Lob der deutschen Sprache (1972)
Die kastilische Sprache ward mir zum Schicksal,
Franzisco de Quevedos Bronze,
aber auf dem langen Weg durch die Nacht;
erheben sich andre, intimere Musiken.
Eine wurde mir aus dem Blute geschenkt -
o Stimme Shakespeares und der Schrift-
andere durch Zufall, der freigebig ist.
Dich aber, süße Sprache Deutschlands,
Dich habe ich erwählt und gesucht, ganz von mir aus.
In Nachtwachen und mit Grammatiken,
aus dem Dschungel der Deklinationen,
das Wörterbuch zur Hand, das nie den präzisen Beiklang trifft,
näherte ich mich Dir.
Meine Nächte sind mit Virgil angefüllt;
so sagte ich einmal;
ich könnte aber auch gesagt haben:
mit Hölderlin und Angelus Silesius.
Heine gab mir seine Nachtigallenpracht;
Goethe die Schickung einer späten Liebe,
gelassen sowohl wie bereichernd;
Keller die Rose, gelegt von der Hand
in die eines Toten, der die Blume liebte
und der nie wissen wird, ob sie weiß oder rot ist.
Du, Sprache Deutschlands, bist Dein Hauptwerk;
die verschränkte Liebe der Wortverbindungen,
die offenen Vokale, die Klänge,
angemessen dem griechischen Hexameter,
und Deine Wald- und Nachtgeräusche.
Dich besaß ich einmal. Heute, am Saum der müden Jahre;
gewahre ich Dich in der Ferne;
unscharf wie die Algebra und den Mond!
Nach der Übersetzung von Franz Nidermayer.
Hier der spanische Originaltext:
Al idioma alemán
Mi destino es la lengua castellana,
El bronce de Francisco de Quevedo,
Pero en la lenta noche caminada
Me exaltan otras músicas más íntimas.
Alguna me fue dada por la sangre -
Oh voz de Shakespeare y de la Escritura-,
Otras por el azar, que es dadivoso,
Pero a ti, dulce lengua de Alemania,
Te he elegido y buscado, solitario.
A traves de vigilias y gramáticas,
De la jungla de las declinaciones,
Del diccionario, que no acierta nunca
Con el matiz preciso, fui acercándome.
Mis noches están llenas de Virgilio,
Dije una vez; también pude haber dicho
De Hölderlin y de Angelus Silesius.
Heine me dio sus altos ruiseñores;
Goethe, la suerte de un amor tardío,
A la vez indulgente y mercenario;
Keller, la rosa que una mano deja
En la mano de un muerto que la amaba
Y que nunca sabrá si es blanca o roja.
Tú, lengua de Alemania, eres tu obra
Capital: el amor entrelazado
De las voces compuestas, las vocales
Abiertas, los sonidos que permiten
El estudioso hexámetro del griego
Y tu rumor de selvas y de noches.
Te tuve alguna vez. Hoy, en la linde
De los años cansados, te diviso
Lejano como el Agebra y la luna.
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August 24, 2013
Januar 27, 2013
238 Jahre Friedrich Wilhelm Joseph Schelling
Schelling war nicht nur Philosoph (laut Engels in Christo), sondern - wohl weniger bekannt - auch ein zuweilen humoristischer Dichter:
Epikurisch Glaubensbekenntnis Heinz Widerporstens (1799)
Kann es fürwahr nicht länger ertragen,
Muß wieder einmal um mich schlagen,
Wieder mich rühren mit allen Sinnen,
So mir dachten zu zerrinnen
Von den hohen überird'schen Lehren
Dazu sie mich wollten mit Gewalt bekehren,
Wieder werden wie unsereiner,
Der hat Mark, Blut, Fleisch und Gebeiner.
Weiß nicht, wie sies können treiben,
Von Religion reden und schreiben;
Mag über solchem Zeug nicht brüten,
Will denn unter sie hineinwüten
Und mir nicht von den hohen Geistern
Lassen Verstand und Sinn verkleistern,
Sondern behaupte zu dieser Frist,
Daß nur das wirklich und wahrhaft ist,
Was man kann mit den Händen betasten,
Was zu begreifen nicht not tut fasten,
Noch sonst ander Kasteiung
Oder gewaltsame Leibesbefreiung.
Zwar, als sie sprachen davon so trutzig,
Wurd ich eine Weile stutzig,
Las, als ob ich was verstehen könnt,
Darum so Reden als Fragment.
Wollt mich wirklich drein ergeben,
Lassen von gottlos Werk und Leben,
Hoffte, dem Bösen gar zum Spotte,
Selber zu machen mich zum Gotte,
Und war schon über Kopf und Hals
Vertieft im Anschaun des Weltenalls,
Als mich tät der Witz gemahnen,
Daß ich wär auf der falschen Bahnen:
Sollte kehren ins alt Gleis
Und mir nichts machen lassen weis.
Welches zu tun ich war nicht faul:
War doch nicht gleich wieder der alte Saul,
Mußte, um zu vertreiben die Grillen,
Darvon mir tät der Kopf noch trillen,
Den Leib auf alle Weis beraten,
Mir holen lassen so Wein als Braten.
Solches tät mir trefflich frommen:
War ganz in meine Natur gekommen,
Konnt wieder mit Frauen mich ergehn,
Aus beiden Augen helle sehn;
Darob ich mich, gar sehr ergötzt,
Alsbald zum Schreiben niedersetzt.
Sprach so in meinen innern Gedanken:
Tu nicht von deinem Glauben wanken,
Der dir geholfen durch die Welt
Und Leib und Seel zusammenhält;
Können dirs doch nicht demonstrieren
Und auf Begriffe reduzieren.
Wie sie sprechen vom innern Licht,
Reden viel und beweisen nicht,
Füllen mit großen Worten die Ohren,
Ist weder gesotten noch gegoren,
Sieht aus wie Phantasie und Dichtung,
Ist aller Poesie Vernichtung.
Könnens nicht anders von sich geben noch sagen,
Als wie sies in sich fühlen und tragen.
