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April 15, 2013

131 Jahre Rudolf Grossmann aka Pierre Ramus

Lernt Esperanto ! (1907)
 
Das eine tun, bedeutet lange nicht, das andere lassen! Und es ist sehr leicht möglich für jeden Kameraden, sich in der Muttersprache zu üben, derselben jene individuelle Kraft zu verleihen, dass sie in Wahrheit dem Ausdruck seiner Persönlichkeit gerecht zu werden vermag, ihre Formschönheiten erhöhte — und dabei zugleich ein guter Esperantist zu sein.

Vor rund einem dreiviertel Jahr hätten die
Ausführungen Landauers noch meine unbedingte Zustimmung gefunden. Ich habe sie damals nämlich selbst vertreten, mit derselben Logik, denselben Argumenten. Und diese meine Logik — bekanntlich ein heimtückisches Ding! — wurde bestärkt und fühlte sich bedeutend gehoben durch die Lektüre eines Artikels von Max Nettlau im Londoner Freedom, dessen Titel war: "Eines Anarchisten Ansicht über das Esperanto". Auch dort wurden dieselben Behauptungen gemacht, dem Esperanto jede tiefere Innigkeit und Verinnerlichungsmöglichkeit abgesprochen; ganz wie Landauer es tut, wie ich es getan habe, wie Unzählige es noch tun.

Dennoch hatten wir Unrecht; wenigstens ich, der ich nun das Esperanto ganz flüchtig studierte und nur beflissen war, mir etwa so viel wie Lesefähigkeit in dieser Sprache anzueignen, muss dies heute bekennen. Und die Argumente, die ich gebrauchte und Landauer jetzt wieder anführt, haben bloss den trügerischen Schein der Richtigkeit. In Wahrheit täuschen wir uns selbst über ihre Gediegenheit und verkennen, übersehen dabei gänzlich, dass das Ding, das wir scheinbar widerlegt haben, schon durch massenhafte Beweise seine Lebenskraft und damit seine Berechtigung erwies, bereits so viele Entwicklungsstufen der Vervollkommnung und Besserwerdung durchlief, dass es ganz ausgeschlossen ist, dass das Esperanto je wieder verschwinden könnte.

Gern will ich es eingestehen, dass ich von einem gewissen ästhetischen Standpunkt aus dem Genossen L. recht geben muss. Aber die Ästhetik spielt eine denkbar geringe Rolle in den Lebensfragen der Tagesnot und ihrer Wirrnisse, für welche, also für deren Überwindung das Esperanto ja geschaffen wurde. Und man erschrecke nicht vor dem Wörtlein "geschaffen", demgegenüber sich das von Landauer Gebrauchte weit hübscher und wieder nur scheinbar natürlicher ausnimmt. Denn es ist bloss die Hälfte einer Sache betont, wenn ich sage, dass unsere Sprachen etwas "Gewachsenes", oder Gewordenes, nichts Gemachtes sind. Tatsache ist jedenfalls, dass dieses Wachstum eben ihre Schaffung und Schöpfung bedeutet, es sei denn, man wollte dieses Wachstum als etwas rein Mechanisches ansehen, was Landauer nicht tut. Und in einem solchen Sinn ist auch das Esperanto etwas "Gewachsenes", das wuchs und emporkam, weil es ganz eminenten Bedürfnissen entgegenkommt und das, im Flusse seiner Gebrauchsentwicklung weiter wachsen, sich eine Zukunft, somit eine Vergangenheit erringen wird. Es ist schliesslich alles gewachsen, allmählich geworden, doch nichts, das auch nicht gleichzeitig gemacht wurde; die Aktion gibt den Anstoss, die Entwicklung und das Werden erfolgt erst nach ihm. Auch die bestehenden Sprachen haben unendlich viel des Gemachten an sich!

Niemals haben es die Esperantisten als ihren Programmpunkt aufgestellt, die Verschiedenheiten der Sprachen, all das so wundervoll Vielfältige, das aus Jahrtausende alter Entwicklung hervorging und den Reiz des Lebens, die "prachtvolle Gebärde" der verschiedenen Nationen, ihre Leidenschaften und Veranlagungen in bunter Mannigfaltigkeit zum Ausdruck bringend ergibt, abschaffen oder verwischen zu wollen. Genosse Landauer, die Esperantisten haben es stets betont, dass das Esperanto nur eine Hilfssprache für den alltäglichen Gebrauch und der notwendigsten Geistesverständigung bilden, kurz gerade für die "Plumpheiten, Trivialitäten und Gewöhnlichkeiten" des Lebens — und leider besteht dieses zum grossen Teil aus eben solchen Unzulänglichkeiten — Anwendung finden möge. Aber wenn Sie glauben, dass das Esperanto auch deshalb missverständlich und untauglich sei, weil die verschiedenen Nationen in ihren bestimmten nationalen Eigentümlichkeiten denken und deshalb so sprechen, dann haben Sie eine tiefe Wahrheit ausgesprochen, auf die besonders Mauthner in seiner "Kritik der Sprache" lebhaft hinweist. Ich leugne keineswegs die Richtigkeit dieser Behauptung, nur möchte ich geltend machen, dass sie nicht nur das Esperanto trifft, sondern jede Sprache, dass es das Verhängnisvolle der Sprache auch ein und desselben Volkes — natürlich können wir uns ein solches nur philosophisch vorstellen — ist, von Individuen gesprochen zu werden, die dank ihrer variierenden Vererbungseinflüsse, der graduellen Verschiedenheit ihrer sinnlichen und psychischen Eindrucksfähigkeit sich ebenfalls nur missverständlich verstehen und sich niemals ganz verstehen können. Immerhin, ganz ebenso wie die gemeinschaftliche Volkssprache es Individuen verschiedener Veranlagung gestattet, sich in den allgemeinen Lebensfragen ihrer Existenz zu verständigen, ganz ebenso gestattet, richtiger ermöglicht solches auch das Esperanto unter Individuen verschiedener Nationen, dessen Entwicklung ja noch gar nicht absehbar ist und das mit jeder Einführung in weitere und weitere Kreise an solchen Elementen der Geschmeidigkeit, des Wortsinnes, der Verallgemeinerung des Selbstverständlichen — und das ist uns eigentlich das Sprachliche — gewinnt, dass seine zukünftige Evolution eine verbürgte Sache wird.

