Juli 21, 2009

Kann Marx zum Verständnis der aktuellen Wirtschaftskrise beitragen? (Number 8 in a series)

Offensichtlich wird bei der Lektüre des Briefes an Danielson (siehe vorangegangene Abschnitte) nicht zuletzt auch, dass der alte Marx kein Freund des Papiergeldes ist - gemeint sind damit nicht Banknoten im Allgemeinen, sondern nicht durch ein Edelmetall (Gold, Silber) gedecktes Geld. So unterstreicht er dass sein "ehemaliger intelligenter Kritiker" Illarion Ignatjewitsch Kaufman (der liberale Petersburger Ökonom Kaufman hatte 1872 in einer russischsprachigen Kritik des ersten Bandes des Kapitals Marx' Buch, im Unterschied zu den anderen russischen Rezensenten, nicht als bloßen Angriff auf die unmenschlichen Verhältnisse im britischen Fabrikwesen aufgefasst, sondern als grundsätzliche Untersuchung des Transformationsproblems, das sich beim Übergang von einer Gesellschaftsform in eine anderen stellt), "alles andere als originell" sei, lobt jedoch dessen "Polemik gegen das Papiergeld" (die Theorie und Praxis des Bankgeschäftes Kaufmans ist meines Erachtens leider nur auf Russisch erschienen, so dass ich mangels Sprachkenntnisse nicht nachschauen kann, wie Kaufmans Polemik konkret ausschaut); MEW, 34, S.375.

Auch scheint ihm die Überlegenheit der USA gegenüber dem Zarenreich u.a. darin zu liegen, dass dort der Staat "vom Papiergeld losgekommen" ist, "wenn auch in höchst infamer Weise zum Vorteil der Gläubiger und auf Kosten des menu peuple", (vergleiche hierzu Murray Rothbard, A History of Money and Banking in the United States: The Colonial Era to World War II, Ausgabe 2002, S.156-159), während in Rußland "keine Fabrik so gut [geht] wie die Papiergeldfabrik"; MEW, 34, S.374.

In Marx' theoretischem Gerüst kommt ungedecktes Papiergeld hingegen eigentlich nicht vor. In seiner Darlegung der Funktion des Geldes als Zirkulationsmittel in Kapital, Band 1, definiert Marx Papiergeld lediglich als Geld- oder Goldzeichen: "Sein Verhältnis zu den Warenwerten besteht nur darin, daß sie ideell in denselben Goldquantis ausgedrückt sind, welche vom Papier symbolisch sinnlich dargestellt werden. Nur sofern das Papiergeld Goldquanta repräsentiert, die, wie alle andren Warenquanta, auch Wertquanta, ist es Wertzeichen" (S.142 der Ausgabe Hamburg, 1890). Marx setzt dabei "der Vereinfachung halber, Gold als die Geldware voraus" (S.109). Die Geldware Gold hat dabei als Geld eine doppelte Funktion: einerseits ist es "Maßstab der Preise", andererseits dient es als "Maß der Werte". Maß der Werte kann es laut Marx nur deshalb sein, "weil es selbst Arbeitsprodukt, also der Möglichkeit nach ein veränderlicher Wert ist" (S.113). Hier würde also der "Geldwert" ebenfalls die in ihm enthaltene "gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit" beinhalten; die Variationen dieser würden den "Wert" des Goldes bzw. Geldes bestimmen, der zugleich als Wertmesser gegenüber allen anderen Waren dient: steigt der Wert der Geldware an, bei gleichbleibenden Warenwerten, würden die Preise folglich fallen und umgekehrt. Inflation und Deflation erscheinen so bei Marx letztendlich als Folge der Schwankungen des Wertes des Goldes als "Arbeitsprodukt". Die zur Verfügung stehende Quantität, d.h. die Geldmenge, spielt dabei für Marx, im krassen Gegensatz zur klassischen politischen Ökonomie oder auch zu Milton Friedman, keine Rolle, im Gegenteil: "Preise sind also nicht hoch oder niedrig, weil mehr oder weniger Geld umläuft, sondern es läuft mehr oder weniger Geld um, weil die Preise hoch oder niedrig sind" (Zur Kritik der politischen Ökonomie. Einleitung, MEW, 13, S.86).

Nun kann man sich fragen, wie der Wert des Geldes, der als Maß aller anderen Werte fungieren soll, bei Marx "konstituiert" werden soll. An einer anderen Stelle von Kapital Band I schreibt Marx über das Messen des Wertes folgendes: "Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert ist. Wie nun die Größe seines Werts messen? Durch das Quantum der in ihm enthaltenen 'wertbildenden Substanz', der Arbeit. Die Quantität der Arbeit selbst mißt sich an ihrer Zeitdauer, und die Arbeitszeit besitzt wieder ihren Maßstab an bestimmten Zeitteilen, wie Stunde, Tag usw." (S.53). Es folgt die Unterscheidung zwischen konkreter individueller Verausgabung und abstrakter Arbeit: nicht die reale Zeit, die der einzelne Arbeiter bei der Produktion einer Ware vertrödelt,wird betrachtet, sondern das "Quantum" der "gesamtgesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit" zur Herstellung der Ware. Man kann hieraus zwei Schlussfolgerungen ziehen:
1) der Wert des Goldes als Geldware wird bestimmt durch die zu seiner Gewinnung aufgebrachten gesamtgesellschaftlichen Arbeitszeit (idem für nicht durch Edelmetall gedecktes Papiergeld?)
2) da Geld als Maß der Werte fungiert, und Marx zugleich schreibt, dass die Grösse des Werts durch das Quantum der in ihm enthaltenen Substanz, der Arbeit, gemessen wird, kann man schliessen - nein, nicht dass Geld = Arbeit ist - dass sich dieses Quantum Arbeit notwendigerweise in Geldform ausdrückt.

