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Juli 15, 2011

119 Jahre Walter Benjamin

Folgende Passage, welche die Verwandlung des Begriffs "kritisch" in der Folge von Kant in einen magischen Terminus durch die deutsche (Früh-)Romantik behandelt (tatsächlich hat sich dieses eigentümlich magische des Begriffs ja bis heute bewahrt - ein Begriff wird zu etwas höherem transsubstantiiert, wenn er mit dem Adjektiv "kritisch" belegt wird, und der Kritisierte kann gerade durch die Inanspruchnahme des Begriffs "kritisch" für sich selber, als "unkritisch" abgetan werden; zugleich - so argumentiert Benjamin - rechtfertigt man die relative aber notwendige Unzulänglichkeit des eigenen Standpunkts als bloße Kritik), stammt aus Benjamins vergleichsweise unbekannt gebliebenen Dissertation Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik (zuerst erschienen 1920 in Bern):

"Von allen philosophischen und ästhetischen Fachausdrücken dürften die Worte Kritik und kritisch in den Schriften der Frühromantiker leicht die häufigsten sein. 'Du schaffst eine Kritik', schreibt Novalis im Jahre 1796 seinem Freunde, als er ihm das höchste Lob zuteil werden lassen will, und zwei Jahre später spricht [Friedrich] Schlegel es mit Selbstbewußtsein aus, daß er 'aus den Tiefen der Kritik' begonnen habe. 'Höherer Kritizismus' ist den Freunden eine geläufige Bezeichnung für alle ihre theoretischen Bestrebungen. Durch Kants philosophisches Werk hatte der Begriff der Kritik für die jüngere Generation eine gleichsam magische Bedeutung erhalten; jedenfalls verband sich mit ihm ausgesprochenermaßen gerade nicht der Sinn einer bloß beurteilenden, nicht produktiven Geisteshaltung, sondern für die Romantiker und für die spekulative Philosophie bedeutete der Terminus kritisch: objektiv produktiv, schöpferisch aus Besonnenheit. Kritisch sein hieß die Erhebung des Denkens über alle Bedingungen so weit treiben, daß gleichsam zauberisch aus der Einsicht in das Falsche der Bindungen die Erkenntnis der Wahrheit sich schwang. In dieser positiven Bedeutung gewinnt das kritische Verfahren die denkbar nächste Verwandtschaft mit dem reflektierenden, und in Aussprüchen wie dem folgenden gehen beide ineinander über: 'In jeder Philosophie, die mit Beobachtung ihres eigenen Verfahrens, mit Kritik anfängt, hat der Anfang immer etwas Eigentümliches'. Dasselbe bedeutet es, wenn Schlegel vermutet: 'Abstraktion, und besonders praktische, ist wohl am Ende nichts als Kritik'. Denn er las bei Fichte, daß 'keine Abstraktion ... ohne Reflexion und keine Reflexion ohne Abstraktion' möglich sei. So ist es endlich nicht einmal mehr unverständlich, wenn er zum Aerger seines Bruders [August Wilhelm], der das 'wahren Mystizismus' nennt, die Behauptung aufstellt, 'jedes Fragment sei kritisch', 'kritisch und Fragmente wäre tautologisch'. Denn ein Fragment - auch dies ein mystischer Terminus - ist für ihn, wie alles geistige, ein Reflexionsmedium. - Nicht so weit, als man meinen sollte, weicht diese positive Betonung des Kritikbegriffs vom Kantischen Sprachgebrauch ab. Kant, in dessen Terminologie gar nicht wenig mystischer Geist enthalten ist, hatte sie vorbereitet, indem er den beiden verworfenen Standpunkten des Dogmatismus und Skeptizismus nicht sowohl die wahre Metaphysik, in der sein System gipfeln sollte, als 'Kritik', in deren Namen es inauguriert wurde, entgegenhielt. Man darf also sagen, daß der Kritikbegriff bereits bei Kant doppelsinnig spielt, welcher Doppelsinn sich bei den Romantikern potenziert, weil sie durch das Wort Kritik zugleich auch auf Kants ganze historische Leistung und nicht nur auf seinen Begriff der Kritik Bezug nehmen. Endlich haben sie auch das unvermeidliche negative Moment dieses Begriffs zu bewahren und zu verwenden verstanden. Auf die Dauer konnten die Romantiker eine ungeheure Diskrepanz zwischen dem Anspruch und der Leistung ihrer theoretischen Philosophie nicht übersehen. Da stellt sich zur rechten Zeit wieder der Begriff der Kritik ein. Denn es besagt, so hoch man die Geltung eines kritischen Werkes auch immer bewerte, daß es das Abschließende nicht sein kann. In diesem Sinne haben die Romantiker unter dem Namen der Kritik zugleich die unausweichliche Unzulänglichkeit ihrer Bemühungen eingestanden, als eine notwendige zu bezeichnen gesucht und so endlich diesen Begriff auf die notwendige Unvollständigkeit der Unfehlbarkeit, wie man es bezeichnen kann, angespielt."
(zitiert nach der Kritischen Gesamtausgabe, Band 3, Frankfurt am Main, 2008, S.55-56).