Gewiss: eignen wir uns all jene schöne Klarheit und Wortfülle der Sprache an, wie sie unsere Klassiker uns als ein erhabenes Vermächtnis hinterlassen haben. Aber bereichern wir sie auch! Und die Möglichkeit in ein fremdes Land zu gehen und im Augenblicke meiner Ankunft den dann nicht mehr "Fremden" einige gegenseitige erwärmende Herzensworte zurufen, mit ihnen sofort über die Notwendigkeit und Bedürfnisse meiner Persönlichkeit sprechen zu können, diese Möglichkeit bietet nicht nur keine der bestehenden Nationalsprachen dem Proletarier dar, nein, die Verwirklichung bedeutet für den Ankömmling die Erweiterung seines geistigen Horizontes im bedeutsamsten Massstabe, bedeutet eine sofortige, rasch gewonnene Beobachtungsschärfe, die sich auch rückwirkend auf das Können in der Muttersprache äussern kann. Esperanto ist die alltägliche, notwendige Praxis des Gedankenaustausches; Esperanto kann jener breite, sprachliche Strom werden, auf dessen Rücken sämtliche Kulturelemente der verschiedenen Nationen wechselseitig und internationalisierend nach den diversen heimatlichen Küsten und Gestaden gebracht werden können.
Aus Die Freie Generation. Dokumente der Weltanschauung des Anarchismus, 2. Jahrgang, Nr. 5, November 1907. (Quelle)

April 07, 2013

143 Jahre Gustav Landauer

Lernt nicht Esperanto! (1907)

Der Herausgeber der „Freien Generation“ hat in der vorigen Nummer seine Leser aufgefordert, die so genannte Esperantosprache zu erlernen. Hätte er geschrieben, es sei dringend zu raten, einmal im Jahr Goethes Faust zu lesen, ich weiß nicht, ob das viel Erfolg gehabt hätte. Aber ich bin überzeugt, dass eine ganze Zahl Leser auf Grund dieses kurzen Satzes von Pierre Ramus, bis diese Zeilen gedruckt werden, schon Abend für Abend über einem Esperanto-Lehrbuch sitzen. Die Menschen im Allgemeinen sind so und die Radikalen insbesondere, dass jede Verkehrtheit Anhänger, und zwar sehr oft fanatische Anhänger, unter ihnen findet. Das kommt daher, dass die Verkehrtheiten vom Verstand ersonnen sind und sich an den Verstand wenden. Der Geist hat zwei schlimme Feinde, erstens, die Dummheit, und zweitens, den Verstand. Oft finden sie sich vereinigt in Form kluger Geistlosigkeit; die hat auch das Esperanto erfunden. Unter Anarchisten scheint es ganz besonders nötig, darauf hinzuweisen, dass die Dinge, auf denen das Leben der Einzelnen und das Miteinanderleben der Menschen beruht, nicht erfundene und gemachte sind, sondern gewachsene. Gewachsen ist die Gesellschaft und das natürliche, freiwillige Zusammenschließen der Menschen, das jetzt von einem elenden Kunstprodukt, dem Staat, überwuchert ist. So etwas Gewachsenes sind auch die Sprachen und Dialekte der Völker. Dass die Volkssprachen den Nationalstaaten oft zum Vorwand von Feindseligkeiten dienen, ist schlimm; schlimmer aber wäre, wenn die Menschen glaubten, die Verschiedenheit der Sprache, d.h. eine unausrottbare, tatsächliche Verschiedenheit, die nicht nur zwischen den Völkern, sondern zwischen allen einzelnen Menschen besteht – jeder Mensch spricht, denkt, empfindet anders als der andere – sei an ihrer Uneinigkeit schuld. Die Menschen verstehen sich und können sich verständigen, weil sie ungleich sind; wenn sie gleich wären, wäre einer dem anderen und jeder sich selbst verhasst und ekelhaft; und eine solche Gleichheitsphantasie ist überhaupt unmöglich und widerwärtig.

Die Verschiedenheit der Sprachen ist also gar nichts, was wir zu bedauern haben; und noch weniger etwas, was wir abschaffen könnten. Abschaffen helfen sollen wir die Zustände, die es dem Menschen verwehren, sich die Kenntnis fremder Sprachen zu erwerben. Die Anarchisten sind doch sonst so streng gegen Palliativmittel und Besserungsversuche innerhalb von Staat und kapitalistischer Gesellschaft; das Esperanto ist nichts anderes als so ein Flickwerk, und dazu noch ein hässliches, unnützes und gefährliches.

Denn nur die Plumpheiten, Trivialitäten und Gewöhnlichkeiten einer Sprache lassen sich in einem Kunstprodukt ausdrücken; und vor allem nur das Alte und Wiedergekäute, niemals das Neue und Gärende, Entstehende, Geniale. Die Sprache lebendig, nicht nur gewachsen, sondern wachsend; sie enthält eine unendliche Vergangenheit, vor allem aber auch die Zukunft; das künstliche Gemächte ist nichts worin der Mensch weiterdenken und Neues schaffen kann; es ist ja nur eine Übersetzung des Breitgetretenen, und das Wichtigste, das Feinste, das Unaussprechliche lässt sich darin nicht sagen. Die gewachsenen Sprachen können das: Zwischen den Worten lebt da gar vieles, was unsäglich und unaussprechlich ist. Esperanto aber kann nichts anderes sein als Schwätzen.

