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Dezember 13, 2012

215 Jahre Heinrich Heine

Die Wahl-Esel.

Die Freiheit hat man satt am End’,
Und die Republik der Thiere
Begehrte, daß ein einz’ger Regent
Sie absolut regiere.

Jedwede Thiergattung versammelte sich,
Wahlzettel wurden geschrieben;
Parteisucht wüthete fürchterlich,
Intriguen wurden getrieben.

Das Comité der Esel ward
Von Alt-Langohren regieret;
Sie hatten die Köpfe mit einer Kokard,
Die schwarz-roth-gold, verzieret.

Es gab eine kleine Pferdepartei,
Doch wagte sie nicht zu stimmen;
Sie hatte Angst vor dem Geschrei
Der Alt-Langohren, der grimmen.

Als einer jedoch die Candidatur
Des Rosses empfahl, mit Zeter
Ein Alt-Langohr in die Rede ihm fuhr,
Und schrie: Du bist ein Verräther!
 
Du bist ein Verräther, es fließt in dir
Kein Tropfen vom Eselsblute;
Du bist kein Esel, ich glaube schier,
Dich warf eine welsche Stute.

Du stammst vom Zebra vielleicht, die Haut
Sie ist gestreift zebräisch;
Auch deiner Stimme näselnder Laut
Klingt ziemlich ägyptisch-hebräisch.

Und wärst du kein Fremdling, so bist du doch nur
Verstandesesel, ein kalter;
Du kennst nicht die Tiefen der Eselsnatur,
Dir klingt nicht ihr mystischer Psalter.

Ich aber versenkte die Seele ganz
In jenes süße Gedössel;
Ich bin ein Esel, in meinem Schwanz
Ist jedes Haar ein Esel.

Ich bin kein Römling, ich bin kein Slav’;
Ein deutscher Esel bin ich,
Gleich meinen Vätern. Sie waren so brav,
So pflanzenwüchsig, so sinnig.

Sie spielten nicht mit Galanterei
Frivole Lasterspiele;
Sie trabten täglich, frisch-fromm-fröhlich-frei,
Mit ihren Säcken zur Mühle.

Die Väter sind nicht todt! Im Grab
Nur ihre Häute liegen,
Die sterblichen Hüllen. Vom Himmel herab
Schau’n sie auf uns mit Vergnügen.

Verklärte Esel im Gloria-Licht!
Wir wollen Euch immer gleichen
Und niemals von dem Pfad der Pflicht
Nur einen Fingerbreit weichen.

O welche Wonne, ein Esel zu sein!
Ein Enkel von solchen Langohren!
Ich möcht’ es von allen Dächern schrei’n:
Ich bin als ein Esel geboren.

Der große Esel, der mich erzeugt,
Er war von deutschem Stamme;
Mit deutscher Eselsmilch gesäugt
Hat mich die Mutter, die Mamme.
 
Ich bin ein Esel, und will getreu,
Wie meine Väter, die Alten,
An der alten, lieben Eselei,
Am Eselthume halten.
 
Und weil ich ein Esel, so rath’ ich Euch,
Den Esel zum König zu wählen;
Wir stiften das große Eselreich,
Wo nur die Esel befehlen.

Wir alle sind Esel! I-A! I-A!
Wir sind keine Pferdeknechte.
Fort mit den Rossen! Es lebe, Hurrah!
Der König vom Eselsgeschlechte!

So sprach der Patriot. Im Saal
Die Esel Beifall rufen.
Sie waren alle national,
Und stampften mit den Hufen.
 
Sie haben des Redners Haupt geschmückt
Mit einem Eichenkranze.
Er dankte stumm, und hochbeglückt
Wedelt’ er mit dem Schwanze.
 

Juli 15, 2011

119 Jahre Walter Benjamin

Folgende Passage, welche die Verwandlung des Begriffs "kritisch" in der Folge von Kant in einen magischen Terminus durch die deutsche (Früh-)Romantik behandelt (tatsächlich hat sich dieses eigentümlich magische des Begriffs ja bis heute bewahrt - ein Begriff wird zu etwas höherem transsubstantiiert, wenn er mit dem Adjektiv "kritisch" belegt wird, und der Kritisierte kann gerade durch die Inanspruchnahme des Begriffs "kritisch" für sich selber, als "unkritisch" abgetan werden; zugleich - so argumentiert Benjamin - rechtfertigt man die relative aber notwendige Unzulänglichkeit des eigenen Standpunkts als bloße Kritik), stammt aus Benjamins vergleichsweise unbekannt gebliebenen Dissertation Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik (zuerst erschienen 1920 in Bern):