Darum so will auch ich bekennen,
Wie ich in mir es fühle brennen,
Wie mirs in allen Adern schwillt,
Mein Wort so viel wie anderes gilt,
Der ich in bös und guten Stunden
Mich habe gar trefflich befunden,
Seit ich gekommen bin ins klare,
Die Materie sei das einzig Wahre,
Unser aller Schutz und Rater,
Aller Dinge rechter Vater,
Alles Denkens Element,
Alles Wissens Anfang und End.
Halte nichts vom Unsichtbaren,
Halt mich allein am Offenbaren,
Was ich kann riechen, schmecken und fühlen,
Mit allen Sinnen drinnen wühlen.
Mein einzig Religion ist die,
Daß ich liebe ein schönes Knie,
Volle Brust und schlanke Hüften,
Dazu Blumen mit süßen Düften,
Aller Lust volle Nährung,
Aller Liebe süße Gewährung.
Drum, sollts eine Religion noch geben
(Ob ich gleich kann ohne solche leben)
Könnte mir von den andern allen
Nur die katholische gefallen,
Wie sie war in den alten Zeiten,
Da es gab nicht Zanken noch Streiten,
Waren alle ein Mus und Kuchen,
Tätens nicht in der Ferne suchen,
Täten nicht nach dem Himmel gaffen,
Hatten von Gott 'n lebend'gen Affen,
Hielten die Erde fürs Zentrum der Welt,
Zum Zentrum der Erde Rom bestellt,
Darin der Statthalter residiert
Und der Weltteile Zepter führt,
Und lebten die Laien und die Pfaffen
Zusammen wie im Land der Schlaraffen.
Dazu sie im hohen Himmelshaus
Selber lebten in Saus und Braus,
War ein täglich Hochzeithalten
Zwischen der Jungfrau und dem Alten;
Dazu das Weib im Haus regiert
Und wie hier unten die Herrschaft führt.
Hätte über das alles gelacht,
Doch mir es wohl zunutz gemacht.
Allein, das Blatt hat sich gewandt;
Ist eine Schmach, ist eine Schand
Wie man jetzt und allerorten
Ist so gar vernünftig worden,
Muß mit Sittlichkeit stolzieren,
Schönen Sprüchen paradieren,
Daß allewege selbst die Jugend
Wird geschoren mit der Tugend,
Und auch ein christkathol'scher Christ
Ebenso wie ein andrer ist.
Drum hab' ich aller Religion entsagt,
Keine mir jetzt mehr behagt,
Geh weder zur Kirche noch Predigt,
Bin alles Glaubens rein erledigt,
Außer an die, die mich regiert,
Mich zu Sinn und Dichtung führt,
Das Herz mir täglich rührt
Mit ew'ger Handlung,
Beständ'ger Verwandlung,
Ohne Ruh noch Säumnis,
Ein offen Geheimnis,
Ein unsterblich Gedicht,
Das zu allen Sinnen spricht,
So daß ich kann nichts mehr glauben noch denken,
Was sie mir nicht in die Brust tut senken,
Noch als gewiß und recht bewahren,
Was sie mir nicht tut offenbaren,
In deren tief gegrabnen Zügen
Muß, was wahr ist, verborgen liegen;
Das Falsche nimmer in sie mag kommen,
Noch ist es auch von ihr genommen –
Durch Form und Bild sie zu uns spricht
Und verhehlet selbst das Innre nicht,
Daß wir aus den bleibenden Chiffern
Mögen auch das Geheime entziffern
Und hinwiederum nichts mögen begreifen,
Was sie uns nicht gibt mit Händen zu greifen.
Drum, ist eine Religion die rechte,
Müßt sie im Stein und Moosgeflechte,
In Blumen, Metallen und allen Dingen,
So zu Luft und Licht sich dringen,
In allen Höhen und Tiefen
Sich offenbaren in Hieroglyphen.
Wollte gern vor dem Kreuz mich neigen,
Wenn ihr mir einen Berg könnt zeigen,
Darin den Christen zum Exempel
Wär von Natur erbaut ein Tempel,
Daß oben hohe Türme prangten,
Große Glocken an Magneten hangten,
Und an Altären, in den Hallen,
Kruzifixe von schönen Kristallen,
In Meßgewändern mit goldenen Fransen,
Silbernen Kelchen und Monstranzen,
Und was sonst ziert die Kirchendiener,
Stünden versteinerte Kapuziner.
Weilen aber bis zu dieser Frist
Ein solcher Berg nicht gewesen ist,
Will ich mich nicht lassen narren,
Sondern in Gottlosigkeit verharren,
Bis einer werd zu mir gesandt,
Geb mir den Glauben in die Hand,
Welches er wohl wird lassen bleiben.
Daher ich es will so forttreiben,
Wenn ich auch lebt bis an den Jüngsten Tag,
Den auch wohl keiner erleben mag.
Glaub, die Welt ist von jeher gewesen,
Wird auch nimmer in sich verwesen;
Möcht wissen, wenn sie sollt verbrennen
Mit allem Holz und Gesträuch darinnen,
Womit sie wollten die Hölle heizen,
Die Sünder zu kochen und zu beizen.
So bin ich aller Furcht entbunden,
Kann an Leib und Seel gesunden,
Statt mich zu gebärden und zu zieren,
Ins Universum zu verlieren,
In der Geliebten hellen Augen
In tiefes Blau mich untertauchen.
Wüßt auch nicht, wie mir vor der Welt sollt grausen,
Da ich sie kenne von innen und außen.
Ist gar ein träg und zahmes Tier,
Das weder dräuet dir noch mir,
Muß sich unter Gesetze schmiegen,
Ruhig zu meinen Füßen liegen.
Steckt zwar ein Riesengeist darinnen,
Ist aber versteinert mit allen Sinnen,
Kann nicht aus dem engen Panzer heraus
Noch sprengen das eisern Kerkerhaus,
Obgleich er oft die Flügel regt,
Sich gewaltig dehnt und bewegt,
In toten und lebend'gen Dingen
Tut nach Bewußtsein mächtig ringen;
Daher der Dinge Quallität,
Weil er drin quellen und treiben tät,
Die Kraft, wodurch Metalle sprossen,
Bäume im Frühling auf geschossen,
Sucht wohl an allen Ecken und Enden
Sich ans Licht herauszuwenden,
Läßt sich die Mühe nicht verdrießen,
Tut jetzt in die Höhe schießen,
Seine Glieder und Organ verlängern,
Jetzt wieder verkürzen und verengern
Und sucht durch Drehen und durch Winden
Die rechte Form und Gestalt zu finden.