Aber selbst zu rein praktischen Zwecken, etwa als Kongresssprache, ist es untauglich und gefährlich. Wenn der Franzose Esperanto spricht, hat er natürlich französisch gedacht und spricht nun in der angeblichen Gemeinsprache nur Erinnerungen an seine Heimatsprache. Der Deutsche oder Engländer aber versteht das, was er in Esperanto hört, nicht auf Esperanto oder Französisch, sondern auf Deutsch Englisch. Was entsteht daraus? Nichts anderes als dass die Menschen glauben sich zu verstehen, während sie sich in Wahrheit missverstehen. Es ist aber viel besser, dass die Menschen gar nicht verstehen, als dass sie sich missverstehen, ohne es zu merken. Und ebenso schlimm oder schlimmer wäre es, wenn solche Kongressteilnehmer nur Trockenheiten und die Verstandeswahrheiten einander sagten, die sich in Esperanto ausdrücken lassen, wenn all der Dunst, all das Unbestimmte, all die Nuance verloren ginge, all das zitternde Gefühl, das nur in der Volks- und Herzenssprache zum Ausdruck kommen kann. Nichts tut dem Anarchismus mehr Not als dass er sich in die Tiefen des Geistes und des Gemütes senkt, in die Innerlichkeit und den Charakter, in die Selbstverständlichkeit und die Natur des Menschen. Dahin kommt nie eine Kunstsprache.

Ich erinnere mich an die Züricher Anarchistenkonferenz vom Jahr 1893. Da sprach z.B. der italienische Genosse Molinari, groß, feurig, wild, mit überaus eindrucksvollen Bewegungen der Arme und Hände, mit prachtvollem Ausdruck der Augen und Gesichtsmuskeln. Dieser prächtige Erguss eines Leidenschaftlichen, von dessen Sätzen, die wie ein Wasserfall strömten und schäumten, ich kein Wort verstand, wurde dann von dem verstorbenen Genossen Korner in seiner sanften leidenschaftlichen Art ins Deutsche übersetzt. Und nun verstand ich alles; verstand nicht nur die brausende, liebenswürdige Oberflächenwut des Italieners, sondern auch die tiefere, verhaltene, melancholische Ruhe seines Verfassers. Es wäre mir eine unglaublich komische Vorstellung, wenn ich denken sollte, Molinari hätte esperantisch geredet. Dann würde mir ein Erlebnis, ein Stück Leben fehlen. Und wie gut verstanden wir, Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener uns damals!

Was war das in der goldenen Jugendzeit für ein Umarmen, was für Blicke in die Augen, forschend, verstehend, nickend, stammelnd und doch so überaus beredt! Dafür, für diese holden Erinnerungen ans Verstehen und Einigsein im Grund der Gefühle, der Naturen, das Esperanto eintauschen? Pfui Teufel!

Einen anderen Vorschlag habe ich denen, die die Zeit hätten, Esperanto zu lernen. Eine Sprache sollen sie lernen, und zwar zunächst ihre eigene, die Deutschen Deutsch, die Engländer Englisch usw. Man verstehe das nicht hochmütig, ich lerne noch Tag für Tag mein Deutsch, nicht in der Grammatik, sondern in den Werken der großen Dichter und Denker. Und wer das mit Liebe übt und noch immer Zeit findet, der lernt seine deutsche Sprache am besten in all ihren Feinheiten und Innigkeiten kennen, wenn er noch eine fremde Sprache dazu lernt und sich so kurz wie möglich bei der Grammatik aufhält und möglichst bald mit Lesen beginnt. Nicht sich ans Übersetzen gewöhnen! Das ist von größtem Schaden und darf erst viel später kommen, sondern in der fremden Sprache lesen, d.h. denken und empfinden. Also mein Rat ist: Übt Euch im Denken und Empfinden, das will geübt sein: Übt Euch in den Feinheiten und Innigkeiten gewachsener Sprachen, vor allem und immer der Eigenen; und lernt nicht Esperanto.
Aus: Die Freie Generation, Bd. 2, H. 5, November 1907, S. 147-150.
Quelle: http://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer/6465-gustav-landauer-lernt-nicht-esperanto, die es wiederum von http://raumgegenzement.blogsport.de/2009/10/14/gustav-landauer-lernt-nicht-esperanto-1907/  übernommen haben.

April 07, 2012

142 Jahre Gustav Landauer

...und da er gestern im Mühsam-Text erwähnt wurde, hier ein Auszug aus Landauers "Durch Absonderung zur Gemeinschaft" (etwas Mystik zu Ostern also):

"Wir sagen also: was wirkt, ist gegenwärtig; was wirkt, das stößt und drängt, was wirkt, das übt eine Macht aus, was eine Macht ausübt, ist da, was da ist, ist lebendig. Es ist dieser Anschauung unfaßbar, daß etwas, was längst tot ist, noch wirksam, das heißt tätig sein soll. Jede Ursache ist lebendig, sonst wäre sie keine Ursache. Es gibt keine toten Naturgesetze; es gibt keine Trennung zwischen Ursache und Wirkung: diese beiden müssen aneinander grenzen; Ursache-Wirkung ist ein Fließen von Einem zum Anderen; und wenn das vielleicht um ein Winziges bereicherte Andere wieder zum Einen zurückströmt und so ein ewiges Hin- und Widerfluten entsteht, wird wohl das daraus, was man Wechselwirkung nennt; denn so etwas gibt es, wenn auch die Starren nichts davon wissen wollen. Die Materie ist starr und steif, kein Wunder, daß die Materialisten es auch sind. Dieses Hin und Her des ewig Lebendigen, in dem es kein Abgeschiedenes mehr gibt, weil für Tod und Geschiedenheit kein Raum mehr da ist, ist der Makrokosmos, dessen erschautes Zeichen Goethes Faust zu dem Jubelruf treibt.
Bin ich ein Gott. Mir wird so licht!
Ich schau in diesen reinen Zügen
Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen.

