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Juni 03, 2011

Willy Huhn und die konsequentere Sozialdemokratie

2003 erschien im antideutschen ça ira-Verlag eine Zusammenstellung von drei Texten des Rätekommunisten Willy Huhn zum Verhältnis Marxismus, Sozialdemokratie und Nationalsozialismus, unter dem Titel Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus. Obwohl Huhns Buch Trotzki - der gescheiterte Stalin (Karin Kramer Verlag, 1973) wesentlich zu meiner Entwicklung von der Mainstream- zur libertären Linken beigetragen hat, habe ich erst jetzt diesen im großen und ganzen empfehlenswerten Band gelesen. Überrascht haben mich darin die positiven Bezüge auf den "englischen Professor" [sic!] Hayek (S.36, 70) und auf Mises, "der die ökonomische Unmöglichkeit des bisherigen [!] Sozialismus schlagend nachgewiesen hatte, weil die Übereinstimmung von Herstellung und Verbrauch ohne Zentralstatistik und behördliche Bestimmung des Konsums, also ohne eine gigantische Bürokratie nicht möglich ist" (S.153). Erschreckend allerdings die Entgleisungen S.162-163: Nicht nur dass Huhn sich Ende 1939 einen deutschen Sieg im (noch weitestgehend auf Polen beschränkt gebliebenen) Krieg erhofft und gar - eigentlich im Gegensatz zum Rest des Textes - den "fruchtbaren Kampf für die Gemeinschaft und gegen den Egoismus" der NSDAP lobt, auch die ausführliche Bibliographie im Anhang listet einige Titel unveröffentlichter Manuskripte auf, die eine gewisse Geistesverwandtschaft der Genossen der Vieille Taupe in Huhns späteren Jahren vermuten lassen: "USAmerikas Destruktionsplan für Deutschland", "Rassismus und Faschismus in Judentum und Zionismus", "Schuld oder Schicksal? Ketzerische Betrachtungen zur Kriegsschuldfrage in beiden Weltkriegen", "Paradoxien - jüdische Vorfahren von Nazigrößen". Klingt alles etwas nach NPD-Büchertisch...

Nichtsdestotrotz: Huhns Analyse des nationalen Sozialismus der Mehrheits-SPD ist nicht ganz von der Hand zu weisen, trotz der Einbindung in eine Geschichtsteleologie (siehe S.165), aus der eine "historische Notwendigkeit des deutschen Nationalsozialismus" (S.142), allerdings auch seiner Überwindung, konstruiert wird. Hier drei charakterisierende Zitate, inklusive ein "Was wäre wenn-Szenario":

"Eines verdichtet sich mir jedenfalls zu immer stärkerer Gewißheit: hätte Sinowjew nicht die USPD gespalten, so daß der linke Flügel in die KPD ging, und der rechte in die SPD heimkehrte, dann wäre die Mehrheitssozialdemokratie einen politischen Weg weitergegangen, der dem Nationalsozialismus kaum noch etwas übrig gelassen haben würde. So hielten die zurückkehrenden USPD-Genossen den in Görlitz [1921] programmatisch bestimmten Kurs auf, der die Mehrheitssozialdemokratie mit jener Funktion belastet hätte, welche die NSDAP nach 1925 immer bewußter auf sich nahm, seit dem Jahre also, in dem das neue Heidelberger Programm (als Kompromiß zwischen dem Erfurter und dem Görlitzer!) die Mehrheitssozialdemokratie daran hinderte, allzu offen und allzu bald nationalsozialistisch zu werden. Die sozialen Kräfte, die bis dahin ihre Hoffnungen auf die MSPD gesetzt hatten, mußten sich ab 1925 nach einer anderen Massenbasis umsehen, bzw. eine solche finanzieren und organisieren. Der deutsche Nationalsozialismus entstand also 1914 und zu einem wesentlichen Teile innerhalb der rechten Sozialdemokratie (...)." (S.76; geschrieben 1952/53).

"Der Nationalsozialismus löst also auf deutschem Boden und unter den gesellschaftlichen Bedingungen der deutschen Nation die geschichtliche Aufgabe, die das imperialistische Zeitalter stellt und die auf russischem Boden und unter den gesellschaftlichen Bedingungen der russischen Nation der Bolschewismus löste. Und nicht die Sozialdemokratie, die doch ihrem Wesen nach wie die russische Sozialdemokratie diese Aufgabe hätte lösen können, sondern der Nationalsozialismus nimmt sie auf sich, weil die SPD den Gedanken der Parteidiktatur ablehnte. Damit brachte nicht die Sozialdemokratie, sondern bringt der Nationalsozialismus eine geschichtliche Entwicklung zu einem praktischen Abschluß, die theoretisch von den bürgerlichen 'Kathedersozialisten' antizipiert und von dem 'Verein für Sozialreform' konzipiert wurde. Darum bezeichne ich den Nationalsozialismus historisch als die konsequentere Sozialdemokratie!"
(S.118; geschrieben 1939).

