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Dezember 10, 2013

Sankt Madiba

Selten wohl hat der Tod eines Staatsmanns ein so uneingeschränkt positives Echo gefunden. Wann findet schon sonst eine Trauerfeier in einem Stadion statt und 90 amtierende oder ehemalige Staatschefs nehmen dran teil (nur die fiesen Israelis natürlich nicht)? Solche moralischen Instanzen wie der Dalai Lama und die Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey sind präsent, Reden werden unter anderem vom Oberimperialisten Obama und dem Oberantiimperialisten Castro geschmissen... Selbst Marine Le Pen konnte sich eine Würdigung des weisen, alten Mannes nicht verkneifen, nur dass dort insbesondere dessen patriotische Gesinnung hervor gestrichen wird. Auch in Luxemburg ist die Presse unisono, die Zeitung vum lëtzebuerger Vollek würdigt heute den "grossen und engen Freund der Kommunisten, während das Luxemburger Wort, das zu Zeiten des kalten Krieges Mandela für einen "Terroristen" hielt, von einem "Held unserer Zeit", einem "Gandhi" von heute, spricht.
 
Da tut es doch gut auch mal eine Stimme zu hören, die sich von diesem Einheitsbrei abhebt, in diesem Fall einen südafrikanischen Anarchisten, der dieses Bild doch etwas zurecht rückt (übrigens war auch Gandhi kein Gandhi):
 
"Mandela should be seen as the poster boy for the failure of political parties and for reformism. The ANC – whatever they consider their achievements, are nothing more than a party of gangsters, careerists, and anti-working class scumbags. Apartheid ended over twenty years ago, so what has changed? The black working class of South Africa has a new set of spivs, bosses, and politicians to oppress them.
You only have to look back on the various mine massacres by the security forces last year to see that not a lot has changed – I am given to understand that Mandela’s grandson is a part owner in one of those mines. Thirty years ago it would have been just white police officers shooting unarmed black miners in the back, now it is a mixture of white and black police officers doing the killing. Truly a massacre fit for apartheid.
Apart from an end to apartheid/segregation, has the lot of working class black South Africans improved? Not at all, unemployment, homelessness, and poverty are rife. However, there are a group in South African society who have benefited since the collapse of apartheid. They are of course the Mandela family:
Quote:
“Company information showed the Mandela children and grandchildren had, over the past two decades, been involved in about 200 companies extending over a wide range of sectors, including real estate, investments, railway engineering, minerals, medical firms, fashion, and entertainment. Mandela's eldest daughter, was an active director in 16 companies, including the South African subsidiary of the Swiss multinational food giant Nestle, a shopping centre in Kimberley, two railway engineering companies, and four companies apparently engaged in mineral exploration.”
Nelson Mandela himself – who left prison penniless – has a fortune that his family are now fighting over like vultures. Clearly a far cry from the lives of the average South African who generally do not have a pot to piss in!"
(Quelle)


November 26, 2013

Sic


Siehe auch:
"(...) the thought and action of Che Guevara keeps alive a libertarian stand within Cuban communism. Che Guevara has been hailed as the 'new Bakunin'. He certainly shared the anarchist confidence in the revolutionary potential of the peasantry and sought to create a co-operative society of workers and peasants in which work is transformed into 'meaningful play'. He was very critical of any bureaucracy which checked individual initiative. (...) Although Guevara was unable to overcome his admiration for strong leaders, the early years of the Cuban Revolution, when his influence was at its height, proved the most creative and original phase. Since his death in 1967, his legacy has not been forgotten and libertarian socialists still exist in Cuba who call for direct democracy and self-management."

Gelesen bei Peter Marshall, Demanding the Impossible. A history of Anarchism, erweitere Ausgabe 2008 (1), S.517-518. Sam Dolgoff, der im gleichen Kapitel zitiert wird, dürfte sich im Grabe umdrehen!
Eine etwas gelungere Annäherung an Sankt Che aus anarchistischer Sicht findet man hier: http://theanarchistlibrary.org/library/larry-gambone-saint-che-the-truth-behind-the-legend-of-the-heroic-guerilla-ernesto-che-guevara

Übrigens wird laut Eigenwerbung des Autors Noam Chomsky zu diesem Buch mit folgenden Worten zitiert: ""Demanding the Impossible is the book I always recommend when asked - as I often am - for something on the history and ideas of anarchism."...