Die wirkende Natur - die natura naturans des Goethemeisters Spinoza, der sie von den Mystikern und Realisten des Mittelalters übernommen hat.
Immer wieder stoßen wir auf diesen Hinweis, daß man Gott werden, daß man, anstatt die Welt zu erkennen, die Welt selbst werden oder sein kann. Es ist die tiefste Umdeutung vielleicht der Christuslegende, vielleicht auch die tiefste Bedeutung dessen, was Jesus selbst gelehrt hat, wenn Meister Eckhart den Gott, der zugleich Menschenkind ist, zu uns sprechen läßt: 'Ich bin euch Mensch gewesen, wenn ihr mir nicht Götter seid, so tut ihr mir Unrecht'. Sehen wir zu, wie wir Götter werden, wie wir die Welt in uns finden können."
(Vortrag, gehalten am 18. Juni 1900 in Friedrichshagen-Berlin)

April 06, 2012

134 Jahre Erich Mühsam

Im Sommer 1900 war ich als Apothekergehilfe im Blomberg, einer kleinen lippe-detmoldischen Stadt im Teutoburger Walde, tätig. Mein Gehalt erlaubte mir das Halten zahlreicher Zeitschriften und die Anschaffung der Bücher, die ich darin empfohlen sah. Der geistige Ertrag der Lektüre wurde in den Briefen zu verarbeiten versucht, die in schneller Folge mit Curt Siegfried gewechselt wurden. Der saß noch in Lübeck und ochste stöhnend an den Kenntnissen, die zum Abiturium zur Auswahl stehen sollten. Er fand aber doch die Zeit, die von mir angepriesene Literatur auf ihren Wert zu prüfen, mir seine Entdeckungen mitzuteilen und die Verse, die ich an meinen freien Tagen auf den Wanderungen zum Arminius-Denkmal der noch ziemlich spröden Muse abrang, mit dem Bestreben zu kritisieren, seine freundschaftliche Bewunderung hinter warnenden Einschränkungen des Lobes zu verbergen. Da gab es Hinweise auf die neueste moderne Lyrik und Ratschläge, was ich von Dehmel und Liliencron, Falke, Dauthendey, Franz Evers und den Allerjüngsten wie Ernst Schur oder Richard Schaukai noch alles lernen könnte. Dabei entspannen sich dann Debatten über die Moderne allgemein und ihre Vertreter in der neuen Dichtung speziell, doch glaubte ich kaum, daß unsere Urteile für die Abschätzung der Literatur um die Jahrhundertwende irgendwie anders brauchbar wären als zur Anstellung von Vergleichen unserer neunzehn- und zweiundzwanzigjährigen Begeisterungsfreudigkeit mit der gleichaltrigen Abgeklärtheit des literarischen Nachwuchses von heute. Vielleicht sind wir Fünfzigjährigen nicht mehr imstande, die Jugend zu begreifen. Aber es will mir scheinen, als ob der Teil der literarisch und künstlerisch bewegten Zwanzigjährigen, dessen Leidenschaften nicht in irgendeiner Richtung von den ungeheuren sozialen Geschehnissen der Gegenwart entflammt sind, den Enthusiasmus und die Fähigkeit zu bedenkenloser Bejahung überhaupt hätte vertrocknen lassen.

Was uns betraf, so war unsere naive Gläubigkeit, unsere Bereitschaft, anzuerkennen, zu bewundern, zu preisen, unbegrenzt. Von wem in der »Gesellschaft«, im »Magazin für Literatur« die Rede war, galt uns als Berühmtheit; zu allem Berühmten aber sahen wir in Ehrfurcht auf. Eine Postkarte von Richard Dehmel, auf der er mir, noch in meiner Lehrlingszeit, für einen hymnischen Brief dankte, war ein beneidenswertes Heiligtum, und als mir Siegfried dann schrieb, er sei in Hamburg gewesen und habe Detlev von Liliencron besucht, der unendlich nett zu ihm gewesen sei, da war es, als hätte sich der Tempel des Ruhmes uns selber erschlossen. Übrigens hat Liliencron dem jungen Lübecker anhaltende Sympathie entgegengebracht. Ich lernte ihn später ebenfalls kennen, und er brachte das Gespräch sofort auf meinen Freund, und nach dem Tode Siegfrieds erhielt ich einen sehr warmen und herzlichen Brief von dem Dichter. Liliencron gehörte zu den Berühmtheiten, die persönlich nicht enttäuschten; er war kindlich glücklich über jedes Lob, das ihm zuteil wurde, kritiklos bereit, selbst zu loben, und völlig frei von Anmaßung, Selbstgerechtigkeit und Neid.

Das letzte Quartal meiner pharmazeutischen Laufbahn war ich in Berlin engagiert, in einer Apotheke am Weddingplatz. Die Absicht, zum 1. Januar 1901 den Beruf aufzugeben, stand schon fest, als ich die Berliner Stelle antrat. Wie das eigentlich sein würde, wenn ich nun mein Brot als freier Schriftsteller suchen sollte, davon hatte ich nur sehr dunkle Vorstellungen. Die wenigen Menschen, denen ich mich anvertraute, rieten mir dringend ab, auch Siegfried, dessen materialistische Besorgnisse mich ärgerten und meinen Trotz versteiften. Hans Land, dem ich mit einem Novellenmanuskript einen Brief mit meinen Nöten und Konflikten schickte, ermahnte mich in der Antwort ausführlich, ich solle das Heer des geistigen Proletariats nicht vermehren helfen. Daß er dazu aber fand, daß meine eingesandte Geschichte »irrelevant« und als Beitrag seiner Wochenschrift abzulehnen sei, das kränkte mich so, daß ich von dem Entschluß, ihn persönlich aufzusuchen, abstand. Ich habe Hans Land erst Jahre später persönlich gesprochen. Er wird wohl erst jetzt erfahren, wieviel Verstimmung er vor siebenundzwanzig Jahren in einer vertrauensvollen und ringenden Seele aufgerührt hat.