Juli 15, 2010

118 Jahre Walter Benjamin

Zu Benjamins heutigem Wiegenfest ein Text aus der Einbahnstraße, zugegebenermaßen bloß deswegen, als dass ich diese Sammlung Benjaminscher "Aphorismen, Scherze, Träume" (so Benjamin in einer ersten Skizzierung an Gershom Sholem am 22.12.1924, zitiert nach Benjamin, Werke und Nachlass, Band 8, S.260) erst vor wenigen Tagen gelesen habe. Das 1928 bei Rowohlt erschienene Büchlein trägt schon den Eindruck der Benjaminschen Hinwendung zum Marxismus sowjetischer Prägung, die nicht zuletzt durch seine Affäre mit der lettischen Schauspielerin Asja Lacis (für die Benjamin im Winter 1926/27 in die Sowjetunion reiste, als sie in einem Moskauer Sanatorium untergebracht war) angeregt wurde. Eine weitere Prägung war die Beschäftigung mit Ludwig Klages, was zusammen ein leicht seltsames Gebräu ergibt, das Benjamin selber als "anthropologischen Materialismus" verstand, das man vielleicht auch als "dionysischer Bolschewismus" bezeichnen könnte (besonders ausgeprägt im letzten Text der Einbahnstraße "Zum Planetarium"). Hier neigt man dann doch dazu dem zeitgenössischen Rezensenten aus Ungarn zuzustimmen, wenn er schreibt: "Das Buch stimmt traurig, denn es enthält wirr durcheinander Edelsteine und wertloses Glas. Der Autor macht aber die Auslese überaus schwierig und schon das Motto des Buches erweckt ein eigenartiges Gefühl, denn es lautet in der Originalschreibart: 'Diese Straße heißt Asja-Lacis-Straße, nach der die sie als Ingenieur im Autor durchgebrochen hat.' Es dürfte aber eine Sackgasse sein!" (Pester Lloyd vom 23.3.1928, zitiert nach Benjamin, WuN, 8, S.517).

LEHRMITTEL

PRINZIPIEN DER WÄLZER ODER DIE KUNST, DICKE BÜCHER ZU MACHEN
I. Die ganze Ausführung muß von der dauernden wortreichen Darlegung der Disposition durchwachsen sein.
II. Termini für Begriffe sind einzuführen, die außer bei dieser Definition selbst im ganzen Buch nicht mehr vorkommen.
III. Die im Text mühselig gewonnenen begrifflichen Distinktionen sind in den Anmerkungen zu den betreffenden Stellen wieder zu verwischen.
IV. Für Begriffe, über die nur in ihrer allgemeinen Bedeutung gehandelt wird, sind Beispiele zu geben: wo etwa von Maschinen die Rede ist, sind alle Arten derselben aufzuzählen.
V. Alles, was a priori von einem Objekt feststeht, ist durch eine Fülle von Beispielen zu erhärten.
VI. Zusammenhänge, die graphisch darstellbar sind, müssen in Worten ausgeführt werden. Statt etwa einen Stammbaum zu zeichnen, sind alle Verwandtschaftsverhältnisse abzuschildern und zu beschreiben.
VII. Von mehreren Gegnern, denen dieselbe Argumentation gemeinsam ist, ist jeder einzeln zu widerlegen.

Das Durchschnittswerk des heutigen Gelehrten will wie ein Katalog gelesen sein. Wann aber wird man soweit sein, Bücher wie Kataloge zu schreiben? Ist das schlechte Innere dergestalt in das Äußere gedrungen, so entsteht ein vortreffliches Schriftwerk, in dem der Wert der Meinungen beziffert ist, ohne daß sie deswegen feilgeboten werden.

Die Schreibmaschine wird dem Federhalter die Hand des Literaten erst dann entfremden, wenn die Genauigkeit typographischer Formungen unmittelbar in die Konzeption seiner Bücher eingeht. Vermutlich wird dann neue Systeme mit variablerer Schriftgestaltung benötigen. Sie werden die Innervation der befehlenden Finger an die Stelle der geläufigen Hand setzen.

Eine Periode, die, metrisch konzipiert, nachträglich an einer einzigen Stelle im Rhythmus gestört wird, macht den schönsten Prosasatz, der sich denken läßt. So fällt durch eine kleine Bresche in der Mauer ein Lichtstrahl in die Stube des Alchimisten und läßt Kristalle, Kugeln und Triangel aufblitzen.
(Benjamin, WuN, 8, S.31-32).