(1) Die Erstauflage stammt von 1992. In der mir vorliegenden Ausgabe sind übrigens alle von Bryan Caplan aufgelisteten faktischen Fehler im Kapitel zu den "Rechtslibertären" stillschweigend (und ohne Danksagung an Caplan) beseitigt worden.

Juli 28, 2011

137 Jahre Ernst Cassirer


Heute wollen wir uns weder Ludwig Feuerbach noch Karl Popper widmen (beide ebenfalls an einem 28. Juli geboren), sondern dem Neukantianer und Davoser Heidegger-Antipoden Ernst Cassirer widmen, von dem folgende Überlegungen über den Begriff der Freiheit stammen:

"Freiheit ist einer der dunkelsten und vieldeutigsten Begriffe nicht nur der philosophischen, sondern auch der politischen Sprache. Sobald wir über den Begriff der Willensfreiheit zu spekulieren beginnen, finden wir uns in einem unentrinnbaren Labyrinth metaphysischer Fragen und Antinomien verstrickt.Was die politische Freiheit betrifft, so wissen wir alle, daß sie eines der am meisten gebrauchten und mißbrauchten Schlagworte ist. Alle politischen Parteien haben uns versichert, daß sie immer die wahren Repräsentanten und Hüter der Freiheit seien. Aber sie haben den Begriff immer in ihrem eigenen Sinn definiert und ihn in ihrem besonderen Interesse gebraucht. Ethische Freiheit ist im Grunde etwas viel Einfacheres. Sie ist frei von jenen Vieldeutigkeiten, die sowohl in der Metaphysik, als auch in der Politik unvermeidlich scheinen. Die Menschen handeln als freie Wesen, nicht weil sie ein liberum arbitrium indifferentiae besitzen. Es ist nicht die Abwesenheit eines Motivs, sondern der Charakter des Motivs, was eine freie Handlung charakterisiert. Im ethischen Sinne ist ein Mensch ein frei Handelnder, wenn diese Motive von seinem eigenen Urteil und seiner eigenen Überzeugung, was moralische Pflicht ist, abhängen. Nach Kant ist Freiheit gleichbedeutend mit Autonomie. Sie bedeutet nicht 'Indeterminismus', sie bedeutet eher eine besondere Art der Determination. Sie bedeutet, daß das Gesetz, das wir bei unseren Handlungen befolgen, nicht von außen auferlegt ist, sondern daß das moralische Subjekt sich dieses Gesetz selbst gibt. In der Darlegung seiner eigenen Theorie warnt uns Kant immer vor einem grundsätzlichen Mißverständnis. Ethische Freiheit, so erklärt er, ist keine Tatsache, sondern eine Forderung. Sie ist nicht gegeben, sondern aufgegeben; sie ist kein Geschenk, mit dem die menschliche Natur begabt ist; sie ist eher eine Aufgabe, und zwar die schwierigste Aufgabe, die der Mensch sich stellen kann. Sie ist kein datum, sondern ein Befehl; ein ethischer Imperativ. Diesen Befehl zu erfüllen wird besonders schwer in Zeiten einer strengen und gefährlichen sozialen Krisis, wenn der Zusammenbruch des ganzen öffentlichen Lebens bevorzustehen scheint. Zu solchen Zeiten beginnt das Individuum, ein tiefes Mißtrauen gegen seine eigenen Kräfte zu fühlen. Die Freiheit ist kein natürliches Erbe des Menschen. Um sie zu besitzen, müssen wir sie schaffen. Wenn der Mensch bloß seinen natürlichen Instinkten folgen würde, würde er nicht für die Freiheit kämpfen; er würde eher die Abhängigkeit wählen. Offenkundig ist es viel bequemer, von anderen abzuhängen, als für sich selbst zu denken, zu urteilen und zu entscheiden. Dies erklärt, daß die Freiheit so oft sowohl im privaten als auch im politischen Leben mehr als Last denn als Vorrecht betrachtet wird. Wenn die Bedingungen außerordentlich schwer sind, versucht der Mensch, diese Last abzuschütteln. Hier hakt der totalitäre Staat und der politische Mythus ein. Die neuen politischen Parteien versprechen wenigstens ein Entkommen von dem Dilemma. Sie unterdrücken und zerstören den Sinn für Freiheit selbst; aber gleichzeitig befreien sie den Menschen von jeder persönlichen Verantwortung."

