Dezember 31, 2015

Was erwartet uns 2016?

Wie üblich, viel Ungemach...
 
Bei diesem evangelikalen Autoren steht 2016 mal wieder die finale Entrückung vor der Tür, allerdings nicht als sonderlich transzendentes Ereignis, sondern in Form eines dritten Weltkrieges zwischen den USA, Israel und Nordkorea (!)... alles sehr weltlich, somme tout.
 
Eine Episode des genannten Kriegs mit Nordkorea ist wohl die Mission von drei Piloten im Film "Stealth"...
 
Währenddessen überleben die Transformers ihr eigenes "Age of extinction" - leider, muss man sagen, angesichts der Qualität des Films.
 
Nichtsdestotrotz haben die USA daneben auch noch Zeit für eine schwere Wirtschaftskrise, während John Galt seinen "Streik" der Innovatoren und Unternehmer lostritt (zumindest laut dem ersten Teil der dreiteiligen Verfilmungen von Ayn Rands "Atlas Shrugged"...).
 
Und sie schicken (zusammen mit der EU) interstellare Schiffe auf grosse Reise, um der Überbevölkerung der Erde zu begegnen, diese gründen jedoch nur ein erfolgreiches Industrieunternehmen (berichtet zumindest Timothy Zahn).
 
Bei Star Trek sollte ursprünglich in diesem Jahr ein gewisser Donald Raymond (der Ehemann von Claire Raymond aus der TNG-Episode "The neutral zone") sterben, dieser Todesfall ist aber mittlerweile auf 2038 verschoben worden.
 
Im Perryversum wird ein gewisser Franklin Lubkov geboren, der 27 Jahre später Julian Tifflor entführen wird (geschrieben steht's in Perry Rhodan Heft 82, Schach dem Universum!) Daneben soll sich, laut dem ersten Band der Kosmos-Chroniken (bzw. der Perrypedia), Reginald Bull in diesem Jahr aus der Geschäftsführung der Venus-Terra-Kelterei zurückziehen.
 
Und hier? Wird es nach der 600-prozentigen Steigerung 2015 (von 0 auf 6, ähem...) wieder mehr Blogposts geben? Mal schauen, hängt von Zeitverfügbarkeit, Inspiration und Tagesaktualität ab. Zu regelmässigen Postings wie zwischen 2008 und 2012 werde ich aber wohl kaum zurückkehren. Ich folge diesbezüglich dem allgemeinen Blogger-Trend...

Dezember 24, 2015

Mühsam, passend zur Jahreszeit (7)

"München,  Montag, d. 27. Dezember 1915
Weihnachten ist vorbei, mit eignem Tannenbaum, großer Bescherung, reichlichen Geschenken, worin sich besonders Ehrengard hervortat. Der erste Feiertag brachte am Vormittag den ersten Sündenfall mit ihr, nachdem bei ihrem ersten Aufenthalt hier die Verhinderung durch Menstruation nur zu Swinegelexzessen geführt hatte. Ich hoffe, das Verhältnis immer noch in den Grenzen einer Laune halten zu können. Denn Zenzl leidet sehr darunter und fürchtet sicher für den Bestand unsres ehelichen Verständnisses. Aber mit Unrecht. Sie ist meinem Herzen die Nächste und wird es bleiben.
Vom Kriege nichts Besonderes. Die Westoffensive ist immer noch nicht Ereignis. An der griechisch-serbischen Grenze ist alles unverändert, und in Saloniki befestigen sich die Alliierten, die doch schon eine Viertel Million Mann versammelt haben, ob mit Einwilligung oder gegen den Protest der griechischen Regierung ist unklar. Die hat inzwischen einen 'Wahlsieg' zu verzeichnen. Die Venizelisten hatten Stimmenthaltung proklamiert. So hat das Kabinett eine starke Mehrheit erhalten. Wie aber die Wählerschaft Griechenlands gesinnt ist, geht daraus hervor, daß die deutschen Blätter treu und bieder berichteten, in Athen hätten nur 7000 Männer gewählt, gegen 20 000 bei den letzten Wahlen. Den Schluß, daß also Venizelos und die Deutschfeinde dort immer noch die absolute Majorität beherrschen, zieht kein Blatt und von hunderttausend Lesern höchstens Einer ... Hardens 'Zukunft' soll verboten sein. Das wäre immerhin erfreulich, da ein so kluger, wissender und geschickter Mann wie Harden dadurch völlig für die Opposition im Lande gewonnen wäre.
Zenzl gab mir auf, im Tagebuch zu vermerken, daß Weihnachten 1915 eine Gans mit Kragen und Eingeweiden 17–18 Mk gekostet hat, eine ausgenommene 14 Mark. Alles ist unsinnig verteuert, und obendrein von minderer Qualität. Die Streichhölzer, die übrigens schon auf die Neige zu gehn scheinen, brennen nicht. Für Bindfaden ist nur noch ein Ersatz zu haben, der bei jedem derberen Zugreifen zerreißt. Aber – wir Mangel leiden? Keine Spur! Wir halten durch, bis wir verreckt sind!"
 
(Auszug aus der hervorragenden Online-Edition von Erich Mühsams Tagebüchern, hier aus Heft XVI: http://www.muehsam-tagebuch.de/tb/index.php)

August 08, 2015

Trump, du Opfer!

