicht immer förderlich, und manch ein Angestellter wird darüber froh sein, daß sein Chef infolge geringeren Kaffeegenusses auch weniger nervös und gereizt ist.

(...) Wenn somit die Geistesarbeiter keine Zusatzkarten erhalten, so nicht etwa deshalb, weil sie vergessen oder ihre berechtigten Bedürfnisse ignoriert worden wären. Die Mitglieder der eidgenössischen Kommission für Kriegsernährung, die den wissenschaftlichen Plan der abgestuften Rationierung ausgearbeitet haben, zählen sich auch zu den Geistesarbeitern; sie haben es aber als physiologisch richtig betrachtet, daß wohl den körperlich schwer Arbeitenden, nicht aber den Geistesarbeitern Sonderrationen zugebilligt werden."

Juli 17, 2010

Both kinds of music (9): Vom Gewerkschaftsbarden zum Cowboy Crooner

Der bekannteste der "singing cowboys" war ohne Zweifel Gene Autry, der 1935 mit dem 12 Folgen umfassenden Serial The Phantom Empire, das horse opera und Science Fiction-Elemente verband, und dementsprechend in dem unten zitierten Artikel von Hartmut Kasper gewürdigt wird, zuerst als Schauspieler auftrat. Bevor Autry zu Amerikas beliebtesten singenden Cowboy bzw. zum "Public Cowboy No. 1" wurde, war er bereits als Country-Sänger im Stil von Jimmie Rodgers in Erscheinung getreten, dessen Leben er 1933 mit diesem hübschen Lied würdigte:

The life of Jimmie Rodgers


Aus der gleichen Zeit stammt auch dieses Lied über die Gewerkschaftsführerin Mother Jones, die 1905 die Industrial Workers of the World mitbegründet hatte und 1930 im hohen Alter verstorben war:
The death of Mother Jones (1931)


Nach seinen Erfolgen im Filmgeschäft wandelte sich Autry überaus erfolgreich zum Crooner mit Cowboyhut. Ein Beispiel dieses Stils (der zugegebenermaßen nicht ganz meinen Geschmack trifft):

South of the border (1939):

Juli 15, 2010

118 Jahre Walter Benjamin

Zu Benjamins heutigem Wiegenfest ein Text aus der Einbahnstraße, zugegebenermaßen bloß deswegen, als dass ich diese Sammlung Benjaminscher "Aphorismen, Scherze, Träume" (so Benjamin in einer ersten Skizzierung an Gershom Sholem am 22.12.1924, zitiert nach Benjamin, Werke und Nachlass, Band 8, S.260) erst vor wenigen Tagen gelesen habe. Das 1928 bei Rowohlt erschienene Büchlein trägt schon den Eindruck der Benjaminschen Hinwendung zum Marxismus sowjetischer Prägung, die nicht zuletzt durch seine Affäre mit der lettischen Schauspielerin Asja Lacis (für die Benjamin im Winter 1926/27 in die Sowjetunion reiste, als sie in einem Moskauer Sanatorium untergebracht war) angeregt wurde. Eine weitere Prägung war die Beschäftigung mit Ludwig Klages, was zusammen ein leicht seltsames Gebräu ergibt, das Benjamin selber als "anthropologischen Materialismus" verstand, das man vielleicht auch als "dionysischer Bolschewismus" bezeichnen könnte (besonders ausgeprägt im letzten Text der Einbahnstraße "Zum Planetarium"). Hier neigt man dann doch dazu dem zeitgenössischen Rezensenten aus Ungarn zuzustimmen, wenn er schreibt: "Das Buch stimmt traurig, denn es enthält wirr durcheinander Edelsteine und wertloses Glas. Der Autor macht aber die Auslese überaus schwierig und schon das Motto des Buches erweckt ein eigenartiges Gefühl, denn es lautet in der Originalschreibart: 'Diese Straße heißt Asja-Lacis-Straße, nach der die sie als Ingenieur im Autor durchgebrochen hat.' Es dürfte aber eine Sackgasse sein!" (Pester Lloyd vom 23.3.1928, zitiert nach Benjamin, WuN, 8, S.517).

LEHRMITTEL

PRINZIPIEN DER WÄLZER ODER DIE KUNST, DICKE BÜCHER ZU MACHEN
I. Die ganze Ausführung muß von der dauernden wortreichen Darlegung der Disposition durchwachsen sein.
II. Termini für Begriffe sind einzuführen, die außer bei dieser Definition selbst im ganzen Buch nicht mehr vorkommen.
III. Die im Text mühselig gewonnenen begrifflichen Distinktionen sind in den Anmerkungen zu den betreffenden Stellen wieder zu verwischen.
IV. Für Begriffe, über die nur in ihrer allgemeinen Bedeutung gehandelt wird, sind Beispiele zu geben: wo etwa von Maschinen die Rede ist, sind alle Arten derselben aufzuzählen.
V. Alles, was a priori von einem Objekt feststeht, ist durch eine Fülle von Beispielen zu erhärten.
VI. Zusammenhänge, die graphisch darstellbar sind, müssen in Worten ausgeführt werden. Statt etwa einen Stammbaum zu zeichnen, sind alle Verwandtschaftsverhältnisse abzuschildern und zu beschreiben.
VII. Von mehreren Gegnern, denen dieselbe Argumentation gemeinsam ist, ist jeder einzeln zu widerlegen.