(The Myth of the State; deutsch: Vom Mythus des Staates, geschrieben 1944-45, hier zitiert nach der Ausgabe Hamburg, 2002, S.375-376.)

Juli 03, 2011

128 Jahre Franz Kafka

Zu Kafkas 128. eine Kurzgeschichte aus dem Nachlass:

Poseidon

Poseidon saß an seinem Arbeitstisch und rechnete. Die Verwaltung aller Gewässer gab ihm unendliche Arbeit. Er hätte Hilfskräfte haben können, wie viel er wollte, und er hatte auch sehr viele, aber da er sein Amt sehr ernst nahm, rechnete er alles noch einmal durch und so halfen ihm die Hilfskräfte wenig. Man kann nicht sagen, daß ihn die Arbeit freute, er führte sie eigentlich nur aus, weil sie ihm auferlegt war, ja er hatte sich schon oft um fröhlichere Arbeit, wie er sich ausdrückte, beworben, aber immer, wenn man ihm dann verschiedene Vorschläge machte, zeigte es sich, daß ihm doch nichts so zusagte, wie sein bisheriges Amt. Es war auch sehr schwer, etwas anderes für ihn zu finden. Man konnte ihm doch unmöglich etwa ein bestimmtes Meer zuweisen; abgesehen davon, daß auch hier die rechnerische Arbeit nicht kleiner, sondern nur kleinlicher war, konnte der große Poseidon doch immer nur eine beherrschende Stellung bekommen. Und bot man ihm eine Stellung außerhalb des Wassers an, wurde ihm schon von der Vorstellung übel, sein göttlicher Atem geriet in Unordnung, sein eherner Brustkorb schwankte. Übrigens nahm man seine Beschwerden nicht eigentlich ernst; wenn ein Mächtiger quält, muß man ihm auch in der aussichtslosesten Angelegenheit scheinbar nachzugeben versuchen; an eine wirkliche Enthebung Poseidons von seinem Amt dachte niemand, seit Urbeginn war er zum Gott der Meere bestimmt worden und dabei mußte es bleiben.
Am meisten ärgerte er sich – und dies verursachte hauptsächlich seine Unzufriedenheit mit dem Amt – wenn er von den Vorstellungen hörte, die man sich von ihm machte, wie er etwa immerfort mit dem Dreizack durch die Fluten kutschiere. Unterdessen saß er hier in der Tiefe des Weltmeeres und rechnete ununterbrochen, hie und da eine Reise zu Jupiter war die einzige Unterbrechung der Eintönigkeit, eine Reise übrigens, von der er meistens wütend zurückkehrte. So hatte er die Meere kaum gesehn, nur flüchtig beim eiligen Aufstieg zum Olymp, und niemals wirklich durchfahren. Er pflegte zu sagen, er warte damit bis zum Weltuntergang, dann werde sich wohl noch ein stiller Augenblick ergeben, wo er knapp vor dem Ende nach Durchsicht der letzten Rechnung noch schnell eine kleine Rundfahrt werde machen können.
(1920, vgl. Gesammelte Werke, 8, S.73-74).

April 11, 2009

Die Woche der Auferstehungen: Ostern

Nach Beda Venerabilis (ca. 673-735) ist das Osterfest nach der angelsächsischen Fruchtbarkeitsgöttin Eostre oder Eastre benannt, der Monat April ist dementsprechend der "Eostur-Monath". Jakob Grimm, die eine Hälfte der Gebrüder Grimm, macht aus Eostre (die für manche auch eine Erfindung Bedas ist, so liest man im deutschsprachigen Wikipedia: "Die Existenz dieser Göttin wird von vielen heutigen Wissenschaftlern jedoch bestritten oder zumindest stark angezweifelt." Also ehrlich gesagt, hätte ich so meine Probleme mit einem "Wissenschaftler", für den Eostre real existiert!) die germanische Göttin "Ostara", nach der später Lanz von Liebenfels seine antisemitischen Hefte benennen wird, die ein junger Adolf Hitler begierig aufsaugt. Wie dem auch sei, heute wird Ostara von der Wicca als kleinerer Sabbat am 21. März (Frühlinganfang) begangen.