Aber gerade in Hans Lands »Das neue Jahrhundert« hatte ich den enthusiastischen Hinweis auf eine Schrift und eine Vereinigung gefunden, die dann für meine Entwicklung und sogar für die Gestaltung meines Lebens größte Bedeutung bekam. Es war die erste Schrift einer beabsichtigten Serie von »Flugschriften zur Begründung einer neuen Weltanschauung«, die unter dem Namen »Das Reich der Erfüllung« von Heinrich Hart und Julius Hart bei Eugen Diederichs herausgegeben war. Ob ich bei der Lektüre der violett kartonierten Schrift den philosophischen Kern der zum Begreifen der All-Einheit aufrufenden Essays »Vom höchsten Wissen« und »Vom Leben im Licht« gut gekaut und solide verdaut habe, bezweifle ich. Aber das weiß ich, daß mich die mystischtrunkene, gonghaft schallende Prosa benebelte: »Vom Wahnsinn wollen wir euch befreien. Apokalyptische Reiter brausen in der Luft. Von den Bergen steigt der Paraklet herab, der Tag des Wieder-Christus bricht an.« Und im Schlußappell »Unsere Gemeinschaft« wurde aufgefordert, die Erkenntnis der Identität von Welt und Ich umzusetzen in Leben und Tat. »Über all die Trennungen hinaus, welche die heutige Menschheit zerklüften, will unsere Gemeinschaft diejenigen zusammenführen, in denen sich klares Schauen, reife Einsicht mit dem festen Willen verbindet, die neue Weltanschauung zu leben und das höchste Kulturideal zu verwirklichen.« Wer nähere Mitteilungen haben wollte, sollte sich bei einem der Brüder Hart melden. Da der feste Wille, das höchste Kulturideal zu verwirklichen, bei mir vorhanden war, ich auch in mein klares Schauen und meine reife Einsicht keine Zweifel setzte, so schrieb ich an Heinrich Hart und war so glücklich, postwendend von ihm eine sehr freundlich gehaltene Antwort zu erhalten, in der er mich aufforderte, ihn zu besuchen. Der nächste freie Nachmittag sah mich zum ersten Male in der drei Stock hoch gelegenen Mietswohnung eines berühmten Mannes, in der Rönnestraße 11. Das wird im Dezember 1900 gewesen sein.

Heinrich Hart schien meine Befangenheit gar nicht zu bemerken. Er behandelte mich wie einen Gleichaltrigen und Gleichklugen und berichtete von den Veranstaltungen, die die Neue Gemeinschaft schon geleistet hatte, von denen, die demnächst folgen sollten, von der Wohnung in der Uhlandstraße, wo bald im eigenen Heim Vorträge und gesellige Zusammenkünfte neue Menschen zu neuem Leben vereinigen würden, bis ein großes Landgut erworben werden könne, und da sollten wir dann als Vorläufer einer in sozialer Verbundenheit wirkenden großen Commune der Menschheit eine Gemeinschaft des Glücks, der Schönheit, der Kunst und der von neuer Religiosität erfüllten Weihe »vorleben«. Ich war aufs höchste begeistert von all den herrlichen Aussichten und auch von dem Mann, der so gläubig und von seiner Mission erfüllt, und dabei doch so klar und stellenweise sogar humorvoll in seiner harten westfälischen Aussprache mir jungem Menschen seine Ideen und Pläne darlegte. Dann fragte er mich nach meinen eigenen Angelegenheiten, und als ich ihm nun erzählte, daß mir die Apothekerei bis zum Halse stehe, daß ich die Berufung zum Dichter in mir fühle, daß ich deshalb meine Existenz als freier Schriftsteller führen wolle, daß mir aber von allen Seiten abgeraten und die schrecklichste Enttäuschung prophezeit würde, da rief er fröhlich: »Unsinn! Wenn Sie keine Angst haben vor ein bißchen Hunger und ein paar Fehlschlagen, dann tun Sie getrost, was Sie ja doch tun müssen. Wie kann man denn einem Menschen von dem abraten, wozu es ihn drängt!« Er stellte mir seinen Rat zur Verfügung, ermunterte mich, ihm meine Gedichte zu bringen, und lud mich ein, zur Eröffnung des Gemeinschaftsheims und zu dem Vortrag zu kommen, den Gustav Landauer an dem und dem Tage im Architektenhause über Tolstoi halten werde. Beim Abschied schenkte er mir die zweite Flugschrift vom »Reich der Erfüllung«: Die Neue Gemeinschaft, ein Orden vom wahren Leben. Vorträge und Ansprachen, gehalten bei den Weihefesten, den Versammlungen und Liebesmahlen der Neuen Gemeinschaft mit Beiträgen von Heinrich Hart, Julius Hart, Gustav Landauer und Felix Hollaender.