"Der Staatssozialismus beruht (...) auf der theoretischen Überzeugung, daß der Staat - um mit Hilferding zu reden! - das bewußte Vollzugsorgan der Gesellschaft sei; oder anders ausgedrückt: daß die Gesellschaft anders als in der Form des Staates nicht existieren könne. Außerdem beruht er auf dem Eindruck des liberalen Kapitalismus, daß die Wirtschaft der Tummelplatz der Kapitalisten sei, ohne daß der Staat hier etwas dreinzureden habe. Bei einer derartigen Voraussetzung muß infolgedessen jede Einflußnahme des Staates auf die Wirtschaft als eine Beeinträchtigung des Kapitalismus erscheinen. Und wenn dieser Staat demokratisch-parlamentarisch präsentiert und deshalb als Ausdruck des 'Allgemeinwillens' angesehen werden kann, dann kann das politische Eingreifen in die Wirtschaft als eine Handlung des 'bewußten Vollzugsorgans der Gesellschaft' betrachtet werden. So ist es dann möglich, in solchen Akten des Staates und erst recht in Verstaatlichungsmaßnahmen eine Machterweiterung nicht nur des Staates, sondern der Gesellschaft zu erblicken. Der ganze historische Prozeß gewann bei diesen Ideologen den Schein eines 'allmählichen Hineinwachsens in den Sozialismus'[.] Diese Ideologen ahnen noch heute nicht, wie richtig sie diesen Prozeß gesehen h[a]ben, denn gerade sie pflegen entsetzt darüber zu sein, daß er uns alle allmählich in den Nationalsozialismus hineinwachsen ließ!" (S.143-144; geschrieben 1939).

Mai 10, 2011

Mises als Kassandra

"Die romantische Auflehnung gegen Logik und Wissenschaft beschränkt sich nicht auf das Gebiet des Gesellschaftlichen und der Gesellschaftswissenschaft; sie ist Auflehnung gegen das Ganze unserer Kultur und Zivilisation. Abkehr vom Wissen und von der Technik, Rückkehr zum Glauben und zur Bukolik des Mittelalters fordern sowohl Spann als auch Sombart, und alle Deutsche, die nicht im Lager des Marxismus stehen, stimmen ihnen freudig zu. Die Marxisten aber sind eifrig dabei, ihren einst nüchternen 'wissenschaftlichen' Sozialismus in einen den Massen mehr zusagenden romantischen und sentimentalen Sozialismus umzugestalten.
Der Wissenschaft wird vorgeworfen, daß sie nur zum Verstande spreche, das Gemüt aber leer und unbefriedigt lasse. Sie sei hart und kalt, wo Wärme verlangt wird; sie gebe nur Lehren und Technik, wo Tröstung und Erhebung gesucht werden. Daß es nicht die Aufgabe der Wissenschaft sein kann, religiöse und metaphysische Bedürfnisse zu befriedigen, ist nicht zu bestreiten. Sie darf die Grenzen, die ihr gezogen sind, nicht überschreiten, sie hat sich auf die Ausgestaltung unseres Begriffssystems zu beschränken, um dann mit seiner Hilfe die logische Verarbeitung der Erfahrung in die Hand zu nehmen; sie baut damit die Grundlagen, auf denen die wissenschaftliche Technologie - und dazu gehört auch alle Politik als Kunstlehre des Gesellschaftlichen - ihr System errichtet.
Um Glauben und Seelenfrieden hat sich die Wissenschaft in keiner Weise zu kümmern. Die Versuche, Metaphysik wissenschaftlich zu begründen oder durch monistische Feiern, die dem Gottesdienst nachgebildet werden, eine Art Religionsersatz zu schaffen, haben mit Wissenschaft nichts zu tun. An das Transzendente, an das, was jenseits des Denkens und der Erfahrung für uns unzugänglich ruhen mag, kommt die Wissenschaft in keiner Weise heran; sie kann sich zu Lehren, die allein das Transzendente betreffen, weder ablehnend noch zustimmend äußern.
Ein Konflikt zwischen Glauben und Wissen entsteht erst, wenn Religion und Metaphysik aus ihrer Sphäre heraustreten und der Wissenschaft den Kampf ansagen; sie greifen an, teils aus dem Bedürfnis, Glaubenssätze zu verteidigen, die mit dem Stande der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht vereinbar sind, öfter noch, um sich gegen die Anwendung der Wissenschaft im Leben zu kehren, wenn diese dem von ihnen empfohlenen Verhalten nicht entspricht. Es ist unschwer zu verstehen, warum dabei die subjektivistische Nationalökonomie am stärksten befehdet wird.
Man darf sich nicht darüber täuschen, daß heute nicht nur die Massen, sondern auch die Gebildeten, die, die man die Intellektuellen nennt, in dieser Auseinandersetzung nicht auf der Seite der Wissenschaft zu finden sind. Manchen mag diese Haltung Herzensbedürfnis sein. Sehr viele aber rechtfertigen ihre Stellungnahme damit, daß es im Zug der Zeit liege, daß man sich dem sehnsüchtigen Wunsch der Massen nicht verschließen dürfe, daß der Intellekt sich demütig vor dem Instinkt und der Einfalt des frommen Gemüts beugen müsse. So dankt der Intellektuelle freiwillig ab, verzichtet voll Selbstverleugnung auf seine Führerrolle und wird zum Geführten. Diese Umkehr - nicht etwa der Wissenschaft, sondern derer, die sich als die Träger der Geisteskultur ansehen - war weitaus das wichtigste geschichtliche Ereignis der letzten Jahrzehnte. Ihr Ergebnis ist eine Politik, deren Früchte wir mit Entsetzen reifen sehen.
Wissenschaftliches Denken hat zu allen Zeiten vereinsamt. Doch nie war es um eine Wissenschaft herum einsamer als um die moderne Nationalökonomie. Das Schicksal der Menschheit - Fortschreiten auf dem Wege, den die Gesittung des Abendlandes seit Jahrtausenden geht, oder jäher Absturz in ein wüstes Chaos, aus dem es keinen Ausweg gibt, aus dem kein neues Leben je erstehen wird - hängt davon ab, ob es dabei bleiben wird."
Ludwig Mises, "Die psychologischen Wurzeln des Widerstandes gegen die nationalökonomische Theorie", erschienen im sehr heterodoxen Tagungsband Probleme der Wertlehre, Erster Teil, München und Leipzig, 1931 (Reprint Vaduz 1994), S.293-295; zugleich Band 183/1 der Schriften des Vereins für Sozialpolitik.