So sind wir, in verkürzter Form, bei der Lektüre von Marx als einem Vertreter einer "monetären Werttheorie" angekommen, wie sie ausgehend von Hans-Georg Backhaus' "Dialektik der Wertform" aus von einem Kreis deutscher marxistischer Akademiker vertreten wird, die "ihren" Marx retten wollen, und zwar nicht nur wegen der vernichtenden Kritik der "bürgerlichen Ökonomisten" an der Marxschen "Arbeitswertlehre" (die er für die "Monetaristen" unter den Marxisten eben nicht vertreten hat), sondern auf Grund der Tatsache, dass der real existierende Kapitalismus mittlerweile ohne jegliche Geldware auskommt, wie Ingo Stützle treffend schreibt: "Aber die Marxsche Werttheorie ist nicht nur 'klassischer' Kritik ausgesetzt (u.a. Böhm-Bawerk 1896), sondern ist auch mit der konkret-empirischen Verfasstheit kapitalistischer Ökonomie konfrontiert. So dominiert in westlichen Industrienationen ein auf keinem Goldstandard mehr beruhendes Geldsystem. Eine für viele MarxistInnen beunruhigende Tatsache, ging doch Marx in seiner Theorie von einer Geldware aus."

Heute flutscht die Papiergeldfabrik nicht mehr nur im Zarenreich. Dass Marx sowas ähnliches 1848 selber vorschlug - zumindest trug das Flugblatt Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland auch seine Unterschrift - nämlich die stufenweise Ablösung der Edelmetalle durch die Herausgabe eines gesetzlichen definierten Papiergeldes durch eine zentrale Staatsbank, finde ich allerdings bei keinem der "Monetaristen" behandelt. Dabei wäre es eine Untersuchung wert, wie Marx von einer Forderung wie der folgenden zu seiner späteren Ablehnung des Papiergeldes gekommen ist:
"An die Stelle aller Privatbanken tritt eine Staatsbank, deren Papier gesetzlichen Kurs hat.Diese Maßregel macht es möglich, das Kreditwesen im Interesse des ganzen Volkes zu regeln und untergräbt damit die Herrschaft der großen Geldmänner. Indem sie nach und nach Papiergeld an die Stelle von Gold und Silber setzt, verwohlfeilert sie das unentbehrliche Instrument des bürgerlichen Verkehrs, das allgemeine Tauschmittel, und erlaubt, das Gold und Silber nach außen hinwirken zu lassen. Diese Maßregel ist schließlich notwendig, um die Interessen der konservativen Bourgeois an die Revolution zu knüpfen [!]."

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo lieber Namens-Konkurrent!

Ich verstehe den Sinn deines Beitrages nicht ganz und mache ein paar Angebote, worauf du hinaus wollen könntest.
Für etwaige Mißverständnisse entschuldige ich mich im Vorhinein und hoffe auf Richtigstellung!

1. Daß Marx 1848 Staatspapiergeld gefordert hat, macht seine spätere Geldanalyse ungültig bzw. zweifelhaft.
Also was jetzt? Hat der Marx recht gehabt mit seiner Analyse des Werts? Wenn ja, was soll der Hinweis auf eine Frühschrift? Oder hat er unrecht gehabt? Dann wären doch hier Argumente fällig, warum, und nicht die Ausbreitung der eigenen Belesenheit. Davon kann sich nämlich niemand etwas kaufen.

2. Geld als Maß der Werte und die Arbeit als Grundlage des Tauschwerts.
Papiergeld als (staatlich) gesetztes Maß soll einen Widerspruch zu Arbeit als immanentes Maß der Werte darstellen? Warum eigentlich? Daß aller konkreter Reichtum auf Arbeit beruht, läßt sich ja nicht leugnen – oder? Daß es jede Menge fiktiven Reichtum gibt, der keineswegs auf Arbeit beruht – auch nicht. Ein Pfandbrief, eine Aktie ist nicht durch ehrlichen Arbeitsschweiß entstanden, und eine Banknote auch nicht. Warum will man diesen Zetteln dann immer Arbeit unterschieben, das als marxistisch bezeichnen und damit die Tatsache leugnen, wie sehr die Herrschaft des Werts über den Gebrauchswert ein Produkt von Gewalt ist?
Ja genau, weil jemand, der Geld für eine befreite Gesellschaft, wahre Demokratie usw. retten will, diesen Zusammenhang leugnen muß und dann anfangt, mit der angeblichen Arbeitsweertlehre und Verstößen dagegen herumzufummeln.

Machno läßt grüßen!
Wie ers mit dem Geld gehalten hat, weiß ich nicht, daß er eigenes drucken wollte, ist mir jedenfalls nicht bekannt.
(diesen Kommentar hat ein anderer "Nestor" auf dem Blog www.neoprene.blogsport.de gepostet als Reaktion auf einen weiteren Poster, der auf die hiesige Reihe „Kann Marx zum Verständnis der aktuellen Wirtschaftskrise beitragen?“ hingewiesen hat)

Neoprene hat gesagt…

http://neoprene.blogsport.de/2009/07/22/kann-marx-zum-verstaendnis-der-aktuellen-wirtschaftskrise-beitragen/trackback/