Laut Donald Trump sei das "big problem" der Vereinigten Staaten die allinvasive "political correctness", für die er, wie in den letzten Wochen ja häufig bewiesen, schlicht keine Zeit habe. Mit solchen Aussagen, punktet Trump natürlich gerade bei der "Man wird ja wohl noch sagen dürfen..."-Crowd, über die sich Bloggerkollege JayJay unlängst ausgelassen hat. Selbst ein Multimillionär wie Trump kann sich zeitgeistgerecht als Opfer positionieren, er spricht für all diejenigen, die das Gefühl haben, dass man ihnen den Mund verbieten will.
Dabei entspricht dieser Opferdiskurs in keiner Hinsicht der Realität: Niemand verbietet Trump den Mund, Im Gegenteil: je ungehobelter, unsachlicher und "politisch unkorrekter" seine Aussagen sind, desto grösser ist seine Medienpräsenz und -resonanz (wenn auch als Skandalon). Zensur findet nicht statt.
Nichtsdestotrotz kann sich Trump als Opfer positionieren, weil das Recht auf freie Rede mittlerweile häufig mit dem Recht auf freie Rede ohne Widerspruch verwechselt wird. Wer meine Ansichten als logisch inkonsistent, faktisch falsch oder als beleidigend bezeichnet, beschneidet meine Meinungsfreiheit (anders gesagt: mein "Recht", recht zu haben). Typisches Beispiel: ein etwas übereifriger "Israelkritiker" wird von Unterstützern des israelischen Staates als "Antisemit" bezeichnet. In der Folge schreit er zeter und mordio, dass damit seine Meinungsfreiheit angegriffen sei... und erhält schliesslich einen gerichtlichen Bescheid, der seinen Gegnern verbietet, ihn als Antisemit zu bezeichnen. Dem entspricht auch die zunehmende Pathologisierung des politischen oder weltanschaulichen Gegners, indem abweichende Meinungen, etwa die Kritik einer Religion, als Phobien bezeichnet werden. Den Vogel abgeschossen hat in dieser Hinsicht die konservative französische Illustrierte Valeurs actuelles, die vor einiger Zeit ein "Observatoire de la droitophobie" ins Leben gerufen hat. Ein Linker ist also heute nicht mehr bloss "links", er ist "rechtophob".
Man verstehe mich allerdings nicht falsch. Ich bin selber kein Verfechter der sogenannten "political correctness". Es gibt tatsächlich Auswüchse, wie die gerichtliche Verfolgung von "Meinungsdelikten", auch hier in Luxemburg, die wir ja bereits öfter hier kritisiert haben, oder auch Gruppendynamiken, die zu Gesinnungsschnüffelei und vorauseilender Selbstzensur führen können. Ein Beispiel hierfür sind die Praktiken von Studierendenvertretungen an angelsächsischen Universitäten, die sich übrigens genau wie Trump gemeinhin mit einem Opferdiskurs legitimieren wollen. Solche Tatbestände tragen natürlich dazu bei, dem Schlagwort der Diktatur der political correctness eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verleihen.
Nichtsdestotrotz ist der implizite Vergleich mit Verhältnissen in marxistisch-leninistischen Diktaturen arg überzogen. In der UdSSR hätte etwa dieser Blog nicht existieren können, ebensowenig wie die allermeisten Kommentare auf rtl.lu.  Auch heutzutage in vielen Staaten dieser Erde ist freie Meinungsäusserung oft mit Gefahr für Leib und Leben verbunden, in China, Ägypten oder Iran etwa.
Über gefährdete Meinungsfreiheit im Westen zu reden, ist eigentlich jammern auf hohem Niveau. Tatsächlich hat in den letzten Jahrzehnten, auch aufgrund der Entwicklung neuer, kostengünstiger Medien, eine Demokratisierung der freien Meinungsäusserung sondergleichen stattgefunden. Wir sind unendlich von Zuständen entfernt, wie sie etwa Martin Mulsow in seinem lesenswerten Buch Prekäres Wissen über die frühe Neuzeit schildert. Es ist auch kein Zufall, dass die Katholische Kirche bereits vor Jahrzehnten ihren Index librorum prohibitorum abgeschafft hat und auch kein nihil obstat in Neupublikationen mehr vermerkt. Tatsächlich wäre eine solche Aufgabe heutzutage logistisch nicht mehr zu bewältigen.
Der Nachteil dieser Demokratisierung der freien Meinungsäusserung ist bekannt: was gestern bloss in der Kneipe nach Feierabend verkündet wurde, findet man nun auf Facebook, Twitter oder in Kommentaren auf den Webseiten der Massenmedien wieder. Regeln der Faktizität, logischen Fundiertheit, des zwischenmenschlichen Umgangs oder auch der Rechtschreibung und Grammatik scheinen dabei vernachlässigbar. Dies hat zu einem "short-termism" und zu einer Hysterisierung der politischen Debatte geführt (wobei man natürlich auch die Qualität früherer politischer Auseinandersetzungen nicht überschätzen sollte).
Wie man dieser Tatsache beikommen kann, weiss ich auch nicht; zumindest hat jeder die Wahl sich nicht darauf einzulassen. Letztlich ist der einzelne User für seine eigenen Aussagen verantwortlich. Er muss auch damit leben können, dass andere ihm widersprechen oder ihn widerlegen. Manchmal kann dies sogar zu einem persönlichen Erkenntnisgewinn führen.

Juli 19, 2015

Die Lose-lose-Situation

Eine Win-Win-Situation sei die vergangenen Montag zwischen Griechenland und den anderen Eurozonen-Mitgliedern gefundene Vereinbarung, meinte Premierminister Xavier Bettel letzten Dienstag im Parlament. Wie viele der sonstigen Redner an diesem Tag, wage ich dies zu bezweifeln. Eher ist das genaue Gegenteil der Fall. Alle verlieren.

Auch wenn jetzt kurzfristig (dank life support der EZB, auch "emergency liquidity assistance" genannt) wieder die Banken geöffnet werden können, ist zu bezweifeln, dass das vereinbarte Programm Griechenland aus der seit 2010 andauernden Krise zu ziehen vermag. Dass ausgerechnet massive Mehrwertsteuererhöhungen konjunkturankurbelnd wirken sollen, scheint abwegig. Andere Teile der Vereinbarung, die offensichtlich politisch motiviert sind, bereiten bloss das Terrain für neue politische Konflikte in der Zukunft vor, so die Tatsache dass sämtliche gesetzgeberische Initiative von einigem Gewicht von "den Institutionen" abgesegnet werden soll, in anderen Worten die endgültige Aufgabe staatlicher zugunsten suprastaatlicher Souveränität, das willkürlich auf "50 Milliarden" festgelegte Privatisierungsprogramm nach ostdeutschem Treuhandmodell, bei dem fragwürdig ist, ob der griechische Staat überhaupt über Assets mit diesem Marktpreis verfügt, oder die Angriffe gegen Streikrecht und Tarifverhandlungen, die wohl auf massive gewerkschaftliche Gegenwehr stossen werden...