Beglückt zurückgekehrt an meine Arbeitsstätte am Wedding, stürzte ich mich auf das Buch. Darin aber fand ich einen Aufsatz, den ich fünf-, sechsmal hintereinander las, der mich erschütterte, aufwühlte, überwältigte und mit einer Klarheit erfüllte, die mir zugleich zeigte, wie wenig Klarheit ich aus den Hymnen und Lyrismen des ersten Bändchens gewonnen hatte. Den Namen des Verfassers dieses Aufsatzes kannte ich bis dahin noch nicht, diese Berühmtheit war meinem und offenbar auch Curt Siegfrieds literarischem Spürgeist entgangen, und ich ahnte auch jetzt noch nicht, wie schlechthin entscheidend für mich der geistige Einfluß und die bis zu seinem gewaltsamen Tode anhaltende Freundschaft mit der Persönlichkeit werden sollte, die hier als Autor der Arbeit »Durch Absonderung zur Gemeinschaft« zum ersten Male in meine werdende Welt trat. Es war Gustav Landauer. Die von Heinrich und Julius Hart in den violetten Heften zuerst publizierte Arbeit aber hat Landauer später in sein Werk »Skepsis und Mystik« übernommen, ein Buch, dessen wesentlicher Inhalt bezeichnenderweise gerade eine scharfe Polemik gegen Julius Harts verschwommene Philosophie vom Neuen Gott und von der neuen Weltanschauung ausmacht. Der Eindruck, den ich von Landauers revolutionär-philosophischem Aufsatz erhielt, vertiefte sich noch, als ich seine Vorträge über Tolstoi und Nietzsche hörte. Welche Wege mich dieser große Denker und Mensch geführt hat, als in kurzer Zeit die persönliche, bald sehr nahe menschliche Beziehung sich auswirkte, wieviel Grund ich habe, dem Freunde, der mein Lehrer war, dankbar zu sein, davon zu sprechen würde sofort in Gebiete führen, die hier nicht berührt werden sollen.

Am 1. Januar 1901 bezog ich, nunmehr professioneller deutscher Dichter, ein Zimmer in der Wilsnacker Straße. Ich kannte nun schon verschiedene Berühmtheiten persönlich und konnte die Namen, vor denen ich mich bisher verbeugt hatte, mit den Menschen vergleichen, die ihre Träger waren. Die ersten Veranstaltungen der Neuen Gemeinschaft, an denen ich teilgenommen hatte, führten sofort Bekanntschaften herbei. Heinrich Hart stellte mich seinem Bruder Julius vor. Ich wurde zur Betreuung dem Photographen Fritz Löscher übergeben, einem Bekenner konsequentesten Tolstoianertums, dessen schöne Frau Ida die erste Werkstatt für moderne Frauenbekleidung eröffnet hatte, aus welcher in meiner Erinnerung alle die violettsamtenen hängenden Gewänder der dem Reiche der Erfüllung zustrebenden Damen hervorgingen. Durch Löscher lernte ich die Gemeinschaftsanhänger kennen, die dem »Orden vom wahren Leben« sozusagen als dienende Brüder die Kleinarbeit besorgten, Arbeiter und Künstler, auch Kaufleute, junge Mädchen und Idealisten aller Art. Sie hielten im Architektenhause Tür- und Kassenwacht, führten die Vortragsbesucher zu ihren Plätzen, verkauften Broschüren und verteilten Zettel und Programme.

Einer der Handzettel stellte einen Sonderdruck eines Gedichtes an Böcklin dar, der eben gestorben war. Es war von Peter Hille, von dem ich höchstens einmal den Namen gelesen haben mochte. Das Gedicht war prachtvoll, man erlebte darin die ganze Phantasie der Böcklinschen Schöpfungen, und das seltsame Pathos der lose gebundenen Rhythmen mit der Häufung kühner und unbeschreiblich sinnfälliger Wortbilder – »Ein frohes Tosen wiehert der Stromsturz nieder«, »... des Wageblutes Scharlachtürme ...«, »... zypressendichter Schlaf ...« – ergriff mich mächtig. Der Dichter aber, den bartumwallten riesigen Kopf mit den verträumten Kinderaugen gnomenhaft über dem zarten schlanken Körper, begrüßte die Helfer am Türeingang und gab, seinen Namen nennend, auch mir die Hand, eine zierliche, durchsichtige, verblüffend kleine Frauenhand. Wir gingen miteinander vom Architektenhaus zu Fuß nach Hause, das heißt, ich begleitete ihn zur Kesselstraße, lief noch eine Stunde im Gespräch mit ihm die Chausseestraße auf und ab und schwenkte dann nach Moabit heimwärts. Wir waren Freunde geworden.

Ja, der Respekt vor Namen ging mir schnell verloren, als ich – und gleich in Massen – mit den Individuen in Berührung kam, die ihnen zur Berühmtheit verholfen hatten. Doch das ist nicht wahr, daß in der Regel menschliche Armseligkeit und Kleinlichkeit die Illusionen zerstöre, die man sich von den Schöpfern bewunderter Werke zu machen pflegt. Was mich anlangt, so war ich fast immer glücklich, die Dichter und Künstler, deren Arbeiten mich innerlich bereichert hatten, als Menschen von Fleisch und Blut kennenzulernen. Die Desillusionierung bestand in der erfreulichen Wahrnehmung, daß die in knabenhafter Provinznaivität erwartete Höhe und Würde, welche die Vertraulichkeit entfernt, niemals bei anderen Berühmtheiten zutage trat als bei solchen, die ihren vergänglichen Ruhm selber künstlich aufgeblasen hatten und deren Leistungen keine Betrachtung sub specie aeternitatis zuließen. Eitel insofern, als sie ihren Wert unterschätzt empfanden und dadurch monomanisch, egozentrisch, überkritisch gegen andere und selbst mißgünstig wurden, habe ich manchen großen Künstler getroffen, aber stelzbeinig eingebildet und andauernd auf bedeutenden Mann posierend keinen, der bedeutend war. Was für Prachtmenschen waren die Harts! Julius Hart, ewig in seligster Seid-umschlungen-Stimmung, schwelgend in der Lust seiner All-Einheits-Erkenntnisse und im Glück, den Gästen die von Fidus und dem Bildhauer Metzner geschmückten Räume der Uhlandstraßenwohnung vorführen zu können, wo nun alle Gegensätze praktisch überwunden werden sollten, küßte Männer und Frauen, duzte jeden, der sich mit ihm freute und verbat sich das Sie, und der Bruder strahlte neben ihm, etwas gehaltener, mit einem kleinen Stich Selbstironie, aber ebenso voll inniger Festlichkeit, voll strömender Gastgeberfreude. Das Brüderpaar – die fröhlichste Kreuzung von Weinwirten und Religionsstiftern.

