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Dezember 14, 2011

158 Jahre Errico Malatesta

Revolutionärer Terror

Es gibt ein allgemeines Problem revolutionärer Taktik, das man ständig neu diskutieren muß, weil von seiner Lösung das Schicksal der kommenden Revolution abhängen kann.
Ich möchte nicht davon sprechen, auf welche Weise die Gewaltherrschaft, die heute manches Volk besonders stark unterdrückt, bekämpft und niedergeworfen werden kann. Unsere Rolle besteht darin, für die Klärung der Ideen und die moralische Vorbereitung im Hinblick auf eine nahe oder ferne Zukunft zu arbeiten weil wir etwas anderes nicht tun können. Und hielten wir im übrigen den Zeitpunkt effektiven Handelns für gekommen, so sprächen wir umso weniger darüber.
Ich werde mich daher nur - rein hypothetisch - mit der Zeit nach der siegreichen Insurrektion und mit den Gewaltmaßnahmen befassen, die einige gerne anwenden würden, um „der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen“, und andere für notwendig halten, um die Revolution vor den Angriffen ihrer Feinde zu schützen.
Lassen wir den allzu relativen Begriff „Gerechtigkeit“ beiseite: er diente stets allen Formen der Unterdrückung und Ungerechtigkeit als Vorwand und bedeutet oft nichts anderes als Rache. Haß- und Rachsucht sind unbezähmbare Gefühle die natürlich durch Unterdrückung geweckt und genährt werden; aber mögen sie auch eine nützliche Kraft darstellen, um das Joch abzuschütteln, so sind sie doch eine negative Kraft, wenn es gilt, Unterdrückung nicht durch eine neue Unterdrückung, sondern durch Freiheit und Brüderlichkeit unter den Menschen zu ersetzen. Und daher müssen wir uns bemühen jene höheren Gefühle zu wecken, die ihre Kraft aus der leidenschaftlichen Liebe zum Guten schöpfen, wobei wir uns jedoch gleichzeitig davor hüten müssen, das Ungestüm zu unterbinden, das zwar aus guten und auch aus schlechten Elementen besteht, aber für den Sieg erforderlich ist. Sollte es nötig sein, der Masse - um sie besser lenken zu können - Zügel in Gestalt einer neuen Gewaltherrschaft anzulegen, so lassen wir lieber zu, daß sie ihrem leidenschaftlichen Gefühl folgt, aber vergessen wir nie, daß wir Anarchisten weder Rächende noch Richtende sein können. Wir wollen Befreier sein und als solche muß unsere Aktion in Aufklärungsarbeit und beispielhaften Taten bestehen.
Befassen wir uns also hier mit der wichtigsten Frage: der Verteidigung der Revolution.
Es gibt noch immer Menschen, die von der Idee des Terrors fasziniert sind, denen Guillotine, Erschießungskommandos, Massaker, Deportationen, Galeeren (Galgen und Galeeren, wie mir kürzlich einer der bekanntesten Kommunisten sagte) machtvolle, unerläßliche Waffen der Revolution zu sein scheinen und nach deren Auffassung viele Revolutionen deshalb niedergeschlagen wurden und nicht zum erwarteten Ergebnis führten, weil die Revolutionäre in ihrer Güte und Schwäche die Gegner nicht genügend verfolgt, unterdrückt, massakriert haben.
Dies ist ein in gewissen revolutionären Kreisen verbreiteter Irrglaube, der seinen Ursprung in der Rhetorik und den Geschichtsfälschungen der Apologeten der Französischen Revolution hat und in der letzten Zeit von der bolschewistischen Propaganda verstärkt wurde. Aber das genaue Gegenteil ist wahr: Terror war stets Werkzeug der Gewaltherrschaft. In Frankreich diente er der finsteren Herrschaft Robespierres. Er ebnete Napoleon und der nachfolgenden Reaktion den Weg. In Rußland verfolgte und tötete er Anarchisten und Sozialisten, massakrierte er rebellische Arbeiter und Bauern und bremste letzten Endes das Ungestüm einer Revolution, die doch für die Menschheit ein neues Zeitalter hätte bedeuten können.
