April 07, 2010

140 Jahre Gustav Landauer

Aus Anlass des Geburtstags des anarchistischen Mystikers habe ich heute die Einleitung zu Landauers Roman Der Todesprediger (1903) mitgebracht:

"Die Geschichte, die ich erzählen will, ereignete sich in jener im großen und ganzen glücklichen Zeit, da sich die Planeten um die Sonne drehten ohne zu fragen warum, und die Sonne ganz gedankenlos, ohne sich nach dem Spiegel zu sehnen, ihre leuchtenden Strahlenbündel von sich schleuderte. Die Epoche, wo das Weltall begann, über sich selbst und seine Bestimmung zu philosophieren, war noch nicht angebrochen, der Weltschmerz in des Wortes eigentlicher Bedeutung, das wehvolle Stöhnen des großen Kosmos, das seiner Auflösung ins absolute Nichts vorherging, war noch nicht eingetreten. Jedoch war das Allgemeinbefinden der einzelnen Weltkörper schon wesentlich differenziert, und auf einem derselben, auf der Erde, zeigten sich für den feinen Beobachter bedrohliche Symptome. Das ganze Erdenrund war allmählich von einem grünlichen Schimmel überzogen worden, der sich bemühte, zugleich ein Spiegel und eine schlechte Kopie des Weltungeheuers zu sein. Jeder, auch der kleinste Teil dieses gewaltigen Riesen ging gedankenlos seine eigenen Wege und kümmerte sich nicht im mindesten um andere. In dieser überlegungslosen Selbständigkeit bestand das Weltglück. Auf dieser schimmligen Erdrinde aber entstanden kümmerliche Wesen, die für sich nichts waren und sich darum aneinander anlehnen und einander befehden mußten, und es erwuchsen allmählich Arten statt Individuen, Gesellschaften statt Personen. Ein krankhafter Keim steckte in jedem kleinsten Teilchen dieser Erdoberfläche, es war das Bewusstsein oder doch die Anlage dazu. Welche Art am meisten von diesem Gift in sich trug, die errang die Herrschaft über die übrigen, die war aber auch zugleich am nächsten dem Zustand der Selbstvernichtung, der aus dem Selbstbewusstsein hervorging auf dem Wege über die Selbstverachtung und den Selbstschmerz. Diese Rolle war schon seit geraumer Zeit dem Geschlechte der Menschen zugefallen. Es ist die Aufgabe der Geschichte dieser merkwürdigen Tiergattung, zu zeigen, wie gerade sie besonders dazu befähigt war und auf welchem Wege sie sich dem angegebenen Ziele näherte. Ich darf das wohl als bekannt voraussehen und bitte sich rasch an diese ganze Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechtes rückzuerinnern bis zu dem Punkte, wo das Bewusstsein schon den Grad erreicht und überschritten hatte, wo der Selbstekel und der Selbstschmerz, den der Mensch in Überhebung vielleicht, vielleicht aber auch in zukunftsbanger Ahnung eine Zeitlang Weltschmerz nannte, begann. Die langsame Entwicklung und das stetig sich verändernde Fortschreiten und Umsichgreifen dieses Eigenwehs dauerte, oft unterbrochen und scheinbar verschwunden, schon mehrere Jahrhunderte an, das Christentum und dann die Reformation und dann der Rationalismus und die Revolution waren gewaltige Heilversuche, die aber notwendig fehlschlugen. Dann kam eine kurze Periode dumpfer Resignation und verzweiflungsvollen Schmerzes, die Zeit des Romantismus, ironische und zerrissene, aber durchweg halbe Männer waren die führenden Geister, und in zweiter und dritter Reihe tauchten auf die feinsinnigen, frauenhaften Gestalten, mit der melancholischen Ruhe und den zarten, aristokratischen, durchgeistigten Händen, schmiegsame Leute ohne Rückgrat, deren Wille gebrochen war. Dann aber kam herauf der ewig denkwürdige Versuch der Vernunft, sich kalten Blutes auf sich selbst zu besinnen, die entsetzte Rückschau auf die Entwicklung der Vergangenheit und das gegenwärtige Treiben, die Auflösung und Abschüttelung alles überlieferten Herkommens, der Strich unter die ganze Rechnung der menschlichen Geschichte, und das Wagnis, nach all den Erfahrungen den Staub der Vorzeit von den Händen zu waschen und das Leben der Menschheit von vorn auf vorsichtig geprüftem Grund zu beginnen.
 In diese Jahre, in denen Abgelebtes und Vorzeitiges, Unreifes und Faules, Abgespanntes und Vorwärtsstürmendes nebeneinander wohnte, fiel das Leben des Menschen, von dem ich im folgenden erzählen will."

Weitere Geburtstage: 6.4. Erich Mühsam; 7.4. Charles Fourier.

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