"Von allen philosophischen und ästhetischen Fachausdrücken dürften die Worte Kritik und kritisch in den Schriften der Frühromantiker leicht die häufigsten sein. 'Du schaffst eine Kritik', schreibt Novalis im Jahre 1796 seinem Freunde, als er ihm das höchste Lob zuteil werden lassen will, und zwei Jahre später spricht [Friedrich] Schlegel es mit Selbstbewußtsein aus, daß er 'aus den Tiefen der Kritik' begonnen habe. 'Höherer Kritizismus' ist den Freunden eine geläufige Bezeichnung für alle ihre theoretischen Bestrebungen. Durch Kants philosophisches Werk hatte der Begriff der Kritik für die jüngere Generation eine gleichsam magische Bedeutung erhalten; jedenfalls verband sich mit ihm ausgesprochenermaßen gerade nicht der Sinn einer bloß beurteilenden, nicht produktiven Geisteshaltung, sondern für die Romantiker und für die spekulative Philosophie bedeutete der Terminus kritisch: objektiv produktiv, schöpferisch aus Besonnenheit. Kritisch sein hieß die Erhebung des Denkens über alle Bedingungen so weit treiben, daß gleichsam zauberisch aus der Einsicht in das Falsche der Bindungen die Erkenntnis der Wahrheit sich schwang. In dieser positiven Bedeutung gewinnt das kritische Verfahren die denkbar nächste Verwandtschaft mit dem reflektierenden, und in Aussprüchen wie dem folgenden gehen beide ineinander über: 'In jeder Philosophie, die mit Beobachtung ihres eigenen Verfahrens, mit Kritik anfängt, hat der Anfang immer etwas Eigentümliches'. Dasselbe bedeutet es, wenn Schlegel vermutet: 'Abstraktion, und besonders praktische, ist wohl am Ende nichts als Kritik'. Denn er las bei Fichte, daß 'keine Abstraktion ... ohne Reflexion und keine Reflexion ohne Abstraktion' möglich sei. So ist es endlich nicht einmal mehr unverständlich, wenn er zum Aerger seines Bruders [August Wilhelm], der das 'wahren Mystizismus' nennt, die Behauptung aufstellt, 'jedes Fragment sei kritisch', 'kritisch und Fragmente wäre tautologisch'. Denn ein Fragment - auch dies ein mystischer Terminus - ist für ihn, wie alles geistige, ein Reflexionsmedium. - Nicht so weit, als man meinen sollte, weicht diese positive Betonung des Kritikbegriffs vom Kantischen Sprachgebrauch ab. Kant, in dessen Terminologie gar nicht wenig mystischer Geist enthalten ist, hatte sie vorbereitet, indem er den beiden verworfenen Standpunkten des Dogmatismus und Skeptizismus nicht sowohl die wahre Metaphysik, in der sein System gipfeln sollte, als 'Kritik', in deren Namen es inauguriert wurde, entgegenhielt. Man darf also sagen, daß der Kritikbegriff bereits bei Kant doppelsinnig spielt, welcher Doppelsinn sich bei den Romantikern potenziert, weil sie durch das Wort Kritik zugleich auch auf Kants ganze historische Leistung und nicht nur auf seinen Begriff der Kritik Bezug nehmen. Endlich haben sie auch das unvermeidliche negative Moment dieses Begriffs zu bewahren und zu verwenden verstanden. Auf die Dauer konnten die Romantiker eine ungeheure Diskrepanz zwischen dem Anspruch und der Leistung ihrer theoretischen Philosophie nicht übersehen. Da stellt sich zur rechten Zeit wieder der Begriff der Kritik ein. Denn es besagt, so hoch man die Geltung eines kritischen Werkes auch immer bewerte, daß es das Abschließende nicht sein kann. In diesem Sinne haben die Romantiker unter dem Namen der Kritik zugleich die unausweichliche Unzulänglichkeit ihrer Bemühungen eingestanden, als eine notwendige zu bezeichnen gesucht und so endlich diesen Begriff auf die notwendige Unvollständigkeit der Unfehlbarkeit, wie man es bezeichnen kann, angespielt."
(zitiert nach der Kritischen Gesamtausgabe, Band 3, Frankfurt am Main, 2008, S.55-56).