Dass auch Ostern in diesem Zeitraum gefeiert wird, hängt nicht in erster Linie damit zusammen dass Jesus, nach den meisten christlichen Überlieferungen zumindest, während des Passah-Festes gekreuzigt wurde (nach dem Koran ist Jesus, Sohn von Miriam, der Schwester von Aaron und Moses, nicht am Kreuz gestorben; nach dem jüdischen Toledoth Jeschu ist Jesus zwar auch während des Passahfestes gestorben, jedoch gehängt worden - etwa 90 Jahre vor den Geschehnissen von denen in den Evangelien berichtet wird); eher ist es umgedreht: Jesus ist zum Frühlingsanfang gestorben, weil sein Tod und seine Auferstehung Motive von allen Fruchtbarkeitsgöttern und -göttinnen aufgreift, die ganz einfach den zyklischen Charakter der Jahreszeiten symbolisieren, das Vergehen und neue Aufblühen der Natur, die bevorstehende neue Ernte, die jedes Jahr auf ein Neues von den höheren Mächten erbittet werden muss. Robert M. Price berichtet irgendwo von einer griechischen Bäuerin, die bei einem Passionsspiel für die Auferstehung des HErrn betet, da sie fürchtet, dass ohne Jesus' Entsteigen des Grabes (wobei Jesus in vielen orthodoxen Darstellungen, wie Herakles, Tammuz et al. in den Hades hinabsteigt) die Ernte ausfallen würde. Price gesteht der Frau zu, Sinn und Zweck des Osterfestes besser verstanden zu haben, als alle christliche Theologie, die sich vor allem dadurch auszeichnet, etwas sehr simples so sehr symbolisch zu überfrachten, dass die ursprüngliche Bedeutung des Festes überdeckt wird - obwohl gerade in unserem Kreis Osterei und -hase noch recht eindeutige Hinweise auf den ursprünglichen Charakter von Ostern als Fruchtbarkeitsfest, als Feier des beginnenden Frühlings geben.

In diesem Sinne: frohe Ostern!

April 10, 2009

Die Woche der Auferstehungen: Karfreitag



Psalm 22 (Auszüge; nach der Luther-Bibel)

2. Mein GOtt, mein GOtt, warum hast du mich verlassen? Ich heule, aber
meine Hilfe ist ferne.

3. Mein GOtt, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht; und des
Nachts schweige ich auch nicht.

4. Aber du bist heilig, der du wohnest unter dem Lob Israels.

5. Unsere Väter hofften auf dich, und da sie hofften, halfest du ihnen
aus.

6. Zu dir schrieen sie und wurden errettet; sie hofften auf dich und
nicht zuschanden.

7. Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und
Verachtung des Volks.

(...)

12. Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hie kein
Helfer.

13. Große Farren haben mich umgeben, fette Ochsen haben mich umringet;

14. ihren Rachen sperren sie auf wider mich wie ein brüllender und
reißender Löwe.

15. Ich bin ausgeschüttet wie Wasser; alle meine Gebeine haben sich
zertrennet; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzen Wachs.

16. Meine Kräfte sind vertrocknet wie ein Scherben, und meine Zunge
klebet an meinem Gaumen; und du legest mich in des Todes Staub.

17. Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat sich um
mich gemacht; sie haben meine Hände und Füße durchgraben.

18. Ich möchte alle meine Beine zählen. Sie aber schauen und sehen
ihre Lust an mir.

19. Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein
Gewand.

(...)

Die Inspiration für die Kreuzigungsszene des Markusevangeliums; für gläubige Christen eine Prophezeiung der Leiden Jesu am Kreuz, für gläubige Juden hingegen eine fehlerhafte Übersetzung.

April 09, 2009

Die Woche der Auferstehungen: Attis


Der phrygische Gott Attis passt eigentlich nicht so gut in das Bild des sterbenden und auferstandenen Gottes, obwohl auch er als Fruchtbarkeits- resp. Vegetationsgott als solcher verehrt wurde. Wie bei Dionysos gibt es auch vom Attis-Mythos mehrere Varianten, wobei auch Elemente der Tammuz-/Adonis-Erzählungen eingeflossen sind.