Und kämpfend so mit Füß' und Händ'
Gegen widrig Element,
Lernt er im Kleinen Raum gewinnen,
Darin er zuerst kommt zum Besinnen;
In einen Zwergen eingeschlossen
Von schöner Gestalt und graden Sprossen,
Heißt in der Sprache Menschenkind,
Der Riesengeist sich selber findt.
Vom eisernen Schlaf, vom langen Traum
Erwacht, sich selber erkennet kaum
Über sich gar sehr verwundert ist,
Mit großen Augen sich grüßt und mißt;
Möcht alsbald wieder mit allen Sinnen
In die große Natur zerrinnen,
Ist aber einmal losgerissen,
Kann nicht wieder zurückfließen
Und steht zeitlebens eng und klein
In der eignen großen Welt allein.
Fürchtet wohl in bangen Träumen,
Der Riese könnt sich ermannen und bäumen
Und wie der alte Gott Satorn
Seine Kinder verschlingen im Zorn.
Denkt nicht, daß er es selber ist,
Seiner Abkunft ganz vergißt,
Tut sich mit Gespenstern plagen,
Könnt also zu sich selber sagen:
Ich bin der Gott, der sie im Busen hegt,
Der Geist, der sich in allem bewegt.
Vom ersten Ringen dunkler Kräfte
Bis zum Erguß der ersten Lebenssäfte,
Wo Kraft in Kraft und Stoff in Stoff verquillt,
Die erste Blüt, die erste Knospe schwillt
Zum ersten Strahl von neu gebornem Licht,
Das durch die Nacht wie zweite Schöpfung bricht
Und aus den tausend Augen der Welt
Den Himmel so Tag wie Nacht erhellt,
Hinauf zu des Gedankens Jugendkraft,
Wodurch Natur verjüngt sich wieder schafft,
Ist eine Kraft, ein Pulsschlag nur, ein Leben,
Ein Wechselspiel von Hemmen und von Streben.
Deswegen mir nichts ist so sehr verhaßt
Als so ein fremder fürnehmer Gast,
Der auf der Welt herumstolziert
Und schlechte Red im Munde führt
Von der Natur und ihrem Wesen,
Dünkt sich besonders auserlesen.
Ist eine eigne Menschenklasse,
Von eignem Sinn und geistlicher Rasse,
Halten all andre für verloren,
haben ewigen Haß geschworen
Der Materie und ihren Werken,
Tun sich dagegen mit Bildern stärken,
Reden von Religion als einer Frauen,
Die man nur dürft durch Schleier schauen,
Um nicht zu empfinden sinnlich Brunst,
Machen darum viel Wörterdunst,
Fühlen sich selbst hoch übermächtig
Glauben sich in allen Gliedern trächtig
Von dem neuen Messias, noch ungeborn,
In ihrem Ratschluß auserkorn,
Die armen Völker groß und klein
Zu führen in einen Schaf stall hinein,
Wo sie aufhören sich zu necken,
Hübsch christlich in eins zusammen blecken,
Und was sie sonst noch verkünden prophetisch.
Sind von Natur zwar unmagnetisch,
Doch wenn sie 'nen echten Geist berühren,
Von seiner Kraft was in sich spüren,
Glauben, sie sei'n es selber geworden,
Können von selber zeigen nach Norden.
Wissen sich doch nur schlecht zu raten,
Reden so mehr von andrer Taten,
Verstehen alles wohl zu rütteln,
Gedanken untereinanderzuschütteln,
Meinen, viel Geist daraus zu entwickeln,
Tut aber nur in der Nasen prickeln,
Polemisch affizieren den Magen
Und allen Appetit verschlagen.
Rat jedem, der es hat gelesen,
Von der Verderbnis zu genesen,
Auf'm Sofa mit einem schönen Kinde
Zu explizieren die Lucinde.
Jenen aber und ihresgleichen
Will ich kundtun und nicht verschweigen,
Daß ich ihre Fromm- und Heiligkeit,
Ihre Übersinn- und Überirdigkeit
Will ärgern mit tüchtig Werk und Leben,
Solange mir noch ist gegeben
Die Anbetung der Materie und des Lichts,
Dazu die Grundkraft deutschen Gedichts,
Solang ich an süßen Augen werd hangen,
Solang ich mich werd fühlen umfangen
Von der Einz'gen liebreichen Armen,
An ihren Lippen mich erwarmen,
Von ihrer Melodie durchklungen,
Von ihrem Leben so durchdrungen,
Daß ich nur nach dem Wahren kann trachten,
Allen Dunst und Schein verachten,
Daß mir nicht können die Gedanken
Wie Gespenster da- und dorthin schwanken,
Haben Nerven, Fleisch, Blut und Mark
Und werden geboren frei, frisch und stark.
Den andern aber entbiet ich Gruß
Und sage noch zum guten Schluß:
Hol der Teufel und Salitter
Alle Russen und Jesuiter.
Solches hab in der Frau Venus Horst
Geschrieben ich, Heinz Widerporst,
Der zweit genannt mit diesem Namen –
Gott geb noch vieln solchen Samen!
Muß wieder einmal um mich schlagen,
Wieder mich rühren mit allen Sinnen,
So mir dachten zu zerrinnen
Von den hohen überird'schen Lehren
Dazu sie mich wollten mit Gewalt bekehren,
Wieder werden wie unsereiner,
Der hat Mark, Blut, Fleisch und Gebeiner.
Weiß nicht, wie sies können treiben,
Von Religion reden und schreiben;
Mag über solchem Zeug nicht brüten,
Will denn unter sie hineinwüten
Und mir nicht von den hohen Geistern
Lassen Verstand und Sinn verkleistern,
Sondern behaupte zu dieser Frist,
Daß nur das wirklich und wahrhaft ist,
Was man kann mit den Händen betasten,
Was zu begreifen nicht not tut fasten,
Noch sonst ander Kasteiung
Oder gewaltsame Leibesbefreiung.
Zwar, als sie sprachen davon so trutzig,
Wurd ich eine Weile stutzig,
Las, als ob ich was verstehen könnt,
Darum so Reden als Fragment.