Andererseits haben die Geberländer keine Garantie, dass die 86 zusätzlichen Milliarden je zurückbezahlt werden - ohnehin dienen sie vor allem der Refinanzierung der bisherigen griechischen Staatsschuld... bei den gleichen Gläubigern. Statt einem haircut wird die griechische öffentliche Schuld noch weiter aufgebläht und überschreitet vielleicht demnächst diejenige Japans. Man bekämpft eine Schuldenkrise mit noch mehr Schulden.

Verkauft wird uns das ganze als Morality play. Die einen ärgern sich über die "faulen" Griechen, denen man keinen müden Cent leihen soll, die anderen über die "herzlosen" Deutschen, die aus nationalem Egoismus die Griechen verhungern lassen. Kleine Randbemerkung: die erste Variante scheint vor allem in protestantisch geprägten Ländern (Deutschland, die Niederlande, Finnland) zu dominieren, die zweite im katholischen Kulturkreis (Frankreich, Italien, mit Abstrichen auch Luxemburg). Dieser, nicht nur auf "neuen Medien" wie Twitter und Facebook, bis ins Hysterische ausartende moralisierende Diskurs fasst die gegenwärtige politische Krise nicht als Ausdruck real existierender Interessengegensätze zwischen Gläubigern und Schuldnern, realer Machtverhältnisse und ideologischer Gegensätze, sondern als Auseinandersetzung zwischen Völkern, zwischen nationalen Eigenarten und Kulturen.

Dass das Problem weniger hellenische Faulheit und germanischer Geiz sind, als vielmehr das Konstrukt des Euro an sich, scheint mir immer offensichtlicher. Der "Marktmonetarist" Lars Christensen etwa, der den Euro als "monetären Strangulationsmechanismus" bezeigt, sieht den Euro als Illustration des "fatal conceit" Hayeks und sieht sich dadurch bestätigt, dass die Wachstumszahlen in allen europäischen Staaten, die nicht der Eurozone angehören, seit Krisenbeginn 2007 durch die Bank besser sind, als bei den Eurozonenmitgliedern (Luxemburg ist eine seltene Ausnahme). In der Praxis habe der Euro als Wachstumshemmnis gewirkt und als Abwertungsmechanismus bloss Lohndruck und Steuererhöhungen zugelassen - mit der logischen Konsequenz der Unzufriedenheit des Wählervolks.

Manche Liberalen werden dem entgegen halten, dass der Euro auch positive Seiten hat: die Preisinflation ist - trotz quantitative easing - historisch niedrig, der Euro wirkt disziplinierend auf Lohnforderungen und staatliche Ausgaben; zudem hat er den Vorteil, dass dies alles als quasi apolitischer , rein "technischer" Vorgang. Aber dieser apolitische Vorgang bricht nur scheinbar das sogenannte "Primat der Politik": selbstverständlich ist er selber ebenfalls politisch gesetzt.
 
Die meisten EU-Bürger erkennen das natürlich auch und die EU als solche hat folglich ein gehöriges Glaubwürdigkeitsproblem. Doch die Form, welche die Opposition gegen die "EU der Technokraten" nimmt, macht die Situation noch tragischer. Einerseits die postmarxistische (und postmaterialistische) Linke, die sich in einer idealistischen Symbolpolitik erschöpft, von der das frenetisch als "Sternstunde der Demokratie" bejubelte "Oxi" beim absurden griechischen Referendum bloss die Speerspitze darstellt (genau so absurd ist das nun verbreitete "thisisacoup"-Mantra - dabei hat sich an den realpolitischen Machtverhältnissen nichts geändert, weder in Griechenland noch in der EU). Andererseits eine fast schon sinnfrei populistische Rechte, die auf nationale Abschottung und Protektionismus setzt. Dass beide Seiten durchaus miteinander zu verknüpfen sind, zeigt  ja ebenfalls das griechische Beispiel. So navigieren wir derzeit zwischen Skylla und Charibdis, zwischen Eurotechnokratie und linksrechtem Nationalpopulismus. Mal schauen, ob wir Ithaka erreichen.

Juni 08, 2015

Jee, Jee, Jee...

Auch ich habe mich dazu bringen lassen, mich am gestrigen Referendum zu beteiligen, trotz meiner hier erläuterten grundsätzlich kritischen Haltung gegenüber dem Instrument des Referendums... Auch wenn ich insgeheim Sympathien für die Wahlempfehlung der KPL hegte, hat mich doch die abgrundtief absurde dritte Frage (d.h. die Ministermandatsbegrenzung) dazu bewegt, meine drei Stimmen abzugeben (und zwar wie angekündigt).

Nichtsdestotrotz hat das Referendum mich nicht von der Überlegenheit des Instruments gegenüber den üblichen parlamentarischen Mechanismen überzeugt, im Gegenteil. Jeder rätselt nun, was "das Volk" mit seinem massiven Nee, Nee, Nee gegen das zum "Einwohnerwahlrecht" umbenannte Ausländerwahlrecht (obwohl keineswegs ein Wahlrecht für alle Einwohner zur Wahl stand, mal ganz abgesehen, dass auch den im Ausland wohnhaften Staatsbürgern das Wahlrecht nicht aberkannt werden sollte), gegen das fakultative Wahlrecht ab 16, glücklicherweise auch gegen die Mandatsbegrenzung, eigentlich sagen wollte. Bettel raus? Ausländer raus? Oder doch bloss: ich will nicht dass meine Stimme morgen noch weniger "wert" ist (d.h. zum Endergebnis beiträgt) als momentan? Ich vermute zumindest, dass, hätte man bei der Abschaffung des Zensuswahlrechts, der Einführung des Frauenwahlrechts oder der Absenkung des Mindestalters auf 18 Jahre, ähnlich verfahren, also diejenigen, die bereits über das Wahlrecht verfügten, in einem Referendum darüber entscheiden lassen, ob andere über das gleiche (vermeintliche) Privileg verfügen dürfen als sie selbst, das Resultat nicht viel anders ausgesehen hätte... A field day for rational choice theorists...

Damit will ich natürlich nicht absprechen, dass die Diskussionen zum Ausländerwahlrecht zum Teil bedenkliche Formen angenommen haben; tief scheint die Ablehnung gegen den Nachbarn, Kollegen und/oder Konkurrenten um Lohn und Arbeitsplatz zu sitzen und die Sorge um die "eigene Identität" sich konkret in einer Ablehnung der Identität des Nächsten auszudrücken. Aber ich würde sagen: das haben Referenden so an sich. Wie gesagt, komplexe Themen werden auf Fragen reduziert, die mit Ja oder Nein zu beantworten sind.