Das Durchschnittswerk des heutigen Gelehrten will wie ein Katalog gelesen sein. Wann aber wird man soweit sein, Bücher wie Kataloge zu schreiben? Ist das schlechte Innere dergestalt in das Äußere gedrungen, so entsteht ein vortreffliches Schriftwerk, in dem der Wert der Meinungen beziffert ist, ohne daß sie deswegen feilgeboten werden.

Die Schreibmaschine wird dem Federhalter die Hand des Literaten erst dann entfremden, wenn die Genauigkeit typographischer Formungen unmittelbar in die Konzeption seiner Bücher eingeht. Vermutlich wird dann neue Systeme mit variablerer Schriftgestaltung benötigen. Sie werden die Innervation der befehlenden Finger an die Stelle der geläufigen Hand setzen.

Eine Periode, die, metrisch konzipiert, nachträglich an einer einzigen Stelle im Rhythmus gestört wird, macht den schönsten Prosasatz, der sich denken läßt. So fällt durch eine kleine Bresche in der Mauer ein Lichtstrahl in die Stube des Alchimisten und läßt Kristalle, Kugeln und Triangel aufblitzen.
(Benjamin, WuN, 8, S.31-32).

Juli 14, 2010

Everybody hates Slavoj

...die Jungle World, der Spiegel, Reason, Principia Dialectica, der Perlentaucher, die ägyptische Wochenzeitung Al-Ahram, Marginal Revolution, Zettels Raum, die Judeosphäre, die alternative Filmkritik, Slavoj Žižek und viele andere mehr... Lediglich Spiked ist aus Prinzip anderer Meinung und findet Žižeks Buch über die Krise nicht völlig schlecht. Seit Adam Kirsch's New Republic-Artikel "The deadly jester" (Replik von Žižek hier, eine weitere Verteidigung des Slowenen z.B. hier) scheint es geradezu Mode geworden zu sein, Žižek-Bashing zu betreiben. Žižek wird vom Erfolg, von einer Art Hofnarr der Postmoderne zum "gefährlichsten Denker unserer Zeit" empor gehoben zu werden, wohl von Schwindel befallen sein. Tatsächlich schrieb er jüngst (in einem neuerlichen Versuch den Kommunismus  als Fortsetzung eines antinomisch verstandenen paulinischen Christentums zu definieren): "Indeed, Dostoevsky was right when he wrote: 'The socialist who is a Christian is more to be dreaded than a socialist who is an atheist' -- yes, dreaded by his or her enemies..." (Quelle). So will auch Žižek als Christ und Kommunist gefürchtet werden, eben gerade dadurch dass er als Narr in Christo in bester paulinischer Tradition (vgl. 1 Korinther 4, 10) predigt:  Mundus vult decipi, ergo decipiatur.

(dank an JayJay und CK für einige Links).

Juli 12, 2010

193 Jahre Henry David Thoreau

Zu Thoreaus heutigem Geburtstag habe ich das Gedicht Independence ausgewählt:

My life more civil is and free
Than any civil polity.
Ye princes keep your realms
And circumscribed power,
Not wide as are my dreams,
Nor rich as is this hour.

What can ye give which I have not?
What can ye take which I have got?
Can ye defend the dangerless?
Can ye inherit nakedness?

To all true wants time’s ear is deaf,
Penurious states lend no relief
Out of their pelf
But a free soul Thank God
Can help itself.

Be sure your fate
Doth keep apart its state—
Not linked with any band—
Even the nobles of the land

In tented fields with cloth of gold—
No place doth hold
But is more chivalrous than they are.
And sigheth for a nobler war.
A finer strain its trumpet rings—
A brighter gleam its armor flings.

The life that I aspire to live
No man proposeth me—
No trade upon the street
Wears its emplazonry.

Mehr von Henry David Thoreau lesen kann man z.B. hier.

Juli 11, 2010

Free Lindsay!