Wollt mich wirklich drein ergeben,
Lassen von gottlos Werk und Leben,
Hoffte, dem Bösen gar zum Spotte,
Selber zu machen mich zum Gotte,
Und war schon über Kopf und Hals
Vertieft im Anschaun des Weltenalls,
Als mich tät der Witz gemahnen,
Daß ich wär auf der falschen Bahnen:
Sollte kehren ins alt Gleis
Und mir nichts machen lassen weis.
Welches zu tun ich war nicht faul:
War doch nicht gleich wieder der alte Saul,
Mußte, um zu vertreiben die Grillen,
Darvon mir tät der Kopf noch trillen,
Den Leib auf alle Weis beraten,
Mir holen lassen so Wein als Braten.
Solches tät mir trefflich frommen:
War ganz in meine Natur gekommen,
Konnt wieder mit Frauen mich ergehn,
Aus beiden Augen helle sehn;
Darob ich mich, gar sehr ergötzt,
Alsbald zum Schreiben niedersetzt.
Sprach so in meinen innern Gedanken:
Tu nicht von deinem Glauben wanken,
Der dir geholfen durch die Welt
Und Leib und Seel zusammenhält;
Können dirs doch nicht demonstrieren
Und auf Begriffe reduzieren.
Wie sie sprechen vom innern Licht,
Reden viel und beweisen nicht,
Füllen mit großen Worten die Ohren,
Ist weder gesotten noch gegoren,
Sieht aus wie Phantasie und Dichtung,
Ist aller Poesie Vernichtung.
Könnens nicht anders von sich geben noch sagen,
Als wie sies in sich fühlen und tragen.
Darum so will auch ich bekennen,
Wie ich in mir es fühle brennen,
Wie mirs in allen Adern schwillt,
Mein Wort so viel wie anderes gilt,
Der ich in bös und guten Stunden
Mich habe gar trefflich befunden,
Seit ich gekommen bin ins klare,
Die Materie sei das einzig Wahre,
Unser aller Schutz und Rater,
Aller Dinge rechter Vater,
Alles Denkens Element,
Alles Wissens Anfang und End.
Halte nichts vom Unsichtbaren,
Halt mich allein am Offenbaren,
Was ich kann riechen, schmecken und fühlen,
Mit allen Sinnen drinnen wühlen.
Mein einzig Religion ist die,
Daß ich liebe ein schönes Knie,
Volle Brust und schlanke Hüften,
Dazu Blumen mit süßen Düften,
Aller Lust volle Nährung,
Aller Liebe süße Gewährung.
Drum, sollts eine Religion noch geben
(Ob ich gleich kann ohne solche leben)
Könnte mir von den andern allen
Nur die katholische gefallen,
Wie sie war in den alten Zeiten,
Da es gab nicht Zanken noch Streiten,
Waren alle ein Mus und Kuchen,
Tätens nicht in der Ferne suchen,
Täten nicht nach dem Himmel gaffen,
Hatten von Gott 'n lebend'gen Affen,
Hielten die Erde fürs Zentrum der Welt,
Zum Zentrum der Erde Rom bestellt,
Darin der Statthalter residiert
Und der Weltteile Zepter führt,
Und lebten die Laien und die Pfaffen
Zusammen wie im Land der Schlaraffen.
Dazu sie im hohen Himmelshaus
Selber lebten in Saus und Braus,
War ein täglich Hochzeithalten
Zwischen der Jungfrau und dem Alten;
Dazu das Weib im Haus regiert
Und wie hier unten die Herrschaft führt.
Hätte über das alles gelacht,
Doch mir es wohl zunutz gemacht.
Allein, das Blatt hat sich gewandt;
Ist eine Schmach, ist eine Schand
Wie man jetzt und allerorten
Ist so gar vernünftig worden,
Muß mit Sittlichkeit stolzieren,
Schönen Sprüchen paradieren,
Daß allewege selbst die Jugend
Wird geschoren mit der Tugend,
Und auch ein christkathol'scher Christ
Ebenso wie ein andrer ist.
Drum hab' ich aller Religion entsagt,
Keine mir jetzt mehr behagt,
Geh weder zur Kirche noch Predigt,
Bin alles Glaubens rein erledigt,
Außer an die, die mich regiert,
Mich zu Sinn und Dichtung führt,
Das Herz mir täglich rührt
Mit ew'ger Handlung,
Beständ'ger Verwandlung,
Ohne Ruh noch Säumnis,
Ein offen Geheimnis,
Ein unsterblich Gedicht,
Das zu allen Sinnen spricht,
So daß ich kann nichts mehr glauben noch denken,
Was sie mir nicht in die Brust tut senken,
Noch als gewiß und recht bewahren,
Was sie mir nicht tut offenbaren,
In deren tief gegrabnen Zügen
Muß, was wahr ist, verborgen liegen;
Das Falsche nimmer in sie mag kommen,
Noch ist es auch von ihr genommen –
Durch Form und Bild sie zu uns spricht
Und verhehlet selbst das Innre nicht,
Daß wir aus den bleibenden Chiffern
Mögen auch das Geheime entziffern
Und hinwiederum nichts mögen begreifen,
Was sie uns nicht gibt mit Händen zu greifen.
Drum, ist eine Religion die rechte,
Müßt sie im Stein und Moosgeflechte,
In Blumen, Metallen und allen Dingen,
So zu Luft und Licht sich dringen,
In allen Höhen und Tiefen
Sich offenbaren in Hieroglyphen.
Wollte gern vor dem Kreuz mich neigen,
Wenn ihr mir einen Berg könnt zeigen,
Darin den Christen zum Exempel
Wär von Natur erbaut ein Tempel,
Daß oben hohe Türme prangten,
Große Glocken an Magneten hangten,
Und an Altären, in den Hallen,
Kruzifixe von schönen Kristallen,
In Meßgewändern mit goldenen Fransen,
Silbernen Kelchen und Monstranzen,
Und was sonst ziert die Kirchendiener,
Stünden versteinerte Kapuziner.
Weilen aber bis zu dieser Frist
Ein solcher Berg nicht gewesen ist,
Will ich mich nicht lassen narren,
Sondern in Gottlosigkeit verharren,
Bis einer werd zu mir gesandt,
Geb mir den Glauben in die Hand,
Welches er wohl wird lassen bleiben.