Und Fidus! Er sah aus wie ein nach eigenem Entwurf gearbeiteter Faun. Ging es feierlich zu, dann war er der Feierlichste, ganz ergriffen, ganz hingegeben. Im Moment aber, wo die Feierlichkeit vorbei war, riß er Kalauer, die einen Hund zum Heulen gebracht hätten. Dies hinderte ihn nicht, meine Witze unter Schmerzenslauten und mit der Behauptung zu verfluchen: »Mühsam liegt schon seit zwei Stunden auf der Kalauer!« ...

Namen und Menschen! Alles, was Namen hatte, ging damals gelegentlich oder regelmäßig zur Tür der Neuen Gemeinschafts-Wohnung hinein und wieder hinaus, und ich gewöhnte mich, nie mehr Namen, immer nur Menschen zu sehen. Da kamen Dichter und Schriftsteller wie Cäsar Flaischlen, John Henry Mackay, Bruno Wille, Wilhelm Bölsche, Karl Henckell, Wilhelm Hegeler, Max Kretzer; Maler und Bildhauer wie Franz Metzner, Max und Oskar Kruse, Oskar Zwintscher und viele andere; Bühnenkünstler wie Kayßler, Reinhardt, Gertrud Eysoldt, Irene Triesch. Einmal erschien auch Ernst Haeckel als Gast, und in besonders deutlicher Erinnerung ist mir ein Vormittag, als ich, mit einer blauen Schürze bekleidet, den Boden fegte und es zu so ungewohnter Zeit klingelte. Ich öffnete, da stand vor mir Bernhard Kampffmeyer, der Begründer der deutschen Gartenstadtgesellschaft, und neben ihm ein alter freundlicher Herr: Elisée Reclus, der große französische Gelehrte und Revolutionär, und fragte mich aus, aber was wir besprachen – ich war nämlich schon aufmerksamer Schüler Landauers –, das gehört wieder nicht hierher. Nur soviel darf ich hier noch sagen, daß ich mich zeitlebens freuen werde, diesen großen Menschen nicht bloß als Namen verehren zu müssen.
"Namen und Menschen", in Ausgewählte Werke, Bd. 2: Publizistik. Unpolitische Erinnerungen, Berlin 1978, S.497-505.

April 07, 2010

140 Jahre Gustav Landauer

Aus Anlass des Geburtstags des anarchistischen Mystikers habe ich heute die Einleitung zu Landauers Roman Der Todesprediger (1903) mitgebracht:

"Die Geschichte, die ich erzählen will, ereignete sich in jener im großen und ganzen glücklichen Zeit, da sich die Planeten um die Sonne drehten ohne zu fragen warum, und die Sonne ganz gedankenlos, ohne sich nach dem Spiegel zu sehnen, ihre leuchtenden Strahlenbündel von sich schleuderte. Die Epoche, wo das Weltall begann, über sich selbst und seine Bestimmung zu philosophieren, war noch nicht angebrochen, der Weltschmerz in des Wortes eigentlicher Bedeutung, das wehvolle Stöhnen des großen Kosmos, das seiner Auflösung ins absolute Nichts vorherging, war noch nicht eingetreten. Jedoch war das Allgemeinbefinden der einzelnen Weltkörper schon wesentlich differenziert, und auf einem derselben, auf der Erde, zeigten sich für den feinen Beobachter bedrohliche Symptome. Das ganze Erdenrund war allmählich von einem grünlichen Schimmel überzogen worden, der sich bemühte, zugleich ein Spiegel und eine schlechte Kopie des Weltungeheuers zu sein. Jeder, auch der kleinste Teil dieses gewaltigen Riesen ging gedankenlos seine eigenen Wege und kümmerte sich nicht im mindesten um andere. In dieser überlegungslosen Selbständigkeit bestand das Weltglück. Auf dieser schimmligen Erdrinde aber entstanden kümmerliche Wesen, die für sich nichts waren und sich darum aneinander anlehnen und einander befehden mußten, und es erwuchsen allmählich Arten statt Individuen, Gesellschaften statt Personen. Ein krankhafter Keim steckte in jedem kleinsten Teilchen dieser Erdoberfläche, es war das Bewusstsein oder doch die Anlage dazu. Welche Art am meisten von diesem Gift in sich trug, die errang die Herrschaft über die übrigen, die war aber auch zugleich am nächsten dem Zustand der Selbstvernichtung, der aus dem Selbstbewusstsein hervorging auf dem Wege über die Selbstverachtung und den Selbstschmerz. Diese Rolle war schon seit geraumer Zeit dem Geschlechte der Menschen zugefallen. Es ist die Aufgabe der Geschichte dieser merkwürdigen Tiergattung, zu zeigen, wie gerade sie besonders dazu befähigt war und auf welchem Wege sie sich dem angegebenen Ziele näherte. Ich darf das wohl als bekannt voraussehen und bitte sich rasch an diese ganze Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechtes rückzuerinnern bis zu dem Punkte, wo das Bewusstsein schon den Grad erreicht und überschritten hatte, wo der Selbstekel und der Selbstschmerz, den der Mensch in Überhebung vielleicht, vielleicht aber auch in zukunftsbanger Ahnung eine Zeitlang Weltschmerz nannte, begann. Die langsame Entwicklung und das stetig sich verändernde Fortschreiten und Umsichgreifen dieses Eigenwehs dauerte, oft unterbrochen und scheinbar verschwunden, schon mehrere Jahrhunderte an, das Christentum und dann die Reformation und dann der Rationalismus und die Revolution waren gewaltige Heilversuche, die aber notwendig fehlschlugen. Dann kam eine kurze Periode dumpfer Resignation und verzweiflungsvollen Schmerzes, die Zeit des Romantismus, ironische und zerrissene, aber durchweg halbe Männer waren die führenden Geister, und in zweiter und dritter Reihe tauchten auf die feinsinnigen, frauenhaften Gestalten, mit der melancholischen Ruhe und den zarten, aristokratischen, durchgeistigten Händen, schmiegsame Leute ohne Rückgrat, deren Wille gebrochen war. Dann aber kam herauf der ewig denkwürdige Versuch der Vernunft, sich kalten Blutes auf sich selbst zu besinnen, die entsetzte Rückschau auf die Entwicklung der Vergangenheit und das gegenwärtige Treiben, die Auflösung und Abschüttelung alles überlieferten Herkommens, der Strich unter die ganze Rechnung der menschlichen Geschichte, und das Wagnis, nach all den Erfahrungen den Staub der Vorzeit von den Händen zu waschen und das Leben der Menschheit von vorn auf vorsichtig geprüftem Grund zu beginnen.
 In diese Jahre, in denen Abgelebtes und Vorzeitiges, Unreifes und Faules, Abgespanntes und Vorwärtsstürmendes nebeneinander wohnte, fiel das Leben des Menschen, von dem ich im folgenden erzählen will."