Wer an die revolutionäre, befreiende Kraft von Repression und Grausamkeit glaubt, hat die gleiche rückschrittliche Mentalität wie die Juristen, die glauben, daß man Verbrechen durch harte Strafen verhindern und die Welt moralisch bessern könne.
Ebenso wie der Krieg erweckt Terror atavistische, tierische, noch nicht völlig vom Firnis der Zivilisation zugedeckte Gefühle zu neuem Leben und trägt auf seiner Woge die schlimmsten Elemente der Bevölkerung an die höchsten Stellen. Und anstatt zur Verteidigung der Revolution zu dienen, bringt er sie in Verruf, macht sie in den Augen der Massen verhaßt und leitet zwangsläufig das ein, was man heute „Normalisierung“ nennen würde, das heißt Legalisierung und Verewigung der Gewaltherrschaft. Ob nun die eine oder die andere Seite siegt, es kommt in jedem Fall zur Bildung einer starken Regierung, die den einen Frieden auf Kosten der Freiheit und den anderen Herrschaft ohne allzu viele Gefahren sichert.
Ich weiß genau, daß diejenigen Anarchisten, die für Terror sind (so gering ihre Zahl auch sein mag), jeglichen organisierten, auf Befehl einer Regierung und durch bezahlte Agenten durchgeführten Terror ablehnen: sie möchten, dass die Masse selbst ihre Feinde direkt angreift. Doch würde dies die Situation nur noch verschlimmern. Terror mag Fanatikern gefallen, doch steht er vor allem den wahrhaft Bösen an, denen es nach Geld und Blut gelüstet. Man darf die Masse nicht idealisieren und sie sich einzig aus guten Menschen bestehend vorstellen, die zwar Ausschreitungen begehen können, doch sich dabei stets von guten Absichten leiten lassen. Polizeischergen und Faschisten sind Diener der Bourgeoisie, doch kommen sie aus der Masse!
In Italien nahm der Faschismus zahlreiche Verbrecher in sich auf und reinigte so bis zu einem gewissen Grad vorsorglich das Milieu, in dem die Revolution stattfinden wird. Doch darf man nicht glauben, daß alle Duminis und Cesarino Rossis Faschisten sind. Unter ihnen gibt es welche, die aus irgendeinem Grund nicht zu Faschisten werden wollten oder konnten, doch bereit sind, im Namen der „Revolution“ das zu tun, was die Faschisten im Namen des „Vaterlandes“ tun. Und so wie die Strauchdiebe aller Regimes immer bereit waren, sich in den Dienst der neuen Regimes zu stellen und deren eifrigste Werkzeuge zu werden, so werden die Faschisten von heute morgen bereit sein, sich zu Anarchisten oder Kommunisten oder was auch immer zu erklären, nur um weiterhin die Rolle der Herrschenden spielen und ihre schlechten Instinkte befriedigen zu können. Können sie dies nicht im eigenen Lande, weil sie bekannt und bloßgestellt sind, so werden sie anderswo nach Gelegenheiten suchen, sich gewalttätiger, „energischer“ als die anderen zu zeigen und alle, die die Revolution als ein großes Werk der Güte und Liebe begreifen, als Gemäßigte, Feiglinge und Konterrevolutionäre behandeln.
Sicher muß sich die Revolution verteidigen und mit unerbittlicher Logik entwickeln, doch darf und kann man sie nicht mit Mitteln verteidigen, die im Widerspruch zu ihren Zielen stehen.
Das Hauptmittel zur Verteidigung der Revolution besteht nach wie vor darin, der Bourgeoisie die ökonomischen Mittel der Herrschaft zu nehmen, alle zu bewaffnen (bis man alle dazu bringen kann, die Waffen fortzuwerfen, so wie man unnütze, gefährliche Gegenstände wegwirft) und die gesamte Masse der Bevölkerung am Sieg zu beteiligen.
Müßte man, um zu siegen, auf öffentlichen Plätzen Galgen errichten, so will ich lieber untergehen.
(Quelle; ursprünglich in Pensiero e volontà, 1. Oktober 1924)

Februar 07, 2011

Monday Evening Motivator



Mit Gruß und Dank an JayJay und seinen Metal Mayhem.