Daher ich es will so forttreiben,
Wenn ich auch lebt bis an den Jüngsten Tag,
Den auch wohl keiner erleben mag.
Glaub, die Welt ist von jeher gewesen,
Wird auch nimmer in sich verwesen;
Möcht wissen, wenn sie sollt verbrennen
Mit allem Holz und Gesträuch darinnen,
Womit sie wollten die Hölle heizen,
Die Sünder zu kochen und zu beizen.
So bin ich aller Furcht entbunden,
Kann an Leib und Seel gesunden,
Statt mich zu gebärden und zu zieren,
Ins Universum zu verlieren,
In der Geliebten hellen Augen
In tiefes Blau mich untertauchen.
Wüßt auch nicht, wie mir vor der Welt sollt grausen,
Da ich sie kenne von innen und außen.
Ist gar ein träg und zahmes Tier,
Das weder dräuet dir noch mir,
Muß sich unter Gesetze schmiegen,
Ruhig zu meinen Füßen liegen.
Steckt zwar ein Riesengeist darinnen,
Ist aber versteinert mit allen Sinnen,
Kann nicht aus dem engen Panzer heraus
Noch sprengen das eisern Kerkerhaus,
Obgleich er oft die Flügel regt,
Sich gewaltig dehnt und bewegt,
In toten und lebend'gen Dingen
Tut nach Bewußtsein mächtig ringen;
Daher der Dinge Quallität,
Weil er drin quellen und treiben tät,
Die Kraft, wodurch Metalle sprossen,
Bäume im Frühling auf geschossen,
Sucht wohl an allen Ecken und Enden
Sich ans Licht herauszuwenden,
Läßt sich die Mühe nicht verdrießen,
Tut jetzt in die Höhe schießen,
Seine Glieder und Organ verlängern,
Jetzt wieder verkürzen und verengern
Und sucht durch Drehen und durch Winden
Die rechte Form und Gestalt zu finden.
Und kämpfend so mit Füß' und Händ'
Gegen widrig Element,
Lernt er im Kleinen Raum gewinnen,
Darin er zuerst kommt zum Besinnen;
In einen Zwergen eingeschlossen
Von schöner Gestalt und graden Sprossen,
Heißt in der Sprache Menschenkind,
Der Riesengeist sich selber findt.
Vom eisernen Schlaf, vom langen Traum
Erwacht, sich selber erkennet kaum
Über sich gar sehr verwundert ist,
Mit großen Augen sich grüßt und mißt;
Möcht alsbald wieder mit allen Sinnen
In die große Natur zerrinnen,
Ist aber einmal losgerissen,
Kann nicht wieder zurückfließen
Und steht zeitlebens eng und klein
In der eignen großen Welt allein.
Fürchtet wohl in bangen Träumen,
Der Riese könnt sich ermannen und bäumen
Und wie der alte Gott Satorn
Seine Kinder verschlingen im Zorn.
Denkt nicht, daß er es selber ist,
Seiner Abkunft ganz vergißt,
Tut sich mit Gespenstern plagen,
Könnt also zu sich selber sagen:
Ich bin der Gott, der sie im Busen hegt,
Der Geist, der sich in allem bewegt.
Vom ersten Ringen dunkler Kräfte
Bis zum Erguß der ersten Lebenssäfte,
Wo Kraft in Kraft und Stoff in Stoff verquillt,
Die erste Blüt, die erste Knospe schwillt
Zum ersten Strahl von neu gebornem Licht,
Das durch die Nacht wie zweite Schöpfung bricht
Und aus den tausend Augen der Welt
Den Himmel so Tag wie Nacht erhellt,
Hinauf zu des Gedankens Jugendkraft,
Wodurch Natur verjüngt sich wieder schafft,
Ist eine Kraft, ein Pulsschlag nur, ein Leben,
Ein Wechselspiel von Hemmen und von Streben.
Deswegen mir nichts ist so sehr verhaßt
Als so ein fremder fürnehmer Gast,
Der auf der Welt herumstolziert
Und schlechte Red im Munde führt
Von der Natur und ihrem Wesen,
Dünkt sich besonders auserlesen.
Ist eine eigne Menschenklasse,
Von eignem Sinn und geistlicher Rasse,
Halten all andre für verloren,
haben ewigen Haß geschworen
Der Materie und ihren Werken,
Tun sich dagegen mit Bildern stärken,
Reden von Religion als einer Frauen,
Die man nur dürft durch Schleier schauen,
Um nicht zu empfinden sinnlich Brunst,
Machen darum viel Wörterdunst,
Fühlen sich selbst hoch übermächtig
Glauben sich in allen Gliedern trächtig
Von dem neuen Messias, noch ungeborn,
In ihrem Ratschluß auserkorn,
Die armen Völker groß und klein
Zu führen in einen Schaf stall hinein,
Wo sie aufhören sich zu necken,
Hübsch christlich in eins zusammen blecken,
Und was sie sonst noch verkünden prophetisch.
Sind von Natur zwar unmagnetisch,
Doch wenn sie 'nen echten Geist berühren,
Von seiner Kraft was in sich spüren,
Glauben, sie sei'n es selber geworden,
Können von selber zeigen nach Norden.
Wissen sich doch nur schlecht zu raten,
Reden so mehr von andrer Taten,
Verstehen alles wohl zu rütteln,
Gedanken untereinanderzuschütteln,
Meinen, viel Geist daraus zu entwickeln,
Tut aber nur in der Nasen prickeln,
Polemisch affizieren den Magen
Und allen Appetit verschlagen.
Rat jedem, der es hat gelesen,
Von der Verderbnis zu genesen,
Auf'm Sofa mit einem schönen Kinde
Zu explizieren die Lucinde.
Jenen aber und ihresgleichen
Will ich kundtun und nicht verschweigen,
Daß ich ihre Fromm- und Heiligkeit,
Ihre Übersinn- und Überirdigkeit
Will ärgern mit tüchtig Werk und Leben,
Solange mir noch ist gegeben
Die Anbetung der Materie und des Lichts,
Dazu die Grundkraft deutschen Gedichts,
Solang ich an süßen Augen werd hangen,
Solang ich mich werd fühlen umfangen
Von der Einz'gen liebreichen Armen,
An ihren Lippen mich erwarmen,
Von ihrer Melodie durchklungen,
Von ihrem Leben so durchdrungen,
Daß ich nur nach dem Wahren kann trachten,
Allen Dunst und Schein verachten,
Daß mir nicht können die Gedanken
Wie Gespenster da- und dorthin schwanken,
Haben Nerven, Fleisch, Blut und Mark
Und werden geboren frei, frisch und stark.