Dementsprechend ist es völliger Unsinn, festzustellen, das Referendum sei zwar ein tolles Instrument der "Mitbestimmung", der Pöbel, pardon: das Volk sei aber schlicht noch nicht "reif" dafür. Im Gegenteil: diese belehrende Haltung der Vertreter der hiesigen aufgeklärten Bourgeoisie, die meint, es fehle bloss an einem höheren Angebot an politischer Bildung, dann klappe das schon mit der offenen Gesellschaft, hat wohl zur Deutlichkeit des Ergebnisses beigetragen. Allzusehr erschien das "3mol Jo" als reines Elitenprojekt.

Als Fazit sei auf die Stellungnahme verwiesen, die ich zum Anfang dieser Debatte hier publiziert habe. Ich denke, ich muss kein Wort davon zurücknehmen.
Gesehen in der  Ausgabe des Le Quotidien 8.6.2015
Gesehen in der Ausgabe des Le Quotidien 8.6.2015
 
(Crosspost von L for Liberty)

Februar 09, 2015

Unabhängige Griechen und konkrete Antifaschisten

Als am Sonntag vor zwei Wochen das "Bündnis der radikalen Linken" Syriza eine haushohe Mehrheit bei den vorgezogenen Parlamentswahlen in Griechenland erhielt, und die absolute Mehrheit nur um zwei Sitze verfehlte, war der Jubel bei der hiesigen Linken groß. Gerne übersah man dabei, dass von absoluter Mehrheit bei der griechischen Wählerschaft keine Rede sein kann - trotz Wahlpflicht beteiligten sich lediglich 6,3 von 9,9 Millionen eingeschriebenen Wahlern an der Stimmabgabe, wovon 2,2 Millionen, d.h. weniger als ein Viertel, ihr Kreuz bei Syriza machten; über ähnlichen Jubel von ungewohnter Seite wunderte man sich vielleicht, konnte es aber leicht als puren Opportunismus abtun.
Etwas verwundert war man dann doch, als bereits um 10:30 Uhr am kommenden Morgen verkündet wurde, dass eine Koalition stehe - und zwar mit der als "rechtspopulistisch" eingeordneten Partei der "Unabhängigen Griechen" (ANEL). Recht fix ging das - offenbar entspricht ein langwieriges Abwiegen und Diskutieren und Infragestellen in internen Parteigremien nicht mehr dem Bild einer nunmehr regierungsfähigen Partei. Nichtsdestotrotz konnte auch dieser Fakt ebensowenig wie nicht gerade dem linken Verständnis entsprechende Geschlechterquote im neuen Kabinett (100% XY) die Begeisterung der Linken trüben, dass sie jetzt endlich auch irgendwo mitregieren - morgen vielleicht auch hier!
Ob in einer Koalition mit der ADR, die sich auf europäischer Ebene in der gleichen Gruppierung wie die ANEL tummelt (die European Conservatives and Reformers), bei der übrigens Fernand Kartheiser mehr Applaus erhalten hat als jemals auf einer Veranstaltung in Luxemburg (siehe hier)?
In einer freien Tribüne im Lëtzebuerger Land (Ausgabe vom 30. Januar) stellt Parteisprecher David Wagner klar, dass es sich bei der Koalition in Griechenland nicht um eine Querfront handelt, sondern vielmehr um "konkreten Antifaschismus" (so der Titel des Beitrags: "L'antifascisme concret"). Und das geht so: zwar sei die ANEL, "mis à part son approche de la dette", eine reaktionäre Partei, jedoch wären, mal abgesehen von den sektiererischen Kommunisten, alle sonstigen möglichen Koalitionspartner durch und durch "wirtschaftsliberal". Aus diesem Grund hatte Syriza gar keine andere Wahl als mit den Patrioten der ANEL zu koalieren und nahm deswegen erst gar keine Sondierungsgespräche mit anderen Parteien auf (immerhin wäre eine von der "Demokratischen Linken" (DIMAR) angeregte Dreierkoalition der Linken inklusive der abgehalferten Sozialisten ebenfalls eine Möglichkeit gewesen).
Der Wirtschaftsliberalismus sei jedoch nichts anderes als die "extrême droite économique". Konkreter Antifaschismus bedeute also Bekämpfung des Wirtschaftsliberalismus: "Les antifascistes sérieux combattent le fascisme en luttant contre le libéralisme économique et les injustices sociales (...)", während unseriöse Antifaschisten rechte Parteien bekämpfen.
Syriza hätte gerade den Fortschritt der noch böseren Rechten, der Neonazis von der "Goldenen Morgenröte", gestoppt, während die linken und rechten Wirtschaftsliberalen diesen befördert hätte (unsereiner wundert sich ja eher, dass die Goldene Morgenröte trotz des massiven Einsatzes der Staatsgewalt - Verhaftung fast der gesamten Führungsriege... - nichtsdestotrotz drittstärkste Kraft im griechischen Parlament wurde...).
Nun zeugt es zwar nicht gerade von einer hohen Geschichtskenntnis, im "Wirtschaftsliberalismus" die Ursache des Faschismus zu verorten. Weder das Nachkriegsitalien der frühen 1920er noch die späte Weimarer Republik waren von einem besonders ausgeprägten Liberalismus geprägt... - und ob dieser Terminus so recht auf die von vielen Griechen als "Kolonialisierung" empfundene politische Rahmensetzung der Geldgeberstaaten, inklusive Steuererhöhung und Aushebelung der Tarifautonomie der sog. Sozialpartner zugunsten einer national (d.h. staatlich) gelenkten Lohn(mässigungs)politik passt? (vergleiche etwa was der berüchtigte polnische Schocktherapeutler Leszek Balcerowicz zu den Auflagen der Troika und ihren Folgen schreibt).
Jedenfalls wäre, auf Luxemburg angewendet, eine Koalition der Lénk mit der ADR tatsächlich die logische Folge einer solchen Überlegung: sind nicht auch hier sämtliche sonstigen Parteien "neoliberal"? Und die KPL sektiererisch? Die Linke hat also gar keine andere Wahl, mit und trotz Kartheiser usw.
Aber soweit wird es nicht kommen. Aber immerhin kann Déi Lénk jetzt, wie seit Jahrzehnten ihre Vorväter und -bilder der LSAP, Übung darin erlangen, politische Rückschläge als Erfolge zu rationalisieren, Kompromisse als unumgänglich (denn TINA) zu charakterisieren und allgemein: zurück zu rudern (so, so oder auch so). Erst so wird man wirklich regierungsfähig, Genossinnen und Genossen, und kommt an die Pfründe der Macht!
 