Vor ein paar Tagen hatte ich überlegt, was zum Fall "Lindsay Lohan" zu schreiben, nachdem diese in den USA zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, obwohl sie eigentlich niemanden geschadet hat außer ihr selbst, im Gegenteil: ihre antics tragen zur Unterhaltung von Millionen Menschen bei und wirken  und unterstützen  dabei fördernd auf den Umsatz des notleidenden Pressewesens. Gekommen bin ich dazu allerdings nicht, so dass ich mich freue, dass zumindest Manuel Lora vom Libertarian Standard  diese Aufgabe übernommen hat: In defense of Lindsay Lohan (Link via ars libertatis).

Halbherzige Unterstützung von der Linken gab's auch hier; währenddessen freut sich das Cato Institute über die unerwartete Unterstützung seitens... Lindsay Lohan.

Both kinds of music (8): Pferdeopern

Kurz nach Erfindung des Tonfilms entwickelte sich Anfang der 1930er ein neues Subgenre innerhalb der Western-Musik: der "singing cowboy", der in sog. "horse operas" (Pferdeopern, analog zu dem im Weltraum angesiedelten "space operas") sein Unwesen trieb. Hierzu schreibt Hartmut Kasper in einem lesenswerten Aufsatz:

"In den meisten Western wird virtuos geritten, geschossen und für das Gute gekämpft. In den Horse Operas wird zusätzlich gesungen. (...) Musik spielte nämlich für die patrons, die Kunden des Kinos, 'a definite part in western pictures - it's part of the old west, western patrons like good fiddle bands and good cowboy songs.'

Held solcher Western, die zu Publikumsmagneten wurden, war eine heute weitgehend vergessene Figur: der singende Cowboy. Dieser aber wird Zentralfigur der wahren Horse Opera: Wer Horse Opera sagte, meinte natürlich kaum Stücke mit singenden Pferden, was tatsächlich ein wenig albern hätte klingen können, sondern Filme, in denen Cowboys zur Gitarre griffen und Lieder vortrugen. Demzufolge ist die Horse Opera auch durchaus nicht (...) Synonym mit Western überhaupt, sondern sie bezeichnet ein Subgenre des Westerns, und zwar ein damals in den USA (und in Großbritannien) überaus populäres, in Deutschland allerdings weitgehend unbekanntes Subgenre. (...)

Tex Ritter in Song of the Gringo (1936)


Die Horse Opera, also der Western mit dem singenden Cowboy, hat etliche Stars hervorgebracht wie Dick Foran, Tex Ritter und Roy Rogers. Auch John Wayne versuchte sich in diesem Genre, doch seine Gesangsstimme setzte dem Erfolg enge Grenzen und musste nachsynchronisiert werden.

John Wayne als "Singin' Sandy" in Riders of destiny (1933)


Lieder, wie sie diese Cowboys sangen, waren seit Mitte der 20er Jahre auf Schallplatten erschienen; sie erzählten von einem Westen, der gerade in Erinnerung zu versinken und in dieser Erinnerung auch zu verklären begann. Die Cowboy-Songs sind so etwas wie gesungene Verlustanzeigen, und der sie vortragende Cowboy wird so vom schlichten Landarbeiter, der er historisch gewesen war (meist schwarz, natürlich unbewaffnet, da die schweren Waffen beim Reiten nur gestört hätten), zur elegischen Figur, die von einer verlorenen Welt erzählt."
Hartmut Kasper, "Perry Rhodan - der Erbe der Space Opera. Über das Motiv des singenden Cowboys und einige damit verwandte Aspekte in der deutschen Weltraumserie.", in Das Science Fiction Jahr 2004, München, 2005, S.74-76.

Elvis Presley - Lonesome Cowboy (1957)

Juli 09, 2010

For Emma forever ago


Jeff Riggenbach würdigt heute auf Mises Daily Emma Goldman  (deren rezenten Geburtstag hier auf dem Blog leider verpennt wurde) und diskutiert insbesondere ihr Verhältnis zur ersten libertären Bewegung in den USA (im Umfeld von Tucker) als auch ihre intellektuelle Entwicklung von Johann Most zu Henry David Thoreau. Sehr unterhaltsam auch die Kommentare auf dem Mises Blog, die doch zeigen, dass bestimmte kulturelle Prägungen nicht so leicht zu überwinden sind: "crazed, hate-filled fanatic"! "Bolshevik"! "radical feminist who dispised family values"! Und was soll man von dieser Aussage halten: "In anarchist society, Emma Goldman would be thrown out of town as an enemy of property rights."