Den andern aber entbiet ich Gruß
Und sage noch zum guten Schluß:
Hol der Teufel und Salitter
Alle Russen und Jesuiter.
Solches hab in der Frau Venus Horst
Geschrieben ich, Heinz Widerporst,
Der zweit genannt mit diesem Namen –
Gott geb noch vieln solchen Samen!
Libellés :
deutscher idealismus,
Poesie,
Schelling
Oktober 22, 2012
91 Jahre Georges Brassens
La Ligne Brisée (1943)
Chanson à tendance géométrique
Sur la sécante improvisée
D'une demi-sphère céleste
Une longue ligne brisée
Mais harmonieuse et très leste
Exécute la danse de Saint-Guy
Exécute la danse (Bis)
Exécute la danse de Saint-Guy
Onduleuse leuse, leuse
Onduleuse elle erre sur l'heure
Nébuleuse, leuse, leuse
Astronomiquement fabuleuse
Scandaleuse, scandaleuse
Et zigzague elle zigzague
Et zigzague donc-on-on
Sur l'air vague, vague, vague
Que cette ligne est indécen-en-en-en-te
Huons-la... (Quatre fois)
Allons-y, un, deux, trois
À mort la ligne qui n'est pas droite
Allons-y, un deux, trois
De se briser qui lui donna le droit
Dites-le-nous, dites-le-moi.
Mais la li-i-i-i-i-gne
Inconnue u-u-u-u-ue
Toujours di-i-i-i-i-igne
Continue u-u-u-u-ue
Malgré les invectives
Savamment laxatives
La danse excitative
Dans le ciel
Onduleuse (Ter)
Elle erre sur la
Nébuleuse, leuse, leuse
Astronomiquement fabula
Et zigzague (Ter)
Et zigzague donc-on-on
Sur l'air vague, vague, vague
Vague, et vague
D'un doux rigodon (Bis)
La faridondaine (Bis)
Sur la sécante improvisée
D'une demi-sphère céleste
Une longue ligne brisée
Mais harmonieuse et très leste
Exécute la danse de Saint-Guy
Et se fout manifestement
Et se fout bénévolement
Et se fout frénétiquement
De tout le monde.
Et se fout manifestement
Et se fout bénévolement
Et se fout frénétiquement
De tout le mon-on-on-on-onde
Chanson à tendance géométrique
Sur la sécante improvisée
D'une demi-sphère céleste
Une longue ligne brisée
Mais harmonieuse et très leste
Exécute la danse de Saint-Guy
Exécute la danse (Bis)
Exécute la danse de Saint-Guy
Onduleuse leuse, leuse
Onduleuse elle erre sur l'heure
Nébuleuse, leuse, leuse
Astronomiquement fabuleuse
Scandaleuse, scandaleuse
Et zigzague elle zigzague
Et zigzague donc-on-on
Sur l'air vague, vague, vague
Que cette ligne est indécen-en-en-en-te
Huons-la... (Quatre fois)
Allons-y, un, deux, trois
À mort la ligne qui n'est pas droite
Allons-y, un deux, trois
De se briser qui lui donna le droit
Dites-le-nous, dites-le-moi.
Mais la li-i-i-i-i-gne
Inconnue u-u-u-u-ue
Toujours di-i-i-i-i-igne
Continue u-u-u-u-ue
Malgré les invectives
Savamment laxatives
La danse excitative
Dans le ciel
Onduleuse (Ter)
Elle erre sur la
Nébuleuse, leuse, leuse
Astronomiquement fabula
Et zigzague (Ter)
Et zigzague donc-on-on
Sur l'air vague, vague, vague
Vague, et vague
D'un doux rigodon (Bis)
La faridondaine (Bis)
Sur la sécante improvisée
D'une demi-sphère céleste
Une longue ligne brisée
Mais harmonieuse et très leste
Exécute la danse de Saint-Guy
Et se fout manifestement
Et se fout bénévolement
Et se fout frénétiquement
De tout le monde.
Et se fout manifestement
Et se fout bénévolement
Et se fout frénétiquement
De tout le mon-on-on-on-onde
Januar 19, 2012
100 Jahre Armand Robin
La solution de la mort
Les absurdes massacres se succédaient
Et les vivants, de plus en plus petits, cédaient.
Quand l'humanité fut cadavérisée,
Voici ce qu'on lui fit songer.
« Pour guérir le mal,
« Il faut déchaîner un pire mal.
« En ôtant l'âme et le coeur,
« On créera le nouveau bonheur.
« De la haine naît la fraternité ;
« De la ruse naîtra la vérité.
« Sur des millions de prolétaires tués
« Les beaux jours prolétariens seront créés.
« Le chemin vers la beauté passe par le laid ;
« La tyrannie est le chemin vers la liberté.
« L'homme à qui on vole la beauté, la vérité,
« Est un homme plus doué.»
Mais, armés de raison, de bonne foi, de pitié,
Maintenant leur âme en vie au-dessus d'un continent décédé,
Les travailleurs ont continué à travailler
Sans tenir compte de ces faussetés,
Si sottes qu'elles ne pouvaient duper
Que des peuples cadavérisés.
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Dezember 23, 2011
Mühsam, passend zur Jahreszeit (4)
Weihnachtsbetrachtung
In Asien liegen in dichtem Knäuel
bluttriefend erschlagene Leichen.
Das sind des Krieges furchtbare Gräuel,
die täglich Tausende bleichen.
In Afrika bringen die Weißen Kultur
mit Feuer und Schwert dem Herero,
es lastet Entsetzen auf weiter Flur,
der Deutsche wütet gleich Nero.
In Russland mordet im eignen Land
die Knute die freien Geister,
und eh nicht dem Volk der Befreier erstand,
wird keiner der Schrecknisse Meister.
In Innsbruck schlagen einander tot
die hasserfüllten Nationen,
die ganze Welt erbebt in Not
und Angst vor Kruppschen Kanonen.