Lesenswertes über Syriza, ihren sozialpatriotischen Diskurs, ihren Koalitionspartner (darunter der offenbar nur knapp an einem Ministerposten vorbei gerutschte und in Luxemburg als Bettel-Basher - "Europa der Schwuchteln!" - bekannte Nikolopoulos findet man übrigens in der letzten Jungle World - weiteres zum Verhältnis zum Chefideologen des Nationalbolschewismus Dugin hier.

Dezember 24, 2013

Dezember 23, 2013

Mühsam, passend zur Jahreszeit (6)

Wiegenlied (1915)

Still, mein armes Söhnchen, sei still.
Weine mich nicht um mein bißchen Verstand.
Weißt ja noch nichts vom Vaterland,
daß es dein Leben einst haben will.
Sollst fürs Vaterland stechen und schießen,
sollst dein Blut in den Acker gießen,
wenn es der Kaiser befiehlt und will.-
Still, mein Söhnchen, sei still!

Trink, mein Söhnchen, von meiner Brust.
Trink, dann wirst du ein starker Held,
ziehst mit den andern hinaus ins Feld.
Vater hat auch hinaus gemußt.
Vater ward wider Willen und Hoffen
von einer Kugel ins Herz getroffen.
Aus ist nun seine und meine Lust. -
Trink von der Mutter Brust!

Freu dich, goldiges Söhnchen, und lach.
Bist du ein Mann einst, kräftig und groß,
wirst du das Lachen von selber los.
Fröhlich bleibt nur, wer krank ist und schwach.
Vater war lustig. Ich hab ihn verloren,
hab dann dich unter Schmerzen geboren, -
hörst drum ewig mein bitteres Ach!
Freu dich, Söhnchen, und lach!

Schlaf, mein süßes Söhnchen, o schlaf.
Weißt ja noch nichts von Unheil und Not,
weißt nichts von Vaters Heldentod,
als ihn die bleierne Kugel traf.
Früh genug wird der Krieg und der Schrecken
dich zum ewigen Schlummer erwecken ...
Friede, behüt meines Kindes Schlaf! -
Schlaf, mein Söhnchen, o schlaf ...

Dezember 21, 2013

Der Schizophrene und des Kaisers neue Kleider

Slavoj Žižek über den angeblichen Gebärdendolmetscher bei der Mandela-Trauerfeier, Auszug:
"I remember how, in the first "free" elections in Slovenia in 1990, in a TV broadcast by one of the leftist parties, the politician delivering the message was accompanied by a sign language interpreter (a gentle young woman). We all knew that the true addressees of her translation were not the deaf but we, the ordinary voters: the true message was that the party stood for the marginalised and handicapped.
It was like great charity spectacles which are not really about children with cancer or flood victims, but about making us, the public, aware that we are doing something great, displaying solidarity.
Now we can see why Jantjie's gesticulations generated such an uncanny effect once it became clear that they were meaningless: what he confronted us with was the truth about sign language translations for the deaf – it doesn't really matter if there are any deaf people among the public who need the translation; the translator is there to make us, who do not understand sign language, feel good.
And was this also not the truth about the whole of the Mandela memorial ceremony? All the crocodile tears of the dignitaries were a self-congratulatory exercise, and Jangtjie translated them into what they effectively were: nonsense."
(den ganzen Text findet man auf der Webseite des Guardian)

A long one while I'm away (15)


Catherine Ribeiro + Alpes - Paix (1972)

Dementsprechend allen meinen Lesern ein friedvolles Fest und alles Gute fürs kommende Jahr!

Dezember 19, 2013

Für Wahlfreiheit

Crosspost von L for Liberty,eine Antwort auf diesen Post von JayJay:

In der Tat liegen Religions- und Moralunterricht in der Praxis überhaupt nicht weit auseinander, Fernand Kartheiser (den ich allerdings verdächtige, den Lefébvre-Schismatikern näher zu stehen, als dem hiesigen Bischof) hat das ja auch bereits auf seiner "konservativen Seite" beklagt… Das war eigentlich schon zu meiner Schulzeit so, auch wenn es natürlich von der Einstellung des jeweiligen Lehrers abhing (da habe ich im Religionsunterricht von erzkonservativ über new age-spiritualistisch bis hin zu linksbewegt alles mögliche erlebt). Insofern hat Generalvikar Erny Gillen ja recht, wenn er sagt, es würde ein "Religionsunterricht bekämpft, den es gar nicht mehr gibt". Much ado about nothing also?
In gewisser Weise ist der jetzige Schrei der Katholiken nach "Wahlfreiheit" ohnehin, historisch gesehen, eine Kapitulation, jedenfalls ein eindeutiges Zugeständnis an die von Ratzinger ständig kritisierte "Diktatur des Relativismus". In den 1960ern richtete sich die Kirche noch gegen die Wahlfreiheit und bestand darauf, dass katholisch getaufte Kinder auch in der öffentlichen Schule gut katholisch erzogen werden mussten. Diese Zeiten sind ohne Zweifel vorbei und der staatlich organisierten Konkurrenzveranstaltung wird ebenfalls eine Existenzberechtigung zugestanden. Selbst vermeintliche Verteidiger des Religionsunterrichts wie Norbert Campagna (Luxemburger Wort, 12. Dezember) treten nunmehr für einen plurikonfessionellen Unterricht ein, eigentlich für einen Kurs über Religionsgeschichte.
Meine eigene Position in dieser Sache scheint übrigens wieder mal ultraminoritär zu sein: ich bin nämlich gegen beides, sowohl gegen der konfessionellen Unterricht in der öffentlichen Schule als gegen einen staatlichen Werteunterricht. Natürlich spricht ansonsten nichts dagegen, dass der konfessionelle Unterricht in konfessionellen Schulen stattfindet oder in anderer Form von den Religionsgemeinschaften, allerdings auf eigene Kosten, organisiert wird. Ich bin allerdings ebensosehr gegen den Werteunterricht, und gebe in dieser Hinsicht der "Wahlfreiheit"-Initiative recht, wenn sie betont, es sei nicht die Aufgabe des Staates Werte festzulegen. Das liegt in der Tat die Aussage des neuen Bildungsminister Claude Meisch nahe, wenn er sagt, der Wertunterricht solle "répondre aux questions (pratiques, philosophiques, spirituelles) de la vie que se posent les élèves". Gerade den Anspruch haben die Religionen eben auch. Hier wird also quasi ein Religionsersatz angeboten; der Feierkrop schreibt dementsprechend treffend die neue Regierung wolle den "katholischen Aberglauben" durch einen "staatlichen Religionsunterricht" ersetzen. Wobei der Glaube an Gott durch den an andere Kollektivsingulare ersetzt wird (der Staat, die Gesellschaft, "Europa"…).
Für den – mittlerweile regierungsnahen - Atheistenverband AHA muss dieser staatliche Religionsunterricht denn auch verbindlich werden, alles andere wäre sozusagen Anarchie, wie sie am Beispiel des VWL-Unterrichts illustrieren: "Genauso irrsinnig wäre, beim Fach 'Economie politique' die Schüler aufgrund der Parteikarte ihrer Eltern in einen kommunistischen, liberalen, sozialistischen oder ökologischen Unterricht aufzuteilen". (Tageblatt, 18.12,13)
Ja, wieso denn eigentlich nicht? Ich jedenfalls hätte mich über ein alternatives Angebot zu dem vulgärkeynesianischen Einheitsbrei gewünscht, der mir auf Sekunda und Prima als "politische Ökonomie" vorgesetzt wurde. In der Hinsicht kann ich nur mit den Aha’lern insofern übereinstimmen, dass dabei die Parteikarte der Eltern keine Rolle spielen soll. Richtige Wahlfreiheit setzt in der Tat ein pluralistisches Bildungsangebot voraus, worüber sich ja z.B. ck schonmal hier im Blog geäussert hat (d.h. auf L for Liberty).

Dezember 14, 2013

A long one while I'm away (14)

Aus Anlass des Todes des Caravan-Drummers (und Kneipenbetreibers) Richard Coughlan heute das Stück For Richard (gemeint ist dort allerdings Bassist Richard Sinclair) von Caravan in der Live-Version mit der New Symphonia (1974):

Dezember 10, 2013

Sankt Madiba

Selten wohl hat der Tod eines Staatsmanns ein so uneingeschränkt positives Echo gefunden. Wann findet schon sonst eine Trauerfeier in einem Stadion statt und 90 amtierende oder ehemalige Staatschefs nehmen dran teil (nur die fiesen Israelis natürlich nicht)? Solche moralischen Instanzen wie der Dalai Lama und die Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey sind präsent, Reden werden unter anderem vom Oberimperialisten Obama und dem Oberantiimperialisten Castro geschmissen... Selbst Marine Le Pen konnte sich eine Würdigung des weisen, alten Mannes nicht verkneifen, nur dass dort insbesondere dessen patriotische Gesinnung hervor gestrichen wird. Auch in Luxemburg ist die Presse unisono, die Zeitung vum lëtzebuerger Vollek würdigt heute den "grossen und engen Freund der Kommunisten, während das Luxemburger Wort, das zu Zeiten des kalten Krieges Mandela für einen "Terroristen" hielt, von einem "Held unserer Zeit", einem "Gandhi" von heute, spricht.
 
Da tut es doch gut auch mal eine Stimme zu hören, die sich von diesem Einheitsbrei abhebt, in diesem Fall einen südafrikanischen Anarchisten, der dieses Bild doch etwas zurecht rückt (übrigens war auch Gandhi kein Gandhi):
 
"Mandela should be seen as the poster boy for the failure of political parties and for reformism. The ANC – whatever they consider their achievements, are nothing more than a party of gangsters, careerists, and anti-working class scumbags. Apartheid ended over twenty years ago, so what has changed? The black working class of South Africa has a new set of spivs, bosses, and politicians to oppress them.
You only have to look back on the various mine massacres by the security forces last year to see that not a lot has changed – I am given to understand that Mandela’s grandson is a part owner in one of those mines. Thirty years ago it would have been just white police officers shooting unarmed black miners in the back, now it is a mixture of white and black police officers doing the killing. Truly a massacre fit for apartheid.
Apart from an end to apartheid/segregation, has the lot of working class black South Africans improved? Not at all, unemployment, homelessness, and poverty are rife. However, there are a group in South African society who have benefited since the collapse of apartheid. They are of course the Mandela family:
Quote:
“Company information showed the Mandela children and grandchildren had, over the past two decades, been involved in about 200 companies extending over a wide range of sectors, including real estate, investments, railway engineering, minerals, medical firms, fashion, and entertainment. Mandela's eldest daughter, was an active director in 16 companies, including the South African subsidiary of the Swiss multinational food giant Nestle, a shopping centre in Kimberley, two railway engineering companies, and four companies apparently engaged in mineral exploration.”
Nelson Mandela himself – who left prison penniless – has a fortune that his family are now fighting over like vultures. Clearly a far cry from the lives of the average South African who generally do not have a pot to piss in!"
(Quelle)


Dezember 09, 2013

171 Jahre Pëtr Alekseevič Kropotkin

"Wenn wir durch Beispiele zu zeigen versuchen, daß die Menschen heute schon trotz der Ungleichheit, die in der Organisation der gegenwärtigen Gesellschaft vorherrscht, sich sehr wohl verständigen können und zwar ohne die Intervention einer Autorität - vorausgesetzt nur, daß sich ihre Interessen nicht diametral zuwiderlaufen - so sollen wir auch keineswegs die Einwürfe, die dagegen erhoben werden, unberücksichtigt lassen.

Alle diese Beispiele haben ihre fehlerhafte Seite; denn es ist augenblicklich unmöglich, eine einzige Organisation anzuführen, die nicht auf der Ausbeutung des Schwachen durch den Starken, des Armen durch den Reichen beruhte. Aus diesem Grunde verfehlen auch nicht die Staatssozialisten, mit der sie kennzeichnenden Logik uns entgegenzuhalten: 'Ihr seht also wohl, daß die Intervention des Staates notwendig ist, um dieser Ausbeutung ein Ende zu machen'.