Wir wollen uns auf diejenige beschränken, laut der Attis durch die Gnade des Zeus nicht leiblich, sondern als ewig grüne Pinie wiedergeboren wurde. Zuvor war Attis verblutet, als er sich in einem Anfall von Wahn selbst die Genitalien abschnitt. Dieser Wahnzustand war eine Reaktion auf das Erscheinen der in ihn verliebten Kybele während des Hochzeitsfestes von Attis und der Tochter des Königs der phrygischen Stadt Pessinus. Nun war es so, dass Kybele und Attis zwar Liebhaber gewesen waren, aber beide eigentlich zwei Facetten der gleichen Person darstellten: des/der zweigeschlechtlichen Dämons/in Agdistis. Die Zweigeschlechtlichkeit von Agdistis war den Göttern des Olymp ein Dorn im Auge, weshalb sie Agdistis das männliche Geschlechtsteil abschnitten. Die nunmehr weibliche Agdistis lebte fortan als Kybele, auch "Grosse Mutter" genannt, weiter, aus dem abgetrennten Penis wurde hingegen ein kräftiger Mandelbaum. Als Nana, die Tochter des Flussgottes Sangarios, eine Frucht des Baumes in den Schoss fällt, wird sie (unbefleckt) mit Attis schwanger...

In gewisser Weise wiederholt sich also bei Attis im Tod die Zeugung.


N.B. Attis erkennt man dadurch wieder, dass er immer mit einer Jakobinermütze (französisch: "bonnet phrygien") auf dem Kopf dargestellt wird.

April 08, 2009

Die Woche der Auferstehungen: Dionysos (Zwei Varianten)

Dionysos, ein weiterer Gott der für Tod und Wiedergeburt steht, zeichnet sich von den anderen auferstandenen Gottheiten dadurch aus, dass bei ihm das zweite Leben das eigentliche ist, der Geburtsmythos und der Auferstehungsmythos direkt verknüpft werden, dies in beiden existierenden Varianten:
1) Dionysos ist der Sohn von Zeus und der sterblichen Semele, der Tochter König Cadmus' von Theben. Durch die eifersüchtige Hera dazu verleitet, stirbt die schwangere Semele als Zeus ihr den Wunsch erfüllt sich ihr in seiner wahren, in seiner göttlichen Gestalt zu zeigen. Zeus rettet den ungeborenen Dionysos in dem er ihn in seinen Oberschenkel einnäht. Schliesslich entlässt Zeus das Kind auf der Insel Ikaria, weswegen Dionysos als der "von zwei Müttern getragene", bzw. der "zweifach geborene" ist.
2) Dionysos ist der Sohn von Zeus und Persephone, der Königin der Unterwelt (die in verschiedenen Fassungen der Mythen selber eine Tochter von Zeus ist). Die eifersüchtige Hera schickt die Titanen los, um das Kleinkind Dionysos zu töten. Die Titanen reissen das Kind in Stücke, und essen alles auf bis auf das Herz, das gerettet werden kann. Zeus legt das Herz in Semeles Schoss (nach anderen Überlieferungen isst Semele das Herz auf), die das Kind ein zweites Mal zur Welt bringt.

April 07, 2009

Die Woche der Auferstehungen: Krishna


Obwohl Krishna eine recht spannende Gottheit ist, so ist die Geschichte von seinem Tod und seiner Auferstehung doch vergleichsweise banal (geschildert wird sie im 16. Buch der Mahabharata, der Mausala Parva). Es begab sich so: am 18. Februar des Jahres 3.102 vor unserer Zeitrechnung, um 2 Uhr nachmittags, stösst ein Jägersmann auf den unter einem Baum in tiefer Meditation versunkenen Krishna. Der offenbar etwas schwersichtige Jäger hält den blauhäutigen Schäfer für Dammwild, und trifft ihn mit einem Pfeil an der Ferse, was, ähnlich wie bei Achilles, zum sofortigen Tod führt. Als sich der erschrockene Schütze jedoch der Leiche nähert, schlägt Krishna wieder die Augen auf, und steht in einem gelben Anzug vielarmig vor dem verdutzten Jäger. Krishna tröstet den Jäger und steigt anschliessend mit viel Getöse gegen Himmel auf. Der Augenblick des Todes Krishnas markiert den Anfang des Kali Yuga, des dunken Zeitalters, in dem wir uns nunmehr seit über 5.000 Jahren befinden. Und das alles wegen einem schwersichtigen Jäger!