So treten wir unter den Weihnachtsbaum
– sofern wir einen haben;
denn vielen bleibt ein frommer Traum
das Fest mit seinen Gaben.
Und mancher steht am Straßenrand,
von aller Welt verlassen,
und blickt auf der Reichen Lichtertand –
und ins Herz zieht ihm grimmiges Hassen.
Indes bei Gebet und Litanei
die Kirchenglocken erschallen;
man predigt, dass Friede auf Erden sei
und den Menschen ein Wohlgefallen!
(1904)
August 24, 2011
112 Jahre Jorge Luis Borges
Spinoza
by Jorge Luis Borges
| The Jew's hands, translucent in the dusk, polish the lenses time and again. The dying afternoon is fear, is cold, and all afternoons are the same. The hands and the hyacinth-blue air that whitens at the Ghetto edges do not quite exist for this silent man who conjures up a clear labyrinth— undisturbed by fame, that reflection of dreams in the dream of another mirror, nor by maidens' timid love. Free of metaphor and myth, he grinds a stubborn crystal: the infinite map of the One who is all His stars. (Englische Übersetzung von Richard Howard, César Rennert) |
Mehr über Borges, seine politischen Ansichten und sein Verhältnis zum "liberalen Anarchismus" in diesem lesenswerten Artikel: http://www.ucema.edu.ar/conferencias/download/2011/06.01CPii.pdf
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April 06, 2011
133 Jahre Erich Mühsam
Zum Geburtstag von Erich Mühsam, der hier ja schon öfters vorkam, heute das Gedicht Freiheit in Ketten, zuerst veröffentlicht 1928 im Band Sammlung 1898-1928.
Freiheit in Ketten
ich hört der Sklaven Frongekeuch.
Da rief ich laut: Brecht das Gesetz!
Zersprengt den Staat! Habt Mut zu euch!
Was gilt Gesetz?! Was gilt der Staat?!
Der Mensch sei frei! Frei sei das Recht!
Der freie Mensch folgt eignem Rat:
Sprengt das Gesetz! Den Staat zerbrecht! –
Da blickten Augen kühn und klar,
und viel Bedrückte liefen zu:
Die Freiheit lebe! Du sprichst wahr!
Von Staat und Zwang befrei uns du! –
Nicht ich! Ihr müßt euch selbst befrein.
Zerreißt den Gurt, der euch beengt!
Kein andrer darf euch Führer sein.
Brecht das Gesetz! Den Staat zersprengt! –
Nein, du bist klug, und wir sind dumm.
Führ uns zur Freiheit, die du schaust! –
Schon zogen sie die Rücken krumm:
O sieh, schon ballt der Staat die Faust! ...
Roh griff die Faust mir ins Genick
des Staats: verletzt sei das Gesetz!
Man stieß mich fort. – Da fiel mein Blick
auf Frongekeuch und Angstgehetz.
Im Sklaventrott zog meine Schar
und schrie mir nach: Mach dein Geschwätz,
du Schwindler, an dir selber wahr!
Jetzt lehrt der Staat dich das Gesetz! – –
Ihr Toren! Schlagt mir Arm und Bein
in Ketten, und im Grabverlies
bleibt doch die beste Freiheit mein:
die Freiheit, die ich euch verhieß.
Man schnürt den Leib; man quält das Blut.
Den Geist zwingt nicht Gesetz noch Staat.
Frei, sie zu brechen, bleibt mein Mut –
und freier Mut gebiert die Tat!
Dezember 23, 2010
Mühsam, passend zur Jahreszeit (3)
Erich Mühsam - Weihnachtslied (1925)
O Tannenbaum, o Tannenbaum -
sechs Zweiglein sind dein Alles.
So klein und dürr - man sieht dich kaum;
du hast in einem Stiefel Raum.
O Tannenbaum, o Tannenbaum, du Sinnbild unsres Dalles!
O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann -
du gehst vorbei ins Weite.
Hast ein zerfetztes Röcklein an,
bringst nichts, was Kinder freuen kann.
O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann,
auch dein Geschäft ist pleite.
O stille Nacht, o heilige Nacht -
in ungeheizter Stube!
Das Christkind hat sich fortgemacht.
Es schläft das Recht, die Feme wacht.
O stille Nacht, o heilige Nacht,
o Wulle und o Kube!
O Friedensfest, o Liebesfest -
in Not und Angst Millionen!
Und wer sich's nicht gefallen lässt,
den setzt die Republike fest.
O Friedensfest, o Liebesfest -
beim Rumfutsch oder Bohnen.
O Weihnachtszeit, o selige Zeit -
es hungern selbst die Flöhe. -
Doch ob nach Milch der Säugling schreit,
der Stahlhelmbund steht putschbereit. -
O Weihnachtszeit, o selige Zeit -
Hosianna in der Höhe!
O Tannenbaum, o Tannenbaum -
sechs Zweiglein sind dein Alles.
So klein und dürr - man sieht dich kaum;
du hast in einem Stiefel Raum.
O Tannenbaum, o Tannenbaum, du Sinnbild unsres Dalles!
O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann -
du gehst vorbei ins Weite.
Hast ein zerfetztes Röcklein an,
bringst nichts, was Kinder freuen kann.
O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann,
auch dein Geschäft ist pleite.
O stille Nacht, o heilige Nacht -
in ungeheizter Stube!
Das Christkind hat sich fortgemacht.
Es schläft das Recht, die Feme wacht.
O stille Nacht, o heilige Nacht,
o Wulle und o Kube!
O Friedensfest, o Liebesfest -
in Not und Angst Millionen!
Und wer sich's nicht gefallen lässt,
den setzt die Republike fest.
O Friedensfest, o Liebesfest -
beim Rumfutsch oder Bohnen.
O Weihnachtszeit, o selige Zeit -
es hungern selbst die Flöhe. -
Doch ob nach Milch der Säugling schreit,
der Stahlhelmbund steht putschbereit. -
O Weihnachtszeit, o selige Zeit -
Hosianna in der Höhe!
November 17, 2010
144 Jahre Voltairine de Cleyre
Zum diesjährigen Geburtstag der US-amerikanischen "Anarchistin ohne Adjektive" und weil die Poesie auf diesem Blog doch etwas kurz kommt heute ein Gedicht von Voltairine de Cleyre, geschrieben im September 1894 in Philadelphia.