Februar 02, 2011

November 07, 2010

97 Jahre Albert Camus

Den Literaturnobelpreisträger Albert Camus, der am 7. November 1913 in Mondovi/Algerien geboren wurde, brauche ich wohl kaum vorzustellen. Weniger bekannt sind allerdings die Beziehungen die Camus nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und bis zu seinem Unfalltod 1960 mit den französischen Anarchisten, insbesondere den radikalpazifistischen und synthesistischen Tendenzen unterhielt (siehe hierzu das von Lou Marin herausgegebene Buch Camus et les libertaires, Marseille 2008). Grund genug Camus' Geburtstag hier zu begehen; ausgewählt habe ich einen Auszug aus L'homme révolté (1951) über metaphysische und historische Revolution:

"La liberté, 'ce nom terrible écrit sur le char des orages [Philothée O'Neddy]', est au principe de toutes les révolutions. Sans elle, la justice paraît aux rebelles inimaginable. Un temps vient, pourtant, où la justice exige la suspension de la liberté. La terreur, petite ou grande, vient alors couronner la révolution. Chaque révolte est nostalgie d'innocence et appel vers l'être. Mais la nostalgie prend un jour les armes et elle assume la culpabilité totale, c'est-à-dire le meurtre et la violence. Les révoltes serviles, les révolutions régicides et celles du XXe siècle, ont ainsi accepté, consciemment, une culpabilité de plus en plus grande dans la mesure où elles se proposaient d'instaurer une libération de plus en plus totale. Cette contradiction, devenue éclatante, empêche nos révolutionnaires d'avoir l'air de bonheur et d'espérance qui éclatait sur le visage et dans les discours de nos Constituants. Est-elle inévitable, caractérise-t-elle ou trahit-elle la valeur de révolte, c'est la question qui se pose à propos de la révolution comme elle se pose à propos de la révolte métaphysique. En vérité, la révolution n'est que la suite logique de la révolte métaphysique et nous suivrons, dans l'analyse du mouvement révolutionnaire, le même effort désespéré et sanglant pour affirmer l'homme en face de ce qui le nie. L'esprit  révolutionnaire prend ainsi la défense de cette part de l'homme qui ne veut pas s'incliner. Simplement, il tente de lui donner son règne dans le temps. Refusant Dieu, il choisit l'histoire, par une logique apparemment inévitable.