Weitere Geburtstage: 6.4. Erich Mühsam; 7.4. Charles Fourier.

Mai 02, 2009

Gustav Landauer

Heute auf den Tag vor 90 Jahren wurde im Zuchthaus München-Stadelheim Gustav Landauer, Sohn eines jüdischen Schuhverkäufers und ehemaliger Beauftragter für Volksaufklärung der Räterepublik Baiern, von Soldaten der Reichswehr unter dem Kommando von Reichsminister Noske (SPD) erschossen. 1933 wurde das Denkmal das 1925 auf dem Münchner Waldfriedhof zum Gedenken an den libertären Sozialisten errichtet worden war, von den Nationalsozialisten zerstört.

Anbei einige Worte Landauers über den anarchistischen Terrorismus, die mir auch noch für heutzutage relevant erscheinen, wo zwar keine Morde mehr im Namen der Anarchie begangen werden, das öffentliche Bild des Anarchismus und der libertären Bewegung jedoch zunehmend wieder auf das Wirken selbstherrlicher schwarzgekleideter Randalierer reduziert wird:

"Ich stehe nicht an, es in aller Schärfe auszusprechen - und ich weiß, daß ich mit diesen Worten hüben noch drüben Dank ernten werde -: Die Attentatspolitik der Anarchisten geht zum Theil aus dem Bestreben einer kleinen Gruppe hervor, es den großen Parteien gleich zu thun. Es steckt Rennomirsucht darin. Wir machen auch Politik, sagen sie; wir sind nicht etwa unthätig; man muß mit uns rechnen. Die Anarchisten sind mir nicht anarchisch genug; sie sind noch immer eine politische Partei, ja, sie treiben sogar ganz primitive Reformpolitik; das Töten von Menschen hat von je her zu den naiven Besserungsversuchen der Primitiven gehört; und Mowbrays Brutus war ein kurzsichtiger Reformpolitiker. Wenn die amerikanischen Machthaber jetzt, ohne Rücksicht auf Rechte und Gesetze, einige ganz unbetheiligte Anarchisten aufhängen ließen, so handelten sie genau so anarchistisch wie irgendein Attentäter, - und vielleicht, eben so wie dieser, aus Idealismus. Denn nur Dogmatiker können leugnen wollen, daß es glühende und aufrichtige Staatsidealisten giebt. Die Anarchisten freilich in ihrer Mehrzahl sind Dogmatiker; sie werden schreien, daß ich, der ich mir auch heute noch das Recht beimesse, meiner Weltanschauung den Namen der Anarchie zu geben, so ohne weiteres meine Wahrheit ausspreche; sie sind auch Opportunisten und werden finden, gerade jetzt sei nicht die Stunde zu solcher Aussprache. Ich aber finde: Jetzt gerade ist der Moment. (...)

Es ist hier nicht meine Absicht, mich in die Psychologie der modernen Attentäter zu versenken. Sie sind vielleicht weniger Helden oder Märtyrer als eine neue Art von Selbstmördern zu nennen. Für einen Menschen, der an nichts glaubt als an dieses Leben und den dieses Leben bitter enttäuscht hat, der erfüllt ist von kaltem Haß gegen die Zustände, die ihn zu Grunde gerichtet haben und die ihm unerträglich zu gewahren sind, kann es ein dämonisch verführerischer Gedanke sein, noch einen von denen da oben mitzunehmen und sich auf dem Umweg über die Gerichte und vor den Augen der Welt demonstrativ ums Leben zu bringen. Und mindestens ebenso verführerisch ist der Gedanke, der tausendfach variiert in der anarchistischen Literatur widerkehrt: der autoritären Gewalt die freie Gewalt, die Rebellion des Individuums entgegenzusetzen.

Das ist der Grundirrthum der revolutionären Anarchisten, den ich lange genug mit ihnen getheilt habe, daß sie glauben: das Ideal der Gewaltlosigkeit mit Gewalt erreichen zu können. Sie wenden sich mit Heftigkeit gegen die "revolutionäre Diktatur", die Marx und Engels in ihrem kommunistischen Manifest als ein kurzes Übergangsstadium nach der großen Revolution vorgesehen hatten. Das sind Selbsttäuschungen; jede Gewaltausübung ist Diktatur, sofern sie nicht freiwillig ertragen, von den befehligten Massen anerkannt ist. In diesem Fall aber handelt es sich um autoritäre Gewalt. Jede Gewalt ist entweder Despotie oder Autorität."


Aus: "Anarchische Gedanken über Anarchismus" (1901)