P.S. Im Internet findet man Angaben darüber, dass Krishna gekreuzigt worden sei und sich die Erde verdüstert habe usw. Das ist aber gelinde gesagt Bullshit, und geht wohl auf den französischen Sachbuch- und Abenteuerroman-Schreiber Louis Jacolliot zurück, der sich im 19. Jahrhundert mit den Parallelen zwischen Krishna und Jesus auseinandergesetzt hat.


April 06, 2009

Die Woche der Auferstehungen: Osiris


Osiris, Sohn des Geb und der Nut, sterblicher König von Ägypten, wird von seinem eifersüchtigen Bruder Set und 78 Mitverschwörern verraten, und anlässlich eines Banketts dazu verleitet, sich in einen seiner Körperform angepassten Kasten zu legen. Der verräterische Bruder nagelt den Kasten zu, und schmeisst ihn in den Nil. Osiris ertrinkt im verschlossenen Kasten (seitdem ist es Brauch Menschen in Särgen zu bestatten). Der Sarg schwimmt bis nach Byblos im heutigen Libanon. Osiris' Ehefrau Isis findet ihn dort nach langer Suche, und bringt die Leiche zurück nach Ägypten. Jedoch entdeckt Seth die Leiche, und zerteilt sie in 14 Stücke, die er im Nil verteilt. Isis gelingt es erneut, alle Stücke wieder zu finden, bis auf den königlichen Penis, der von einem Fisch gefressen worden war. Mit Hilfe von Anubis gelingt es ihr die übrig gebliebenen Stücke wieder zusammen zu fügen und Osiris vorübergehend zum Leben zu erwecken. Der untote Osiris zeugt auf mystische Art und Weise mit Isis einen Sohn, Horus. Anschliessend wird Osiris einbalsamiert und begraben; die Götter sind jedoch von Isis' Hingabe so beeindruckt, dass sie Osiris im Jenseits zum Leben erwecken und ihn zum Herrn über das Totenreich und den Richter über die Seelen der Verblichenen macht. Durch Osiris' Tod und Auferstehung wird so das Leben nach dem Tod für alle Sterblichen ermöglicht.

April 05, 2009

Die Woche der Auferstehungen: Dumuzi und Inanna

Es ostert sehr. Zum Fest der Auferstehung wollen wir in den kommenden Tagen einige von den Toten auferstandene Götter und Helden kurz vorstellen.

Dumuzi (babylonisch: Tammuz, hellenisiert: Adonis), der Schäfer, Ehemann von Inanna, der sumerischen Göttin der Liebe; in der sumerischen Mythologie fungiert der ursprünglich sterbliche Hirte und Urahn von Gilgamesh als Vegetationsgott. Die Ehe zwischen Dumuzi und Inanna sichert die Fruchtbarkeit der Felder wie der Lenden.
Inanna (babylonisch: Ischtar) beschließt eines Tages in die Unterwelt zu ihrer Schwester Ereshkigal hinabzusteigen, wird jedoch von Ereshkigal getötet und nach drei Tagen wieder auferweckt. Nach ihrer Rückkehr aus der Unterwelt ist Inanna entsetzt, dass ihr Ehemann Dumuzi sie nicht betrauert, und befiehlt den Dämonen Dumuzi selbst in die Unterwelt hinab zu ziehen. Dumuzis Tod hat das Verdorren der Felder, das Einsetzen einer großen Sommerdürre zur Folge. Dumuzi gelingt es - dank der Hilfe des Gottes Utu - der Unterwelt zu entkommen und zu seiner Schwester Geshtinanna, der Göttin des Weines, zu fliehen. Schliesslich entscheidet Inanna, dass Dumuzi jedes Jahr sechs Monate in der Unterwelt verbringen muss und dann wiederum sechs Monate von seiner Schwester Geshtinanna abgewechselt wird. So stirbt Dumuzi seitdem jedes Jahr auf ein Neues, wenn die Ernte eingenommen wird, begleitet vom Jammern und Wehklagen der weiblichen Bevölkerung (vergleiche Ezechiel 8,14), und kehrt nach sechs Monaten pünktlich zurück, so dass die neue Saat spriessen kann...

As the farmer, let him make the fields fertile
As the shepherd, let him make the sheepfolds multiply,
Under his reign let there be vegetation,
Under his reign let there be rich grain

(The Courtship of Inanna and Dumuzi)