Ungeachtet der Lehren der Geschichte verschweigen sie uns, daß gerade der Staat wesentlich dazu beiträgt, diesen Stand der Dinge zu erschweren, indem er das Proletariat schaffen hilft und widerstandsunfähig seinen Ausbeutern überliefert. Und sie werden auch die einfache Schlußfolgerung zu ziehen vergessen, nämlich die, daß es unmöglich ist, die Ausbeutung zu beseitigen, so lange deren vornehmliche Ursachen, das individuelle Kapital und das Elend, künstlich für zwei Drittel der Bevölkerung durch den Staat aufrecht erhalten, weiter bestehen bleiben.

Hinsichtlich des Einvernehmens zwischen den Eisenbahngesellschaften werden sie voraussichtlich folgendes sagen: 'Seht Ihr denn nicht, wie die Eisenbahngesellschaften ihre Angestellten und die Reisenden drücken und schlecht behandeln! Es bedarf der Intervention des Staates, um die Öffentlichkeit zu schützen'.

Aber haben wir es nicht gesagt und wie viele Male wiederholt, daß es, solange es Kapitalisten geben wird, auch Mißbräuche dieser Art geben wird. Gerade der Staat - der vermeintliche Wohltäter, ist es, welcher den Gesellschaften diese furchtbare Macht gegeben hat, welche sie heute besitzen. Hat er ihnen nicht die Konzessionen, die Monopole geschaffen? Hat er nicht seine Truppen gegen die Angestellten der Eisenbahnen gesandt, wenn diese sich in Streiks befanden? Und in der ersten Zeit ihres Bestehens - dieses sieht man heute noch in Russland – hat er da nicht das Privilegium dieser Gesellschaften soweit ausgedehnt, daß es der Presse verboten wurde, Eisenbahnunglücksfälle zu erwähnen, damit deren Aktien, für die er gebürgt, nicht entwertet wurden? Hat er nicht tatsächlich das Monopol begünstigt, welches die Vanderbilts wie die Polyakoffs, die Direktoren des P. L. M. und diejenigen der Gotthardbahn 'zu den Königen der Zeit' gemacht hat?

Wenn wir also das stillschweigend erzielte Einvernehmen zwischen den Eisenbahnkompagnien als Beispiel anführten, so geschah es nicht, um ein Ideal einer technischen Organisation zu geben. Es geschah, um zu beweisen, daß, wenn die Kapitalisten, ohne ein anderes Ziel zu haben als ihre Profite auf Kosten der Gesamtheit zu vermehren, dazu gelangen können, die Eisenbahnen auszubeuten und zwar ohne daß sie zu diesem Zwecke ein internationales Bureau gründen - die Arbeitergenossenschaften es ebenso gut, wenn nicht besser, können werden, ohne einen europäischen Eisenbahnminister zu ernennen.

Ein anderer Einwurf, scheinbar ernsterer Natur, ist folgender. Man könnte sagen, daß die Vereinbarung, von der wir sprechen, keineswegs eine freie ist, daß die großen Kompagnien den kleinen die Gesetze vorschreiben. Man könnte z. B. jene reiche Kompagnie erwähnen, welche die Reisenden, die von Berlin nach Basel wollen, zwingt, über Köln oder Frankfurt zu fahren, anstatt die Strecke über Leipzig zu benutzen; eine andere, welche, um einflußreichen Aktionären Vorteile zu verschaffen (bei weiten Strecken) die Waren einen Umweg von 200 Kilometern machen läßt; eine dritte schließlich, die darauf ausgeht, Sekundärlinien zugrunde zu richten. In den Vereinigten Staaten werden die Reisenden und die Waren vielfach auf den unwahrscheinlichsten Strecken befördert, damit die Dollars in die Tasche eines Vanderbilts fließen.

Unsere Antwort darauf ist die gleiche. Solange das Kapital besteht, wird das Großkapital stets das kleine unterdrücken. Doch diese Unterdrückung resultiert nicht allein aus dem Kapital. Gerade mit der Hilfe des Staates, mittels des durch den Staat zu ihren Gunsten geschaffenen Monopols, unterdrücken die großen Kompagnien die kleinen.

Marx [im Englischen:
"The early English and French Socialists have shown"!?] hat uns in trefflicher Weise gezeigt wie die englische Gesetzgebung alles getan, um die Kleinindustrie zu unterdrücken, den Bauern dem Elend zu überliefern und den großen Industriellen ganze Bataillone von Barfüßlern zuzuführen, die gezwungen waren, für den Spottlohn, den man ihnen bot, zu arbeiten. Ebenso verhält es sich mit der Gesetzgebung bezüglich der Eisenbahnen. Strategische Linien, subventionierte Linien, Linien mit dem Monopol der internationalen Post, alle diese Einrichtungen sind geschaffen worden im Interesse der großen Herren der Finanz. Wenn Rothschild - der Gläubiger der gesamten europäischen Staaten - sein Kapital in irgend eine Eisenbahn steckt, so wissen es seine getreuen Diener, die Minister, meist zu arrangieren, daß er auch seinen Vorteil dabei findet.

In den Vereinigten Staaten - dieser Demokratie, welche uns die autoritären Sozialisten vielfach als ein Ideal hinstellen - herrscht der furchtbarste Schwindel in allem, was Eisenbahnen heißt. Wenn diese oder jene Kompagnie ihre Konkurrenten durch einen erniedrigten Tarif ruiniert hat, so bereichert sie sich sicherlich auf der anderen Seite an den Ländereien, die ihr der Staat auf Grund von Bestechungen überläßt. Die Dokumente, die über den amerikanischen Getreidehandel veröffentlicht worden sind, haben uns gezeigt, welchen Anteil der Staat bei dieser Ausbeutung des Schwachen durch den Starken hatte.

Es sei hier noch einmal gesagt, der Staat hat die Macht des Großkapitals verzehnfacht, verhundertfacht. Und wenn wir sehen, daß es den Vereinigungen der Eisenbahnkompagnien (ebenfalls eine Frucht der freien Vereinbarung) bisweilen gelingt, die kleinen Kompagnien gegen die großen zu schützen, so müssen wir umsomehr die innerliche Kraft dieses Prinzips der freien Vereinbarung bewundern, welche dies gegenüber der Allmacht des vom Staate unterstützten Großkapitals möglich macht.