Juli 08, 2010

Drill, baby, drill (anno 1938)

Guter Treibhauseffekt, böser Treibhauseffekt zum Zweiten, diesmal mit einem Zitat von Guy Callendar, einem frühen Protagonisten der Forschung zum anthropogenen Klimawandel:

"The combustion of fossil fuel... is likely to prove beneficial to mankind in several ways... for instance, the increases in mean temperature would be important at the northern margins of cultivation, and the growth of favourably situated plants is directly proportional to the carbon dioxide pressure. In any case, the return of the deadly glaciers should be delayed indefinitely."

zitiert nach: Mike Hulme, Why we disagree about Climate Change. Understanding Controversy, Inaction and Opportunity, Cambridge, 2009, S.53 - übrigens ein sehr empfehlenswertes Buch zum wissenschafts-, sozial- und mentalitätshistorischen Background der Debatten über den Klimawandel (Zeloten die den baldigen Weltuntergang erwarten werden mit dem Buch allerdings genau so wenig anfangen können wie Verschwörungstheoretiker, die die globale Erwärmung für eine Erfindung von Al Gore/der Atomlobby/des Weltkommunismus/der Weisen von Zion halten).

Juli 07, 2010

70 Jahre Richard Starkey

Eine Woche war nicht genug...

Las Brisas (1976)

Juli 04, 2010

234 Jahre Sieg im Volkskrieg

The Fifth Dimension - The Declaration (1970)


"It takes such a long train of abuses to persuade the mass of people to throw off their habitual customs and loyalties and to make revolution; hence the absurdity of singling out the American Revolution as 'conservative' in that sense. Indeed, this very breakthrough against existing habits, the very act of revolution, is therefore ipso facto an extraordinarily radical act.(...)

But the deep-seated radicalism of the American Revolution goes far beyond this. It was inextricably linked both to the radical revolutions that went before and to the ones, particularly the French, that succeeded it. From the researches of Caroline Robbins and Bernard Bailyn, we have come to see the indispensable linkage of radical ideology in a straight line from the English republican revolutionaries of the seventeenth century through the commonwealthmen of the late seventeenth and eighteenth centuries, to the French and to the American revolutionaries. And this ideology of natural rights and individual liberty was to its very marrow revolutionary. As Lord Acton stressed of radical liberalism, in setting up 'what ought to be' as a rigorous guidepost for judging 'what is', it virtually raised thereby a standard of revolution.

The Americans had always been intractable, rebellious, impatient of oppression, as witness the numerous rebellions of the late seventeenth century; they also had their own individualist and libertarian heritage, their Ann Hutchinsons and Rhode Island quasi anarchists, some directly linked with the left wing of the English revolution. Now, strenghtened and guided by the developed libertarian natural rights ideology of the eighteenth century, and reacting to aggrandizement of the British imperial state in the economic, constitutional, and religious spheres, the Americans, in escalated and radicalized confrontations with Great Britain, had made and won their Revolution. By doing so, this revolution, based on the growing libertarian idea pervading enlightened opinion in Europe, and gave immeasurable impetus to the liberal revolutionary movement throughout the Old World; for here was a living example of a liberal revolution that had taken its daring chance, against all odds and against the mightiest state in the world, and had actually succeeded. Here, indeed, was a beacon light to all oppressed peoples in the world!

The American Revolution was radical in many other ways as well. It was the first successful war of national liberation against western imperialism. A people's war, waged by the majority of Americans having the courage and the zeal to rise up against constituted 'legitimate' government, actually threw off their 'sovereign'. A revolutionary war led by 'fanatics' and zealots rejected the siren calls of compromise and easy adjustment to the existing system. As a people's war, it was victorious to the extent the guerilla strategy and tactics were employed against the far more heavily armed and better trained British army - a strategy and tactics of protracted conflict resting precisely on mass support. (...)

Also, as in any people's war, the American Revolution did inevitably rend society in two. The Revolution was not a peaceful emanation of an American 'consensus'; on the contrary, as we have seen, it was a civil war resulting in permanent expulsion of 100,000 Tories from the United States. Tories were hunted, persecuted, their property confiscated, and themselves sometimes killed, what could be more radical than that? Thus, the French Revolution was, as in so many other things, foreshadowed by the American. The inner contradiction of the goal of liberty and the struggle against the Tories during the Revolution showed that revolutions will be tempted to betray their own principles in the heat of battle. The American Revolution also prefigured the misguided use of paper money inflation, and of severe price and wage controls which proved equally unworkable in America and in France. And, as constituted government was either ignored or overthrown, Americans found recourse in new quasi-anarchistic forms of government: spontaneous local committees. Indeed, the new state and eventual federal governments often emerged out of federations and alliances of local and county committees. Here again, 'committees of inspection,' 'committees of public safety,' etc., prefigured the French and other revolutionary paths. What this meant, as was most clearly illustrated in Pennsylvania, was the revolutionary innovation of parallel institutions, of dual power, that challenged and eventually simply replaced old and established governmental forms. Nothing in all of the picture of the American Revolution could have been more radical, more truly revolutionary."
 Auszüge aus Murray N. Rothbard, Conceived in Liberty. Volume IV: The Revolutionary War 1775-1784, S.442-444.