Dezember 24, 2015

Mühsam, passend zur Jahreszeit (7)

"München,  Montag, d. 27. Dezember 1915
Weihnachten ist vorbei, mit eignem Tannenbaum, großer Bescherung, reichlichen Geschenken, worin sich besonders Ehrengard hervortat. Der erste Feiertag brachte am Vormittag den ersten Sündenfall mit ihr, nachdem bei ihrem ersten Aufenthalt hier die Verhinderung durch Menstruation nur zu Swinegelexzessen geführt hatte. Ich hoffe, das Verhältnis immer noch in den Grenzen einer Laune halten zu können. Denn Zenzl leidet sehr darunter und fürchtet sicher für den Bestand unsres ehelichen Verständnisses. Aber mit Unrecht. Sie ist meinem Herzen die Nächste und wird es bleiben.
Vom Kriege nichts Besonderes. Die Westoffensive ist immer noch nicht Ereignis. An der griechisch-serbischen Grenze ist alles unverändert, und in Saloniki befestigen sich die Alliierten, die doch schon eine Viertel Million Mann versammelt haben, ob mit Einwilligung oder gegen den Protest der griechischen Regierung ist unklar. Die hat inzwischen einen 'Wahlsieg' zu verzeichnen. Die Venizelisten hatten Stimmenthaltung proklamiert. So hat das Kabinett eine starke Mehrheit erhalten. Wie aber die Wählerschaft Griechenlands gesinnt ist, geht daraus hervor, daß die deutschen Blätter treu und bieder berichteten, in Athen hätten nur 7000 Männer gewählt, gegen 20 000 bei den letzten Wahlen. Den Schluß, daß also Venizelos und die Deutschfeinde dort immer noch die absolute Majorität beherrschen, zieht kein Blatt und von hunderttausend Lesern höchstens Einer ... Hardens 'Zukunft' soll verboten sein. Das wäre immerhin erfreulich, da ein so kluger, wissender und geschickter Mann wie Harden dadurch völlig für die Opposition im Lande gewonnen wäre.
Zenzl gab mir auf, im Tagebuch zu vermerken, daß Weihnachten 1915 eine Gans mit Kragen und Eingeweiden 17–18 Mk gekostet hat, eine ausgenommene 14 Mark. Alles ist unsinnig verteuert, und obendrein von minderer Qualität. Die Streichhölzer, die übrigens schon auf die Neige zu gehn scheinen, brennen nicht. Für Bindfaden ist nur noch ein Ersatz zu haben, der bei jedem derberen Zugreifen zerreißt. Aber – wir Mangel leiden? Keine Spur! Wir halten durch, bis wir verreckt sind!"
 
(Auszug aus der hervorragenden Online-Edition von Erich Mühsams Tagebüchern, hier aus Heft XVI: http://www.muehsam-tagebuch.de/tb/index.php)

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