In der Tat, die kleinen Kompagnien leben trotz der Parteilichkeit des Staates für das Großkapital. Wenn wir in Frankreich - dem Lande der Zentralisation - nur fünf oder sechs große Kompagnien sehen, so zählt man in Großbritannien mehr als 100 Kompagnien, die sich in wunderbarer Weise zu verständigen wissen und sicherlich besser für einen schnellen Transport der Reisenden und der Waren organisiert sind, als die deutschen und französischen Eisenbahnen.

Übrigens liegt auch hier gar nicht der Kernpunkt. Das Großkapital, vom Staate begünstigt, kann stets, da es sich im Vorteil befindet, das Kleinkapital vernichten. Was uns beschäftigt, ist folgendes: Die Vereinbarung zwischen Hunderten von Kompagnien, denen die Eisenbahnen Europas gehören, hat sich direkt vollzogen, ohne die Intervention einer Zentralregierung, welche den verschiedenen Gesellschaften ein Gesetz vorschrieb: sie wird aufrecht erhalten mittels Kongressen, zusammengesetzt aus Delegierten, die miteinander diskutieren und ihren Auftraggebern nachher Vorschläge, aber keine Gesetze bringen. Es ist dies ein neues Prinzip, welches sich scharf von dem gouvernementalen Prinzip, dem monarchistischen oder republikanischen, dem absolutistischen oder parlamentarischen, unterscheidet. Es ist dies eine Neuerung, die sich heute in Europa Geltung verschafft, wenn auch noch schüchtern, der aber die Zukunft gehört."
Auszug aus "Die freie Vereinbarung" (1892, übernommen in Die Eroberung des Brotes); den gesamten deutschen Text findet man an verschiedenen Stellen im Internet, z.B. hier: http://www.syndikalismusforschung.info/kropotkin3.htm

Dezember 07, 2013

A long one while I'm away (13)

Bei manchen Longtracks ist bereits der Titel lang... dies hier ist aber ein extremer Fall.

Shakti feat. John McLaughlin - What need have I for this? What need have I for that? I am dancing at the foot of my Lord! All Is bliss... All Is bliss (live 1976)

Dezember 05, 2013

Das Sein des Scheins

Gelesen im "Avis" der Staatsbeamtenkammer zur neuen "Schuldenbremse":
"La Chambre des fonctionnaires et employés publics constate in fine que les instruments contraignants déjà en place depuis longtemps (PSC, semestre européen, 'Six-Pack', etc.), y compris les possibles sanctions en cas de non-respect de ces engagements, n’ont guère contribué jusqu’à présent à endiguer les déficits et les dettes publics, surtout au niveau des 'grandes' nations européennes, pour lesquelles de telles dispositions relèvent plutôt de 'l’art pour l’art'. Il est fort probable qu’il en sera de même après l’entrée en vigueur de ces nouvelles dispositions.
En plus, le texte convenu fait semblant de vouloir renforcer la discipline budgétaire, alors qu’il ne s’y emploie que très marginalement à propos d’aspects mineurs et qu’en réalité il cimente plutôt la non-application des textes et l’impunité [ich unterstreiche] qui s’est installée depuis une douzaine d’années."
Hört, hört!

November 30, 2013

A long one while I'm away (12)

Etwas rezenteres diesmal, Symphonic Metal aus Italien, gehört letzten Montag im Metal Mayhem auf Radio Ara.
Luca Turilli's Rhapsody - Of Michael the Archangel and Lucifer's Fall (2012)

November 26, 2013

Sic


Siehe auch:
"(...) the thought and action of Che Guevara keeps alive a libertarian stand within Cuban communism. Che Guevara has been hailed as the 'new Bakunin'. He certainly shared the anarchist confidence in the revolutionary potential of the peasantry and sought to create a co-operative society of workers and peasants in which work is transformed into 'meaningful play'. He was very critical of any bureaucracy which checked individual initiative. (...) Although Guevara was unable to overcome his admiration for strong leaders, the early years of the Cuban Revolution, when his influence was at its height, proved the most creative and original phase. Since his death in 1967, his legacy has not been forgotten and libertarian socialists still exist in Cuba who call for direct democracy and self-management."

Gelesen bei Peter Marshall, Demanding the Impossible. A history of Anarchism, erweitere Ausgabe 2008 (1), S.517-518. Sam Dolgoff, der im gleichen Kapitel zitiert wird, dürfte sich im Grabe umdrehen!
Eine etwas gelungere Annäherung an Sankt Che aus anarchistischer Sicht findet man hier: http://theanarchistlibrary.org/library/larry-gambone-saint-che-the-truth-behind-the-legend-of-the-heroic-guerilla-ernesto-che-guevara

Übrigens wird laut Eigenwerbung des Autors Noam Chomsky zu diesem Buch mit folgenden Worten zitiert: ""Demanding the Impossible is the book I always recommend when asked - as I often am - for something on the history and ideas of anarchism."...

(1) Die Erstauflage stammt von 1992. In der mir vorliegenden Ausgabe sind übrigens alle von Bryan Caplan aufgelisteten faktischen Fehler im Kapitel zu den "Rechtslibertären" stillschweigend (und ohne Danksagung an Caplan) beseitigt worden.

November 25, 2013

129 Jahre Jean Lébédeff

Nach langer Pause kehre ich mit meiner "Geburtstagsreihe" mehr oder weniger bekannter Anarchistinnen und Anarchisten (oder wem ich sonst gerade gedenken will), diesmal mit dem anarchistischen Buchillustrator Jean Lébédeff, geboren 1884 in Bogorodsk in Russland als Ivan Lebedev. Bilder statt Texte:




Nummer 4 ist übrigens ein Portrait des hier bereits mehrfach gewürdigten Ixigrec.
Mehr zu Lébédeff: http://militants-anarchistes.info/spip.php?article3181

November 23, 2013

A long one while I'm away (11)

Heute die Mutter aller Progressive Rock-Longtracks in einer Live-Fassung:

The Nice - Ars Longa, Vita Brevis (1968)