The Suicide's Defense
(Of all the stupidities wherewith the law-making power has signaled its own incapacity for dealing with the disorders of society, none appears so utterly stupid as the law which punishes an attempted suicide. To the question "What have you to say in your defense?" I conceive the poor wretch might reply as follows.)
To say in my defense? Defense of what?
Defense to whom? And why defense at all?
Have I wronged any? Let that one accuse!
Some priest there mutters I "have outraged God"!
Let God then try me, and let none dare judge
Himself as fit to put Heaven's ermine on!
Again I say, let the wronged one accuse.
Aye, silence! There is none to answer me.
And whom could I, a homeless, friendless tramp,
To whom all doors are shut, all hearts are locked,
All hands withheld— whom could I wrong, indeed
By taking that which benefited none
And menaced all?
Aye, since ye will it so,
Know then your risk. But mark, 'tis not defense,
'Tis accusation that I hurl at you.
See to't that ye prepare your own defense.
My life, I say, Is an eternal threat
To you and yours; and therefore it were well
To have foreborne your unasked services.
And why? Because I hate you! Every drop
of blood that circles in your plethoric veins
Was wrung from out the gaunt and sapless trunks
Of men like me, who in your cursed mills
Were crushed like grapes within the wine-press ground.
To us ye leave the empty skin of life;
The heart of it, the sweet of it, ye pour
To fete your dogs and mistresses withal!
Your mistresses! Our daughters! Bought, for bread,
To grace the flesh that once was father's arms!
Defense to whom? And why defense at all?
Have I wronged any? Let that one accuse!
Some priest there mutters I "have outraged God"!
Let God then try me, and let none dare judge
Himself as fit to put Heaven's ermine on!
Again I say, let the wronged one accuse.
Aye, silence! There is none to answer me.
And whom could I, a homeless, friendless tramp,
To whom all doors are shut, all hearts are locked,
All hands withheld— whom could I wrong, indeed
By taking that which benefited none
And menaced all?
Aye, since ye will it so,
Know then your risk. But mark, 'tis not defense,
'Tis accusation that I hurl at you.
See to't that ye prepare your own defense.
My life, I say, Is an eternal threat
To you and yours; and therefore it were well
To have foreborne your unasked services.
And why? Because I hate you! Every drop
of blood that circles in your plethoric veins
Was wrung from out the gaunt and sapless trunks
Of men like me, who in your cursed mills
Were crushed like grapes within the wine-press ground.
To us ye leave the empty skin of life;
The heart of it, the sweet of it, ye pour
To fete your dogs and mistresses withal!
Your mistresses! Our daughters! Bought, for bread,
To grace the flesh that once was father's arms!
Ye killed the Man— and this that speaks to you
Is but the beast that ye have made of me!
What! Is it life to creep and crawl an beg,
And slink for shelter where rats congregate?
And for one's ideal dream of a fat meal?
Is it, then, life, to group like pigs in sties,
And bury decency in common filth,
Because, forsooth, your income must be made,
Though human flesh rot in your plague-rid dens?
Is it, then, life, to wait another's nod,
For leave to turn yourself to gold for him?
Would it me life to you? And was I less
Than you? Was I not born with hopes and dreams
And pains and passions even as were you?
But these ye have denied. Ye seized the earth,
Though it was none of yours, and said: "Hereon
Shall none rest, walk or work, till first to me
Ye render tribute!" Every art of man,
Born to make light of the burdens of the world,
Ye also seized, and made a tenfold curse
To crush the man beneath the thing he made.
Houses, machines, and lands— all, all are yours;
And us you do not need. When we ask work
Ye shake your heads. Homes?— Ye evict us. Bread?—
"Here, officer, this fellow's begging. Jail's
the place for him!" After the stripes, what next?
Poison!— I took it!— Now you say 'twas sin
To take this life which troubled you lo much.
Sin to escape insult, starvation, brands
Of felony, inflicted for the crime
Of asking food! Ye hypocrites! Within
Your secret hearts the sin is that I failed!
Because I failed ye judge me to the stripes.
And the hard tail denied when I was free.
So be it. But beware!— a Prison cell's
An evil bed to grow morality!
Black swamps breed black miasms; sickly soils
Yield poison fruit; snakes warmed to life will sting.
This time I was content to go alone;
Perchance the next I shall not be so kind.
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Poesie,
voltairine de cleyre
Juli 12, 2010
193 Jahre Henry David Thoreau
Zu Thoreaus heutigem Geburtstag habe ich das Gedicht Independence ausgewählt:
My life more civil is and free
Than any civil polity.
Ye princes keep your realms
And circumscribed power,
Not wide as are my dreams,
Nor rich as is this hour.
What can ye give which I have not?
What can ye take which I have got?
Can ye defend the dangerless?
Can ye inherit nakedness?
To all true wants time’s ear is deaf,
Penurious states lend no relief
Out of their pelf
But a free soul Thank God
Can help itself.
Be sure your fate
Doth keep apart its state—
Not linked with any band—
Even the nobles of the land
In tented fields with cloth of gold—
No place doth hold
But is more chivalrous than they are.
And sigheth for a nobler war.
A finer strain its trumpet rings—
A brighter gleam its armor flings.
The life that I aspire to live
No man proposeth me—
No trade upon the street
Wears its emplazonry.
Mehr von Henry David Thoreau lesen kann man z.B. hier.
My life more civil is and free
Than any civil polity.
Ye princes keep your realms
And circumscribed power,
Not wide as are my dreams,
Nor rich as is this hour.
What can ye give which I have not?
What can ye take which I have got?
Can ye defend the dangerless?
Can ye inherit nakedness?
To all true wants time’s ear is deaf,
Penurious states lend no relief
Out of their pelf
But a free soul Thank God
Can help itself.
Be sure your fate
Doth keep apart its state—
Not linked with any band—
Even the nobles of the land
In tented fields with cloth of gold—
No place doth hold
But is more chivalrous than they are.
And sigheth for a nobler war.
A finer strain its trumpet rings—
A brighter gleam its armor flings.
The life that I aspire to live
No man proposeth me—
No trade upon the street
Wears its emplazonry.
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