En théorie, le mot révolution garde le sens qu'il a en astronomie. C'est un mouvement qui boucle la boucle, qui passe d'un gouvernement à l'autre après une translation complète. Un changement du régime de propriété sans changement de gouvernement correspondant n'est pas une révolution, mais une réforme. Il n'y a pas de révolution économique, que ses moyens soient sanglants ou pacifiques, qui n'apparaisse en même temps politique. La révolution, par là, se distingue déjà du mouvement de révolte. Le mot fameux : 'Non, sire, ce n'est pas une révolte, c'est une révolution' met l'accent sur cette différence essentielle. Il signifie exactement 'c'est la certitude d'un nouveau gouvernement' Le mouvement de révolte, à l'origine, tourne court. Il n'est qu'un témoignage sans cohérence. La révolution commence au contraire à partir de l'idée. Précisément, elle est l'insertion de l'idée dans l'expérience historique quand la révolte est seulement le mouvement qui mène de l'expérience individuelle à l'idée. Alors que l'histoire, même collective, d'un mouvement de révolte, est toujours celle d'un engagement sans issue dans les faits, d'une protestation obscure qui n'engage ni systèmes ni raisons, une révolution est une tentative pour modeler l'acte sur une idée, pour façonner le monde dans un cadre théorique. C'est pourquoi la révolte tue des hommes alors que la révolution détruit à la fois des hommes et des principes. Mais, pour les mêmes raisons, on peut dire qu'il n'y a pas encore eu de révolution dans l'histoire. Il ne peut y en avoir qu'une qui serait la révolution définitive. Le mouvement qui semble achever la boucle en entame déjà une nouvelle à l'instant même où le gouvernement se constitue. Les anarchistes, Varlet en tête, ont bien vu que gouvernement et révolution sont incompatibles au sens direct. 'Il implique contradiction, dit Proudhon, que le gouvernement puisse être jamais révolutionnaire et cela par la raison toute simple qu'il est gouvernement.' Expérience faite, ajoutons à cela que le gouvernement ne peut être révolutionnaire que contre d'autres gouvernements. Les gouvernements révolutionnaires s'obligent la plupart du temps à être des gouvernements de guerre. Plus la révolution est étendue et plus l'enjeu de la guerre qu'elle suppose est considérable. La société issue de 1789 veut se battre pour l'Europe. Celle qui est née de 1917 se bat pour la domination universelle. La révolution totale finit ainsi par revendiquer, nous verrons pourquoi, l'empire du monde.

En attendant cet accomplissement, s'il doit survenir, l'histoire des hommes, en un sens, est la somme de leurs révoltes successives. Autrement dit, le mouvement de translation qui trouve une expression claire dans l'espace n'est qu'une approximation dans le temps. Ce qu'on appelait dévotement au XIXe siècle l'émancipation progressive du genre humain apparaît de l'extérieur comme une suite ininterrompue de révoltes qui se dépassent et tentent de trouver leur forme dans l'idée, mais qui ne sont pas encore arrivées à la révolution définitive, qui stabiliserait tout au ciel et sur la terre. Plutôt que d'une émancipation réelle, l'examen superficiel conclurait à une affirmation de l'homme par lui-même, affirmation de plus en plus élargie, mais toujours inachevée. S'il y avait une seule fois révolution, en effet, il n'y aurait plus d'histoire. Il y aurait unité heureuse et mort rassasiée. C'est pourquoi tous les révolutionnaires visent finalement à l'unité du monde et agissent comme s'ils croyaient à l'achèvement de l'histoire. L'originalité de la révolution du XXe siècle est que, pour la première fois, elle prétend ouvertement réaliser le vieux rêve d'Anacharsis Cloots, l'unité du genre humain, et, en même temps, le couronnement définitif de l'histoire. Comme le mouvement de révolte débouchait dans le 'tout ou rien', comme la révolte métaphysique voulait l'unité du monde, le mouvement révolutionnaire du XXe siècle, arrivé aux conséquences les plus claires de sa logique, exige, les armes à la main, la totalité historique. La révolte est alors sommée, sous peine d'être futile ou périmée, de devenir révolutionnaire. Il ne s'agit plus pour le révolté de se déifier lui-même comme Stirner ou de se sauver seul par l'attitude. Il s'agit de déifier l'espèce comme Nietzsche et de prendre en charge son idéal de surhumanité afin d'assurer le salut de tous, selon le vœu d'Ivan Karamazov. Les Possédés entrent en scène pour la première fois et illustrent alors l'un des secrets de l'époque : l'identité de la raison et de la volonté de puissance. Dieu mort, il faut changer et organiser le monde par les forces de l'homme. La seule force de l’imprécation n'y suffisant plus, il faut des armes et la conquête de la totalité. La révolution, même et surtout celle qui prétend être matérialiste, n'est qu'une croisade métaphysique démesurée. Mais la totalité est-elle l'unité ? C'est la question à laquelle cet essai doit répondre."
(Albert Camus, L'homme révolté, Paris, 1951, S.135-138).